katedra germanistiky

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katedra germanistiky
KATEDRA GERMANISTIKY
FILOZOFICKÁ FAKULTA
Univerzita Palackého v Olomouci
Bc. Marie Nevařilová
Berlín ve vybraných prózách německých autorů
2. poloviny 20. století
Vedoucí práce: Mgr. Sabine Voda Eschgfäller, Ph.D.
Olomouc 2014
Prohlašuji, že jsem diplomovou práci vypracovala samostatně a uvedla v ní
předepsaným způsobem všechny použité prameny a literaturu.
V Olomouci dne 5. 5. 2014
………………………….
Tímto bych chtěla poděkovat vedoucí své práce, paní Mgr. Sabine Voda Eschgfäller,
PhD., za její čas, cenné rady, komentáře a vstřícnou spolupráci.
Obsah
Einleitung und methodische Überlegungen ................................................................. 6
1
Geschichte Berlins im Zusammenhang mit der Geschichte Deutschlands in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts..................................................................... 8
1.1
Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Entstehung der BRD und der
DDR ....................................................................................................................... 8
1.2
Weitere politische Entwicklung in der BRD und DDR bis zum Bau der
Berliner Mauer ....................................................................................................... 10
2
3
1.3
Nach dem Bau der Berliner Mauer in der BRD .......................................... 11
1.4
Die Situation nach dem Mauerbau in der DDR .......................................... 14
1.5
Der Zusammenbruch der SED-Diktatur ...................................................... 15
Die Metropole Berlin in der deutschgeschriebenen Literatur ............................ 17
2.1
Berliner Prosa .............................................................................................. 17
2.2
Die Literatur Ost vs. West ........................................................................... 18
2.3
Literatur der Einwanderer............................................................................ 21
2.4
Fräuleinwunder ............................................................................................ 22
Analyse der ausgewählten Texte........................................................................ 24
3.1
Thomas Brussig ........................................................................................... 24
3.2
Am kürzeren Ende der Sonnenallee ............................................................ 25
3.2.1 Die Reflexion der Potsdamer Konferenz .................................................. 26
3.2.2 Das Alltagleben am kürzeren Ende der Sonnenallee ................................ 26
3.2.3 Die politische Dimension des Lebens ....................................................... 28
3.2.4 Die Liebe und das Erwachsenwerden ....................................................... 31
3.3
Emine Sevgi Özdamar ................................................................................. 33
3.4
Mutterzunge und Großvaterzunge ............................................................... 34
3.4.1 Wiedergabe der historischen und politischen Ereignisse .......................... 35
3.4.2 Alltagleben ................................................................................................ 37
3.4.3 Die Rolle der Liebe und Religion ............................................................. 39
4
Komparation der analysierten Texte .................................................................. 42
4.1
Der Erzähler ................................................................................................ 42
4.2
Die Erzählzeit und die erzählte Zeit ............................................................ 44
4.3
Der Raum .................................................................................................... 47
4.4
Die Figuren .................................................................................................. 49
4.5
Die Symbole ................................................................................................ 51
Zusammenfassung ...................................................................................................... 53
Resümee ..................................................................................................................... 57
Literaturverzeichnis.................................................................................................... 58
Annotation .................................................................................................................. 63
Einleitung und methodische Überlegungen
In dieser Diplomarbeit, die den Titel Berlin in ausgewählten Prosatexten
deutscher Autoren in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts trägt, befassen wir uns mit
dem Raum der Berliner Metropole und seinem literarischen Abbild in der deutschen
Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Berlin wird im Laufe des 20. Jahrhunderts zu
einer Stadt, wo die besondere politische, kulturelle und gesellschaftliche
Entwicklung einem neuen Trend entstehen lässt. Man spricht von der sog. Berliner
Prosa, die als Gesamtheit aller Texte, deren Autoren aus Berlin stammen, in Berlin
leben oder die Stadt nur schöpferisch darstellen, definiert wird.1 Dank der
Globalisierung handelt es sich nicht mehr nur um die deutschen Schriftsteller, die
über die deutsche Metropole schreiben, sondern man kann auch die Zunahme der
Werke ausländischer Literaten beobachten. Eine der markantesten Gruppen stellen
die türkischen Autoren dar, die sich seit den 60er Jahre in Deutschland niederlassen.
Das Ziel unserer Arbeit ist es, die literarische Darstellung der einheimischen
Schriftsteller und der türkischen Immigranten anhand zweier ausgewählter Werke zu
vergleichen. Wir haben zwei weltweit bekannte Texte ausgewählt, den Roman Am
kürzeren Ende der Sonnenallee, der von Thomas Brussig 1999 geschrieben wurde,
und den Erzählband Mutterzunge, der von der türkischen Schriftstellerin Emine
Sevgi Özdamar stammt, wobei wir uns nur auf die zwei ersten Erzählungen
Mutterzunge und Großvaterzunge beschränken, denn (im Gegensatz zu den
restlichen Erzählungen) sie entwickeln dieselbe Handlung und spielen sich
überwiegend in Berlin ab. Diese Texte weisen viele gemeinsame Merkmale auf –
beide spielen in der Zeit der Teilung Berlins, beschreiben das Alltagleben in der
Umgebung der Berliner Mauer, beschäftigen sich mit der menschlichen Identität und
bearbeiten das Motiv der Liebe. Die Länge beider Texte ist vergleichbar, sie sind
beide in den 90er Jahren herausgegeben worden, d. h. nach dem Mauerfall, aber
trotzdem thematisieren sie ihre Existenz. Wir wollen feststellen, inwieweit die
Auswahl der Themen und Motive dieser Berliner-Prosa-Werke von der Herkunft des
Autors abhängig ist.
1
LANGER, Phil C. Kein Ort. Überall. Die Einschreibung von „Berlin“ in die deutsche Literatur der
neunziger Jahre. Berlin, WEIDLER Buchverlag, 2002. S. 35–37.
6
Die Diplomarbeit beginnt mit einem Umriss der wichtigsten Ereignisse der
deutschen Geschichte. Der Überblick sollte uns zum Verständnis der politischen
Dimension der Texte helfen. Darauf folgt die Definition der Berliner Prosa, die
Kategorisierung der Schriftsteller in Generationen nach den thematischen
Ähnlichkeiten der Prosatexte und nach der Herkunft der Autoren, indem wir erstens
die deutsch-deutsche (d. h. Ost vs. West) Literatur und zweitens die Bedeutung der
türkischen Autoren im Bereich der Berliner Prosa beschreiben. Die Basis der
Gliederung geht von Phil. C. Langers Arbeit über die Einschreibung von Berlin in
die deutsche Literatur der 90er Jahre aus, denn Langer beobachtet diesen
literarischen Trend aus möglichst vielen Blickwinkeln. Im dritten Teil der
Diplomarbeit konzentrieren wir uns auf die Analyse der ausgewählten Texte, die wir
aus thematischer Sicht durchführen. Daran knüpft das zweite analytische Kapitel an,
die die Erzählungskomponente (den Erzählertyp, die Erzählzeit und die erzählte Zeit,
den Raum, die Figuren und die Symbole) beider Texte im Vergleich behandelt. Als
theoretische Grundlage der Analyse verwenden wir die literaturtheoretischen
Schriften von Stanzel (Theorie des Erzählens2 und Typische Formen des Romans3)
und Genette (Die Erzählung4), weil Stanzel ganz präzis die Erzählsituationen
beschreibt, die in unseren ausgewählten Texten vorkommen. Bei der Analyse der
Kategorie Zeit wollen wir außer der Erzählzeit und der erzählten Zeit noch die
zeitlichen Abweichungen von der Handlungshauptlinie charakterisieren, deshalb
gehen wir von Genette aus, denn er behandelt die vorkommenden zeitlichen
Unregelmäßigkeiten sehr ausführlich und ermittelt die Gründe ihres Auftretens. Die
Synthese der Ergebnisse führen wir in der Zusammenfassung dieser Arbeit an.
2
STANZEL, Franz K. Theorie des Erzählens. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1979.
STANZEL, Franz K. Typische Formen des Romans. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1972.
4
GENETTE, Gérard. Die Erzählung. Stuttgart, Wilhelm Fink, 2010.
3
7
1 Geschichte Berlins im Zusammenhang mit der Geschichte
Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Deutschland mit seiner Hauptstadt Berlin stand in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts im Zentrum fast aller wichtigen politischen Ereignisse. Kein Wunder,
dass es
viele Schriftsteller gab (und immer noch gibt), die diese sonderbare
politische, gesellschaftliche und kulturelle Situation beeinflusste und zur literarischen
Tätigkeit inspirierte. Wenn wir annehmen, dass die Auswahl der Themen und ihre
Verarbeitung von dem historischen Geschehen bestimmt werden, ist es für richtige
Interpretation der ausgewählten Werke wichtig, einen Überblick der bedeutendsten
Momente Geschichte Deutschlands, bzw. Berlins anzuführen.
1.1 Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Entstehung der BRD und der
DDR
Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist mit der Eroberung und Plünderung der
deutschen Metropole verbunden. Im April 1945 drangen zahlreiche Truppen der
Sowjetischen Armee in Berlin ein. Am 21. April fand die Schlacht um Berlin statt,
die das Aussehen der Stadt für immer veränderte. Ein paar Tage später, am 1. Mai
wurde, als Symbol der Niederlage des NS-Regimes und als Symbol des Triumphs
der Sowjets, die sowjetische Fahne am Gebäude des Reichstags aufgehängt. Wenige
Tage danach kam er zur Kapitulation Berlins, was den Krieg endete.5
Im Juli 1945 begann im Potsdamer Schloss Cecilienhof die Friedenkonferenz,
die die Zukunft Europas nach dem Zweiten Weltkrieg lösen sollte. Die Vertreter der
Siegermächte – der sowjetische Diktator Stalin, der US-Präsident Truman und der
britische Premier Churchill wollten die Reste der NS-Herrschaft abschaffen und die
Situation in Deutschland streng kontrollieren. Sie hatten jedoch verschiedene
Vorstellungen darüber, wie es aussehen sollte. Vor allem Stalin wollte für sich die
größte Einflusssphäre gewinnen. Nach vielen Verhandlungen teilten sie Deutschland
und Berlin in vier Besatzungszonen und zwar in eine französische, britische,
Berlin im Nationalsozialismus [online]. Aufgerufen am: 6. 1. 2014. http://www.berlin.de/berlin-imueberblick/geschichte/nationalsozialsmus.de.html.
5
8
amerikanische und sowjetische Zone. Die Teile der westlichen Siegermächte wurden
in ein Ganze verbunden und von den West-Alliierten verwaltet.6
Der Zweite Weltkrieg hatte katastrophale Folgen für die deutsche Wirtschaft.
Die Menschen litten unter dem Mangel an Lebensmitteln. Nicht nur die
westalliierten Verwaltungsvertreter sondern auch die Sowjetunion wollte die
deutsche Wirtschaft wiederbeleben. Die Alliierten wählten sich zu diesem Zweck
eine Währungsreform aus. Am 20. Juni 1948 versuchten sie die Kaufkraft durch die
Einführung neuer Währung, der D-Mark, zu stärken, damit Deutschland zu einem
funktionierenden Staat wurde.7 Dieses erneute Wirtschaftsleben begann sich langsam
dem westlichen, an Konsum gerichteten Lebensstil zu ähneln. Die Einführung der
neuen Währung erregte im östlichen Teil Deutschlands eine Welle von Begeisterung
und Hoffnung, dass auch dieses Landesgebiet solche Hilfe bekäme. Das wollte aber
Stalin nicht akzeptieren, deshalb eröffnete er Blockade aller Landwege nach
Westberlin. Die Versorgung Westberlins wurde durch eine Luftbrücke realisiert. Die
Tatsache, dass die Alliierten den Deutschen diese Krise zu überwinden halfen, führte
zur Veränderung der Verhältnisse zwischen den beiden Seiten, weil die Besiegten die
Alliierten immer mehr positiver betrachteten.8
Die Alliierten wollten auf dem Gebiet ihrer Besatzungszonen einen Staat
schaffen, dessen Lebensdauer ursprünglich nur vorläufig sein sollte. Am 23. Mai
1949 kam es zur offiziellen Gründung der Bundesrepublik Deutschland aus den
westlichen Besatzungszonen. Der Sitz des Bundestags wurde in Bonn festgelegt.
Darauf reagierte Stalin auch mit Gründung eines neuen sozialistischen Staats, der in
den Augen der Westalliierten als ein demokratischer Staat aussehen sollte, aber in
der Wirklichkeit regelte er alles aus der Sowjetunion. Der neue Staat entstand am 7.
Oktober 1949. Zur Hauptstadt der DDR wurde Ost-Berlin. Die Entstehung der neuen
Staaten befestigte die divergente Entwicklung beider Gebiete.9
6
ZÜCKERT, Gudula – ZÜCKERT, Ulrich. Eine getrennte Geschichte. Bamberg, C. C. Buchner,
1993. S. 5–6.
7
HARBECKE, Ulrich. Abenteuer Deutschland. Von der Teilung zur Einheit. Bergisch Gladbach,
Gustav Lübbe Verlag, 1990. S. 27–28.
8
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. München, Bayerische Landeszentrale für
politische Bildungsarbeit, 2010. S. 42–44.
9
Ebenda, S. 44–47.
9
1.2 Weitere politische Entwicklung in der BRD und DDR bis zum Bau der
Berliner Mauer
Nach der Entstehung der BRD regierte im Land eine demokratische gewählte
Regierung, die aber noch unter der Kontrolle der Westalliierten (in der Form der sog.
drei Hohen Kommissare) stand. Zum Bundeskanzler wurde Konrad Adenauer, der
sich die schrittweise Wiedergewinnung der Souveränität als Ziel setzte. Die BRD
orientierte sich in der Politik und Wirtschaft auf Westen. Dank der finanziellen
Unterstützung (v. a. seitens der USA) erlebte die neu entstandene Republik einen
wirtschaftlichen Aufschwung, der als Wirtschaftswunder bezeichnet wird. Die BRD
wurde immer mehr in die internationale Politik und Wirtschaft integriert, sie wurde
zum Mitglied der OEEC, NATO usw. Auch die jahrhundertlange Feindschaft
zwischen den Deutschen und den Franzosen wurde mit Hilfe von einem
Freundschaftsvertrag (1963) geendet. Die Besatzung Deutschlands wurde offiziell
(im Westen und auch im Osten) im Jahre 1955 beendet.
Die neue demokratische Regierung musste aber auch mit manchen Problemen
ringen. Viele Regierungskritiker verübelten Adenauer, dass er die Vergangenheit
schnell vergaß, denn er viele ehemaligen Nazis in die Regierung integrierte. Nicht
nur dieses, sondern auch mehrere andere Gründe (wie z. B. die Spiegel-Affäre im
Herbst 1962) führten dazu, dass im Oktober 1963 Adenauer zurücktrat. Zum
nächsten Bundeskanzler wurde Ludwig Erhart.10
Während in der BRD eine demokratische Regierung herrschte, zeichnete sich
die Verwaltung in der DDR durch die Parteidiktatur der SED aus. An der Spitze der
Regierung stand Walter Ulbricht, der die Verwaltung auf das sowjetische Modell
ausrichtete – die Staatswirtschaft wurde zentral gelenkt, die Betriebe wurden
verstaatlicht, die Landwirtschaft wurde kollektiviert. Es wurde eine politische
Geheimpolizei eingeführt, die viele Menschen verfolgte und abhörte.
Nicht nur die Politik, sondern auch das private Leben wurden gleichschaltet –
es entstanden viele Massenorganisationen wie Gewerkschaften, Jugendverbände,
Frauenorganisationen, die von der SED geregelt wurden. Seitens der Bewohner
verlier das Regime immer mehr an Sympathien, denn im Vergleich mit der BRD
kam es in der DDR zu keiner Verbesserung der Lebensverhältnisse. Manche
10
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. S. 57–73.
10
Menschen flohen deshalb nach Westen (zwischen 1949 und 1961 flohen etwa 2,7
Mio.
Menschen),
manche
versuchten
gegen
die
Verschlechterung
des
Lebensstandards zu kämpfen. Im Jahre 1953 verbreiteten sich Unruhungen unter den
Arbeitern, die am 17. Juni zuerst zu einem Streik in Berlin und später zu einem
Volksaufstand in allen Industriezentren der DDR führten. Sie forderten die freien
Wahlen, wirtschaftliche Reformen und Beseitigung des Ulbricht-Regimes. Der
Aufstand wurde von der Roten Armee mit Gewalt unterdrückt.
