Wie ich meine Stimme verlor und eine andere fand

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Wie ich meine Stimme verlor und eine andere fand
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Wie ich meine Stimme verlor und eine andere fand:
Das Erlernen einer zweiten Sprache
Cooper Thompson, Autor
Verlag: MSI Press, Hollister, California, 2013
Aus: Kapitel 1, Regression
1. Oktober 2003
An diesem Morgen wurden meine Frau und ich im Standesamt, einem städtischen
Gebäude am Hauptmarkt in Nürnberg, getraut. Es war eine schlichte, förmliche
Zeremonie. Danach gingen wir in unsere Wohnung zurück, zum Mittagessen mit
meinen frischgebackenen Schwiegereltern.
Statt auf Hochzeitsreise machte ich mich um zwei Uhr auf den Weg zu einem
Deutschkurs: Grundstufe 2, eine Stufe höher als Anfänger ohne Vorkenntnisse, aber
immer noch ein Anfängerkurs. Fünfzehn weitere Schüler besuchten mit mir den Kurs.
Schon rein äußerlich unterschied ich mich von allen anderen.
Ich verstand nicht, was die Lehrerin sagte. Mir fehlten die Worte um auszudrücken,
was ich fühlte und dachte. Obwohl ich der Älteste in der Klasse war – ich hätte der
Vater oder sogar der Großvater einiger Schüler sein können –, kam ich mir wieder
wie ein Kind vor, wie damals im Kindergarten in den USA. Ich fühlte mich verloren
und wollte nach Hause.
Wieso sollte ich mir das antun, etwas lernen, was ich doch bereits konnte? Ich hatte in
meinem Leben schon einmal sprechen gelernt. Wieso sollte ich das noch einmal
lernen, selbst wenn es sich um eine andere Sprache handelte?
Vermutlich musste es einfach so sein. Während ich diese seltsame fremde Sprache
lernte, für die mein Mund so gar nicht gemacht war, wurde ich wieder zum Kind.
Aber es machte mir keine Freude. Wenn ich mich auf deutsch zu unterhalten
versuchte, standen mir nur sehr wenige Wörter zur Verfügung, nicht die große
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Auswahl, die ich im Englischen hatte.
In den USA war ich Lehrer, Autor und Aktivist. Fast dreißig Jahre war es ein
wesentlicher Teil meines Lebens, gegen die unterschiedlichen Formen von
Unterdrückung zu kämpfen, wie Sexismus, Rassismus, Schwulen- und
Fremdenfeindlichkeit. Ich ging in meiner Arbeit auf, und was ich tat, beeinflusste
mein Denken ‒ über mich, über alles, was ich tat, bis hin zu den Wörtern, die ich
benutzte. Dabei lernte ich, mich möglichst genau auszudrücken und auf
unterschwellige Bedeutungen zu achten, die in der Kommunikation mitschwangen.
Aber im Deutschen verfügte ich nur über einen begrenzten Wortschatz, und die feinen
Unterschiede in der Bedeutung blieben mir verborgen.
Was mir allerdings nicht verborgen blieb, war meine Reaktion, wenn ich Leute
deutsch reden hörte: Der Klang stieß mich ab. Deutsch hörte sich hart und abgehackt
an, ganz anders als französisch, das für meine Ohren sanft und melodiös klang. Wenn
ich französisch sprach, gefiel mir, was aus meinem Mund kam,
Wegen Anna, meiner Schwiegermutter, beschloss ich, deutsch zu lernen.
Anna war traurig, weil ihre Tochter einen Amerikaner heiraten wollte, der kein
deutsch konnte. Wie sollte sie sich mit ihrem Schwiegersohn unterhalten? Anna liebt
es, neue Leute kennenzulernen, ihnen Fragen zu stellen und so mehr über die Welt
jenseits des kleinen Dorfs zu erfahren, in dem sie lebt ‒ in eben jenem Bauernhaus, in
dem meine Frau geboren und aufgewachsen ist.
Als meine Frau mir von der Reaktion ihrer Mutter berichtete, wurde auch ich traurig.
Auch ich wollte gern mit meiner Schwiegermutter reden können.
Ein paar Monate, bevor ich nach Deutschland zog, beschloss ich, mir in Boston, wo
ich damals lebte, einen Privatlehrer zu suchen. Meiner Frau erzählte ich nichts davon.
Ich wollte sie bei meinem nächsten Besuch überraschen. Bis dahin blieb mir noch ein
Monat, und ich stellte mir vor, wie ich am Flughafen ankam und sie auf deutsch
begrüßte und von meinem Flug erzählte. Das erwies sich allerdings als reines
Wunschdenken.
