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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Wissen
Wildwest im Amazonasgebiet: Altamira
Von Gudrun Fischer
Wiederholung: Freitag, 12. August 2016, 8.30 Uhr
Erstsendung: Montag, 5. Januar 2015
Redaktion: Detlef Clas
Regie: Günter Maurer
Produktion: SWR 2015
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MANUSKRIPT
Musik: Xingu von Philipp Glass
O-Ton Irmã Ignez Wenzel:
Em milnovecentos es setenta e dois foi feita a transamazônica, que é uma estrada.
Foi um projeto do governo brasileiro, eles tinham um slogam „uma terra sem gente
para gente sem terra“. E na realidade não é esta a verdade!
Übersetzerin:
1970 baute die brasilianische Regierung mitten durch den Amazonasurwald die
„Transamzônica“. Das war ein Siedlungsprojekt der Militärdiktatur. Dafür erfanden sie
den Slogan „Land ohne Menschen, für Menschen ohne Land“. Eine große Lüge!
O-Ton Erwin Kräutler:
Die Leute kommen mit wahnsinnig großen Hoffnungen hier an. Es sind die Familien
von Landwirten, aber es kommen auch die Großgrundbesitzer an, es kommen die
Holzhändler an, und die Bergwerksgesellschaften und die wollen reich werden. Und
gehen dann über Leichen. Wir sind eine wahnsinnig konfliktreiche Region, Mord und
Totschlag ist beinahe an der Tagesordnung und es gibt sklavenähnliche
Verhältnisse; das sind die Probleme, denen wir tagtäglich gegenüberstehen.
Ansage:
Wildwest im Amazonasgebiet: Altamira
Eine Sendung von Gudrun Fischer
Motorengeräusch, dann laute, aufgeregte Stimme: „embora, agora”
Motorengeräusch, „pegou, agora, empurrando”, Motorengeräusch, Jubeln, dann
Stimmen leiser, Motorengeräusch, eine Lastwagenmotor zischt, Motor im Leerlauf
Sprecherin:
Vierzig Busreisende auf der Transamazônica stehen knietief in glitschigem roten
Schlamm. Ihr Reisebus ist steckengeblieben. Sie versuchen, ihn aus dem
Schlammloch zu schieben. Der Busfahrer treibt die Leute mit Rufen an. Jubel bricht
aus, als es geschafft ist. Erleichtert steigen die Passagiere wieder ein. Es regnet seit
Tagen, und das wird nicht das letzte Schlammloch für heute gewesen sein. Die
Transamazônica ist kurz vor der Stadt Altamira fast unpassierbar. An besonders
schlimmen Stellen ziehen Traktoren die Busse und Lastwagen aus dem Schlamm.
Musik
Sprecherin:
Der katholische Bischof Erwin Kräutler lebt schon 50 Jahre im südöstlichen
Amazonasgebiet. Geboren wurde er in Österreich, doch heute steht er der Diözese
Altamira vor, die von der Fläche her so groß ist wie Deutschland.
Musik
2
O-Ton Erwin Kräutler:
Wie ich angekommen bin, gab es noch den berühmten tropischen Regenwald, den
ich noch gekannt habe in Altamira. Rund um Altamira. Heute, entlang der
Transamazônica, gibt es das nimmer. Das ist abgebrannt und da sind heute
Riesenweideflächen und zum Teil auch Kakaoplantagen. Brasilien braucht Energie,
da zweifel ich gar nicht daran, dass es das braucht. Und die Politiker haben das Maul
aufgerissen und gesagt, Belo Monte ist die Rettung, […] Die Geschäftsleute,
Unternehmer, Bankangestellte waren dafür, weil sie gedacht haben, Altamira wird
zum Umschlagplatz für ich weiß nicht wie viele Projekte, und Geld wird auf der
Straße liegen und, und, und.
Sprecherin:
„Belo Monte“ heißt der Staudamm, der seit ein paar Jahren 40 Kilometer entfernt von
Altamira entsteht. Es soll einmal das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt werden.
Mehr als 50.000 Menschen kamen auf der Suche nach Arbeit in die Stadt, und nun
platzt sie aus allen Nähten. Schwer beladene, schlammverspritzte Lastwagen mit
Nahrungsmitteln, Baumaterial und Konsumgütern kommen nach Altamira. Die ersten
500 Kilometer auf der Transamazônica von der Stadt Marabá nach Altamira sind
genauso wenig asphaltiert wie die nächsten 2.500 Kilometer Richtung Peru.
Trotzdem herrscht bis Altamira reger Verkehr. Die Transamazônica wurde nie zu
Ende gebaut. Immer wieder unterspülen Regen und die breiten Flüsse die Straße.
Vor dem ersten Spatenstich 1970 sollen gezielt indigene Gruppen aus der
Umgebung mit vergiftetem Essen und Krankheitserregern umgebracht worden sein,
damit sie den Bauarbeiten nicht im Wege stehen, sagen Menschenrechtsgruppen vor
Ort.