Da die Zahl der Flüchtlinge nach Westen ständig wuchs, drohte der DDR ein
Wirtschaftskollaps. Um ihn zu verhindern, entschied sich Ostdeutschland für eine
radikale Lösung. In der Nacht vom 12. zum 13. August 1961 wurde die Grenze
zwischen dem westlichen und östlichen Teil Berlins durch einen Stacheldrahtverhaue
und später durch eine Mauer abgetrennt.11
1.3 Nach dem Bau der Berliner Mauer in der BRD
Obwohl der neue Regierungschef der Vater des Wirtschaftswunders, Ludwig
Erhart, war, stoppte in den 60er Jahren das wirtschaftliche Wachstum und kam es in
der BRD zu einer wirtschaftlichen Krise. Einer der Gründe dazu war auch der
Mangel an deutschen Arbeitskräften. 1961 vereinbarte die Türkei und die BRD ein
Anwerbeabkommen mit beschränkter Arbeitsdauer von 2 Jahren. Danach sollten die
Türken Deutschland verlassen und in die Türkei zurückkehren. Die Bedingungen
veränderten sich anfangs der 70er Jahren und die Gastarbeiter begannen sich in der
BRD mit ihren ganzen Familien niederzulassen. Dieses war aber seit der Zeit der
Ölkrise unerwünscht. Infolgedessen wurden die Bedingungen immer mehr
verschärft. Trotzdem ist in der Bundesrepublik nicht nur eine große Kommunität der
Türken, aber auch der Polen, Griechen, Kroaten und Italiener entstanden.12
Die Unzufriedenheit der Menschen führte zu Neuwahlen, die Kurt Georg
Kiesinger gewann. Es entstand neue christlich-liberale Koalition (die sog. Große
Koalition), die die Krise zu lösen begann.13 Die Veränderung betraf auch die
Einmischung des Staats in das private Leben der Menschen. Die Gesellschaft wurde
nach Jürgen Weber modernisiert und liberalisiert:
11
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. S. 89–96.
DAYI, Serna. 50 Jahre Deutsch-türkisches Anwerbeabkommen. Bonn, Bundeszentrale für
politische Bildung, 2011. S. 4–6.
13
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. S. 105–111.
12
11
„Der Staat zog sich aus den Schlafzimmern seiner Bürger zurück, Ehebruch und
Homosexualität bei Erwachsenen waren nicht mehr strafbar.“14
Die 60er Jahren zeichneten sich neben der wirtschaftlichen Krise und den
gesellschaftlichen Reformen durch die innenpolitische Instabilität aus. Es wurde eine
neue rechtsextreme nationalistische Partei NDP gegründet, die bis 1969 sogar in
manchen Parlamenten tagte. Die stärkste Gruppe, die sich oppositionell gegen die
damalige Regierung stellte, war die Außenparlamentarische Opposition (APO), eine
Organisation, die aus der akademischen Jugend entstand. Diese Gruppe kritisierte die
absolute Macht der Großen Koalition, die im Parlament kein Gegengewicht hatte.
Die Unzufriedenheit der jüngeren Generation hatte aber noch weitere Gründe. Viele
Studenten protestierten gegen den Vietnamkrieg, der eine tiefe Krise des Vertrauens
der Westdeutschen gegenüber den Amerikanern verursachte.15 Gleichzeitig trat die
junge Generation gegen die NS-Vergangenheit der Elterngeneration auf. Alle diese
Proteste eskalierten mit dem Besuch des diktatorischen Schachs von Persien im Juni
1967, wann bei einer Revolte ein Student starb.16 Die Protestbewegung beruhigte
sich bis Ende der 60er Jahren, die Teilnehmer suchte sich eine neue Weise des
Kampfes aus und eine kleine Minderheit von den Unzufriedenen formte sich sogar in
eine terroristische Gruppe.
Die Wahlen im Jahre 1969 brachten eine Veränderung in der westdeutschen
Politik. Zum neuen Bundeskanzler wurde Willy Brandt ernannt, der sich um
Verbesserung der Beziehungen mit der Sowjetunion und anderen Staaten des
Warschauer Pakts bemühte. Diese charismatische Persönlichkeit sprach viele jungen
Menschen an. Er wurde als Repräsentant des anderen, neuen Deutschlands
angesehen, ohne Nazivergangenheit. Wie schon gesagt wurde, propagierte Brandt die
Verständigungspolitik mit dem Osten. Er begann mit dem Regierungschef der DDR
über gemeinsame Zusammenarbeit und über die Anerkennung der Existenz der DDR
seitens der BRD (und anderen westeuropäischen Länder) zu verhandeln. In den 70er
Jahren wurde auch heftiger die Position Westberlins diskutiert. Die BRD strebte nach
Verbesserung des Lebens in Westberlin, v. a. durch die Stärkung der
Wegeverbindungen an die Bundesrepublik.17
14
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. S. 112.
ZÜCKERT, Gudula – ZÜCKERT, Ulrich. Eine getrennte Geschichte. S. 71–72.
16
HARBECKE, Ulrich. Abenteuer Deutschland. Von der Teilung zur Einheit. S. 136–142.
17
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. S. 147–160.
15
12
Die 70er Jahren zeichneten sich aber nicht nur durch dir Annäherung der
beiden deutschen Staaten, sondern auch durch eine große Wirtschaftskrise und durch
die Radikalisierung des Kampfes der Protestbewegungen gegen die politische Elite
des Staates. Helmut Schmidt, der seit 1974 das Kanzleiamt vertrat, hatte zwar viele
Erfahrungen in Fragen der Sicherheits-, Verteidigungspolitik, der Wirtschafts- und
Finanzpolitik, aber er war gegenüber der Ölkrise, die im Jahre 1973 die ganze Welt
traf, völlig machtlos. Das Krisenbewusstsein verstärkte noch die gegnerischen
Gefühle der jungen Generation, deren kleiner Teil zum Terrorismus griff. Die RAF
(Rote Armee Fraktion), mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und
Horst Mahler an der Spitze, wollte die Massen zum Kampf gegen die politische und
gesellschaftliche Elite, gegen die „Unterdrücker“ mobilisieren. Während der 70er
Jahre entführten und ermordeten sie viele Politiker.18 Der Kern der RAF wurde schon
1972 verhaftet, der Terror aber fortsetzte. Die terroristische Tätigkeit der RAF
eskalierte im Jahre 1977, wann sie den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin
Schleyer und eine Lufthansa-Maschine entführten. Die RAF-Mitglieder verlangen
die Freilassung von RAF-Häftlingen. Nachdem die Aktion gescheitert hatte,
begingen drei von den RAF-Terroristen im Gefängnis Selbstmord.19
In den 80er Jahren verschob sich die Krise in den auslandspolitischen
Bereich. Es entstand eine neue Krise zwischen der Sowjetunion und den
Amerikanern und zwar wegen der Stationierung der atomaren Mittelstreckenraketen.
Die Angst der Menschen vor einem Atomkrieg und ihre Unzufriedenheit mit
bestehendem Zustand führten zur Entstehung vieler Friedensbewegungen und
schließlich auch zum Misstrauensvotum der politischen Opposition, das 1982 die
Veränderung der Regierung verursachte.20 Helmut Kohl wurde als Regierungschef
kein populärer Politiker. Er konzentrierte sich v. a. auf die Erneuerung eigener Partei
(CDU) und auf die Stabilisierung der innenpolitischen und wirtschaftlichen
Situation. Helmut Kohl trat aber auch als Kritiker des SED-Regimes auf und
versuchte, die Beziehungen zwischen der DDR und der BRD weiter zu
normalisieren.21
18
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. S. 167–178.
ZÜCKERT, Gudula – ZÜCKERT, Ulrich. Eine getrennte Geschichte. S. 98–100.
20
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. S. 179–186.
21
Ebenda, S. 223–239.
19
13
1.4 Die Situation nach dem Mauerbau in der DDR
Da in den 50er und 60er Jahren viele Menschen aus der DDR in die BRD
flüchteten, diente die Berliner Mauer dem SED-Regime als Schutz vor dem
wirtschaftlichen Kollaps und zur Stabilisierung der SED-Herrschaft. Die Grenze
wurde streng überwacht und mit den Schutzwaffen gegen sog. „Grenzverbrecher“
ausgerüstet. Niemand konnte die Republik verlassen und der Mensch, der bei einem
Fluchtversuch verhaftet wurde, wurde als Staatsverbrecher behandelt.
Die Bewohner der DDR wurden auf verschiedene Art und Weise
eingeschüchtert, deshalb lebten viele von ihnen in einer Doppelexistenz, wenn sie
das private Leben vor der Öffentlichkeit schützten. Es gab viele Einschränkungen
auch im Bereich der Kunst – manche Schriftsteller hatten ein Schreibverbot und
konnten nichts publizieren, es gab auch Liste der verbotenen Musiker, Philosophen,
Filmemacher usw.
Die Wirtschaft wurde (nach den Direktiven aus Moskau) zentral gelenkt. Der
Parteiführer Walter Ulrich bestand auf der kompromisslosen ideologischen Starrheit
und verstand sich selbst als Vollstrecker der kommunistischen Revolution.22 Er
wollte in den ideologischen und politischen Fragen die Eigenständigkeit der DDR
demonstrieren und das stellte für Moskau ein Problem dar. Deshalb wurde er durch
Erich Honecker im Jahre 1971 ersetzt.
Mit Honecker verbesserte sich ein bisschen das Leben der DDR-Bewohner.
Er gewährte den Menschen kleine Freiheiten, um die grundsätzliche Unfreiheit
abzulenken. Die ersten Jahre seiner Regierung wurden sogar positiv und
hoffnungsvoll angesehen. Die Bewohner lebten im höheren Lebensstandard – die
Löhne und Renten wurden erhöht, die berufstätigen Mütter begünstigt, die
Arbeitszeiten verkürzt und die Haushalte besser ausgestattet. Diese soziale
Unterstützung verursachte jedoch starke Verschuldung der DDR.
Die Liberalität, die mit Honecker käme, war leider nur Fassade, Honecker
wollte alles unter Kontrolle haben. Dazu half ihm der Staatsicherheitsdienst, d. h. ein
dichtes Netz von Spitzeln und Zuträgern, die die Republik vor Staatsfeinden
schützten sollten. Die Regimekritiker wurden streng bestraft. Einer der berühmtesten
Fälle war die Ausbürgerung von Wolf Biermann im Jahre 1976. Dem kritischen
22
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. S. 127–135.
14
Liedermacher wurde gegen seinen Willen während einer Konzertreise in der BRD
die Rückkehr in die DDR verwehrt.
Im Laufe der letzen paar Jahre des SED-Regimes vertiefte sich die
Unzufriedenheit der DDR-Bürger immer mehr. Trotz mancher humanitärer
Erleichterungen, die die BRD den Bürgern der DDR (v. a. Ostberlins) durch
finanzielle Unterstützung sicherte, herrschte im Land Versorgungsmangel und die
Spannung zwischen der Führung und der Bevölkerung ständig wuchs.23
1.5 Der Zusammenbruch der SED-Diktatur
In der zweiten Hälfte der 80er Jahren begann sich die Situation auch in der
Sowjetunion zu verändern. Michail Sergejewitsch Gorbatschow pflegte mehr die
Beziehungen mit dem Westen, führte Verhandlungen mit den USA, z. B. über die
Entspannung und Abrüstung Europas und setzte sich als Ziel, den kalten Krieg zu
beenden.24 Er wollte die sozialistische Gesellschaft reformieren, den Sozialismus
leistungsfähiger machen. Die sozialistischen Länder sollten jetzt über eigene Zukunft
selbst
entscheiden.
Diese
Reformbegeisterung
teilte
Erich
Honecker
mit
Gorbatschow nicht.25
Den
Zusammenbruch
des
Ostblocks
zeichneten
die
politischen
Veränderungen in Polen und Ungarn vor. In der DDR wurden die Probleme des
Regimes lange durch die Propaganda verdeckt. Die Massenproteste in der DDR
begannen im Oktober 1989 in Leipzig und verbreiteten sich in viele ostdeutsche
Städte. Die Ostdeutschen wollten Freiheit und durch eine friedliche Revolution das
politische Regime umwandeln. Im November wurde die staatliche Grenze zu der
Tschechoslowakei geöffnet, was eine Massenflucht durch die Tschechoslowakei
nach Westen ermöglichte. Um das zu verhindern, entschied sich die Führung der
DDR die Reisefreiheit gesetzlich festzulegen. Am 9. November 1989 fiel die
Berliner Mauer.
Wenige Tage nach dem Mauerfall ging die friedliche Revolution weiter. Die
DDR-Bürger forderten freie Wahlen, an denen sie am 18. März 1990 erstmals
teilnahmen. Über die Zukunft des Landes und besonders über die Vereinigung
Deutschlands wurde dann heftig diskutiert (z. B. SPD war gegen die schnelle
23
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. S. 193–210.
Ebenda, S. 257–259.
25
Ebenda, S. 265–266.
24
15
Vereinigung). Am 3. Oktober 1990 wurde die staatliche Vereinigung unterschrieben,
die innere Vereinigung stand jedoch am Anfang.26
26
WINKLER, Heinrich August. 1989/90: Die unverhoffte Einheit. In: STERN, Carola – WINKLER,
Heinrich August, eds. Wendepunkte deutscher Geschichte. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch
Verlag, 1994. S. 193–226.
16
2 Die Metropole Berlin in der deutschgeschriebenen Literatur
In der Geschichte der Literatur passiert es manchmal, dass der Raum zur
essentiellen Voraussetzung zur Entstehung eines besonderen Typs der Literatur wird.
Der bestimmt bekannteste Fall betrifft die Prager (deutsche) Literatur. In der zweiten
Hälfte und vor allem am Ende des 20. Jahrhunderts spielt die deutsche Metropole
Berlin eine ähnliche Rolle. Durch besondere politische Entwicklung wurde die Stadt
zu einem Mythos27, der aufgrund vieler Gegensätze (im politischen, historischen und
kulturellen Bereich), die aufeinanderstoßen, entstand.
Im folgenden Kapitel beschäftigen wir uns mit der Erklärung des Begriffs
Berliner Prosa, der im Zusammenhang mit diesem besonderen Phänomen verwendet
wird. Danach folgt die Gliederung der Berliner Prosa in Kategorien nach der
Herkunft der Autoren, denn das Ziel unserer Arbeit ist, die Gemeinsamkeiten und die
Unterschiede der Verarbeitung im Zusammenhang mit das Herkunftsland der
Autoren von der Berliner Prosatexten zu untersuchen. Wir unterscheiden ostdeutsche
und westdeutsche Schriftsteller und die einheimische Literatur einerseits und die
Literatur der deutschen Immigranten andererseits. In der Gruppe der von den
Immigranten geschriebenen Literatur beschränken wir uns nur auf die Autoren
türkischer Herkunft, damit wir eine theoretische Grundlage für die darauffolgende
Analyse der zwei ausgewählten Texte haben. Dieses Kapitel schließen wir mit der
Beschreibung eines bedeutenden Trends innerhalb der Berliner Prosa, dem sog.
Fräuleinwunder.
2.1 Berliner Prosa
Die Berliner Prosa stellt einen besonderen Fall der (post)modernen Literatur
dar, in der die zentrale Rolle des Raumes im Vordergrund steht. Die Thematisierung
Berlins ist in der deutschen Literatur nichts Neues. Schon seit dem Beginn des 20.
Jahrhunderts wurde Berlin in den Werken von Erich Kästner, Alfred Döblin, Franz
Hessel oder Walter Benjamin abgebildet. Ihre literarischen Texte reflektierten die
Krise der damaligen Gesellschaft gemeinsam mit der negativen Seite des
27
Vgl. MAGRIS, Claudio. Der habsburgische Mythos in der modernen österreichischen Literatur.
Wien, Zsolnay, 2000.
17
Großstadtlebens und die Autoren suchten mit Hilfe von ihrer schöpfenden Tätigkeit
nach neuen Orientierungs- und Handlungsparadigmen.28
Seit der politischen Wende ist es möglich zu beobachten, dass sich die
Berliner Prosa zu einem neuen Trend in der Literatur entwickelt. Der Umsturz in
DDR und die darauf folgende Wiedervereinigung Deutschlands sind durch einen
Boom der mit Berlin verbundenen Literatur gekennzeichnet. Es entstand ein neuer
Raum für die Literatur, die am Anfang hauptsächlich die Erinnerung an die jüngste
Geschichte verarbeitete. Die Zunahme der Berliner Prosa hängt auch mit der Suche
nach neuen verbindlichen Wertmaßstäben und Handlungsnormen, die zur
Stabilisierung der Gesellschaft führen sollten, zusammen. Die Schriftsteller
projizierten ihre Hoffnungen, Wünschen und Ängste in die wiedervereinigte Stadt.
Nach Phil C. Langer zählen wir nicht nur die Autoren zu der Berliner Prosa,
die aus Berlin stammten/stammen, sonder auch die Künstler, die in Berlin nur für
eine bestimmte Zeit lebten/leben oder die sich diese Metropole als ihr Schreibort
wählten. Weder die Thematisierung noch die Darstellung des Berliner Raums ist ein
bestimmendes Merkmal, denn die Texte sind sehr vielfältig. Es handelt sich um
verschiede Formen der Texte – manche bilden das Leben in Berlin realistisch ab,
manche Texte sind eher experimentell, die der Stadt nicht gänzlich gewidmet werden
müssen, andere Werke erzählen quasi-autobiographische Storys über dem Mauerfall
und es gibt auch solche Bücher, in denen Berlin überhaupt nicht vorkommt und die
mit der Stadt nur z. B. durch den Titel verbunden sind. Auch die Form der
prosaischen Werke ist verschiedenartig – von (Tagebuch)Romane, Erzählungen, bis
zu Autobiographien, Essays usw. Was sie aber gemeinsam haben, ist, dass sie das
mythische und mystische Ambiente der Stadt verarbeiten.29
2.2 Die Literatur Ost vs. West
In der Literatur der ostdeutschen und der westdeutschen Autoren können wir
gewisse unterschiedliche Tendenzen beobachten, was nach der jahrelangen
getrennten Entwicklung der beiden Teilen Deutschlands keine Überraschung ist. Der
Umbruch dieser Entwicklung ist mit dem Fall der Berliner Mauer zu verbinden.
