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Pfingstsonntag, Unikirche Kiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11. Mai 2008
Röm 8,1–11
Liebe Gemeinde,
es mag schon sein, dass Pfingsten – wie mein verehrter Lehrer Prof. Preul in einer
Pfingstpredigt gesagt hat – das unanschaulichste und daher am schwierigsten zu vermittelnde
aller christlichen Feste ist. Es gibt weder so etwas Anrührendes wie ein kleines Kind in der
Krippe noch so etwas Schockierendes wie eine Hinrichtung oder so etwas Existentielles wie
Berichte über einen, der vom Tod auferstanden ist. Und Geschenke gibt es in der Tat auch keine
mehr – ich halte es allerdings nur für eine Frage der Zeit, wann eine lahmende Wirtschaft dieses
bisher unbeackerte Feld für sich entdeckt.
Allerdings könnte man für eine quasi natürliche Bedeutsamkeit des Pfingstfestes ins Feld
führen, dass es das ökumenischte aller christlichen Feste zu sein scheint. Der grundlegende
Gedanke des Festes findet sich in den meisten Religionen und Weltanschauungen wieder: Es
gibt einen Geist, eine Aura, einen spirit, ein Lebensprinzip, das die Welt, wie wir sie kennen
und erleben, durchdringt und unsere menschliche mit der Sphäre des Göttlichen verbindet.
Dieser Geist qualifiziert die Welt und stattet sie mit besonderer Dignität aus, weil er eben ein
göttliches Prinzip ist oder sogar mit Gott identisch ist. Dieser Geist ist ein dynamisches und
lebenschaffendes Prinzip, wie es im Französischen ésprit besonders gut zum Ausdruck kommt.
Natürlich haben die uns verwandten Religionen eine Vorstellung vom Geist Gottes: Die Ruach
schwebte nach der jüdischen Schöpfungsgeschichte am ersten Schöpfungstag auf dem Wasser.
Auch der Islam kennt den Geist der Heiligkeit, der die Propheten und Jesus gestärkt hat, auch
wenn er ihn in seinem strengen Monotheismus nicht als eigene göttliche Größe ansieht – hierbei
besteht auch überhaupt kein Widerspruch zu einer richtig verstandenen Trinititätsvorstellung.
Aber auch andere Religionen haben ähnliche Vorstellungen: Bodhicitta oder dhatu ist der Geist
als innere Einstellung und Eigenschaft aller Dinge auf der Welt im Buddhismus. Manitu oder
Wakanda heißt der „Große Geist“ bei den nordamerikanischen Indianern, auch das Dao des
Taoismus in seiner Bedeutung eines der ganzen Welt zugrunde liegenden, alles
durchdringenden Prinzipes ließe sich hier nennen. Aber auch viele der unüberschaubaren
Richtungen der neuen Religiosität beschreiben den Weg zum Heil damit, dass man in Einklang
mit einer die Welt durchwehenden geistlichen Kraft kommen muss, um selbst seinen Frieden als
Teil dieses Ganzen zu finden. FengShui ist beispielsweise die Lehre davon, wie man das
Kraftfeld in seiner Nähe positiv ausrichtet, um an dieser Stärke teilzuhaben. Selbst in der
religiösen Symbolik von zeitgenössischen Filmen spielt das Geistprinzip eine prominente Rolle.
„Die Macht ist es, die dem Jedi seine Stärke gibt. Es ist ein Energiefeld, das alle lebenden
Dinge erzeugen. Es umgibt uns, es durchdringt uns. Es hält die Galaxis zusammen“, sagt Obi
Wan Kenobi, der Jedimeister zu Luke Skywalker, als er ihn unterrichtet, und ein guter Jedi
nutzt die Macht, um Frieden und Harmonie in der Welt herzustellen, sozusagen eine Art
intergalaktischen Sabbat.
Nun sind dem Christentum solche sehr kreatürlichen und häufig naturverbundenen
Vorstellungen des Geistes nicht fremd – Gott sei Dank, möchte man sagen –, und gerade, wenn
ein Pfingstfest so sonnig ist wie dieses und mitten in die üppigste Jahreszeit fällt, so wie in
diesem Jahr, dann ist es – entgegen meinem ersten Votum – sogar ausgesprochen anschaulich.