Ein Boot tuckert vorbei, Planschgeräusch im Wasser, Straßengeräusche, Stimmen
Sprecherin:
Ein heißer Nachmittag in Altamira. Kinder spielen auf den Grünflächen am Ufer des
Rio Xingu. Am Ende der Promenade ragt ein Steg in den Fluss. Hier baden ein paar
Jugendliche. Der Fluss Xingu gehört zu den Klarwasserflüssen des
Amazonasgebiets. 2.000 Kilometer fließt er von seiner Quelle im Zentrum Brasiliens
Richtung Norden. Die Stadt Altamira liegt am Unterlauf des Xingu, bis zu seiner
Mündung in den Amazonas sind es noch 400 Kilometer. Der Xingu gehört zu den
intaktesten Flüssen des östlichen Amazonasgebiets. Am Steg in Altamira
schwimmen zwar Plastiktüten und Essensreste. Die Jungen stört das aber nicht. Sie
nehmen Anlauf und springen.
Planschgeräusch im Wasser
O-Ton Junge:
Ele é como em todo lugar, o Xingu, é todo assim. Desde um ano de idade jogado no
rio, (die Jugendlichen lachen). Já atravessei o rio nadando já. Eu, meu primo, um
colega meu. Atravessemo este rio.
Übersetzer:
So ist das am Xingu; hier liegt Müll im Wasser, das macht mir aber nichts aus. Seit
ich ein Jahr alt bin, schwimme ich im Fluss. (kurz frei stehen lassen: die
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Jugendlichen lachen) Einmal bin ich sogar mit meinem Cousin rüber bis ans andere
Ufer geschwommen.
Ein Boot tuckert vorbei, Planschgeräusch, Straßengeräusche, Stimmen
Sprecherin:
Etwa zwei Kilometer sind es zum anderen Ufer. Da liegt jedoch kein Festland,
sondern eine Insel. Dahinter fließt ein weiterer Arm des Xingu. Der Fluss ist bekannt
für seine vielen Inseln und Felsen, für seine Nebenarme und Stromschnellen und für
seinen Fischreichtum. Hier an der Promenade von Altamira wirkt er fast wie ein See.
Gemächlich tuckert ein Schulboot vorbei. Statt Schulbussen fahren im
Amazonasgebiet Schulboote, denn es gibt kaum Straßen.
Motorräder, Autos, Zementmischmaschine (mal laut, mal leise)
Sprecherin:
Die Freude über die Transamazônica, die neue „Ader“ durch den Urwald, wandelte
sich schnell in Verzweiflung. Armut und fehlende Infrastruktur prägten das Leben der
Siedler auf den kleinen Parzellen entlang der Straße. Die meisten gaben auf und
Großgrundbesitzer kauften ihr Land. Doch 15 Jahre später, Anfang der 80er-Jahre,
strömten wieder Menschenmassen in das südöstliche Amazonasgebiet. Bei der Stadt
Marabá im Hügelgebiet „Serra dos Carajás“ lockte Gold. Die Hügel bekamen
während des Goldrauschs einen neuen Namen. „Serra Pelada“, übersetzt „Nacktes
Gebirge“. Dort wurden in nicht einmal 20 Jahren 100 Tonnen reines Gold gefördert,
und nun ist die Gegend komplett abgeholzt. Marabá galt lange als die gefährlichste
Stadt Brasiliens. Altamira ist wie ihre kleine Schwester, sagt Bischof Erwin Kräutler.
Er ist ein streitbarer Mensch; 2010 hat er für sein Engagement für die indigenen
Völker am Amazonas den Alternativen Nobelpreis bekommen; wenn er erzählt, geht
es selten um Fragen des Glaubens.
Motorräder, Autos, Zementmischmaschine (mal laut, mal leise)
O-Ton Erwin Kräutler:
Die konfliktreiche Problematik hat sich verlagert von Marabá zum Xingu. Eine Insel
der Seligen waren wir nie. Aber es hat am Xingu nicht diese brennenden Probleme
gegeben, es hat nicht diese Mordwellen gegeben. Ich kann mich erinnern, als ich
ankam, hat Altamira 4.000 Einwohner gehabt, heute hat es 150.000. Es hat sich
wahnsinnig furchtbar geändert. Bergwerke, groß angelegte Viehzucht, es ist alles
abgeholzt, es sei denn, es ist Indigenengebiet. Wenn Sie drüberfliegen
Riesenweidenflächen, für mich eine Katastrophe.
Sprecherin:
Jahre vor dem Bau des Staudamms Belo Monte wurde ein Mordanschlag auf den
kritischen Bischof verübt. Er überlebte und wurde unter Polizeischutz gestellt.
Seitdem geht er nur in Begleitung von Leibwächtern aus dem Haus. Der Bischof
verurteilt den Bau des Staudamms Belo Monte und arbeitet mit der Organisation
„Xingu Vivo para sempre“ zusammen. Auf Deutsch heißt die Gruppe „der Xingu wird
immer leben“. Hier engagiert sich auch die Franziskanernonne Ignez Wenzel.
Büro, Stimmen
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O-Ton Ignez Wenzel:
Em 2005 aí nós assumimos nos reunir semanalmente e nos posicionando
frontamente contra este grande projeto. Em 2008 teve mais de 4.000 pessoas
reunidas eu acho que foi na base de 700 indígenas para fazer um protesto contra
este projeto do governo. E houve aquele incidente que um dos chefes lá do governo
que veio aí falar. Apresentando monte de siglas e esquemas como se nós fossemos
alunos de engenharia. Os índios se irritaram e começaram a fazer uma dança e aí
aconteceu que ele se levantou e começou a gesticular e aí recebeu um pequeno
corte no braço.