Ich hatte von einem Mann gehört, der behauptete, er könne einem zehn Sprachen
gleichzeitig beibringen. Ich war mir nicht sicher, ob ich das glauben sollte, aber meine
Neugier war geweckt, also rief ich ihn an. Ich erklärte ihm, dass ich den Klang der
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deutschen Sprache nicht mochte, dass es mir vermutlich unmöglich sein würde, sie zu
lernen, dass ich aber gern mit Anna reden wollte. Er hörte mir zu, schien mich zu
verstehen und war der festen Überzeugung, er könne mir deutsch beibringen. Wir
machten einen Termin aus, an dem mein Unterricht beginnen sollte.
Nach zehn Privatstunden war ich zwar nicht in der Lage, mit Anna oder meiner Frau
ein Gespräch zu führen, aber immerhin war mein Mund jetzt in der Lage, einige
dieser fremdartigen Laute zu formen. Das freute mich, aber leider sollte es für sechs
Jahre das letzte Mal sein, dass ich eine Unterrichtsstunde genoss.
Meine Privatstunden hatten mir so viel Mut gemacht, dass ich mich in Nürnberg für
einen Kurs einschrieb. Ich konnte noch nicht so ganz glauben, dass es mir wirklich
gelingen würde, deutsch zu lernen, aber ich war gewillt, es zu versuchen.
Das Dumme ist nur: sich für einen Sprachkurs anzumelden heißt noch nicht, dass man
die Sprache auch lernt. Es war eines der wenigen Male in meinem Leben ‒ zumindest
in meinem Erwachsenenleben ‒, dass mir immer wieder eine innere Stimme sagte:
„Das kannst du nicht“. Die meiste Zeit meines Erwachsenenlebens hatte ich
grenzenloses Vertrauen in meine Fähigkeit gehabt, alles hinzubekommen, was ich mir
vornahm. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich etwas, das ich noch nie
versucht hatte, schaffen könnte, auch wenn mir nicht gleich klar war, wie. Ich wusste
einfach, ich würde einen Weg finden. Aber als ich deutsch lernte, dachte ich dauernd:
„Das schaffe ich nicht.“
Der Wunsch, mit Anna reden zu können, ließ mich den ersten Schritt tun. Letztlich
aber hatte ich nicht oft genug Kontakt mit ihr, dass es als Motivation ausgereicht
hätte, denn ich sah sie nur ein paarmal im Jahr. Irgendwann gelang es mir schließlich,
mich mit anderen Vorstellungen zu motivieren: Ich wollte deutsche Freunde finden,
wollte am kulturellen Leben der Stadt teilhaben, wollte Workshops und Kurse
besuchen können, wollte mich hier zu Hause fühlen. Zu diesem Zeitpunkt musste ich
mich jeden Tag mühsam dazu aufraffen, in meinen Deutschkurs zu gehen, musste
mich immer wieder aufs Neue überwinden.
Ich fragte mich, ob meine Abneigung gegen den Kurs etwas damit zu tun hatte, dass
ich auf einmal wieder Schüler war. Meine Schulzeit lag lange zurück, und als ich vor
dreißig Jahren meinen Master gemacht hatte, war ich davon ausgegangen, dass
Unterricht und Vorlesungen nun endgültig hinter mir lägen. In den Jahren nach
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meiner Ausbildung lernte ich wesentlich mehr, und deshalb dachte ich mir, dass ich
nie wieder die Schulbank drücken würde. Und nun saß ich doch wieder in einem
Klassenzimmer, weil ich nicht wusste, wie ich sonst hätte deutsch lernen sollen. Es
gab andere Wege, aber die kannte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Im Rückblick wird mir klar, wie hilflos ich mich damals gefühlt habe. Ich hatte
Angst, mein Selbstwertgefühl sank, und ich sah einfach keine Lösung für mein
Problem. Aber diese Hilflosigkeit war mir damals nicht in der Form bewusst, dass ich
sie hätte benennen oder darüber sprechen können. Ich spürte sie nur, und ich verhielt
mich, als wäre ich wirklich hilflos.
Um die schwierige Aufgabe zu meistern, eine neue Sprache zu erlernen, musste ich
mich ihr nähern, wie Kinder das tun. Sie hören zu und ahmen nach, bis sie schließlich
selbst Wörter, Wortverbindungen und Sätze bilden können. Sie spielen mit der
Sprache. Sie fragen sich nicht, ob sie dazu in der Lage sind, sie tun einfach so, als
seien sie es. Und sie machen sich keine Gedanken über ihre Fehler ‒ bis sie in die
Schule kommen und von ihren Lehrern verbessert werden.