Nach diesem Ereignis begann der Prozess der kulturellen und gesellschaftlichen
28
LANGER, Phil C. Kein Ort. Überall. Die Einschreibung von „Berlin“ in die deutsche Literatur
der neunziger Jahre. S. 19–20.
29
Ebenda, S. 20–40.
18
Wiedernäherung der beiden Staaten, die in der Literatur durch das gemeinsame
thematische Feld gezeichnet wurde, und zwar durch die politische Wende und den
Weg nach der Wiedervereinigung.30 Die Vorstellung, dass in einem Jahr nach so
langer Zeit (von dem Mauerfall bis zur Wiedervereinigung Deutschlands) eine
einheitliche Kultur der Trennung entstanden konnte, ist bestimmt unsinnig.
Deutschland wurde zwar 1990 staatlich wiedervereinigt, aber der Prozess des
kulturellen Nahebringens stellte einen langen Weg dar was auch zum Thema
mancher Texte der Berliner Literatur wurde. Im folgenden Abschnitt befassen wir
uns mit der thematischen Verschiedenheit bei den Berliner-Prosa-Schriftstellern, die
aus Ost- oder Westberlin (oder auch Ost- oder Westdeutschland) stammen, und
versuchen
außer
den
deutsch-deutschen
Differenzen
auch
die
Generationsunterschiede zu beschreiben.
Wenn wir über die Berliner Literatur sprechen, ist es für die Beschreibung der
Unterschiede zwischen Ost und West zentral, von der Weise der Thematisierung
Berlins auszugehen. Während die ostdeutschen Autoren die Stadt schon in der Zeit
der Existenz beider deutschen Staaten thematisieren, fangen die meisten
westdeutschen Autoren an, die Stadt erst nach dem Mauerfall literarisch darzustellen.
Wir müssen aber auch nicht vergessen, dass in der DDR durften nur solche Texte
herausgegeben wurden, die unter dem Einfluss des sozialistischen Realismus
geschaffen worden waren. Die Menge der kritischen Texte, die von den ostdeutschen
Autoren stammte, konnte erst nach dem Mauerfall publiziert werden.31 Im Osten
wird allgemein Berlin als ein Erinnerungsort präsentiert, d. h. die Künstler
verarbeiten folgende Themenbereiche: das politische und soziale Alltagsleben in der
DDR, die Entwicklung eines Individuums oder einer Identität in der feindseligen
Gesellschaft und letztlich die Eigenverantwortlichkeit des Handelns in einer
diktatorischen Gesellschaft.32 Aber viele der ehemaligen DDR-Schriftsteller
schildern das verlorene Vaterland auch mit bestimmten Maß der Nostalgie (z. B.
30
BRÜNS, Elke. Nach dem Mauerfall. Eine Literaturgeschichte der Entgrenzung. München, Wilhelm
Fink Verlag, 2006. S. 16.
31
LANGER, Phil C. Kein Ort. Überall. Die Einschreibung von „Berlin“ in die deutsche Literatur
der neunziger Jahre. S. 35.
32
ERB, Andreas. „Neues gibt aus den Städten – aus den Städten gibt es nichts“. Peter Wawerzineks
Berlin. In: ERB, Andreas, Hrsg. Baustelle Gegenwartsliteratur. Die neunziger Jahre. Wiesbaden,
Westdeutscher Verlag, 1998. S. 167
19
Thomas Brussig im Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee).33 Dagegen wird im
Westen die deutsche Metropole als eine dynamische Baustelle, die ihre Bewohner
mit ihren Widersprüchen fasziniert, und als Inszenierungsort abgebildet. 34
Der Unterschied zwischen den ost- und westdeutschen Texten steht nach Phil
C. Langer nicht im Vordergrund der Forschung der Berliner Literatur, weil es vor
allem in der Kategorie der Themen viele Gemeinsamkeiten gibt, die in den Texten
der beiden Gruppen vorkommen. Die Ereignisse von 1989/1990 verursachten, dass
sich eine Menge von Autoren mit dem Raum Berlins in der Literatur zu beschäftigen
begann. Langer geht in seiner Generationsgliederung von Andreas Schumann aus,
der innerhalb der Berliner Prosa drei Generationen unterscheidet:
a) die ältere Generation,
b) die mittlere Generation,
c) die jüngere Generation.
Die ältere Generation besteht aus Schriftstellern, die vor dem Jahr 1930 geboren
waren. Günter Grass, Christa Wolf, Martin Walser u. a. verarbeiteten in seinen
Werken Themen wie der Nationalsozialismus, Krieg oder Ost-West-Konflikt. Es
handelt sich um politisch und gesellschaftlich orientierte Texte, die das Verhältnis
vom Individuum und der Gesellschaft literarisch verarbeiten. Berlin funktioniert in
diesen
Werken
als
Ort
der
nationaler
Identität
und
individueller
Vergangenheitsbewältigung. Die mittlere Generation versammelt die Schriftsteller,
die um 1968 etwa 30jährig waren. Sie widmeten sich entweder der NSVergangenheit, Wiederaufbau und Adenauerzeit (im Westen) oder der Gründerzeit
der DDR (im Osten). Ihre Romane und Erzählungen sind immer noch teilweise
politisch und kritisch, aber die Mehrheit zeichnet sich durch Selbstreflexivität und
Subjektivität durch. Zu den Vertretern der mittleren Generation zählen wir Botho
Strauß, Friedrich Christian Delius oder Irina Liebmann. Die dritte Gruppe, die sog.
junge Generation, vertreten Thomas Meinecke, Judith Hermann, Thomas Brussig,
Ulrich Woelk, Tim Steffel usw. Sie schaffen keine gesellschaftlich engagierten Texte
(das gilt nicht für manche ostdeutsche Texte), es geht um wertneutrale, unpolitische,
konsumorientierte Texte, die nach dem Mauerfall oder der Wiedervereinigung
33
NOSKOVÁ, Barbora. Die Teilung und Wende im Spiegel der Berliner-Literatur. Diplomarbeit.
Brno, Masarykova Univerzita, 2006. S. 53.
34
ERB, Andreas. Baustelle Gegenwartsliteratur. Die neunziger Jahre. S. 7–8.
20
publiziert wurden. Es gibt in dieser Generation viele Autoren, die nach Berlin kamen,
um zum Zweck dort zu schreiben.35
Die meisten Literaturtheoretiker beschränken sich bei der Gliederung der
Berliner Prosa nur auf zwei Generationen der Autoren ein: die ältere und die jüngere
Generation. Die ältere Generation setzt Weltfabrik Berlin in den Berliner Raum ihre
Erinnerungen ein (sie besteht aus den zwei ersten, von Schumann unterschieden,
Generationen), die jüngere Generation dagegen beschäftigt sich nicht mehr mit der
Geschichte, sondern sie innoviert den Inhalt ihrer Texte, indem sie das Leben in der
Gegenwart realistisch darstellt. Die Literatur dient der zweiten Generation einerseits
als Mittel der Suche nach neuen Wertorientierungen und persönlichem Glück und
andererseits als Unterhaltungsmittel, weil sie mit der Literatur Geld verdienen will.36
2.3 Literatur der Einwanderer
Nach dem Zweiten Weltkrieg litt Deutschland unter dem Mangel an
Arbeitskräfte, der mit dem Bau der Berliner Mauer noch verschlechtert wurde, denn
die BDR konnte keine neuen arbeitsfähigen Flüchtlinge aus dem Osten aufnehmen.
Deshalb entschied sich die Bundesrepublik, ausländische Arbeiter anzuwerben. Am
Anfang fand es die deutsche Regierung nicht notwendig, die sog. „Gastarbeiter“
auszubilden und ihnen die deutsche Sprache beizubringen, weil sie nur für einen
beschränkten Zeitabschnitt in Westdeutschland arbeiten sollten und danach die BRD
verlassen sollten. Die Arbeiter kamen aus Italien, Spanien, Griechenland, Portugal,
Jugoslawien und vor allem aus der Türkei.37 Ganze Familien begannen sich in der
BRD niederzulassen und eine eigenartige Kultur zu entwickeln. Viele von ihnen
widmen sich der literarischen Tätigkeit, die man als „Gastarbeiterliteratur“,
„deutschsprachige Literatur nicht-deutscher Herkunft“, „Migrationsliteratur“ oder
auch „interkulturelle Literatur“ bezeichnet. Es gibt noch kein einheitlicher Begriff für
diese deutschschreibende Sondergruppe, obwohl es kein neues Phänomen ist. Diese
35
LANGER, Phil C. Kein Ort. Überall. Die Einschreibung von „Berlin“ in die deutsche Literatur
der neunziger Jahre. S. 63–75.
36
GERSTENBERGER, Katharina – HEMINGHOUSE, Patricia. German Literature in a New
Century. Trends, Traditions, Transitions, Transformations: An Introduction. In: GERSTENBERGER,
Katharina – HEMINGHOUSE, Patricia, eds. German Literature in a New Century. Trends,
Traditions, Transitions, Transformations. New York, Berghahn Books, 2008. S. 1–7.
37
AKYOL, Cigdem. Zuhause in Almanya – 50 Jahre türkische Einwanderung in Deutschland
[online]. Aufgerufen am 17. 3. 2014. http://heimatkunde.boell.de/2013/11/18/zuhause-almanya-50jahre-t%C3%BCrkische-einwanderung-deutschland.
21
Literaturströmung
wird
heutzutage
zu
dem
Kanon
der
deutschen
bzw.
deutschsprachigen Literatur gezählt.
Was die Künstler türkischer Herkunft betrifft, unterscheiden wir im Rahmen
der Literatur zwei Generationen der Schriftsteller. Die ältere Generation
repräsentieren die Migranten, die am Anfang der 60er Jahre nach Westdeutschland
kamen und die sich in diesem Jahrzehnt in der BRD niederließen. Die zweite
Generation besteht aus den Kindern dieser Immigranten, die meistens in der 90er
Jahren begannen, ihre Texte zu publizieren. Die Bücher beider Generationen
thematisieren meistens die Sehnsucht nach der Heimat, die Einsamkeit und Isolation
in dem deutsch Gastland38, weiter die Probleme der Einwanderer in einem fremden
Land, der langsame Verlust der von den Eltern ererbten Kultur, die Suche nach der
Identität, die sich aus zwei verschiedenen Quellen entspringt, die sprachlichen
Probleme. Zu den Schriftstellern türkischer Herkunft gehören Persönlichkeiten wie
Emine Sevgi Özdamar, Feridun Zaimoğlu, Zafer Şenocak, Yadé Kara oder Hatice
Akyün.39
2.4 Fräuleinwunder
Die Jahrtausendwende brachte eine neue Entwicklungsrichtung nicht nur in
der Berliner Prosa mit sich, sondern in der deutschen (bzw. deutsch-türkischen)
Literatur allgemein. Volker Hage nannte sie im Spiegel (12/1999) „Fräuleinwunder“.
Mit diesem Begriff bezeichnet Hage die etwa 30jährigen Künstlerinnen, die den Mut
zur neuen literarischen Schreibweise fanden und distanzierten sich dadurch von dem
typischen, klischeehaften Bild der Frauen in der Literatur. Obwohl in manchen ihren
Büchern das Thema der Diktatur immer noch im Vordergrund steht, unterscheiden
sich die jungen Autorinnen von denen Schriftstellerinnen, die der älteren Generation
angehören, durch ihre persönliche, meistens nüchterne und illusionslose Darstellung
der Themen wie Sex, Erotik, Ehe und Krise in der Ehe, dagegen verschwindet die
38
TANTOW, Lutz. In den Hinterhöfen der deutschen Sprache [online]. Aufgerufen am 17. 3.
2014. http://www.zeit.de/1984/15/in-den-hinterhoefen-der-deutschen-sprache.
39
YEŞILASA, Karin E. Deutsch? Türkisch? Deutsch-türkisch? Wie türkisch ist die deutsch-türkische
Literatur? [online]. Aufgerufen am 17. 3. 2014. http://heimatkunde.boell.de/2008/11/18/deutschtuerkisch-deutsch-tuerkisch-wie-tuerkisch-ist-die-deutsch-tuerkische-literatur.
22
Thematisierung Berlins langsam. Diese Gruppe der Schriftstellerinnen wird mit
Namen wie Judith Hermann, Zoë Jenny, Kathrin Schmidt etc. verbunden.40
Die Zunahme der Frauen in der Literatur können wir auch im Rahmen der
deutsch-türkischen
Literatur
beobachten.
Die
jungen
deutsch-türkischen
Schriftstellerinnen, die um 1970 geboren sind, verarbeiten in ihren Werken ihr
eigenes Leben als Türkin in Deutschland. Viele von ihnen arbeiten als
Journalistinnen für deutsche Zeitungen und veröffentlichen dort ihre persönlichen
Erfahrungen mit dem Leben in der Großstadt Berlin. Sie treten selbstbewusster als
die Autoren der älteren Generation auf und widmen sich den Themen wie Leben,
Liebe, Sex oder Mode in den etablierten Verlagen in Deutschland (bzw. Berlin) –
Ullstein, Rowohlt, Goldmann oder Piper.41
40
HAGE, Volker. Ganz schön abgedreht [online]. Aufgerufen am 17. 3. 2014.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-10246374.html.
41
YEŞILASA, Karin E. Deutsch? Türkisch? Deutsch-türkisch? Wie türkisch ist die deutsch-türkische
Literatur? [online]. Aufgerufen am 17. 3. 2014. http://heimatkunde.boell.de/2008/11/18/deutschtuerkisch-deutsch-tuerkisch-wie-tuerkisch-ist-die-deutsch-tuerkische-literatur.
23
3 Analyse der ausgewählten Texte
Nachdem wir die theoretischen Grundlagen unserer Arbeit zusammengefasst
haben, setzen wir mit der Analyse der konkreten Werke der Berliner Prosa fort. Wir
unterziehen den Roman von Thomas Brussig der Analyse, der Am kürzeren Ende der
Sonnenallee heißt, und die Erzählungen Mutterzunge und Großvaterzunge, die von
Emine Sevgi Özdamar verfasst und in im Erzählband unter dem Titel Mutterzunge
herausgegeben wurden. Die Werke behandeln wir getrennt, wir konzentrieren uns
auf das Thematische – vor allem auf die Wiedergabe der historischen Ereignisse, den
Einfluss
der
Politik
auf
das
alltägliche
Leben
und
den
Prozess
des
Erwachsenwerdens. Den Vergleich beider Werke führen wir dann später, in einem
selbstständigen Kapitel, durch, indem wir uns auf die Konstruktionskomponente der
Werke konzentrieren (konkret auf den Erzähler, die Erzählzeit vs. die erzählte Zeit,
den Raum, die Figuren, die Symbole). Vor jeder Analyse stellen wir den Autor bzw.
die Autorin kurz vor.
3.1 Thomas Brussig
Der deutscher Schriftsteller und Drehbuchautor Thomas Brussig wurde am
19. Dezember 1965 in Ostberlin geboren. Nach dem Grundschulbesuch machte er
eine Berufsausbildung als Baufacharbeiter, die er 1985 mit dem Abitur abschloss.
Bis 1990 wechselte er viele Tätigkeiten, er arbeitete als Museumpförtner,
Tellerwäscher, Reiseleiter, Hotelportier, Fabrikerarbeiter oder Fremdenführer und
dazwischen musste er auch seinen Wehrdienst ableisten. Sein Hochschulstudium der
Soziologie (1990-1993) an der Freien Universität Berlin blieb unabgeschlossen.42
Dann widmete er sich dem Studium der Dramaturgie an der Filmhochschule in
Potsdam-Babelsberg. Seit 1995 ist er als freiberuflicher Schriftsteller tätig.43
Thomas Brussig debütierte mit dem Roman Wasserfarben (1991), der einen
Abiturienten und seinen Weg zur Reife schildert. 1995 erschein sein zweiter Roman
unter dem Titel Helden wie wir, der in satirischer Weise über den Mauerfall
berichtet. 1999 wurde das Werk Am kürzeren Ende der Sonnenallee herausgegeben,
42
Thomas Brussig. Biographie [online]. Aufgerufen am: 4. 4. 2014.
http://www.thomasbrussig.de/biographie.html.
43
Thomas Brussig: Porträt [online]. Aufgerufen am: 4. 4. 2014.
http://www.goethe.de/ins/es/bar/prj/lit/aag/bru/deindex.htm.