Übersetzerin:
Als wir 2008 ein Treffen organisierten, kamen 4.000 Menschen, davon etwa 700
Indigene, um gegen dieses Regierungsprojekt zu protestieren. Da gab es einen
Zwischenfall. Ein Regierungsmitarbeiter erklärte das Projekt mit einem Haufen
Fremdwörtern – als wären wir Ingenieurstudenten. Ich erinnere mich, wie die
Indigenen ärgerlich wurden und anfingen, um diesen Mann herumzutanzen. Da
stand er auf und fuchtelte herum. Deswegen bekam er am Arm einen kleinen Schnitt
mit der Machete.
Sprecherin:
Nach Ende der Militärdiktatur Mitte der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts erhielt
Brasilien eine neue Verfassung. Darin ist festgehalten, dass indigene Völker
angehört werden müssen, wenn Bauprojekte sie betreffen. Doch bei Belo Monte kam
es zu keiner Anhörung. Die Staatsanwaltschaft hat daraufhin mehrere Verfahren
gegen die Betreibergesellschaft angestoßen, über die immer noch nicht entschieden
ist. Trotzdem wurde der Bau genehmigt.
Büro, Stimmen
O-Ton Ignez Wenzel:
Exigimos que o Ibama se pronunciasse e aí ele se pronunciou dizendo que eles
tinham que resolver 40 condicionantes antes de começar qualquer ação. Mas eles
foram por cima disto, não realizaram nada.
Übersetzerin:
Wir schalteten dann die Umweltbehörde ein. Sie verlangte vor Baubeginn die
Erfüllung von 40 Bedingungen. Aber das Baukonsortium setzte sich über die
Umweltbehörde hinweg.
Sprecherin:
Im Büro von „Xingu Vivo para Sempre“ steht die 18-jährige Schülerin Maini Militão
und zeigt auf bunte Banner und Plakate, die die Wände bedecken. Die Familie der
Schülerin ist bei Baubeginn von Haus und Hof vertrieben worden. Vater Militão fand
die veranschlagte Entschädigung zu niedrig und ging vor Gericht. Da sein Verfahren
sich hinzieht, arbeitet er als Knecht auf dem Hof von anderen. Die Mutter von Maini
Militão ist krank geworden.
Büro, Stimmen
5
O-Ton Maini Militão:
O valor que ia dar não dava nem de comprar outra terra aqui por conta da
especulação imobiliária, tem muita gente aqui na cidade e muita gente atrás de terra
então não dá para a gente comprar. E como meu pai ia viver que ele é agricultor?
Ele não consegue ficar na zona urbana. Quando a gente vai as manifestacoes lá, aí
eu vou. Mas eu fico muito triste a gente vê tudo que a gente vivia lá, eu pescava lá.
Toda aquela destruição assim. Uma coisa surreal, eles tiraram tudo, nossa mata não
tem mais, eu fico muito triste mesmo.
Übersetzerin:
Mit dem Geld, das sie uns anboten, hätten wir kein gleichwertiges Land kaufen
können. Hier gibt es einen Immobilienboom, alle kaufen Land, die Preise schießen in
die Höhe. Was sollte mein Vater machen, er ist Landwirt und hält es in der Stadt
nicht aus. Wenn Demonstrationen an der Baustelle stattfinden, fahre ich mit und
halte Ausschau nach unserer alten Farm. Diese ganze Zerstörung wo ich einst
fischte. Es sieht surreal aus, alles ist weg, unser Wäldchen ist verschwunden. Das
macht mich sehr traurig.
Sprecherin:
Das Staudammprojekt Belo Monte, das nach internationalen Protesten keinen Kredit
von der Weltbank bekam, wird nun allein von der brasilianischen Regierung
verantwortet. Es ist Teil des PAC, des sogenannten „Aktionsplans zur
Beschleunigung des Wirtschaftswachstums“. Ein Schwerpunkt dieses
Investitionsplans zielt auf die Erschließung des Amazonasgebiets.
Büro, Stimmen
O-Ton Maini Militão:
E agora uma empresa canadense, Belo Sun, que vai vim retirar minério. Eles já
fecharam oito quilômetros do rio, quando eles terminarem vai secar mais ou menos
cem quilômetros do rio. Possibilitando que as mineradoras retiram a bauxita, está até
a Vale aí que é a Alcoa. O ouro e o ferro. Está tudo relacionado as mineradoras e a
hidrelêtrica é um dinheiro perdido. Que ela não vai gerar energia, de 11 milhoes.
Übersetzerin:
Und jetzt kommt auch noch die kanadische Bergwerksfirma „Belo Sun“, um Gold zu
schürfen. Und auch der Erzmulti „Vale“ will Bauxit im trockengelegten Flussbett
abbauen. Ein acht Kilometer langer Damm riegelt den Fluss jetzt ab. Die 100
Kilometer lange Schleife, die der Fluss hier macht, wird austrocknen. Wahrscheinlich
geht es gar nicht um Stromerzeugung. Die versprochene Leistung von 11.000
Megawatt wird es nie geben.