Von dieser Art der Annäherung an Sprache brauchte ich eine Version für Erwachsene.
Ich musste eine Möglichkeit finden, mit den Klängen der deutschen Sprache zu
experimentieren, mit Händen und Füßen zu reden, und einfach so gut ich konnte
drauflos zu plappern, ohne mir Gedanken über Fehler zu machen. Was ich brauchte,
war ein Minimum an Verbesserungen, viele Wiederholungen und die Freiheit, alles zu
sagen, was ich sagen wollte ‒ und zwar in dem Tempo, das für mich richtig war.
Im Kurs gab uns die Lehrerin einmal die Aufgabe, über kulturelle Unterschiede
zwischen unseren jeweiligen Heimatländern und Deutschland zu reden. Eine
japanische Schülerin erzählte, in ihrem Land gäbe es ein ungeschriebenes Gesetz, das
es verbiete, sich in der Öffentlichkeit die Nase zu schnäuzen. Inzwischen hatte sie ihr
Verhalten geändert, um sich den deutschen Sitten anzupassen, wo Schnäuzen in der
Öffentlichkeit selbstverständlich war.
Ich unterbrach sie und begann, über die gesundheitlichen Folgen des Schnäuzens zu
reden. Vor kurzem hatte ich einen Artikel gelesen, in dem behauptet wurde,
Schnäuzen erhöhe die Gefahr einer Ohrenentzündung. Während ich vor mich hin
redete und überlegte, wie ich das am besten auf deutsch erklären könnte, merkte ich,
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dass die Lehrerin ungeduldig wurde. In Worte gefasst hätte ihr Gesichtsausdruck in
etwa bedeutet: „Cooper, das hat doch mit unserem Thema nichts zu tun“. Aber ich
redete einfach weiter, bis ich die Gefahren des Schnäuzens zu meiner Zufriedenheit
erläutert hatte. Ich bezweifle, dass mich irgendjemand verstanden hat.
Nach dem Kurs fragte ich mich, wieso um Himmels Willen ich über Rotz und
Bakterien geredet hatte. Und wieso hatte ich den zarten Versuch meiner Lehrerin
missachtet, mich zum Schweigen zu bringen? Was ich getan hatte, war nicht
sonderlich schlimm ‒ ich hatte niemandes Gefühle verletzt, kein größeres Problem
verursacht oder gegen kulturelle Tabus verstoßen. Dennoch schämte ich mich.
Mein Verhalten ähnelte dem von Kindern im Kindergarten, die in der Gruppe einfach
irgendetwas dahinplappern, das in keinem Zusammenhang steht mit dem, was andere
Kinder geäußert haben. Vielleicht hatte ich einfach nur meine Stimme hören oder
damit angeben wollen, dass ich etwas sagen konnte. Schließlich ermahnten uns unsere
Deutschlehrer immer wieder: „Übt, übt, übt.“
Als ich einem Freund davon erzählte, lachte er. Seine Tochter war fünf ‒ er wusste
genau, wovon ich redete. Sie machte das die ganze Zeit so, und ihm war aufgefallen,
dass auch er es nicht anders gemacht hatte, als er italienisch lernte. Bei jeder
Gelegenheit versuchte er, italienisch zu reden, selbst da, wo es keinen Zusammenhang
gab und überhaupt nicht angebracht war. Anzugeben und zu Übungszwecken einfach
irgendwelche Bemerkungen zu machen ist eine Lernstrategie, die ich beibehalten
sollte, während ich weiter deutsch lernte.
Einige Jahre später unterhielt ich mich mit einer Freundin, die aus Polen stammt und
seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Sie erzählte mir von der Veranstaltung, die sie
in der Arbeit gerade vorbereitete, und wie froh sie war, dass der Bürgermeister doch
noch kommen konnte, nachdem ein anderer Termin ausgefallen war.
„Da habe ich echt Schwein gehabt!“, rief sie aus.