24
das die Geschichte einer Gruppe von Teenagern in der DDR erzählt. Das Thema
Sport in der Literatur bearbeitet sein prosaisches Werk Leben bis Männer (2001). Im
Jahre 2004 publizierte Brussig seinen nächsten Roman, der den Titel Wie es leuchtet
trägt. Er verarbeitet die Ereignisse vom Sommer 1989 bis Sommer 1990 und zeigt,
wie verschiedene Figuren sich damit abfinden. Das Thema der Sexualität und der
Prostitution bildet den Kern des 2007 erschienen Romans Berliner Orgie. Sein
letztes publiziertes Werk heißt Schiedsrichter Fertig, Eine Litanei (2007).44
3.2 Am kürzeren Ende der Sonnenallee
Die Handlung des Romans wurde ursprünglich als Stoff für einen
nostalgischen Film über die Jugend und den Prozess des Erwachsenwerdens Michas
und seiner Freunden im Schatten der Mauer bearbeitet. Das Drehbuch, das Brussig
gemeinsam mit Leander Haußmann ausarbeitete, bildete die Grundlage für
Haußmanns filmisches Debüt Sonnenallee (1999). In demselben Jahr wurde die
prosaische Version Michas Geschichte unter dem Titel Am kürzeren Ende der
Sonnenallee herausgegeben.45
Der Buchtitel bestimmt den Raum, in dem sich die Geschichte abspielt. Es
geht um eine real existierende Straße, die nach dem Zweiten Weltkrieg so
merkwürdig geteilt wurde, dass im Westen fast die ganze Länge der Allee und im
Osten nur ein kleines Teilchen davon lag. Das Buch enthält 14 Kapitel, die
manchmal aus mehreren Handlungslinien bestehen, aber in den meisten Fällen
konzentriert sich die Geschichte auf den Protagonisten und die lineare Wiedergabe
des Geschehens. Der Autor verwendet in den Kapitelnamen viele intertextuelle
Anspielungen – z. B. der Titel Ton oder Knete, das ist hier die Frage ist eine klare
Anspielung auf Shakespeares Hamlet, der Name Non, je ne regrette rien ist mit dem
Titel von Edith Piafs Chanson identisch und das Kapitel Wie Deutschland nicht
gevierteilt wurde erinnert durch die Struktur des Titels an die typischen Namen der
Märchen.
44
Thomas Brussig: Bücher [online]. Aufgerufen am 5. 4. 2014.
http://www.thomasbrussig.de/buch2.html.
45
VON HAGE, Volker. Der Westen küsst anders [online]. Aufgerufen am 5. 4. 2014.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14718461.html.
25
Der Roman ist in der Standardsprache geschrieben, aber man findet im Text
auch ein paar Repliken in der Umgangssprache (von Micha und seinen Freunden)
oder im Berliner Dialekt (von der Existenzialistin).
3.2.1 Die Reflexion der Potsdamer Konferenz
Der Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee beginnt mit einer
ausgedachten Geschichte über die Entstehung des kürzeren Endes der Straße.
Obwohl die Namen der historischen Figuren wahrheitsgetreu sind, geht es um eine
fantasievolle Verarbeitung der Ereignisse, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg
gekommen sind. Der Erzähler berichtet davon, wie es möglich ist, dass eine lange
Straße in so merkwürdiger Weise in zwei ungleiche Teilen geteilt werden konnte.
Brussigs Erzähler berichtet darüber, wie alles auf der Potsdamer Konferenz
im Sommer 1945 begann, wo die Sektorenteilung Berlins verhandelt worden wurde.
Stalin wollte die Sonnenallee oder mindestens einen Teil davon für sich gewinnen,
weil er eine poetische Seele hatte und der Name ihm sehr gefiel. Dagegen trat
Truman auf und Churchill dachte nach, wie diese Situation zu lösen ist. In demselben
Augenblick wollte Churchill aus seiner Zigarre ziehen, aber bemerkte, dass sie
wieder kalt war. Stalin gab ihm Feuer so bereitwillig und so schnell, dass ihm
Churchill einen Zipfel der Sonnenallee als Symbol der Dankbarkeit schenkte. Diese
Geschichte dient dem Protagonisten, Michael Kuppisch, als eine Art des Abfindens
mit der Vergangenheit. Die eigenartige Interpretation der historischen Ereignisse
entlastet die Ungerechtigkeit der Geschichte, hilft beim Suchen nach ihrem Sinn und
reflektiert die Schöpfungskraft der jungen Generation.
3.2.2 Das Alltagleben am kürzeren Ende der Sonnenallee
Das Alltagleben am kürzeren Ende der Sonnenallee spiegelt die
Alltagsrealität in der ganzen DDR wider. Wir können sagen, dass das Funktionieren
des Regimes an dem Beispiel der Sonnenallee gezeigt wird. Die Individualität der
Menschen wird in vielen Sphären des Lebens eingeschränkt. Sie alle leben in den
gleichen Wohnungen, tragen die gleichen Klamotten, hören dieselbe Musik und es
wird vom Thomas Brussig sogar so weit getrieben, dass die Jungen, die in diesem
Berliner Stadtteil wohnen, alle dasselbe Mädchen lieben. Wenn dann jemand vom
26
Normalzustand abweicht, wird er zur verdächtigen Person, weil nur die Mitglieder
der Stasi in besseren Lebensumständen leben können (s. kommenden Abschnitt):
„‘Aber unser Nachbar liest auch das ND!’ meinte Frau Kuppisch. ‘Da kann’s doch nicht
so schlimm sein.
‘Der ist ja auch bei der Stasi!’ meinte Herr Kuppisch.
‘Woher willst du das wissen?’
‘Weil er das ND liest!’ Herr Kuppisch fand ständig Beweise, dass sein Nachbar bei der
Stasi ist. Frau Kuppisch war sich da nicht so sicher. Und so gab es endlose Dispute.
Er: ‘Außerdem haben sie Telefon.’
Sie: ‘Aber das beweist gar nichts!’
Er: ‘Ach nee? Sind wir etwa bei der Stasi?’
Sie: ‘Natürlich nicht.’
Er: ‘Und haben wir Telefon? Na?’
‘Nein, aber …’“46
Das Regime stört also die nachbarschaftlichen Beziehungen.
Das Alltagleben in der DDR bringt der Autor auch durch den Wortschatz
näher, denn er verwendet viele lexikalischen Einheiten, die sich zur Realien der
damaligen Zeit beziehen (z. B. die Q3a-Bauten, das Trabi, das AWO Motorrad, das
ND / das Neue Deutschland, die FDJ / die Freie Deutsche Jugend, der ABV / der
Abschnittsbevollmächtigte).
Das kürzere Ende der Sonnenallee wird von dem längeren Ende durch die
Mauer und ein Grenzübergang geteilt. Obwohl der Protagonist, seine Familie und
seine Freunde in der unmittelbaren Nähe von der Berliner Mauer leben, nehmen sie
sie fast nicht wahr:
„Das merkwürdige an der Mauer war, dass die, die dort wohnten, die Mauer gar nicht
als außergewöhnlich empfanden. Sie gehörte so sehr zu ihrem Alltag, dass sie sie kaum
bemerkten, und wenn in aller Heimlichkeit die Mauer geöffnet worden wäre, hätten die,
die dort wohnten, es als allerletzte bemerkt.“47
Dass die Menschen die Mauer kaum bemerken, könnte der Grund dafür sein, dass
der Autor von einem Aussichtsturm auf der Westseite ganze Schulklassen nach
Micha und seinen Freunden rufen lässt. Es könnte auch die Ursache dafür darstellen,
warum Michas erster Liebesbrief in den Todesstreifen geraten ist. Wahrscheinlich
sollten diese Tatsachen Micha und seine Freunde auf
die Existenz der Mauer
aufmerksam machen. Das Privatleben der einzelnen Figuren geht aber weiter, auch
wenn sie nicht in der wirklichen Freiheit leben. Die Jungen treffen sich auf einem
verwaisten Spielplatz, wo sie zusammen Musik hören, sie besuchen die Fahrschule,
46
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch
Verlag, 2001. S. 35.
47
Ebenda, S. 137.
27
um einen Führerschein zu bekommen, sie besuchen die Tanzschule, um das
hübscheste Mädchen zu bewundern, sie verlieben sich und leben einfach weiter, als
ob es keine Mauer und keinen Kalten Krieg gibt.
Das einzige Glied der Familie Kuppisch, das die Berliner Mauer wahrnimmt,
ist der im Westen lebende Onkel Heinz. Er besucht den Rest seiner Familie sehr oft
und da er sich ein bisschen schuldbewusst fühlt, dass er das Glück hat, im Westen
leben zu können, schmuggelt er jedes Mal eine Kleinigkeit für sie. Komischerweise
schmuggelt er immer die Sachen, die er legal in den Osten bringen kann und das
wird in vielen witzigen Situationen beschrieben, die die Geschichte immer
entspannen und frisch machen:
„‘Mensch, Heinz, du Hungerhaken, komm, setz dich an Tisch’, sagte Frau Kuppisch
besorgt und vertrieb Herrn Kuppisch, der sich schon wieder am Ausziehtisch nützlich
machen wollte.
‘Hast du ’nen Bandwurm?’ fragte Micha erschrocken, als er seinen Onkel sah.
‘Nee’, sagte Heinz und begann sich auszuziehen. ‘Ich hab was geschmuggelt!’
Unter seinem Anzug, der ihm schlaff am Körper hing, trug er noch einen zweiten
Anzug, der wie angegossen passte. ‘Der ist für dich!’ sagte Heinz feierlich zu Micha.
[…]
Micha nickte. Er brachte es nicht übers Herz, Heinz zu sage, dass es legal gewesen
wäre, einen Anzug rüberzubringen.“48
Der Onkel ist sich der Bedrohung und der Einschränkung der Freiheit, die die Mauer
mit sich bringt, bewusst. Er erlebt sie jedes Mal, wenn er seine Verwandte im Osten
besuchen geht.
3.2.3 Die politische Dimension des Lebens
Die Tatsache, dass die Menschen die physische Existenz der Mauer fast nicht
bemerken, bedeutet aber nicht, dass sie alles, was das Regime vorschreibt, völlig
akzeptieren und sich damit identifizieren. Thomas Brussig widmet sich in seinem
Roman auch dem Thema der Doppelexistenz. Michas Mutter verhält sich in der
Öffentlichkeit so, als ob sie das Regime unterstützen hätte, um Micha eine gute
Ausbildung in Moskau zu sichern. Deshalb will sie z. B. das ND abonnieren, damit
alle Nachbarn sehen können, dass sie eine vorbildliche Bürgerin ist oder sie nennt
ihren Sohn Mischa, weil es russisch klingt. In der privaten Sphäre kritisiert sie aber
das, was in der Gesellschaft geschieht. Aber es geht sogar weiter. Sie findet einen
Reisepass, dass eine westdeutsche Touristin im Grenzgebiet verloren hat, und
48
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 69.
28
bemüht sich so wie sie auszusehen, um nach Westen zu reisen. Und wenn sie sich
daran endlich wagt, durch den Grenzübergang durchzugehen, stellt sie fest, dass es
zwar möglich ist, wie ein Westler auszusehen, aber sie wird nie so locker und
selbstbewusst wirken, deshalb gibt sie ihre Bemühungen auf. Die Mauer existiert
also nicht nur physisch, sonder auch in ihrem Kopf.
Micha und seine Freunde, Mario, Wuschel und Brille, machen sich nicht so
viel daraus, dass sie unter der Kontrolle des Regimes leben und verhalten sich, als ob
ihr Verhalten die Zukunft nicht beeinflussen könnte. Sie leben wie normale Jungen,
verüben Jugendstreiche, verlieben sich und rebellieren gegen das Regime. Sie stellen
aber mehrmals fest, dass es sich nicht lohnt. Eine der milden Strafen stellt ein
pflichtiger Diskussionsbeitrag über ein politisch-erzieherisches Thema vor der
ganzen Schule dar, zu dem Micha und später auch Miriam verdonnert werden. Wenn
die Jungen hören, dass Miriam daran teilnehmen muss, verändert sich die Situation
und eine Strafe wird zum etwas Ersehnten. So entsteht eine der vielen witzigen
Situationen, die das ganze Buch zu einem für den Leser amüsanten Werk machen:
„Trotzdem gab es in den kommenden Tagen ständig Vorkommnisse, für die jeder
Schüler unter normalen Umständen zu einem Diskussionsbeitrag verdonnert worden
wäre. Wuschel antwortete im Physikunterricht, als er nach drei Verhaltensmaßregeln
bei Atombombendetonationen gefragt wurde: ‘Erstens: Hinsehen, denn so was sieht
man nur einmal. Zweitens: Hinlegen und zum nächsten Friedhof robben, aber – drittens:
Langsam, damit keine Panik entsteht.’“49
Wenn
es
aber
um
größere
Probleme
geht,
haben
die
Vertreter
der
Gesellschaftsordnung die Macht, alle Aussichten auf eine gute Zukunft zu vernichtet.
Das spiegelt sich in einem Witz, den sich Mario und Micha ausgedacht haben. Sie
spielen den Westdeutschen Touristen ein Theater vor, bei dem sie vor den Touristen
vortäuschten, dass die Kinder in Ostberlin unter armseligen Bedingungen leben und
kein Geld für Lebensmittel haben. Jemand hat sie aber fotografiert und dieses Bild ist
später in einer Illustrierten erschienen und es ist von einem Parteimitglied entdeckt
worden. Diese Situation wird dann in der Schule gelöst und wegen Marios
unpolitischer Rede wird er aus der Schule rausgeschmissen. Er wird zum Opfer der
politischen Macht, weil er nicht weiter mitmachen will. Also nicht nur das Leben der
Erwachsenen, aber auch das Leben der Teenager wird politisiert.
Das Rebellieren der jungen Generation finden wir auch im Bereich der
Kultur, die vom Regime ebenso reguliert wird. Es gibt eine Liste der verbotenen
49
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 26.
29
Künstler und Werke, die man nicht besitzen oder mit ihnen in Kontakt kommen darf.
Die Vergnügung der jungen Generation, mit Micha an der Spitze, ist es, die
verbotenen Sachen zu hören und zu lesen. Es handelt sich um die westliche Kultur,
die angeblich eine schädliche Wirkung auf die Jungen hat. Im Vordergrund der
Richtungen, die in DDR als verboten gelten, steht der Existenzialismus. Im Brussigs
Roman wird er mit der Figur Elisabeth gleichgesetzt. Der Grund, warum der
Existenzialismus eine Bedrohung für den Regime darstellte, zeigt dieser Abschnitt:
„‘Wir sind zur Freiheit verurteilt’, sagte sie. ‘Weißt du, was das für die Mauer bedeutet?
Was Sartre zur Berliner Mauer sagen würde?’
Mario war noch nicht richtig vertraut mit dem Existenzialismus, deshalb musste er
raten: ‘Dass ich irgendwann in den Westen fahren darf.’
‘Nein’, sagte sie. ‘Das genaue Gegenteil.’ […]
‘Dass es sie irgendwann nicht mehr geben wird’, sagte die Existenzialistin, und das war
für Mario so ungeheuerlich, das überstieg alles Vorstellbare.“50
Das Regime will nicht, dass sich die Menschen in der Wirklichkeit frei fühlen, sonst
kann das Regime außer Kontrolle geraten. Und die Vorstellung, dass es die Zeit
kommen wird, in der es keine Mauer mehr gibt, ist für das ostdeutsche diktatorische
Gesellschaftssystem sehr gefährlich. Die Romanfiguren sind aber junge Leute in der
Zeit des Heranreifens, die erst ihre bürgerliche Freiheit gewinnen und dieses
Rebellieren kann ein Symbol dafür sein, dass sie nicht nur nach der bürgerlichen
sondern auch, und vorzugsweise, nach der inneren Freiheit streben.
Die Sprache ist eines der bedeutendsten Merkmale einer Epoche, weil sie viel
über der wirklichen Freiheit informieren kann. In der Zeit der DDR dient die Sprache
oft zur Mystifikation und zum Verdecken der wahren Wirklichkeit, weil man oft
solche Ausdrücke benutzt, die verschönend klingen und den wahren Kern der
Aussage verbergen. Und obwohl die Menschen, die am kürzeren Ende der
Sonnenallee leben, keine Regimesympathisanten sind, kann man in ihrer
Ausdrucksweise beobachten, wie das Regime, wenn auch unbewusst, sie beeinflusst.
„Beschwerde, Beschwerde, wie das klingt! Als ob wir uns beschweren. […] Wir regen
an … oder wir geben zu bedenken … oder wir fragen nach …. oder wir bitten darum,
dass … Aber beschweren? Wir? Uns? Niemals!“51
Die weitere Bedeutung, die diese phrasenhafte Sprache hat, ist, dass sie die
sprachlich-schöpferische Tätigkeit einschränkt und die Individualität des Menschen
50
51
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 76.
Ebenda, S. 36.
30
unterdrückt. Die Menschen werden zu nicht denkenden Robotern, was wir z. B. beim
Michas Bruder sehen können, der sich im Wehrdienst eine andere Sprache aneignete.
„Als Bernd von der Musterung kam, erzählte er nur, dass ‘die da alle so komisch
sprechen’. Als er dann selbst bei der Armee war, nahm auch er eine komische Art an,
sich auszudrücken. […] Und wenn er gefragt wurde, wie’s im Theater war, dann klang
seine Antwort ungefähr so: ‘Nach dem Einrücken in den Zuschauerraum bezog ich in
Reihe acht meine Stellung. Keine besonderen Vorkommnisse.’“52
Obwohl wir sagen würden, dass die Politik nicht das zentrale Thema darstellt,
spielt sie eine wichtige Rolle. Es ist natürlich, dass im Vordergrund die Schattenseite
des Regimes steht. Der Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee wird sehr häufig
als ein nostalgischer Roman bezeichnet und das können wir bestimmt mit dem
Thema der Liebe und des Erwachsenwerdens verbinden, aber was die politische
Dimension des Romans betrifft, trägt er unbestritten einen kritischen Ton,
wennschon er von Brussig fast immer mit Hilfe von Übertreibung und Tragikomik
ausgedrückt wird.