Sprecherin:
Bei Niedrigwasser von September bis Dezember können die Turbinen nur die Hälfte
der versprochenen Strommenge liefern, behauptet Maini Militão. Es sei denn, noch
mehr Dämme werden gebaut. Die Schülerin fürchtet, dass Altamira nie zur Ruhe
kommt. Bis zu 150 Tonnen Gold hofft die Bergwerksfirma Belo Sun am Xingu aus
dem Flussbett zu fördern. Inzwischen kartierte die brasilianische geologische
Gesellschaft via Satellit die Böden des Amazonasgebiets. Es liegen wohl noch viele
Schätze unter dem Urwald.
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Am Fluss, Musik aus einer Bar
Sprecherin:
An der Promenade ist es inzwischen drückend heiß. Dicke Wolken hängen am
Himmel, bald wird es regnen – so wie jeden Nachmittag. Aus einer Bar klingt Musik.
Hier liegt der kleine Hafen von Altamira. Schlanke Ausflugsboote dümpeln neben
Fischkuttern im Wasser. Die Sekretärin Nicole Naiara dos Santos arbeitet im
Tourismusgeschäft. [Ihre Tante, die das Büro leitet, macht Mittagspause und die
junge Frau setzt sich neben den Ventilator.
O-Ton Nicole Naiara dos Santos:
Quando eu vou para casa eu vou aqui pela rua do hospital e nas esquinas fica assim
de homem, muito homem que trabalha na CCBM, aí nos final de semana eles
bebem, fica todos bebados. Aí estava na esquina, eu ia passando, um rapaz
mecheu comigo, falou palavras, eu não dei atenção para ele e ele ficou chateado e
jogou uma latinha de cerveja em mim. Quase pega no rosto do meu filho. Era cedo,
era umas sete horas. Não estava nem escuro, é muito ruim você passar por uma
situação desta. Eu não tenho coragem de sair da minha casa depois das dez da
noite.
Übersetzerin:
Mein Nachhauseweg vom Büro führt über die Hauptstraße mit dem Krankenhaus und
an den Straßenecken stehen die Bauarbeiter von Belo Monte. Am Wochenende
trinken sie, viele sind besoffen. Einmal sprach mich ein junger Mann an. Er benutzte
Worte, die ich nicht mag, und als ich nicht reagierte, wurde er sauer und warf eine
Bierdose nach mir. Fast traf er mein Baby, das ich auf dem Arm hielt. Es war erst
sieben Uhr abends und noch nicht einmal dunkel. Es ist scheußlich, so etwas zu
erleben. Ich traue mich nach zehn Uhr nicht mehr aus dem Haus.
Am Fluss, Musik aus einer Bar
Sprecherin:
Noch läuft das Geschäft mit dem Tourismus gut, noch werden Ausflugsboote
gemietet, sagt die Sekretärin.]
O-Ton Nicole Naiara dos Santos:
O turismo da nossa cidade vai acabar, as praias, que são tudo perto vai tudo pro
fundo, porque o rio vai encher quando acabar a construção da hidreletrica. Veio
muita gente de fora, trabalhar aqui, eles tem mais chance de emprego do que o
pessoal daqui porque eles tem estudo. Aí eles vão querer uma pessoa mais
avançada para poder trabalhar, o pessoal daqui não.
Übersetzerin:
Bald ist es vorbei mit dem Tourismus in unserer Stadt. Die Strände in der Umgebung
werden versinken, denn wenn der Staudamm fertig ist, steigt der Flusspegel. Klar, es
gibt Arbeit, viele Menschen sind von außerhalb hierhergekommen. Die hatten gute
Chancen, einen Job zu ergattern. Die Firma nimmt eher die gut ausgebildeten
Menschen von außerhalb als die Leute von hier.
Motorräder, Autos, ohne Zementmischmaschine
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Sprecherin:
Das beliebteste Verkehrsmittel in Altamira ist das Motorrad. In allen boomenden
Regionen Brasiliens schwärmen Motorräder durch die Straßen. Auch der Student
Ajenô Santiago Costa besitzt ein Motorrad. Er braucht es dringend, denn er wurde an
die Peripherie von Altamira umgesiedelt. Da jetzt schon wegen des Damms der Fluss
steigt, droht sein Pfahlbau zu versinken. Inzwischen hat das Baukonsortium mehrere
Siedlungen angelegt. Sie sind umzäunt und werden bewacht, die Presse hat keinen
Zutritt. Kein Baum steht an den parallel angeordneten, schnurgeraden Sträßchen.
Ein Haus reiht sich eng ans andere, sie gleichen sich wie Zwillinge. Agenô Santiago
Costa zog erst vor ein paar Tagen hierher. Er sitzt in seinem leeren Wohnzimmer auf
dem Boden und ist glücklich.
Baufahrzeug, nerviges Piepgeräusch
O-Ton Ajenô Santiago Costa:
A casa tem três cômodos, muito bom, só aqui na sala e na cozinha temos três
lámpadas, cada quarto ha uma lámpada em cada banheiro há uma lámpada. Não
tem vidro, só uma estrutura de aluminio. Estas janelas, como vai mudando muita
gente corre o risco da casa ser roubada, para evitar as preocupaçoes quando sair de
casa a gente vai tentar gradear todas as janela.
Übersetzer:
Das Haus hat drei Schlafzimmer, und hier im Wohnzimmer und der Küche habe ich
drei Lampen. In jedem Schlafzimmer und auch in den beiden Bädern gibt es
Lampen. Die Fenster haben keine Glasscheiben, aber einen Aluminiumrahmen.