Ich glaubte, sie nicht richtig verstanden zu haben, also unterbrach ich sie und fragte:
„Was hast du da gerade von einem Schwein gesagt?“
„Dass ich Schwein gehabt habe.“ Rasch übersetzte ich mir das Gehörte. Sie hatte
wahrhaftig gesagt: „I have had pig.“
„Was bedeutet das?“
„Dass ich Glück gehabt habe. Kennst du den Ausdruck nicht?“
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Ich lachte, dann sagte ich empört: „Nein, das habe ich noch nie gehört. Das ist doch
verrückt. Was hat Glück mit Schweinen zu tun?“
„Keine Ahnung. Ich bin keine Deutsche. Das ist im Deutschen einfach so ein
Ausdruck.“
Egal, wie lächerlich diese Redewendung für mich klang ‒ ich beschloss, sie in meinen
Wortschatz aufzunehmen, denn irgendwie war sie cool. Jedenfalls glaubte ich das. Im
Laufe der nächsten Tage boten sich mir mehrere Gelegenheiten, sie anzubringen.
Leider bekam meine Frau mit, wie ich sie benutzte, und meistens sagte sie mir, dass
sie so, wie ich sie einsetzte, keinen Sinn ergab.
Nachdem meine Frau das etwa eine Woche lang mitangehört hatte und ich mal wieder
zu jemandem sagte: „Ich habe Schwein gehabt“, warf sie mir einen Blick zu, der dafür
sorgte, dass ich diesen Ausdruck nie wieder verwendet habe. Vergessen habe ich ihn
allerdings nicht.
Aus Kapitel 8: Erkenntnis
Eines Tages ging ich in die Praxis meines Arztes. Ich war bereits ein paarmal dort
gewesen, aber diesmal ging ich hin, ohne einen Termin vereinbart zu haben. Ich
brauchte nur ein Rezept, und das konnte ich von der Sprechstundenhilfe bekommen.
Als ich die Praxis betrat, begrüßte sie mich mit Namen. Ich konnte es kaum glauben:
Jemand kannte meinen Namen. Es fühlte sich großartig an.
Allmählich nahm man mich wahr. Die Frau an der Käsetheke im nahe gelegenen
Lebensmittelladen lächelte, wenn ich kam, und fragte mich, ob ich Cheddar wolle,
wie üblich. Der Fleischer auf dem freitäglichen Regionalmarkt grüßte mich und
fragte, wie es mir ging. Der Mann, der auf demselben Markt Eis verkaufte, rief
„Hallo, Herr Thompson“, wenn er mich kommen sah. Ich hatte ihn einmal angerufen
und gefragt, ob er am kommenden Freitag Pistazieneis mitbringen könne, das
Lieblingseis meiner Frau.
Auf dem Hauptmarkt im Zentrum von Nürnberg gibt es jeden Tag Marktstände mit
frischen Lebensmitteln. Wenn ich über den Hauptmarkt ging, machte ich oft einen
Umweg, um die Leute zu begrüßen, bei denen ich regelmäßig einkaufte, auch wenn
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ich an dem Tag nichts von ihnen brauchte.
Einmal blieb ich stehen, um Ruth Hallo zu sagen, einer jungen Frau, die Gemüse aus
der Region im Angebot hatte. Sie war nur einmal die Woche dort, deshalb sah ich sie
nicht sehr häufig. Bei unserer letzten Begegnung hatte ich sie um Rat gefragt, welche
Kartoffeln ich nehmen sollte, um für meine Schwägerin zu ihrem vierzigsten
Geburtstag einen Schmortopf zu kochen.
Ruht hat ein freundliches Lächeln und jede Menge Energie. Sie war begeistert, als ich
an jenem Tag an ihrem Stand auftauchte, und wollte gleich wissen, ob die Kartoffeln
die richtigen gewesen seien. Ich bestätigte es ihr und fragte sie dann, ob wir uns duzen
könnten. „Das haben wir doch schon vor einiger Zeit beschlossen“, erwiderte sie.
Daran konnte ich mich nicht erinnern, aber mir gefiel, wie locker und doch resolut sie
war.
Während ich mit ihr sprach und nebenbei das Gemüse betrachtete, kam mir eine Idee,
was ich zum Mittagessen kochen könnte. Ich erzählte ihr, was ich mir gerade überlegt
hatte: ein paar südindische vegetarische Gerichte.
„Klingt lecker“, entgegnete sie.
Ich fragte sie: „Wie lange bist du heute hier auf dem Markt?“
„Bis ein Uhr.“
„Ich gehe jetzt nach Hause und koche, und dann bringe ich dir ein warmes
Mittagessen.“
„Echt?“
„Klar, wieso nicht?“ Das hatte ihr mit Sicherheit noch nie jemand angeboten.