3.2.4 Die Liebe und das Erwachsenwerden
Die Liebe und das Erwachsenwerden stellen die zentralen Motive des
analysierten Romans dar. Sie stehen in einer engen Beziehung und man kann sie im
Rahmen dieser Geschichte nicht ganz getrennt behandeln.
Zu den wichtigsten unpersönlichen Symbolen der Reifezeit, die in der
Geschichte vorkommen, gehört die Tanzschule und die Fahrschule. In der
Tanzschule werden den Studenten nicht nur die grundsätzliche Tanzfähigkeiten
beigebracht, sondern man lernt dort auch, wie man sich richtig bei Tisch benehmen
soll. Die Tanzstunden bereiten die jungen Menschen dazu, vollwertige Glieder der
Gesellschaft zu werden. Und den Führerschein zu haben, bedeutet, dass man ein
bisschen mehr Selbstständigkeit, Verantwortlichkeit und Freiheit gewinnt, d. h. die
Attribute, die einen Teenager zu einem Erwachsenen machen. Die Liebe dagegen
kann als ein persönliches Symbol der Reifezeit betrachtet werden. Diese Form des
Erwachsenwerdens wird im Roman durch drei Figuren vermittelt – durch Micha,
Miriam und Mario.
Am Anfang der Geschichte ist Micha ein normaler Junge, der mit seinen
Freunden zusammentrifft und in das neue, wunderschönste Mädchen verliebt ist, wie
52
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 33.
31
alle anderen Jungen. Miriam ist für die Jungen ein rätselhaftes Wesen, weil sie nicht
lange an ihrer Schule ist. Ihre Eltern haben sich scheiden lassen und die Mutter hat
sich mit ihren zwei Kindern nach Osten umgezogen, um von Miriams Vater Ruhe zu
haben. Micha und seine Freunde versuchen, möglichst viele Informationen über sie
von ihrem kleinen Bruder festzustellen, indem sie ihn mit Matchbox-Autos, die sie
irgendwie aus Westen kriegen müssen, bestechen. Die erste Chance, die Micha mit
Miriam zu sprechen hat, bekommt er dank dem Diskussionsbeitrag, zu dem auch
Miriam verdonnert wird. Sie verspricht ihm, ihm zu zeigen, wie die „Westler“
küssen. Seit dieser Zusage macht Micha alles, um diesen Kuss zu kriegen. Seine
Besessenheit wird dadurch vervielfacht, dass er später seinen ersten Liebesbrief
bekommt, der in den Todesstreifen geweht wird. Er fand nie heraus, ob dieser Brief
wirklich von Miriam stammt. Nachdem sein Freund Wuschel beim Versuch den
Brief aus dem Todesstreifen zu gewinnen beinahe getötet worden ist, entscheidet
sich Micha endlich Miriam zum Date einzuladen. Dieses Date ist etwas, was Miriam
zu einem normalen, ihm ähnlichen Wesen machte, weil er zu sehen beginnt, dass sie
sich auch manchmal in der unfreien Welt niedergeschlagen fühlt und sich nach der
Freiheit sehnt. Also sie hört auf, für ihn ein unerreichbares Mädchen zu sein, sondern
sie stellt eine Seelenverwandte dar und die jugendliche Verliebtheit verändert sich zu
einem reifen, wahren Liebesgefühl.
Auch Miriam erlebt am Anfang nur solche Beziehungen, die für eine unreife,
sorgenfreie Person typisch sind. Sie trifft sich immer nur mit den „Westlern“ und
fährt mit ihnen auf dem Motorrad, weil sie das Gefühl der Freiheit erleben will. Sie
hatte solche Beziehungen, weil sie sich auf diese Weise gegen das Regime und
dessen Vorschriften wehrt. Sie will fühlen, dass sie selbst die Kontrolle über ihr
Leben hat. Ihr Date mit Micha ist ihr erstes Treffen mit einem „Ostler“. Sie gehen ins
Kino, wo sie den Zauber der Ferne kennen lernen und wenn sie das Kino verlassen,
stoßen sie auf die harte Realität ihrer Gegenwart, indem sie einen Panzer, das
Symbol der Unterdrückung, sehen. Das beraubt Mariam der Hoffnung auf eine
bessere Zukunft. Nach diesem Erlebnis beginnt sie apathisch zu sein, weil sie die
Ausweglosigkeit ihrer Situation im Osten fühlt. Jetzt kann sich Micha als Held
erweisen. Er will Miriam zeigen, dass sie nicht die einzige ist, die sich so fühlt, daher
denkt er sich aus, dass er jahrelang Tagebücher schreibt, die ihm helfen, diese
32
Gefühle zu überwinden. In einer Nacht schafft er sieben Tagebücher, um Miriam zu
trösten. Wenn er zu ihr zu Besuch kommt, liest er vor:
„Liebes Tagebuch! Heute war ein wichtiger Tag, denn wir haben heute das ß gelernt.
Jetzt lohnt es sich, mit dem Tagebuch anzufangen, weil ich jetzt endlich ein ganz
wichtiges Wort schreiben kann, das ich bis jetzt immer nur denken konnte:
SCHEISSE!“53
Sie sucht die ganze Zeit nach dem Verständnis und begreift, dass sie es bei Micha
finden kann, weil er sogar bereit ist, für sie heranzureifen.
Bei Mario kann man den fortschreitenden Prozess des Heranreifens mit der
Begegnung der Existenzialistin verbinden. Davor war er nur einer der Jungen, die in
Miriam verliebt waren und kein wahres Liebesgefühl gekannt haben. Das kommt erst
mit
der
Existenzialistin,
Lebensphilosophie.
aber
Elisabeth
nicht
gibt
nur
Mario
das,
sondern
durch
die
auch
die
neue
Erkenntnis
der
existenzialistischen Philosophie das Gefühl der wahren Freiheit. Und da er sich nicht
mehr dem Regime unterordnen will, wird er aus der Schule rausgeschmissen und
muss seine Reife früher als die anderen erleben. Er muss sich eine Arbeit suchen,
und weil Elisabeth schwanger ist, muss er sich auch um seine neue Familie
kümmern.
3.3 Emine Sevgi Özdamar
Emine Sevgi Özdamar wurde am 10. August 1946 in Malatya (Türkei)
geboren. 1965 kam sie zum ersten Mal als Gastarbeiterin nach Westberlin. Zwei
Jahre später ging sie in die Türkei zurück, um in Istanbul die Schauspielschule zu
besuchen. 1975 zog sie wieder nach Deutschland, wo sie 1976 als eine
Regieassistentin an der Volksbühne im östlichen Teil Berlins arbeitete. Nach dieser
Erfahrung war sie in verschiedenen Theatern und beim Film als Schauspielerin tätig
und daneben führte sie die Regie von vielen Brecht-Stücken. Zwischen den Jahren
1979 und 1984 betätigte sie sich als Schauspielerin beim Bochumer Schauspielhaus.
Schon in dieser Zeit schrieb sie ihre ersten Werke – vor allem Gedichte, Romane und
53
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 148.
33
Erzählungen.54 Außer ihrem kurzen Aufenthalt in Düsseldorf, lebt sie in Berlin. 2007
wurde sie zum Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.55
Während sie anfangs der 80er Jahre beim Bochumer Schauspielhaus
arbeitete, schuf sie ihr erstes Theaterstück, das Karagöz in Alamania (bzw.
Schwarzauge in Deutschland) heißt. Nicht nur in diesem Stück, sondern in ihrem
ganzen Schaffen, steht die Erfahrung eines Immigranten in einem fremden Land im
Vordergrund. Darauf folgte der Erzählband Mutterzunge (1990), in dem vier
Erzählungen vorkommen, die mehr oder wenig miteinander verbunden sind und das
Thema der Suche nach der Identität thematisieren. 1992 erschien ihr erster Roman
unter dem Titel Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus der einen kam
ich rein, aus der anderen ging ich heraus, der die Geschichte einer Kindheit
zwischen dem armen Anatolien und der nach Westen orientierten Großstadt Istanbul
bearbeitet. Özdamars zweiter Roman heißt Die Brücke vom Goldenen Horn (1998),
der die Reise eines 19-jährigen Mädchens nach Deutschland in der späten 60er
Jahren
abbildet.56
2001
veröffentlichte
sie
einen
nächsten
teilweise
autobiographischen Erzählband mit dem Namen Der Hof im Spiegel. Berlin in der
Mitte der 70er Jahre finden wir im Berlin-Roman Seltsame Sterne starren zur Erde.
Wedding - Pankow 1976/77 (2003), dessen Protagonistin eine junge türkische
Schauspielerin aus Istanbul ist, die das Theater Bertold Brechts kennen lernen will.57
3.4 Mutterzunge und Großvaterzunge
Die Erzählungen Mutterzunge und Großvaterzunge kommen in Emine Sevgi
Özdamars Erzählband, der den Namen Mutterzunge (1990) trägt, vor. Neben diesen
zwei Erzählungen finden wir in dem genannten Band noch zwei weitere
Erzählungen, und zwar Karagöz in Alamania, Schwarzauge in Deutschland und
Karriere einer Putzfrau mit dem Untertitel Erinnerungen an Deutschland. Die zwei
letztgenannten Erzählungen spielen sich zwar in Deutschland ab, aber die Handlung
bezieht sich nicht ausschließlich auf Berlin, die Stadt spielt darin keine wichtige
54
Emine Sevgi Özdamar: Porträt [online]. Aufgerufen am: 11. 4. 2014.
http://www.goethe.de/ins/es/bar/prj/lit/aoz/oez/deindex.htm.
55
Emine Sevgi Özdamar [online]. Aufgerufen am: 11. 4. 2014. http://www.nrw-literatur-imnetz.de/datenbank/autoren/263-oezdamar-emine-sevgi.html.
56
Emine Sevgi Özdamar: Porträt [online]. Aufgerufen am: 11. 4. 2014.
http://www.goethe.de/ins/es/bar/prj/lit/aoz/oez/deindex.htm.
57
SCHERER, Sigrid. Geteilte Stadt, geteiltes Mädchen [online]. Aufgerufen am: 11. 4. 2014.
http://www.zeit.de/2003/13/L-_85zdamar.
34
Rolle, deshalb konzentrieren wir uns in dem folgenden analytischen Kapitel auf die
zwei erstgenannten kurzprosaischen Texte. Die Erzählungen stehen außerdem in
einer engen Verbindung, weil sie dieselbe Handlung entwickeln.
Die zu analysierenden Erzählungen nehmen ihren Verlauf in Berlin zur Zeit
der Teilung der Stadt. Die Namen der Erzählungen deuten die Botschaft der Texte
an, indem sie an das sprachliche Problem der deutschen Immigranten schon in dem
Titel aufmerksam machen. Der Name entstand wahrscheinlich absichtlich als
Verwechslung der im Deutschen semantisch unterschiedlichen Bezeichnungen für
die Wörter die Sprache (ein Kommunikationsinstrument) und die Zunge (ein
Sprechorgan), die in manchen Sprachen einem Äquivalent entsprechen. Es wird auch
teilweise die Verwandtschaft der arabischen (Großvaterzunge) und der türkischen
(Mutterzunge) Sprache angedeutet.
Der Text wurde zum größten Teil in der deutschen Sprache verfasst, obwohl
es sich manchmal um keine korrekte Standardsprache handelt. Das Deutsche kommt
auch oft in der Konfrontation mit der türkischen bzw. arabischen Sprache vor.
3.4.1 Wiedergabe der historischen und politischen Ereignisse
Obwohl sich beide Erzählungen räumlich in Berlin abspielen, finden wir in
den Texten sehr selten eine Bemerkung, die die Stadt und die in der Stadt
verlaufenden Ereignisse thematisieren. An mehreren Stellen können wir lesen, dass
sich die türkische Protagonistin zwischen beiden Teilen Berlins bewegt. Sie wohnt in
Westberlin, aber sie besucht auch Ostberlin sehr oft, um dort Berthold Brecht zu
bewundern. Der Grenzübergang erregt in ihr keine Reaktion.
„Ich ging zur Grenze, eine dicke blinde junge Ostfrau lief die Treppen von der Grenze
und gab ihren Pass zu dem Polizisten, dann ging sie Richtung Westen, andere Ältere
kamen Richtung Osten, in ihren Taschen Erdnüsse. Als ich im Westen war, ich schaute
auf die Erde, sagte: ‘Ach, hier hat es auch geregnet.’“58
Die zweite und letzte Bemerkung zur deutschen Geschichte ist mit dem
Namen Benno Ohnesorg verbunden. Sie dient aber nur der zeitlichen Orientierung,
die Protagonistin verwendet das Datum des Todes Ohnesorgs ohne Erwähnung der
Ereignisse, die mit seinem Tod verbunden sind (d. h. eine Demonstration gegen den
58
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. Köln, Kiepenheuer & Witsch 1998. S. 18.
35
Schah von Persien am 2. Juni 196759). Sie schreibt dem Datum keine Bedeutung zu,
man könnte sogar sagen, dass sie damit zeigt, wie unbedeutend die politischen
Ereignisse des damaligen Deutschlands für sie waren, denn sie benutzt das Datum für
Beschreibung ihrer ersten sexuellen Erfahrungen.
Andererseits ist es nicht möglich solche Schlussfolgerungen zu machen, dass
die damalige politische Ordnung keine wichtige Rolle in den Texten spielt. Wir
haben zwar gesagt, dass manche Erwähnungen über die politische Situation in
Deutschland kaum zu finden sind, dagegen können wir aber in den beiden
prosaischen Texten viele kritische Äußerungen zum inhumanen politischen
Geschehen in der Türkei und im Arabien der damaligen Zeit antreffen. Die
Protagonistin erinnert ein paar Mal daran, was sie noch in der Türkei erlebt hat.
Erstens beziehen sich die Erinnerungen auf die Erlebnisse eines gewaltsamen
politischen Regimes, das die Menschen aus politischen Gründen verfolgte. Wir
befinden uns in der Türkei nach dem Ende der Ära Atatürk und diese Zeit ist durch
innenpolitische Krise, politische Instabilität und sogar militärische Interventionen
gekennzeichnet. Es gab viele Putsche und die politische Orientierung hat ständig
gewechselt.60 Zweitens betreffen die Erinnerungspassagen die Zeit der Regierung
Atatürks und die Reformen, die er durchgesetzt hat – vor allem den Wechsel von der
arabischen Schrift auf die lateinische, die zwar der Annäherung an Westen dienen
sollte61, aber auch einen Teil der türkischen Tradition vernichtet und eine Kluft
zwischen den Generationen geschaffen hat:
„Ich werde zum anderen Berlin zurückgehen. Ich werde arabisch lernen, das war mal
unsere Schrift, nach unserem Befreiungskrieg, 1927, verbietet Atatürk die arabische
Schrift und die lateinischen Buchstaben kamen, mein Großvater konnte nur arabische
Schrift, ich konnte nur lateinische Alphabet, das heißt, wenn mein Großvater und ich
stumm wären und uns nur mit Schrift was erzählen könnten, könnten wir uns keine
Geschichte erzählen.“62
Neben den Beschreibungen der politischen Geschichte der Türkei, befinden sich im
Text auch Anmerkungen zur Geschichte Arabiens im Zusammenhang mit dem
59
WEBER, Jürgen. Deutsche Geschichte 1945 bis 1990. München, Bayerische Landeszentrale für
politische Bildungsarbeit, 2010. S. 122.
60
Die Türkei nach der Ära Atatürk [online]. Aufgerufen am: 13. 4. 2014.
http://www.cap-lmu.de/themen/tuerkei/geschichte/nach-atatuerk.php.
61
Die türkische Republik unter Mustafa Kemal [online]. Aufgerufen am: 13. 4. 2014.
http://www.cap-lmu.de/themen/tuerkei/geschichte/republik.php.
62
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 14.
36
Geleibten der Protagonistin, Ibni Abdullah. Er erinnert an den Kriegskonflikt mit
Israel, in dem er seine Brüder verlor und selbst fast ums Leben kam.
Die politische Ordnung Arabiens bzw. der Türkei wird in Kontrast mit dem
Regime in Deutschland gesetzt.
„Hier in Deutschland aber kann ich in den Park gehen und meine Meinung laut sagen,
hier gibt es Demokratie.“63
Die Aussage beweist, dass die beiden Figuren entweder eher in ihren Erinnerungen
an ihr ursprüngliches Zuhause leben, ohne das gegenwärtige Geschehen in der
Umgebung zu beobachten, oder dass im Vergleich mit dem gewaltsamen Regime in
ihrem Herkunftsland die politische Situation in Deutschland nicht so schlimm
scheint. Für die erste Variante spricht
daneben auch die Tatsache, dass die
Erinnerungen in beiden Erzählungen allgemein sehr oft vorkommen.
3.4.2 Alltagleben
Wie wir in dem vorigen Kapitel erwähnt haben, wird die politische Situation
in Deutschland nur mit ein paar Anmerkungen kommentiert und wir wissen nur, dass
sich die Geschichte zur Zeit der Existenz der Berliner Mauer abspielt. Die
Protagonistin unterscheidet die Teile Berlins fast nie mit der konkreten Bezeichnung
Ost- oder Westberlin, sondern sie verwendet den Namen „das andere Berlin“ je nach
dem, in welchen Teil der Stadt sie sich gerade befindet.