Demnächst will ich die Fenster vergittern lassen, denn es ziehen viele Menschen in
die Siedlung. [Sonst laufe ich Gefahr, ausgeraubt zu werden.]
Sprecherin:
Noch sind wenige Häuser belegt und in der Siedlung wird gebaut. Ein
Schaufelbagger schiebt laut tutend Erde an den Abhang. In seinem kleinen Garten
hat Ajenô Santiago Costa schon ein paar Gemüsepflanzen angepflanzt.
Baufahrzeug, nerviges Piepgeräusch
O-Ton Ajenô Santiago Costa:
Para mim foi muito melhor do que o lugar onde eu estava. Cobras lá com muita
frequencia subia até para a casa, as vezes eu ia tentar matar da janela, voltava a
cair por cima, era uma locura. Lá neste horário não consegui estudar porque a
região norte é muito quente e como a casa, a cobertura da casa era feita com um
material que esquenta chamado de brasilite, quando eu ficava dentro de casa alguns
minutos os olhos ficavam ardendo de tão quente que ficava. E além do mosquito
perseguindo durante o dia, era um sufoco.
Übersetzer:
Hier ist es viel besser als da, wo ich vorher gelebt habe. Da musste ich oft Schlangen
verscheuchen, die versuchten, in meine Hütte zu kriechen. Wenn ich sie vom Fenster
aus töten wollte, fiel ich manchmal ins Wasser. Um diese Uhrzeit konnte ich mich
dort nicht mehr auf meinen Lernstoff konzentrieren. Denn hier in Nordbrasilien ist es
sehr heiß und meine Hütte war mit Brasilit bedeckt. Das ist Wellpappe und darunter
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staut sich die Hitze. Mittags brannten meine Augen, so heiß wurde es. Und dann
noch die Mücken, die mich den ganzen Tag verfolgten – eine Qual.
Baufahrzeug, nerviges Piepgeräusch
Sprecherin:
Ajenô Santiago Costa will Englischlehrer werden und jetzt, wo er ein schönes Haus
hat, denkt er ans Heiraten.
O-Ton Ajenô Santiago Costa:
A minha está boa, ela tem um pequeno defeito alí mas ela é toda amarrada de ferro,
então não tem condição. Este piso ele tem uma estrutura de ferro, e as bordas dela
são todas amarradas, parede com parede, então ela não tem como se abrir. Não
corre o risco de desabar. As pessoas queriam muito que as casas fossem feitas de
alvenaria. Mas acredito que a empresa ia ter muita dispesa, aí optaram para esta
forma e é muito melhor do que de madeira. Porque a madeira com o tempo tem
problema, a madeira estraga, os insetos consomem, como o cupim.
Übersetzer:
Mein Haus ist gut, auch wenn sich schon ein kleiner Spalt in der Decke geöffnet hat.
Der Beton ist ja ganz mit einem Eisengeflecht unterlegt, das kann nicht
auseinanderbrechen. Auch der Boden und die Wände werden von einem
Eisengeflecht zusammengehalten. Ich weiß, dass andere Leute lieber Häuser aus
Backstein bekommen hätten. Aber das wäre zu teuer für die Firma geworden,
deshalb haben wir jetzt dieses Modell. Und das ist viel besser als Holz. Holzhäuser
machen eben nach einer Weile Probleme, sie vermodern, dann kommen Termiten.
Sprecherin:
In den Dörfern des indigenen Volks der Juruna finanzierte das Baukonsortium nach
langen Verhandlungen Holzhäuser. Pro Dorf bekamen die Juruna noch zwei bis drei
kleine Motoren für ihre Boote, erzählt Bischof Erwin Kräutler.
O-Ton Erwin Kräutler:
Die Regierung ist noch so grausam, dass sie sagt, es wird kein Indianerdorf in
Mitleidenschaft gezogen. Das sagen die vor dem Fernsehen, die gehen sogar vor
das Europaparlament, und schreien dort, wir sind alle falsch gewickelt. Für sie heißt
ein Indiodorf in Mitleidenschaft ziehen, es fluten. Aber das Gegenteil ist der Fall,
ihnen wird das Wasser abgeschnitten. Die leben vom Fischfang, die leben von der
familiären Landwirtschaft, ohne Wasser gibt es das nicht mehr.
Sprecherin:
Die drei Dörfer des Volks der Juruna liegen an der Flussschleife, die fast
trockenfallen wird. Es dauert vier Stunden bis zum Dorf Muratu, in dem 50 Menschen
leben. Auf kleinen Felseninseln stehen Bäume unter Wasser, Strudel lassen das
Boot gefährlich schaukeln. Nur erfahrene Bootsfahrer finden den Weg in diesem
breiten Flussabschnitt. Am Dorf angelangt dürfen nur die an Land gehen, die eine
persönliche Einladung des Dorfchefs haben. Cacique Giliarde Juruna trommelt seine
Leute zusammen. Alle setzen sich in die offene Rundhütte, um mit dem Besuch zu
sprechen. Kinder spielen in der Mitte.
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Im Dorf am Fluss, Vögel, Hahn
O-Ton Cacique Giliarde Juruna:
A obra está saindo, e dentro das terras indigenas nem nós que estamos do lado da
barragem não tem nada feito. Agua nós temos de poço artesiano, atraves de muita
briga conseguimos. Eles disssem que tem que ficar como da última seca, setecentos
mil metros cúbicos de água. Eles tem que deixar passar. Mas nós temos um
problema também aqui do lado que é a Belo Sun. Esta Belo Sun vai usar duzentos
mil metros cubicos de água na mineradora.