Wer in den letzten Tagen Zeit hatte, nicht am Schreibtisch oder an einem anderen Arbeitsplatz
drinnen zu hocken sondern herauszukommen und etwas an der frischen Luft zu machen, der ist
eigentlich schon in allerbester pfingstlicher Stimmung für den Schöpfergeist. Das Lied, das wir
zu Beginn des Gottesdienstes gesungen haben [639: Nun steht in Laub und Blüte], kann
durchaus auch als pfingstliches Lied gelten, es teilt mit dem bekannteren „Wie lieblich ist der
Maien“ nicht nur die Melodie, sondern auch den schlüssigen Gedanken, dass wir in der
überbordenden Lebensfülle der Natur Gottes Geist des Lebens spüren können. „Der Botschaft
hingegeben / stimmt fröhlich mit uns ein: / Wie schön ist es, zu leben / und Gottes Kind zu
sein!“ Dieser mitreißenden Energie der Schöpfung kann man sich kaum entziehen, sie stiftet
Gemeinschaft, in dem man spontan ins Singen einstimmt, und die Erkenntnis, Gottes Kind zu
sein, ist nach christlichem Verständnis ausschließlich durch den Heiligen Geist zu erlangen.
Mit diesem Vorzeichen nähern wir uns dem Predigttext des diesjährigen Pfingstsonntags. Er
steht im Römerbrief im 8. Kapitel in den Versen 1–11.
So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das
Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht
von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn was dem Gesetz unmöglich
war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen
Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und
verdammte die Sünde im Fleisch, damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert,
in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach
dem Geist. Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber
geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. Aber fleischlich gesinnt sein ist der
Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. Denn fleischlich gesinnt
sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht
untertan ist; denn es vermag's auch nicht. Die aber fleischlich sind, können Gott
nicht gefallen. Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn
Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.
Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen,
der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn nun der Geist
dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der
Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig
machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.
Paulus zeichnet im Römerbrief das Geistgeschehen in seinen großen Entwurf einer Theologie
ein, was vor allem beim ersten Hören für Verwirrung sorgen kann. Sehr verdichtet kommen Tod
und ewiges Leben, paulinisches Gesetz- und Sündenverständnis, Gesetz und Evangelium,
Verdammung und Hoffnung, alter und neuer Mensch und die Gleichzeitigkeit der menschlichen
Verfassung als Sünder und Gerechtfertigter zur Sprache. Dazu kommt die oft missverstandene
Redeweise von fleischlicher und geistlicher Gesinnung. Der Text ist sicher auch nicht so
enthusiastisch geschrieben wie beispielsweise die Ursprungserzählung in der
Apostelgeschichte, von Gaben und Begabungen, von Begeisterung auf der einen und
Befremdung auf der anderen Seite ist hier weniger die Rede. Die Flammen des Geistes züngeln
im Römerbrief kontrollierter und reflektierter. Das mag zum einen daran liegen, dass Paulus
eben mehr der reflektierende Theologe gewesen ist als der hinreißende Prediger – der Vorwurf
ist ihm ja schon von der Gemeinde in Korinth gemacht worden –, zum anderen hatte er mit
genau der religionsübergreifenden, sozusagen ökumenischen Sichtweise des Geistes schlechte
Erfahrungen gemacht. Diese Botschaft vom Geist, der frei macht, war gerne aufgenommen
worden als von allen ethischen Verpflichtungen entbindende libertinistische Haltung, wie sie
auch in anderen Religionen des biblischen Kulturkreises bekannt war. „Kennen wir längst,
dieses neue Prinzip“, war die Reaktion auf die paulinische Verkündigung beispielsweise in
Teilen der korinthischen Gemeinde, „das haben wir immer schon gesagt und wenn es nun noch
einmal mit einem anderen religiösen Unterbau gesagt wird, dann nehmen wie es erst recht an.“
Paulus hat sehr viel Mühe darauf verwendet zu verdeutlichen, dass genau diese schranken- und
regellose Freiheit nicht im Heiligen Geist zu finden ist, sondern dass die Wahrheit, in die der
Geist führt, wie es im Johannes-Evangelium heißt, eine ist, die gerade nicht die eigene
Befindlichkeit in den Mittelpunkt stellt, sondern die Gemeinschaft zum Ziel hat. Gottes Geist
ist ein Geist der auf Mitteilung drängt, das ist der theologische Kern der Rede von Pfingsten als
Geburtstag der Kirche.