„Ich werde zum anderen Berlin zurückgehen. Ich werde Arabisch lernen […]. In
Westberlin gebe es einen großen Meister der arabischen Schrift.“ 64
„Ich ging aus dem Schriftzimmer mit fünf ersten arabischen Buchstaben raus zum
anderen Berlin. Ich setzte mich vor dem Berliner Ensemble in den Park, dort will ich
lernen.“65
Wahrscheinlich sollte die unkonkrete Bezeichnung die Tatsache symbolisieren, dass
sie keinen Unterschied zwischen den beiden Teilen Berlins und infolgedessen auch
keinen Unterscheid zwischen den beiden Regimen sieht, weil es die Suche nach ihrer
Identität kaum beeinflusst. Sie nimmt die Verschiedenheiten West vs. Ost fast nicht
wahr, sie widmet ihnen nur ein paar zerstreute Bemerkungen, ohne ihnen eine
Bedeutung beizumessen. Ostberlin wird vor allem durch die Statue Brechts, das
Berliner Ensemble, den Mangel an Waren und durch die Ungewöhnlichkeit des
63
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 16.
Ebenda, S. 14.
65
Ebenda, S. 17.
64
37
Begegnens mit anderen Kulturen symbolisiert. Westberlin dagegen wird mit ALDIGeschäften, der Schriftzimmer und der Moschee Ibni Abdullahs und Kudamm, voll
von Menschen arabischer Herkunft, verbunden. Im Ganzen wird Berlin eher als eine
multikulturelle als eine bikulturelle Großstadt angesehen.
Der Alltag der Protagonistin ist mir der Suche nach der Identität mit Hilfe
vom Wiedererlernen der vergessenen Muttersprache erfüllt. Die Muttersprache stellt
für sie die wichtigste Quelle der Identität dar, weil mit ihr alle Erinnerungen an die
Kindheit und Jugend verbunden sind. Sie sagt, die Wörter in einer Fremdsprache
hätten keine Kindheit, deshalb will sie feststellen, in welchen Moment sie ihre
Muttersprache verlor, um sich möglicherweise zu der verlorenen Identität
zurückzukehren. Am Anfang der Geschichte (in der ersten Erzählung) erinnert sie
sich nur an drei Wörter im Türkischen, die sich zu bestimmten Situationen beziehen:
Görmek (sehen), Kaza gecirmek (Lebensunfälle erleben) und ISCI (Arbeiter). Diese
Wörter evozieren in ihr traurige, die Freiheit einschränkende Geschichten, die sich
noch in der Türkei ereignet haben. Die Unfreiheit war unbestritten einer der Gründe
der Emigration nach Deutschland. Wahrscheinlich hat sie ihre Muttersprache
verloren, mit der Entscheidung in Deutschland zu leben, denn seit dieser Zeit fing die
neue Sprache an, das Schaffen ihrer Identität zu beeinflussen. Die Fremdsprache
verdrängte langsam die Muttersprache aus ihrem Gedächtnis und das, was ihr
ursprünglich eigen war, wurde allmählich zum etwas Fremden.
„Ich erinnere mich noch an eine türkische Mutter und ihre Wörter, die sie in unserer
Mutterzunge erzählt hatte. […] Dieser Sätze, von der Mutter eines Aufgehängten,
erinnere ich mich auch nur so, als ob sie diese Wörter in Deutsch gesagt hätte.“66
Mit der Muttersprache verliert man aber nicht nur die Sprachkenntnis, sondern auch
das Gefühl der Zugehörigkeit zu der Herkunftsgesellschaft. Um dieses zu verändern,
entscheidet sich die Protagonistin die verlorene Identität mittels der Sprache wieder
zu erwerben. Dazu verwendet sie nicht die „Mutterzunge“ (das Türkische in der
lateinischen Schrift), sondern die „Großvaterzunge“ (das Türkische in der arabischen
Schrift), die ältere Schriftform des Türkischen. Mit der Großvaterzunge könnte auch
das Arabische bezeichnet werden, weil die Hauptfigur an die Verwandtschaft der
Sprachen mehrmals aufmerksam macht.
66
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 9–11.
38
3.4.3 Die Rolle der Liebe und Religion
In Özdamars Erzählungen handelt es sich kaum um einen Prozess des
Erwachsenwerdens, weil die beiden Figuren, die Protagonistin und Ibni Abdullah,
schon reif sind, mindestens was die physische Seite des Menschen betrifft. In
Hinblick auf die psychische bzw. emotionelle Entwicklung, könnten wir wenigstens
bei der weiblichen Hauptfigur sagen, dass dieser Prozess nicht gänzlich beendet
wurde. Im vorigen Kapitel haben wir das zentrale Thema der analysierten
Erzählungen, das die Suche nach der verlorenen Identität darstellt, besprochen. Zu
dem Verlust der Identität der Protagonistin ist wegen des Mutterspracheverlustes und
damit verbundenen Erinnerungen an die Kindheit, ihre Familie und Herkunft
gekommen. In diesem Sinne ist es möglich, Ibni Abdullah als den Zugang zu ihrer
verlorenen Identität zu betrachten, weil sie mithilfe der arabischen Schrift die
Großvatersprache und infolgedessen auch ihre Muttersprache wiedererkennen will.
„Ich werde Arabisch lernen, das war mal unsere Schrift […], mein Großvater konnte
nur arabische Schrift, ich konnte nur lateinisches Alphabet […]. Vielleicht erst zu
Großvater zurück, dann kann ich den Weg zu meiner Mutter und Mutterzunge finden.
Inschallah.
In Westberlin gebe es einen großen Meister der arabischen Schrift.
Ibni Abdullah.“67
Da Ibni Abdullah die arabische Schrift im Zusammenhang mit der Heiligen Schrift
unterrichtet, beginnt sie wieder auch die Religion ihres Herkunftslandes kennen zu
lernen.
Bevor Ibni Abdullah die Protagonistin trifft, hat er sein Leben nur dem Koran
und Allah geweiht. Wenn sie seinen Schriftunterricht besuchen beginnt, verliebt er
sich in sie und seine Liebe wird von der Protagonistin erwidert. Ihre Liebe wird zu
einem der zentralen Motive der zweiten Erzählung. Für beide Figuren stellt die Liebe
eine Art der Störung ihrer inneren Ruhe. Während die Protagonistin die Störung
begrüßt, stellt sie für Ibni Abdullah eine unerwünschte innere Kluft dar. Die Schrift
ihm normalerweise hilft, sich von der irdischen Wonne zu befreien, aber die
Protagonistin nimmt ihm die Fähigkeit der Konzentration und innerlichen Meditation
ab, indem sie ihn physisch erregt. Wir könnten auch sagen, dass sie seinen Weg zur
geistlichen Reife vernichtet. Deshalb wehrt er sich dagegen und wenn er es nicht
67
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 14.
39
mehr aushalten kann, bittet er seine Schülerin darum, dass sie weiter nur in der
heiligen (d. h. geistlichen) Liebe verbleiben.
Die Protagonistin erlebt die Liebe mehr leidenschaftlich. In ihrer Figur ist es
schön die bipolare Eigenschaft der Liebe zu beobachten – einerseits gibt sie dem
Menschen die Freude und innere Ruhe, andererseits verursacht sie das psychische
Leiden. Ihr Erleben der Liebe steht im starken Kontrast zu der Erlebensweise der
Leibe Ibni Abdullahs. Deshalb schafft sie sich sein verinnertes Ich, das nach
Özdamar buchstäblich in ihrem Innere lebt.
„Ich hatte Schmerzen in meinem Körper, ein Fieber kam und trennte mich von anderen
Lebenden, ich legte mich hin, sah, wie der Schmerz meine Haut aufmachte und sich in
meinem Körper überall einnähte, ich wusste, dass in diesem Moment Ibni Abdullah in
meinen Körper reingekommen war, dann war Ruhe, Schmerz und Fieber gingen weg,
ich stand auf.“68
Dieses symbolisiert den Widerspruch, wie Ibni Abdullahs Ausdruck der Liebe in der
Wirklichkeit ist und wie sie ihn haben will. Dem passt sie auch ihr Verhalten an –
wenn sie mit dem wirklichen Ibni Abdullah spricht, ist sie eher zurückhaltend, weil
er sich mehr wie ihr Schirmherr als ihr Geliebter verhält; wenn sie aber mit dem
verinnerten Schriftlehrer spricht, ist sie leidenschaftlich, poetisch und ungebunden.
Da Ibni Abdullah nicht mehr fähig ist, ihre Liebe physisch zu erwidern, und verlässt
sie, entscheidet sie sich auch den verinnerten Verliebten, auch als Seele ihrer Seele
genannt, aus dem Körper zu verdrängen. Dank der Liebe zu ihrem Lehrer, auch wenn
sie nicht glücklich endet, entdeckt sie ihre Liebe zu dem Arabischen, d. h. dazu, was
ihre Herkunft darstellt.
„Als ich zum ersten Mal vor Ibni Abdullahs Tür stand, hatte ich drei Wörter aus meiner
Mutterzunge. Sehen, Lebensunfälle erleben, Arbeiter, ich wolle zurück zum Großvater,
dass ich dann den Weg zu meiner Mutter und Mutterzunge finden könnte. Ich verliebte
mich in meinen Großvater. Die Wörter, die ich die Liebe zu fassen gesucht habe, hatten
alle ihre Kindheit.“69
Wenn wir uns von der Tatsache befreien, dass die arabische Schrift als
Vermittler der verlorenen Identität gedeutet werden kann, sollten wir uns fragen,
welche Bedeutung noch die Religion in Özdamars Texten trägt. Vermittelt der Koran
wirklich nur den Weg zur Erkenntnis des islamischen kulturellen und poetischen
Erbes? Allgemein wird der Islam als eine sehr traditionsgeprägte Religion
präsentiert. Nach Margaret Littler gehört der Islam in heutiger globalisierter Welt zu
68
69
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 21.
Ebenda, S. 45–46.
40
den markantesten Merkmalen der modernen Kultur. Schon in der ersten Erzählung
begegnen wir der Bemerkung über Atatürk, den Reformer des türkischen Staats und
der türkischen islamischen Religion. Er bemühte sich darum, eine westlich geprägte
Gesellschaft ohne Islam als Staatsreligion aufzubauen. Der osmanische Islam
entstand als Verschmelzung verschiedener Religionen, denen der arabische Islam
dominierte.70 Unserer Meinung nach bewahrt Emine Sevgi Özdamars Islam beide
Formen – während Ibni Abdullah die traditionelle arabische Form verkörpert, vertritt
die Protagonistin die modernere Variante des Islams, indem sie die Religion mehr
mit der Erotik verbindet.
70
LITTLER, Margaret. Profane und religiöse Intensitäten: Die islamische Kultur im Werk von Emine
Sevgi Özdamar und Feridun Ziamoğlu. Amsterdam – New York, Rodopi 2009. S. 143–150.
41
4 Komparation der analysierten Texte
Das letzte Kapitel widmen wir der Komparation und der Analyse des Romans
von Thomas Brussig Am kürzeren Ende der Sonnenallee und der Erzählungen von
Emine Sevgi Özdamar Mutterzunge und Großvaterzunge. Wir untersuchen auf
einzelne Komponentenmerkmale der Werke hin – wir erforschen die Typen des
Erzählers, die in den Texten vorkommen, behandeln den Unterschied zwischen der
Erzählzeit und der erzählten Zeit, analysieren die Rolle des Raums, die Beschreibung
der Figuren und die Bedeutung der Symbole in beiden Prosa-Werken. Die
Auswertung erfolgt folgerichtig am Ende dieser Diplomarbeit an.
4.1 Der Erzähler
Als
theoretische
Grundlage
der
Untersuchung
literaturtheoretischen Texte Theorie des Erzählens
71
nehmen
wir
und Typische Formen
72
die
des
Romans von Franz Karl Stanzel, der sich mit den Typen des Erzählers so befasst,
dass er die grundsätzlichen Erzählsituationen beschreibt und die Merkmale des für
solche Erzählsituationen typischen Erzählers charakterisiert. Seine Erzähltypen
stehen im deutlichen Kontrast, der auch in den bei von uns analysierten Werken
erscheint.
Brussigs kurzer Roman wird von einem auktorialen Erzähler vermittelt.
Dieser Erzähler steht außerhalb der fiktionalen Welt der Figuren. Er zeichnet sich
dadurch aus, dass er fähig ist, alle Figuren in der von ihm erzählten Geschichte aus
der Außen- und Innenseite zu beschreiben und nicht nur das, er kennt auch ihre
Lebensgeschichte, d. h. dass er weiß, wie ihre Vergangenheit oder Zukunft aussieht.
Er kann in alle Figuren hineinschauen. In Brussigs Text macht das der Erzähler vor
allem in Zusammenhang mit der Hauptfigur, Micha. Dass er aber wirklich über der
fiktionalen Welt steht, und nicht nur Michas Inneres darstellt, demonstriert Brussig z.
B. auch durch die Figur von Michas Geliebten.
„So muss es gewesen sein, dachte Michael Kuppisch. Wie sonst konnte eine so lange
Straße so kurz vor dem Ende noch geteilt worden sein?“ 73
71
STANZEL, Franz K. Theorie des Erzählens. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1979. S. 68–
238.
72
STANZEL, Franz K. Typische Formen des Romans. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1972. S.
16–39.
73
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 8.
42
„Miriam war noch nicht lange an der Schule, in die auch Micha, Mario und die anderen
gingen. Niemand wusste etwas Genaues über sie. […] Streng genommen war Miriam
ein uneheliches Kind, aber auch das wusste keiner.“74
Die vorigen Ausschnitte beweisen, dass der Erzähler in Brussigs Roman in mehrere
Figuren hineinblicken kann und dass er für seine Erzählung keine Figurenperspektive
benutzt, sondern die sog. Außenperspektive.
Emine Sevgi Özdamar konstruierte ihren Erzähler als einen Ich-Erzähler. Ihr
Erzähler kommt aus der Figurenwelt und ist sogar mit der Protagonistin identisch, d.
h. dass er in der fiktionalen Welt körperlich existiert und stellt nicht nur die
erzählerische Stimme dar, sondern handelt (von Stanzel auch als personales
Erzählverhalten genannt). Da es um einen weiblichen Ich-Erzähler geht, könnte man
daraus (wenn man ihren Lebenslauf mit dem Geschehen in den Erzählungen
vergleicht; s. Kapitel 3.3) schlussfolgern, dass die Geschichte (mindestens teilweise)
autobiographisch ist.
„Stehe auf, geh zum anderen Berlin, Brecht war der erste Mensch, warum ich hierher
gekommen bin […].“75
Dafür spricht auch Stanzels Behauptung, dass ein solcher Erzähler zum Erzählen
existenziell motiviert sei, sein Erzählen entspringe aus seinen Lebenserfahrungen. Im
Gegensatz zu Brussigs auktorialem Erzähler hat dieser Erzähler nur die Fähigkeit,
über die vergangenen Erlebnisse zu sprechen, deshalb kommen in Özdamars
Kurztexten nur Erinnerungen vor. Özdamars Vermittler der Erzählung ist also durch
die Perspektive der Protagonistin beschränkt. Dagegen kann Brussigs Erzähler auch
die Geschichte antizipieren, d. h. die zukünftige Handlung beschreiben, weil er außer
der Geschichte steht:
„Aber all diese Absonderlichkeiten waren nichts gegen die schier unglaubliche
Erfahrung, dass sein erster Liebesbrief vom Wind in den Todesstreifen getragen wurde
und dort liegenblieb – bevor er ihn gelesen hatte.“76
So wird das Ereignis, das sich erst auf der Seite 71 abspielt schon im ersten Kapitel
kommentiert. Was noch, Brussigs Erzähler existiert auch zeitlich außerhalb der
Figurenwelt, denn im Text steht neben dem Ausdruck „uncool“ (schon mit der
Anmerkung begleitet, dass er damals nicht existiert hat) folgende Aussage:
74
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 17.
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 13.
76
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 9.
75
43
„Die Musik war damals gut, viel besser als heute. Das sagen alle, die schon damals
einen Kassettenrecorder hatten.“77
Dieser Kommentar beweist einerseits, dass sich die Allwissenheit des Erzählers weit
über die erzählte Zeit erstreckt, und andererseits, dass der Erzähler nicht völlig
objektiv ist, weil er manchmal das Geschehen bewertet oder kommentiert (das
bezeichnet Stanzel als auktoriales Erzählverhalten).
Was die textuelle Ebene betrifft, sind die Aussagen des Erzählers im Brussigs
Roman sowie in Özdamars Erzählungen von den Aussagen der Figuren deutlich, mit
Hilfe von den Anführungszeichen, getrennt, auch wenn die Figur der Protagonistin
von Mutterzunge und Großvaterzunge mit dem weiblichen Erzähler eine Einheit
bildet.