Übersetzer:
Bald ist der Staudamm fertig. Aber für uns hier in unseren Reservaten passiert fast
nichts. Dabei leben wir ganz nah an der Baustelle. Nach langen Kämpfen haben sie
endlich für uns Brunnen gebohrt. Sie sagen, dass so viel Wasser in der Flussschleife
übrig bleibt, wie wir aus trockenen Monaten gewöhnt sind. Das sind 700.000
Kubikmeter. Aber davon soll sich die Firma Belo Sun für ihren Goldtagebau 200.000
Kubikmeter Wasser abzweigen dürfen.
Sprecherin:
Das im Flussbett liegende Vulkangestein ist dunkel und löchrig. Ein kleiner gestreifter
Fisch, Hypancistrus zebra, hat in den Höhlen tief unter Wasser sein Revier. „Zebra“
nennt der Dorfchef den Zierfisch. Er ist nur zehn Zentimeter lang, erst seit 1991
wissenschaftlich beschrieben und nur in der Flussschleife des Xingu zu finden. Auf
Deutsch heißt der Fisch Zebra-Harnischwels. Er wurde bei Aquarium-Liebhabern zur
Attraktion, doch inzwischen ist er geschützt und darf nicht mehr gefischt werden. Ein
weiterer Zierfisch aus dem Xingu ist der Panaque armbrusteri, den der Dorfchef „Boide-bota“ nennt, der gestiefelte Stier. [Er ist gleichfalls gestreift und lebt vegetarisch.
Dazu raspelt er mit seinem Saugmaul über Holz, das im Fluss liegt und das er gut
verdauen kann.] Dieser Zierfisch dient den Juruna als wichtige Einkommensquelle.
O-Ton Cacique Giliarde Juruna:
O boi de bota para nós só dá no inverno, na época da cheia. Porque ele dá na
irama, na moita. Ele é marrom com as listinhas marrom. Mas ele vai acabar porque
ele não vai ter mais inverno, na época de cheia em janeiro e junho. Nós também
estamos fazendo o nosso monitoramento. É acompanhado pela UFBA. O Rio falta
500 metros para eles fecharem. Aqueles 500 nós não vamos deixar fechar não
enquanto não resolver o problema da nossa terra, porque depois que eles fecharem
não resolve nunca.
Übersetzer:
Der Fisch kommt hier nur im Winter vor, wenn wir Hochwasser haben. Er lebt im
Schwarm, ist hellbraun, mit dunkelbraunen Streifen. Aber wir denken, er wird hier
aussterben, denn er hat bald kein Hochwasser mehr. Wir führen jetzt unser eigenes
Monitoring, also die Überwachung der Fischbestände durch. Dabei hilft uns die
Universität von Altamira. Wir müssen noch viele Probleme angehen und wir werden
nicht zulassen, dass der Damm geschlossen wird. Es fehlen nur 500 Meter, aber
wenn er fertig ist, haben wir schlechte Karten.
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Sprecherin:
Die Juruna demonstrierten und besetzten in den letzten Jahren mehrmals die
Baustelle. Doch nicht alle Indigenen sind sich untereinander einig. Leonilda Silva da
Conceição zum Beispiel, eine Indigene, die mit ihrem Mann und drei Kindern ihr Dorf
verlassen hat, freute sich über ihre Entschädigung:
O-Ton Leonilda Silva da Conceição:
A gente agora está morando na Ressaca. É área de garimpo. Minha casinha lá é
simples. É de palha, de madeira simplesinha, tem um cimentozinho, nós somos
humildezinhas, Graças a Deus. A casa mais organizadinha, assim brasilite, que tem
as coisas mais boazinhas, a minha nao, tem um quartozinho, uma salazinha, uma
cozinha e pronto. É ouro, quem mexe no garimpo é ele, eu não vou na área em que
ele trabalha. Lá do Arroz Cru a Norte Energia pagou idenização para o meu pai, eu
não quiz lote não, eu peguei mesmo dinheiro, apliquei num carro, está lá em casa, a
gente tem uma moto também. Usa para andar para o lote, tem três meninos, numa
moto não cabe, no carro já cabe, né. Fica de lá onde a gente mora uns oito
quilômetros.
Übersetzerin:
Wir wohnen jetzt in Ressaca, da wo nach Gold geschürft wird. Mein Häuschen dort
ist sehr einfach, wir sind bescheiden, Gott sei Dank. Das Dach ist aus Stroh, die
Wände aus Holz, der Boden Zement. Klar hätte ich gerne ein besseres Haus, mit
Brasilit-Dach und so, aber egal, mein Haus hat ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer,
eine Küche, das reicht. Nach Gold schürft mein Mann, ich gehe nicht zum
Tagebaugebiet. Als uns die Baugesellschaft wegen des Staudamms eine
Entschädigung anbot, nahm ich statt des Grundstücks das Geld. Ich kaufte damit ein
Auto. Es steht zu Hause, wir sind gerade mit dem Motorrad unterwegs, das kostet
weniger Benzin. Das Auto nehmen wir nur, wenn wir mit den Kindern zu unserem
Gemüsegarten fahren. Er liegt acht Kilometer entfernt.