„Das wäre toll. Dann hätte ich was für meinen Mann und mich.“
Ich ging nach Hause, kochte, und kehrte ein paar Stunden später mit drei
Frischhalteboxen für Ruth zum Markt zurück. Es war ein bisschen, als wäre ich in
Indien und würde zur Mittagszeit Tiffins ausliefern. Ich war glücklich, während ich so
vor mich hin schlenderte. Genau solche Kontakte hatte ich bisher hier vermisst.
An diesem Gemüsestand kaufte ich auf dem Hauptmarkt am liebsten ein. Meistens
war auch Hilde, eine ältere Frau, dort. Hilde schien nicht so zugänglich zu sein wie
Ruth. Ich hatte den Eindruck, dass es ihr mehr darum ging, ihre Produkte zu
verkaufen als mit den Kunden zu reden. Sie wollte auch nicht, dass ich etwas anfasste,
während Ruth mich immer selbst alles nehmen ließ.
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Normalerweise ging ich allein zum Einkaufen, aber einmal begleitete mich meine
Frau. Während ich gerade auf der anderen Seite des Stands war, beugte sich Hilde
über die Karotten und flüsterte meiner Frau zu: „Sie haben ja so einen netten Mann!“
„Echt? Finden Sie?“
„Oh ja, er ist wirklich nett. Woher kommt er, und wie haben Sie sich kennengelernt?“
„Er ist aus den USA, und dort haben wir uns auch kennengelernt.“
„Sie Glückliche! Er ist nett. Und immer so freundlich, wenn er hier einkauft.“
Ich hatte von dem Gespräch nichts mitbekommen. Wir bezahlten Zwiebeln, Karotten
und Kohl und gingen zurück zu unserer Wohnung. Nach ein paar Minuten erzählte
mir meine Frau, was Hilde gesagt hatte.
„Nein, das hat sie nicht gesagt“, widersprach ich. „Sie war nie sonderlich freundlich
zu mir.“
„Tja, das ist typisch für die Leute hier. Sie findet dich trotzdem nett.“
Als ich das nächste Mal zu Hildes Stand kam, begrüßte sie mich mit einem breiten
Lächeln. Zwei Wochen später beschloss ich sie zu fragen, ob wir uns duzen könnten.
Zu diesem Zeitpunkt war mein Deutsch bereits so gut, dass ich ziemlich problemlos
zwischen Du und Sie hin und her wechseln konnte. Hilde hatte ich die ganze Zeit
gesiezt. Zwar kannte ich ihren Vornamen noch nicht, aber ich fragte sie trotzdem:
„Können wir uns duzen?“
„Ja, natürlich. Ich heiße Hilde.“
„Und ich heiße Cooper, wie das Auto, der Mini Cooper, nur ohne Mini.“
Das sagte ich häufig, wenn ich mich vorstellte. Mein Name ist ungewöhnlich, und
manche Leute in Franken tun sich schwer mit der Aussprache des „p“. Sie sprechen es
wie „b“ aus, also Coober. Das klingt ein bisschen wie Goober, wie in goober peas,
Schotenerbsen. Und manchmal klingt es auch wie Kuba. Daher dachte ich, es sei
einfacher, wenn ich meinen Namen mit etwas erklärte, das den Deutschen geläufig
war.
Meine Frau musste meinen Namen erwähnt haben, als Hilde ihr sagte, wie nett ich
sei. Hilde hatte verstanden, ich heiße Kurt, ein recht gängiger deutscher Männername.
Nachdem ich mich als Cooper vorgestellt hatte, fragte Hilde:
„Und, Kurt, was hättest du heute gern?“
Ich sagte ihr, ich bräuchte Steckrüben und Kartoffeln ‒ inzwischen durfte ich mich
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bereits selbst bedienen. Dann fragte sie mich: „Sonst noch was, Kurt?“ Als wir uns
verabschiedeten, rief sie mir hinterher: „Bis zum nächsten Mal, Kurt.“
Im Laufe des folgenden Jahres verwandelte sich dieser Name in einen Kosenamen,
ein Indiz dafür, dass wir uns noch mehr angefreundet hatten: Kurtie. Ich hatte einen
deutschen Namen, ich war eindeutig auf dem besten Weg, Deutscher zu werden. Als
ich meiner Frau von der neuesten Entwicklung in der Freundschaft zwischen Hilde
und mir berichtete, meinte sie lachend, dann sei jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen,
ihren Nachnamen anzunehmen: Spiegel. Cooper Spiegel klang grauenhaft, aber
vielleicht konnte ich mit Kurt Spiegel leben.
Aber nicht mit Kurtie. Hilde ist die Einzige, die mich Kurtie nennen darf.
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