4.2 Die Erzählzeit und die erzählte Zeit
Als Basistext zur Analyse der Kategorie Zeit benutzen wir wiederum den
literaturwissenschaftlichen Text Typische Formen des Romans, der den Kontrast
zwischen der Zeit, die man zum Lesen eines literarischen Werkes braucht (die
Erzählzeit), und der Zeitspanne, in der sich die erzähle Geschichte abspielt (die
erzählte Zeit), behandelt. Dann befassen wir uns mit der Abfolge der Ereignisse in
beiden prosaischen Werken und mit den zeitlichen Abweichungen von der
Haupthandlungslinie. Wir kommentieren, welche zeitlichen Unregelmäßigkeiten in
den Texten vorkommen, und ermitteln die Gründe ihres Auftretens. Wir gehen von
Gérard Genettes Erzählung78 aus, der diesen Aspekt der erzählte Zeit sehr
ausführlich beschreibt.
Die erzählte Zeit beider analysierten Texte überschreitet ihre Erzählzeit. In
beiden Fällen wird die erzählte Zeit nicht genau bestimmt. Wir nehmen zuerst den
Roman Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Das aus dem zeitlichen Aspekt erst
vorkommende Ereignis beschreibt Michas erdichtete Geschichte über die Entstehung
des kürzeren Endes der Allee, das sich 1945 ereignet hat. Dieser Zeitpunkt stellt den
fernsten Moment der ganzen Geschichte dar. Seit dem wird die Handlung linear
präsentiert und irgendwelche konkrete Anmerkungen zur zeitlichen Angaben der
einzelnen Ereignisse finden wir im Text sehr selten. Meistens handelt es sich um
vage Zeitbestimmungen:
77
78
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 57.
GENETTE, Gérard. Die Erzählung. Stuttgart, Wilhelm Fink, 2010. S. 17–52.
44
„Einmal, in einer echten Zwangslage, hat Micha dann doch versucht, Miriams
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.“79
Ein anderes Mal werden zur zeitlichen Orientierung im Text die Geschehnisse, die
schon in der Erzählung passiert sind, verwendet.
„Micha war seit dem Kuss-Versprechen nur einmal mit Miriam zusammengetroffen.“80
Wie viel Zeit von dem ersten Ereignis vom Jahr 1945 vergeht, wissen wir nicht
genau. Da die Berliner Mauer schon steht, muss sich die Geschichte nach 1961
abspielen. Zur weiteren ungefähren Zeitbestimmung hilft uns die Zeitangabe, die
sich auf das Jahr 1972 bezieht. In diesem Jahr wurde nach Brussigs Erzähler (aber
auch in der Wirklichkeit) das Doppelalbum Exile on Main Street von den Rolling
Stones herausgegeben, das Doppelalbum, wonach sich Wuschel sehr sehnt. Das Ende
des Romans wird mit dem 7. Oktober eines unbestimmten Jahres gleichgesetzt, wann
eine Militärparade stattfindet. Manchmal entwickelt der Erzähler auch parallele
Geschichten, aber darauf stößt man nur selten.
Die erzählte Zeit des Romans erstreckt sich also über mehr als 28 Jahre. Die
erste Zeitbestimmung ist weit von der Hauptlinie der Handlung eingesetzt, deshalb
taucht die Frage auf, ob es überhaupt notwendig ist, so einen entfernten Zeitpunkt in
der Geschichte zu haben. Obwohl er kaum mit der Geschichte zusammenhängt, ist er
von großer Bedeutung, wenn wir uns auf die Suche nach dem Sinn der
Weltgeschichte oder nach der Rolle des Einzelnen in dem Weltgeschehen
konzentrieren. Auch das Enddatum hat unserer Meinung nach eine symbolische
Funktion – das Baby, das zur Welt mit der Hilfe eines sowjetischen Soldaten kommt,
symbolisiert die Tatsache, dass auch in einem diktatorischen Regime schöne Sachen
passieren können und dass das Leben ohne Rücksicht auf die tragischen und
beschränkenden Umstände weitergeht.
Als Anfang der imaginativen Zeitachse, die den Verlauf der Handlung in
Emine Sevgi Özdamars Erzählungen darstellt, können wir die Erinnerung an die
Mutter der Protagonistin bezeichnen. Diese Erinnerung bezieht sich zwar auf keine
konkrete Zeitangabe, aber sie wird mit der Kenntnis der türkischen Sprache
verbunden, die die Protagonistin zur Zeit der Erzählung nicht mehr beherrscht.
79
80
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 21
Ebenda, S. 43.
45
„Wenn ich nur wüsste, wann ich meine Mutterzunge verloren habe. Ich und meine
Mutter sprachen mal in unserer Mutterzunge. […] Ich erinnere mich jetzt an
Muttersätze, die sie in ihrer Mutterzunge gesagt hat, nur dann, wenn ich ihre Stimme
mir vorstelle, die Sätze selbst kamen in meine Ohren wie eine von mir gut gelernte
Fremdsprache.“81
Die Erinnerungspassage funktioniert als Auslöser ihrer Suche nach ihren Wurzeln
und damit zusammenhängend auch nach ihrer verlorenen Identität. Weiter entwickelt
sich die Handlung chronologisch, auch wenn es ziemlich oft durch das
Zurückdenken beider Figuren unterbrochen wird. In Özdamars kurzprosaischen
Texten begegnen wir keinem genauen Datum, das die Handlung zeitlich abgrenzt.
Wir sind aber fähig, wie bei Brussig, das historische Geschehen als das Indiz für die
Zeitbestimmung zu benutzen. Auch in diesem Fall spielt sich die Geschichte nach
dem Mauerbau ab, und wie schon in der thematischen Analyse erwähnt wurde,
wissen wir sogar, dass es sich um die Zeit nach Benno Ohnesorgs Tod (d. h. 1967)
handelt. Trotzdem ist es nicht möglich, die erzählte Zeit genau zu bestimmen. Wenn
wir diesen Fakt mit dem Hauptthema der Erzählungen verbinden, können wir daraus
schlussfolgern, dass die Protagonistin nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit
verloren ist.
Jetzt widmen wir uns der Abfolge der in den Büchern präsentierten
Ereignisse. Schon in der vorigen Passage bezeichneten wir die Werke als
chronologisch erzählte Geschichten. In beiden Texten stoßen wir auf zahlreiche
Anachronien, d. h. auf die Teile der Handlung, in denen die Zeitfolge der Ereignisse
mit ihrer Abfolge in der Geschichte nicht identisch ist. Es gibt zwei Arten der
Anachronien – die Analepsen und die Prolepsen. Die Analepsen kehren zu dem
Zeitpunkt, der innerhalb der Geschichte vor dem gerade erreichten Zeitpunkt liegt,
zurück. Die Prolepsen beschreiben ein Ereignis im Voraus, das in der Geschichte
nach dem aktuell beschriebenen Zeitpunkt kommt. Die Analepsen kommen bei
Brussig sowie in Özdamars Werk vor. Während sie Brussig sehr selten zum
Konstruieren der Charaktere verwendet, indem er ihre Herkunft oder die Umstände
der entstandenen erklärt, herrscht bei Özdamar die Form der Erinnerungen vor, was
bestimmt vieles mit der Suche nach der verlorenen Identität zu tun hat.
„Als Miriams kleiner Bruder geboren wurde, war Miriam bereits klar, dass sich ihre
Eltern trennen würden. […] Als sich Miriams Eltern endlich trennten, wollte sich
81
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 9.
46
Miriams Mutter von den belästigenden Nachstellungen von Miriams verrücktem Vater
sicher fühlen – und so zog sie ans kürzere Ende der Sonnenallee.“82
„Wenn ich nur wüsste, in welchem Moment ich meine Mutterzunge verloren habe. Ich
lief einmal in Stuttgart um dieses Gefängnis da, da war eine Wiese, nur ein Vogel flog
vor den Zellen, ein Gefangener […] sprach in derselben Mutterzunge, sagte laut zu
jemandem: ‘Bruder Yashar, hast du gesehen?’ Der andere, den ich nicht sehen konnte,
sagte: ‘Ja, ich hab gesehn.’
Sehen: Görmek.“83
Dass die Analepsen häufiger in Mutterzunge und Großvaterzunge vorkommen, hängt
eng mit dem Typ des Erzählers zusammen, denn der mit der Figur der Protagonistin
identische Ich-Erzähler verfügt nur über die Vergangenheit der eigenen Figur, in der
er die Quellen ihrer Identität sucht, dagegen Brussigs auktorialer Erzähler steht über
allen Figuren und über dem gesamten Romangeschehen, deshalb ist er auch fähig die
zukünftige Handlung vorauszusagen und die Anspielungen auf sie im Lauf des
Textes zu zerstreuen.
„Wenn der ABV die Kassette mit Moscow, Moscow nicht an sich genommen hätte,
dann wäre Michas erster Liebesbrief auch nicht in den Todesstreifen geflattert.“84
„Ein paar Tage später fand Micha im Briefkasten einen Brief, ohne Namen, ohne
Absender, aber mit roten Herzchen zugeklebt. […] Der Brief fiel Micha aus der Hand,
und weil es ein windiger Tag war, flatterte er davon. Micha wollte dem Brief
hinterherrennen, aber der ABV […] bestand auf der Fahndungskontrolle. Der Brief
wurde einfach weggeweht, bis in den Todesstreifen […].“85
Solche Bemerkungen sollen den Leser in einer ständigen Spannung behalten, denn
der Erzähler enthüllt zuerst nur Teile der kommenden Geschichte, die der Leser erst
später, nachdem alle Informationen, die zum Verständnis der angedeuteten Situation
brauchbar sind, im Text präsentiert werden, verstehen kann.
4.3 Der Raum
Berlin wird mit der Ausnahme der Erinnerungspassagen von der
Protagonistin und Ibni Abdullah, die in der Türkei und im Arabien situiert sind, zum
Schauplatz beider Geschichten. Warum gerade Berlin? Wenn wir uns auf das
Hauptthema beider Texte ausrichten, d. h. entweder auf die Suche oder auf das
Schaffen der Identität der Protagonisten, und das Thema in den Zusammenhang mit
dem Berliner Raum bringen, stellen wir fest, dass es auch ein Ort ist, der einen Teil
82
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 18.
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 11.
84
Ebenda, S. 16.
85
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 71–72.
83
47
seiner Identität infolge der Nachkriegsereignissen verloren hat. Die Charaktere leben
sozusagen in einer Symbiose mit der Stadt – sie gewährt ihnen einen Lebensraum,
den Raum zum Suchen des eigenen Ichs, aber gleichzeitig nimmt er ihnen die
Freiheit (in Michas Fall) oder die Kulturquellen (bei der Protagonistin).
Die genauen Örtlichkeiten kommen in den von uns den analysierten Werken
sehr selten vor. Der Erzähler der ersten zwei Texte vom Erzählband Mutterzunge
erwähnt im Laufe seiner Erzählung einige der Berliner Bezirke, die traditionell von
den Türken bewohnt sind, und zwar Wilmersdorf und Neukölln. Die Protagonistin
bewegt sich also meistens in dem Raum, wo sie auf die Träger ihrer ursprünglichen
Kultur stoßen kann. In Wilmersdorf befindet sich das Schriftzimmer Ibni Abdullahs,
das zum Zentrum der Bemühungen von der Protagonistin in der Suche nach der
Identität wird. Der zweite Ort, den sie oft zum Nachdenken und Lernen benutzt, ist
der Platz vor dem Berliner Ensemble mit Brechts Statue. Nach dem weiblichen IchErzähler stellt Berthold Brecht einen der Gründe dar, warum die Protagonistin aus
der Türkei ausgereist ist. In dem Text wird dieser Platz sehr oft zur Rückkehr zu den
Wurzeln verwendet. Die Motive der Emigration und der Entscheidung, sich zu den
Kulturquellen zurückzukehren, treffen sich an diesem Ort.
„Ich ging aus dem Schriftzimmer mit fünf ersten arabischen Buchstaben raus zum
anderen Berlin. Ich setzte mich vor dem Berliner Ensemble in den Park, dort will ich
lernen. Da stand eine Statue von Brecht, […] ich wollte, dass diese Statue verschwindet
und Brecht mit Mütze und Flöte dasteht.“86
Der Lebensraum der Romanhauptfigur bei Brussig wird dagegen nur auf das
kürzere Ende der Sonnenallee beschränkt. Der östliche Raum wird sehr deutlich von
dem westlichen abgegrenzt, die Berliner Mauer wird zur klaren Grenze des
Lebensraums. Obwohl die Figuren nach dem Erzähler die Mauer kaum wahrnehmen,
mischt sie sich in ihr Leben. Am markantesten ist dies im Fall von Michas Leben zu
sehen, denn die Mauer tritt als seine Gegenspielerin in Sachen Liebe auf – zuerst in
dem Sinne, dass sich Miriam nur für die „Westler“ interessiert (und zu dem kann er
wegen der Mauer und dem Regime nicht werden), später weil sein erster Liebesbrief
in dem Todestreifen endet und er nicht feststellen kann, ob er von Miriam stammt
oder nicht. Die zweite Rolle der Berliner Mauer besteht darin, dass sie als Symbol
der Unfreiheit, das Familien und Freunde trennt, dargestellt wird. Alle Hindernisse,
die die Mauer den Charakteren in den Weg stellt, sind am Ende der Geschichte
86
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 17.
48
überschritten, indem sich Miriam in Micha verliebt und Michas Mutter die Asche des
gestorbenen Westonkels über die Grenze schmuggelt und die Familie wieder vereint.
4.4 Die Figuren
Die Folge der Erzählertypauswahl können wir auch bei der Analyse der
Figurentypen beobachten. Während Brussigs auktorialer Erzähler ins Innere der
beliebigen Figur einzudringen fähig ist, kann das Özdamars Ich-Erzähler nur bei der
Protagonistin machen. Auch was die Charakteristik der Charaktere betrifft, wählen
die Schriftsteller verschiedene Verfahren, denn im Roman Am kürzeren Ende der
Sonnenalle hat jede Figur einen Namen oder mindestens einen Spitznamen, d. h. dass
ihnen eine Identität zugeschrieben wird, aber in den Erzählungen von der türkischen
Autorin finden wir nur einen Charakter, den einen Namen trägt, Ibni Abdullah. Der
fehlende Name der Protagonistin bestätigt uns immer wieder, dass wir mit der Figur
ohne Identität etwas zu tun haben.
Die Figuren im Brussigs Roman können wir in zwei Gruppen teilen – erstens
handelt es sich um die Teenager, die alle einem ähnlichen Typ entsprechen, zweitens
treffen wir auf die karikierten Mitglieder Michas Familie. Zu der ersten Gruppe
gehören die Jungen, die im Zentrum der Handlung stehen, d. h. Micha, seine Freunde
und Miriam. Wir können alle als junge Menschen, die den Prozess des
Erwachsenwerdens zur Zeit der Erzählung erleben, nach der Liebe, Unterhaltung und
ihrer Gesellschaftsrolle suchen und gegen das diktatorische Regime rebellieren,
charakterisieren.
Michas Familie wird dagegen ein bisschen schematisch, sehr stereotypisiert
dargestellt, oder sogar karikiert. Michas Vater verdächtigt immer seinen Nachbarn
der Stasi-Zugehörigkeit und will eine Eingabe schreiben, in der er sich über etwas
beschwert (aber macht das nie). Die Schwester der Protagonisten interessiert sich nur
für die Männer, die sie ständig wechselt und ihr Bruder wird als Roboter im Dienste
der Armee beschrieben. Die einzige Person, die auf dem ersten Blick dem Muster
von Michas Familie entspricht, aber später einen Ausbruch erlebt, ist die Mutter. Am
Anfang wirkt sie als eine Hausfrau, die nur für das sorgt, wie sie vor den Nachbarn
aussieht, denn sie will ihrem Sohn dadurch ein gutes Studium sichern. Sie macht eine
Veränderung durch, worüber man fast am Ende der Geschichte feststellt, wenn sie
über die Grenze mit einem fremden Pass zu überschreiten versucht. Nur Micha (zum
49
Zweck der Rettung von Miriam) und seine Mutter sind die einzigen Figuren ihrer
Familie, die eine Veränderung durchmachen, andere Familienmitglieder können wir
als statische, sich nicht verändernde Figuren bezeichnen.
Die Handlung der Erzählungen von Emine Sevgi Özdamar wird nur auf zwei
Figuren konzentriert – auf die Protagonistin und Ibni Abdullah. Diese zwei Figuren
stehen, wie die Figuren bei Brussig, im Gegensatz zueinander. Ibni Abdullahs
Identität, die zwar durch den Namen geschaffen wird, entspringt der Gottesglaube,
dank dem er auf einem festen Boden steht. Wenn sein Glaube durch die Liebe zu der
Protagonistin geschwächt wird, indem er sich weniger um die überirdischen Sachen
kümmert, fühlt er eine Bedrohung und beginnt sich dagegen zu wehren.
„Du bist sehr schön, ich will die heilige Liebe, reine Liebe. Wenn ich mit der
weiterschlafe, mein Körper wird sich ändern, ich werde meine Arbeit verlieren. […]
Mein Körper ist verrückt geworden, wenn du weiter in mich kommst, spätestens in
einem Monat verliere ich meine Arbeit, ich bin ein armer Mann.“ 87
Wir können also sagen, dass der Glaube zu seiner Identitätsquelle wird.
Die Eigenschaften der Figur der Protagonistin werden völlig dem Thema und
dem Erzählertyp untergeordnet. Wir sind nicht fähig, etwas über das Aussehen der
Figur zu sagen, die einzige Weise, wie wir sie charakterisieren können, ist durch ihr
Inneres, das sich uns in den Träumen und Erinnerungen zeigt. Sie kommen in der
Geschichte sehr häufig vor, weil sie die einzige Quelle zu ihrer verlorenen Identität
darstellen.