Sprecherin:
Leonilda Silva da Conceição sitzt mit ihrem Mann auf einer Fähre. Sie fahren zum
Einkaufen nach Altamira. Vom anderen Ufer des Xingu dauert es zwei Stunden bis
nach Ressaca in das Minengebiet der Bergwerkfirma. Belo Sun wartet noch auf die
Umweltgenehmigung, bevor sie ihre Fördermaschinen anfahren lässt. Leonildas
Mann hat schon vor ein paar Jahren für einen Vorläufer von Belo Sun gearbeitet und
hofft, dort bald wieder einen Job zu ergattern.
O-Ton Leonilda Silva da Conceição:
Eu não sou contra a Belo Sun não, se eles chegarem e dizer assim, assina aqui para
tirar o povo eu sou a primeira a assinar, eu não sou contra não. Tudo que eles
prometeram eles estão cumprindo. Não tinha hospital organizado, hoje em dia já
tem. Banco até agora não tem. Mas eles estão improvisando, tudo com o tempo.
Vamos ganhar aquilo que eles nos der, documento de terra nós não tem, ne, nós
vamos ver o que eles vão dar.
Übersetzerin:
Ich bin nicht gegen Belo Sun. Wenn sie mich darum bitten, zu unterschreiben, dass
die Leute umgesiedelt werden, ich würde es sofort tun. Sie halten, was sie
versprechen. Wir hatten zum Beispiel kein Krankenhaus in Ressaca, jetzt gibt es
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eins. Gut, eine Bank haben wir noch nicht. Sie improvisieren halt, alles zu seiner Zeit.
Wir werden von ihnen schon etwas bekommen. Leider haben wir keine
Besitzdokumente, mal sehen, was sie uns geben.
O-Ton Erwin Kräutler:
Ich spreche vom Aurizid, statt Genozid und Ethnozid, Aurizid. Man steckt ihnen das
Geld den Schlund hinunter, damit sie still sind.
Motorräder, Autos, ohne Zementmischmaschine
Kirchenglocken, Gesang und Klatschen in der Kirche
Sprecherin:
Abadir Lota Americo ist Motorradtaxifahrer und kennt den Bischof schon ewig. Er ist
73 Jahre alt und war selber einmal arm. Er schätzt den Bischof wegen seiner
Mildtätigkeit und liebt die Gottesdienste in der katholischen Kathedrale am Stadtplatz.
Kirchenglocken, Gesang und Klatschen in der Kirche
Autos in der Stadt, Pferdekarosse
Sprecherin:
Es ist noch nicht lange her, da fuhr Abadir Lota Americo mit einer Pferdekarosse in
der Stadt Lasten aus. Seit die Stadt so gewachsen ist, kann er gut von seiner Arbeit
leben. Pro Tag hat er mindestens 15 Touren. Heute sind seine beiden Enkel groß.
Sie sind bei ihm aufgewachsen, da seine einzige Tochter nach Hause zurückkehrte,
als ihr Mann sie verließ. Seine Enkel fanden gleich bei Eröffnung der Baustelle Arbeit
bei Belo Monte, sagt er stolz.
O-Ton Abadir Lota Americo:
Este mais novo está com 24 anos, foi criado com nós lá na roça, ele tem muito
amigo lá na firma. Ele recebe bem, porque nunca reclamou de nada, né. Agora só a
desvantagem que eu acho desta firma, eles não querem nem saber se a pessoa
adoece ou não adoece, ne. Tem que levar um atestado. Aqui é poucos médicos que
dá atestado, a maioria não gosta, não quer se compremeter, entendeu. Lá na roça
não tinha condição de ensino mais para eles, arrangei este mototaxi aqui na cidade,
vendi 26 cabaça de gado, comprei a casa aqui. Foi luta, luta, luta. Não vou enganar
não, teve um dia a minha menina pediu um real para comprar um pão e não tinha,
não tinha, a verdade tem que ser dita.
Übersetzer:
Mein jüngster Enkel ist 24 Jahre alt, er wuchs bei uns auf dem Bauernhof auf. Nun
hat er viele Freunde in der Baufirma und scheint gut zu verdienen, er hat sich noch
nie beschwert. Was ich wirklich als einen Nachteil dieser Firma finde, wenn er krank
ist, muss er ein Attest vorweisen. Aber hier geben die Ärzte nur ungern eine
Krankschreibung, sie wollen sich nicht einmischen. Auf dem Land konnten wir
damals einfach nicht bleiben, es gab keine höheren Schulen für die Kinder.
Deswegen habe ich dieses Motorrad gekauft, das hat mich 26 Rinder gekostet. Dann
habe ich mit meiner Frau ein Häuschen gekauft. Es waren harte Jahre, ich habe viel
gekämpft. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass einmal, als meine Tochter um Geld
für Brot bat, kein Geld da war.
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Stimmen, Pasteten zischen im Öl an einem Stand an der Promenade
Sprecherin:
Abends am Fluss. Obwohl es nieselt, flanieren viele Männer über die Promenade.
Eine Pastetenbäckerin rollt grüne Blätter in frischen Teig und wirft sie ins heiße Öl.
Vier junge Arbeiter stehen herum und trinken Bier.
Stimmen, Pasteten zischen im Öl an einem Stand an der Promenade
O-Ton Arbeiter der Baustelle:
Ganha pouco, mil e trezentos, mil e quinhentos. E muita gente, sai, entra. Agora
mesmo entrou muita gente agora e saiu um bocado, sabe. Salário ruim, tem deles
que acha ruim o salário. Trabalhando aqui nesta região aqui o salario aqui é baixo.
Para nós que trabalha na área civil, o salario aqui está baixo. Eu acho que é mais no
sul. Gasta um pouco na rua, deposita um bocado. O que recebe. Tem muita gente
do Maranhão aqui. Dá seis meses, passo um tempo em casa, depois procurar outra
melhor. Meus planos é isto. Comprar uma moto.
Übersetzer:
Auf der Baustelle ist ein Kommen und Gehen. Gerade jetzt sind wieder viele Neue
gekommen und viele gegangen. Wir verdienen nicht viel, so 1.300, 1.500 Reais, das
sind 400 bis 500 Euro. Der Lohn ist schlecht, aber das ist hier normal. Für uns vom
zivilen Baugewerbe ist das zu wenig Geld. Ich denke, in Südbrasilien wäre es besser.
[Wir geben nicht viel aus, mal gehen wir abends spazieren, der Rest kommt aufs
Konto. Hier arbeiten viele aus dem Bundesstaat Maranhão, so wie wir. Ich bleibe
sechs Monate und gehe dann nach Hause zurück. Dort kaufe ich ein Motorrad und
suche mir einen neuen Job.]
Stimmen, Pasteten zischen im Öl an einem Stand an der Promenade
Musik
Sprecherin:
Die Stimmung in Altamira ist nicht mehr euphorisch. Auch der Motorradtaxifahrer
Abadir Lota Americo, der sich zu den Gewinnern des Staudammbaus zählen könnte,
blickt misstrauisch in die Zukunft:
O-Ton Abadir Lota Americo:
Você está vendo este lago, bonito aqui? Vai acabar. Vai ficar difícil o peixe, quantas
pessoas vai sair fora, tem que sair fora que vai sair alagado. Vai ser triste Altamira.
Esta barragem aqui, trouxe muito serviço para a população. Mas trouxe muitos
bandidos também para perto da população. Antigamente aqui não tinha a Fédéral.
Para apertar. Ha policiamento mesmo, aperta hoje. Diz que morreu dois na feira alí.
E um lá na perimetral, que eu ouvi falar alí no ponto hoje. Tiro, briga, briga. Tinha
uns dias, eu ligava para a policia, 190. Não, liga para o guarda municipal. Ninguem
atende nada. Não adianta nada não, eu já falei um dia destes o cabra foi lá em casa
pedir voto, rapaz, eu não voto não. Eu não voto não.
Übersetzer:
Sehen sie unseren schönen Fluss? Damit ist es bald vorbei, und dann wird es auch
weniger Fische geben. Viele Leute werden die Stadt verlassen, hier wird viel
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überschwemmt werden. Traurige Zeiten für Altamira. Dieser Staudamm hat zwar
Jobs gebracht, aber hat auch viele Verbrecher hierhergelockt. Wir kamen früher ohne
Bundespolizei aus, nun ist sie da. Die machen wirklich Druck, laufen Patrouille.
Gerade hörte ich am Taxistand, dass es am Wochenende bei Schießereien drei Tote
gab. Zwei sind auf dem Markt gestorben, einer im Außenbezirk. Einmal musste ich
den Notruf anrufen, da sagten sie mir, ich solle bei der städtischen Polizei anrufen,
doch dort nimmt niemand ab. Letztens kam ein Politiker zu uns nach Hause und
fragte, ob wir ihn wählen würden. Da sagt ich ihm: „Ich habe keine Lust mehr auf die
Wahl.“
O-Ton Erwin Kräutler:
Altamira ist heute in einer Phase, die ich chaotisch nenne, da ist eine Epoche über
uns hereingebrochen, buchstäblich Chaos. Die Leute klopfen mir heute auf die
Schulter und ich gehe erhobenen Hauptes durch die Stadt, mit meinen zwei
Bodygards, und die Leute sagen, der Bischof hat recht gehabt. Ich klage die
Regierung einfach an, die sind absolut nicht interessiert, Amazonien zu retten, sind
sie nicht interessiert. Sagen sie zwar, das müssen sie vor dem Ausland sagen, sonst
kratzt es schwer am Image, aber an und für glaube ich nicht. Belo Monte wird nun
gebaut, wir haben bis zum Letzten gekämpft, dass es nicht durchgeführt wird. […]
Plan B: Schadensbegrenzung.
Sprecherin:
Derweil laufen die Planungen für drei Wasserkraftwerke am Fluss Tapajós. Er liegt
500 Kilometer westlich von Altamira. Der Tapajós hat viele Ähnlichkeiten mit dem
Xingu: Er bietet Fischreichtum, traumhaft klare Flussstrände, und unter dem
Urwaldboden Gold und andere Mineralien. Welche verschlafene Stadt wird dort bald
aus allen Nähten platzen? Brasilien ähnelt dem boomenden China. Menschenrechte,
Infrastruktur, Umweltschutz? Stehen an letzter Stelle. Die boomenden Orte werden
immer moderner und doch bleibt das Leben für die meisten Menschen dort prekär.
Vor allem im abgelegenen Amazonasgebiet.
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