Wenn wir die guten und bösen Charaktere unterscheiden sollen, finden wir
heraus, dass beide Schriftsteller auf die böse Seite die Vertreter des politischen
Regimes stellen, denn sie nehmen den Figuren die Freiheit ab, und die anderen
Figuren als gute abbilden. In Brussigs Roman wird aber diese Unterscheidung in dem
Charakter des ABVs gebrochen, der sich nicht nur für den Gesundheitszustand
Michas Verliebte sorgt, sondern er nimmt auch an der Beerdigung des Westonkels
teil, dessen Asche Michas Mutter über die Grenze geschmuggelt hat (und damit die
Verordnung des Regimes verletzt hat).
„Nach einer Woche war der ABV nicht vom Obermeister zum Unterleutnant befördert,
sondern zum Meister degradiert worden. Und begann Micha zu schikanieren, indem er
sich von ihm immer den Personalausweis zeigen ließ.“88
87
88
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 42.
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 15.
50
„Am nächsten Morgen blieb sie [Miriam] liegen und schaute nur an die Decke. […] Erst
der ABV hat Micha geraten, mal zu Miriam zu gehen. ‘Deiner Kleinen geht’s nicht
gut.’“89
Also sogar die böse politische Figur wird im Zusammenhang mit dem nostalgischen
Ton der Geschichte als menschlich präsentiert.
4.5 Die Symbole
Es wäre möglich, beide analysierten Texte auf der symbolischen Ebene zu
deuten, was wir im Laufe dieser Diplomarbeit schon mehrmals gemacht haben. In
dem letzten Abschnitt dieses Kapitels werden wir uns um die Analyse der
Dingsymbole, die in den Texten vorkommen, bemühen. In dieser Hinsicht stehen
Özdamars Erzählungen im Vordergrund, denn Thomas Brussig verwendet keine sich
wieder zurückkehrenden Symbole, die auf etwas eindeutig aufmerksam machen
sollen oder eine Tatsache symbolisieren sollen.
Das erste der Symbole, die in der Erzählungen Mutterzunge und
Großvaterzunge auftauchen, ist ein Diwan. Dem Diwan begegnen wir zum ersten
Mal während der kurzen Rückkehr der Protagonistin in die Türkei, bevor sie sich
entscheiden hat, die arabische Schrift zu lernen. Dann kommt das Symbol wieder,
diesmal befindet es sich in der Schriftzimmer Ibni Abdullhas, wo sich die weibliche
Hauptfigur mit der arabischen Schrift beschäftigt. Der Diwan dient der Protagonistin
dazu, ihre Herkunft und ihre verlorene Identität wiederzugewinnen.
„Diwan, auf dem ich auf meinen Beinen saß, gib mir meine Erinnerungen.“ 90
Wir können sagen, dass der Diwan den Vermittler der Suche nach der Identität
darstellt – d. h. die Sprache, denn er befindet sich entweder in dem Herkunftsland
oder in dem Schriftzimmer, also im Raum der türkischen, bzw. arabischen Sprache.
Das zweite Symbol, das als Parallele der Liebe verwendet wird, ist ein Vogel.
Das Bild des Vogels verändert sich mit der Beziehung der Verliebten – am Anfang
ist er jung, ungeduldig, frei und leicht, mit der Entwicklung ihrer Beziehung und Ibni
Abdullahs ablehnenden Stellungnahme zu der Protagonistin wird der Vogel
schwerer, kann sich nicht mehr so leicht wie früher bewegen.
„[…] die Liebe ist ein leichter Vogel, er setzt sich leicht irgendwo hin, aber steht schwer
auf.“91
89
90
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 146.
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 27.
51
Das Symbol des Vogels erscheint auch in den religiösen Schriften, die die
Protagonistin
zum
Zweck
der
Identitätssuche
studiert.
Sie
benutzt
ihre
Vorstellungskraft, um sich die Buchstaben am besten zu merken. Am Ende der
Geschichte wird der Vogel metaphorisch, im Rahmen des Textes, mit einem Pfeil
getötet. Das passiert in dem Moment, als sich die Protagonistin entscheidet, aus dem
Schriftzimmer hinauszugehen, weil Ibni Abdullah nicht fähig ist, die Schwere der
irdischen Liebe zu tragen, und verlässt sie, womit ihre Liebe endet.
91
ÖZDAMAR, Emine Sevgi. Mutterzunge. S. 40.
52
Zusammenfassung
Nachdem ich die theoretische Basis für Analyse der ausgewählten Texte
bestimmt habe und beide Werke thematisch getrennt und aus der Sicht der
Erzählungskomponente im Bezug aufeinander analysiert habe, fasse ich die
Ergebnisse zusammen. In dem theoretischen Teil meiner Diplomarbeit habe ich
Brussig als Autor der jüngeren Autorengeneration der Berliner Prosa bezeichnet,
denn sein literarischer Stil und die Weise, in der das mit Berlin verbundene Thema
präsentiert wird, entspricht der neuer Welle der Berliner-Prosa-Schriftsteller, d. h. er
schreibt subjektiv und stellt die mit Berlin verbundenen historischen Ereignisse nicht
wahrheitsgetreu dar. Die Tatsache, dass er in seinem Roman Am kürzeren Ende der
Sonnenallee überhaupt ein historisches Thema bearbeitet, deutet an, dass er, was
dieses konkrete Werk betrifft, nicht völlig von der älteren Generation der Autoren zu
unterscheiden ist. Berlin wird von ihm als ein Erinnerungsort abgebildet, er denkt an
das Alltagleben in der DDR, an den Einfluss des diktatorischen Regimes auf die
Formierung der Identität der Teenager, zurück. Die ganze Geschichte zeichnet sich
durch einen nostalgischen Ton aus:
„Wer wirklich bewahren will, was geschehen ist, der darf sich nicht den Erinnerungen
hingeben. Die menschliche Erinnerung ist ein viel zu wohliger Vorgang, um das
Vergangene nur festzuhalten; sie ist das Gegenteil von dem, was sie zu sein vorgibt.
Denn die Erinnerung kann mehr, viel mehr: Sie vollbringt beharrlich das Wunder, einen
Frieden mit der Vergangenheit zu schließen, in dem sich jeder Groll verflüchtigt und
der weiche Schleier der Nostalgie über alles legt, was man scharf und schneidend
empfunden wurde.
Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.“ 92
Wenn ich dazu aber noch den Fakt zähle, dass Brussig der Gruppe der ostdeutschen
Autoren zugehört, die nach dem Mauerfall manchmal dazu tendieren, den
untergangenen Staat mit einem bestimmten Maß der Nostalgie zu schildern, kann ich
daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass die Kategorisierung in die Generationen die
deutsch-deutsche Unterschiede vernachlässigt. Deshalb wird diese Einteilung in
Kategorien von manchen Literaturwissenschaftlern, die sich mit der Berliner Prosa
befassen, als zweckdienlich bezeichnet.93 Da eine Kategorisierung immer eine
Vereinfachung der komplizierteren Realität darstellt, muss man mit kleinen
Abweichungen rechnen. Meiner Meinung nach wäre es in der Zukunft nützlich, die
92
93
BRUSSIG, Thomas. Am kürzeren Ende der Sonnenallee. S. 156–157.
Vgl. BRÜNS, Elke. Nach dem Mauerfall. Eine Literaturgeschichte der Entgrenzung. S. 28.
53
Gliederung
der
Autoren
anhand
der
Lektüre
einer
größeren
Menge
zusammenhängender Texte zu revidieren.
Emine Sevgi Özdamar gehört zu der älteren Generation der türkischen
deutschschreibenden Schriftsteller, denn sie ist schon in den 60er Jahren nach
Deutschland gekommen. Da man im Rahmen der deutschen Autoren türkischer
Herkunft ähnliche Themen in beiden abgegrenzten Kategorien beobachtet, gibt es
kein Problem in unserem Fall, den Erzählband Mutterzunge in den von uns
bestimmten Kategorien einzureihen.
In der Einleitung dieser Diplomarbeit habe ich gesagt, dass beide analysierten
Texte in der thematischen Ebene gemeinsame Merkmale aufweisen. Nicht nur
Brussig, sondern auch Özdamar schildern das Alltagleben der Protagonisten.
Während bei Brussig das Alltagleben Am kürzeren Ende der Sonnenallee so
abgebildet wird, dass normale Menschen mit ihren normalen Problemen im
Vordergrund stehen, mit denen sich man auch in einem nichtdiktatorischen Regime
befasst, widmet die türkische Autorin den Merkmalen der damaligen Zeit fast keine
Aufmerksamkeit und der Alltag als Zeit der Suche nach der Identität dargestellt wird.
Was die Wiedergabe der historischen und politischen Ereignisse betrifft, finden wir
in beiden Büchern keine detailierte Bearbeitung. Brussig zeichnet sich dadurch aus,
dass er ihre Wirkung entlastet und obwohl die politische Wirkung des Regimes ganz
breit bearbeitet wird, spiegelt er vor allem den Einfluss der Politik auf das alltägliche
Leben wider. Auch Özdamar beschreibt die politischen und historischen Ereignisse
in Deutschland ohne besondere Gefühle, sie konzentriert sich mehr auf die
vergangenen Ereignisse in ihrem Herkunftsland, denn sie will durch die
Erinnerungen an sie den Weg zurück zu ihrer Identitätsquelle finden. Das Motiv der
Liebe steht im Zentrum beider Berliner-Prosa-Texte. Im Roman Am kürzeren Ende
der Sonnenallee kommt die Liebe als ein Bestandteil des Prozesses von
Erwachsenwerden vor, in Özdamars Erzählungen dagegen wird die Liebe zum
arabischen Schriftlehrer mit dem Zugriff auf die Quelle der Identität verbunden. Aus
dem vorigen zusammenfassenden Vergleich kann ich herausziehen, dass, obwohl das
Thema beider Texte ähnlich ist, wird es dem Zweck des Textes verschiedenartig
angepasst.
Eines der weiteren Merkmale, für die ich mich interessiert habe, war das Bild
Berlins in den ausgewählten Prosatexten. Der Raum der Großstadt spielt in den
54
Texten auch eine unterschiedliche Rolle. Von dem deutschen Schriftsteller wird
Berlin als Raum des Erwachsenwerdens und der Entwicklung einer jungen
Generation im Schatten der Mauer präsentiert. Brussig betont das Alltagleben und
dadurch entmythisiert er die Geschichte. In den Erzählungen Mutterzunge und
Großvaterzunge wird Berlin zum Raum der Identitätssuche und wahrscheinlich stellt
er daneben auch den Grund des Verlustes von der Quelle ursprünglicher Kultur dar,
denn die in Berlin neu erworbene deutsche Kultur hat die ursprüngliche Kulturquelle
verdrängt.
Wenn ich jetzt die Erzählanalyse mit dem Kommentar über die thematische
Ebene verbinde, stelle ich fest, dass die Erzählungskomponenten dem Thema der
Texte untergeordnet sind. Die Suche nach der Identität wird meistens mit einem
konkreten Ich verbunden, deshalb schafft Emine Sevgi Özdamar einen Ich-Erzähler,
der mit der Protagonistin identisch ist. Die weibliche Hauptfigur tritt ohne Namen
und in einer unbestimmten Zeit auf, was die Verlorenheit des Charakters noch
unterstreicht. Noch dazu spielt sich die Geschichte in einer Stad ab, die auch einen
Teil eigener Identität verloren hat. Thomas Brussigs auktorialer Erzähler beschreibt
die Handlung aus größerer Distanz, er kann also das Ambiente der Zeit von der
Existenz der DDR gut darstellen, denn die Aussage über die Geschichte wirkt
objektiver und die Leser können sich leicht mit den Figuren identifizieren, weil er
über das gemeinsame Erlebnis einer ganzen Generation spricht.
Ich strebe nicht danach, die Ergebnisse meiner Diplomarbeit zu
verallgemeinern. Ich will nur anhand zwei konkreter Beispiele das unterschiedliche
Verfahren der Autoren deutscher Herkunft einerseits und türkischer Herkunft
andererseits präsentieren. In Zukunft wäre es bestimmt interessant, den Vergleich
noch um die Differenz zwischen einem ost- und westdeutschen Literat zu bereichern
oder die deutschen und deutsch-türkischen Schriftstellerinnen im Bereich des
Fräuleinwundertrends zu vergleichen. Die Arbeit wird aber dadurch erschwert, dass
es sich um die gegenwärtige Literatur handelt, eigentlich nur um einen Trend der
Gegenwartsliteratur, und man muss sich vor allem auf Internetquellen (in Form
verschiedener Artikel) verlassen. Wenn man sich dadurch nicht abschrecken lässt,
kann ein wertvoller Beitrag zur Geschichte der Gegenwartsliteratur entstehen. Es gibt
viele Bücher, die sich mit der Berliner Prosa beschäftigen. Ich habe für meine Arbeit
55
die relevantesten Titel der Sekundärliteratur ausgewählt und
Untersuchung finde ich am übersichtlichsten.
56
Phil C. Langers
Resümee
The thesis Berlin in the chosen prose of German authors in the 2nd half of the
20th century describes one of the many trends in the contemporary German literature
– the reflection of Berlin in the literature published in the 2nd half of the 20th century.
At the beginning of it we summarize the most important events of the German
history after the WW II which influenced not just the separated development of two
German states but also the way of depiction of the political, social and cultural events
in the literature. After that we define the Berlin prose as a total of every piece of
literature which is related to Berlin or was written by a writer who lives or lived
there. Nowadays there many Turkish authors who contribute to it, too. The aim of the
thesis is to analyse the differences between two short stories, Mutterzunge and
Großvaterzunge, by the Turkish author Emine Sevgi Özdamar and the novel Am
kürzeren Ende der Sonnenallee by Thomas Brussig. First we describe the themes of
both texts separately and then we analyse the narrative structures together.
Both writers proceed differently even though they depict similar themes (the
everyday life in the separated city, the search for or the formation of own identity
and the love) and take place in the German’s capital at the time of existence of the
Berlin Wall. Neither of the books contains any detailed reflexion of the event from
the German history. Thomas Brussig focuses on the normally everyday life of
a group of young people in the dictatorial regime in the GDR while Emine Sevgi
Özdamar connects the everyday life with the search for the identity of her female
Turkish protagonist. Also the motive of love is shown from a different angle – in the
novel by Thomas Brussig represents love a part of growing up but the motive of love
in Mutterzunge and Großvaterzunge is linked to the search for the identity of the
main character. We can observe the contrast of the analysed prose in the narrative
structure of the texts, too. Both writers subordinate the choice of the narrator type to
the theme of the prose. Brussig uses a third-person narrator to describe a process of
growing up of one generation in the GRD in contrast to Özdamar who concentrates
on one person’s life story told by a first-person narrator.
57
Literaturverzeichnis
Primärliteratur
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62
Annotation
Jméno a příjmení:
Katedra:
Vedoucí práce:
Bc. Marie Nevařilová
Katedra germanistiky
Mgr. Sabine Voda Eschgfäller, Ph.D.
Berlín ve vybraných prózách německých autorů 2. poloviny
20. století
Berlin in the chosen prose of German authors in the 2nd half
Název v angličtině:
of the 20th century
Diplomová práce, nesoucí název Berlín ve vybraných
Anotace práce:
prózách německých autorů 2. poloviny 20. století, se zabývá
literárním obrazem německého hlavního města ve dvou
vybraných textech, tj. v povídkách Emine Sevgi Özdamar
Mutterzunge a Großvaterzunge a v románu Thomase
Brussiga Am kürzeren Ende der Sonnenallee. Práce se
skládá ze čtyř tematických celků. V první části se nachází
stručný přehled německých dějin 2. poloviny 20. století,
druhý celek obsahuje definici tzv. berlínské prózy, ve třetí
kapitole se nachází tematický rozbor děl, který je ve čtvrté
části doplněn o analýzu narativních komponentů textů.
Berlín, próza, 2. polovina 20. století, Thomas Brussig,
Klíčová slova:
Emine Sevgi Özdamar, Am kürzeren Ende der Sonnenallee,
Mutterzunge, Großvaterzunge, próza všedního dne, DDR,
identita, jazyk
Anotace v angličtině: The thesis, named Berlin in the chosen prose of German
authors in the 2nd half of the 20th century, deals with the
reflection of the German’s capital in the literature. The
thesis is focused on two chosen books, i.e. on the short
stories Mutterzunge and Großvaterzunge by Emine Sevgi
Özdamar and on the novel Am kürzeren Ende der
Sonnenallee by Thomas Brussig. It is divided into four
parts. The first chapter contains a brief summary of the
German history in the 2nd half of the 20th century, in the
second unit there is a definition of the Berlin prose, the
analysis of the literary texts follows in the third part and the
fourth chapter deals with the narrative analysis.
Berlin, prose, 2nd half of the 20th century, Thomas Brussig,
Klíčová slova
Emine Sevgi Özdamar, Am kürzeren Ende der Sonnenallee,
v angličtině:
Mutterzunge, Großvaterzunge, prose of everyday life, GDR,
identity, language
žádné
Přílohy vázané
v práci:
49
Počet titulů použité
literatury:
115 128 znaků (včetně mezer)
Rozsah práce:
Název práce:
63

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