Es hat nun also den Anschein, als ob Paulus im Laufe seiner Wirksamkeit aus Schaden klug
geworden ist, und dem anfänglichen „den Geist dämpft nicht“ aus seinem Erstlingswerk an die
Thessalonicher, zu einer durch theologische Reflexionen doch einigermaßen im Zaum
gehaltenen, zurückhaltenden Anschauung des Heiligen Geistes gekommen ist. Dafür spricht,
dass der Gegensatz zwischen Schwärmern und Realisten ein sehr grundlegender Konflikt des
christlichen Glaubens ist, der im Laufe der Christentumsgeschichte immer in unterschiedlicher
Intensität aufgebrochen ist. Er ist bis zum heutigen Tag lebendig, wenn enthusiastische Christen
verschiedener Gruppen innerhalb und außerhalb der Landeskirchen verächtlich auf die bloßen
Verwalter des gemäßigten Flügels in der Mehrzahl der landeskirchlichen Gemeinden schauen.
Wo es keine Heilungen und keine Zungenrede gibt, kann der Geist Gottes nicht sein, ist
verkürzt ihre Maxime. Die Vorbehalte sind aber auch umgekehrt dort zu greifen, wo mit
theologisch geschliffener Argumentation alles abgebügelt wird, was der gewohnten und
kontrollierten Frömmigkeit nicht entspricht. Das kann Kirchen in anderen Teilen der Welt
genauso treffen wie einzelne Menschen mit besonderen Begabungen oder die aufblühende neue
Religiosität mit ihren Heilungen oder ihren anderen vielfältigen wundersamen Erscheinungen
in einem theologischen Rundum-Befreiungsschlag.
Zu Pfingsten ist die Herausforderung an uns also, die alle Grenzen sprengende Kraft des
Heiligen Geistes, das Unerhörte und Skandalöse – mittags schon betrunken? –, das Prinzip des
guten, gottgewirkten Lebens, das sich in allen Teilen der Schöpfung widerspiegelt, und die
grundsätzliche theologische Reflexion eines geistvollen Lebens in ein konstruktives Verhältnis
zueinander zu bringen. Wo das gelingt, werden wir unterscheidungsfähig für die verschiedenen
Geister dieser Welt, denn nicht jeder Geist ist automatisch auch der Heilige, göttliche Geist, um
den es uns Christen an Pfingsten geht.
Paulus vertritt jedoch entgegen dem ersten Anschein keine abgemilderte, sozusagen
handhabbare und kontrollierbare Form des Heiligen Geistes, auch wenn seine Ausführungen
über die Bedeutung des Heiligen Geistes für die grundsätzliche Konstitution des glaubenden
Menschen etwas blass wirken im Gegensatz zu den anderen spektakulären Beschreibungen,
welche Kraft der Heilige Geist einzelnen menschlichen Begabungen verleiht. Trotzdem sind die
Konsequenzen dieser grundlegenden Bestimmungen bei intensiverer Betrachtung nicht minder
umstürzendend.
Nach Paulus befreit der Geist den Menschen erstens von einer Kalamität, die im
vorhergehenden Kapitel beschrieben wird. Durch den Heiligen Geist werden ja nicht einfach
aus verwerflichen Existenzen, die nur egoistisch auf das eigene Wohl schielen, selbstlose
Wohltäter. Nein, auch der nicht oder momentan nicht vom Heiligen Geist beseelte Mensch hat
sehr wohl ein Gespür für das Gute und Schöne, nur kann er sich nicht aus den Verstrickungen
befreien, die ihn daran hindern, es auch zu tun. Das Gesetz sorgt für die Erkenntnis der Sünde
und demnach auch zur Erkenntnis des Guten, aber man kommt einfach nicht aus der Falle der
Selbstbezogenheit: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht.“ heißt es im
vorhergehenden Kapitel des Römerbriefs (7,19). Das Leben nach dem Fleisch, wie in der
paulinischen Theologie heißt, ist nicht einfach das Leben als leibliches Leben, so wenig, wie
das Leben nach dem Geist auch keine körperlose Angelegenheit ist. Leben nach dem Fleisch
meint, die leibliche gegenwärtige Existenz als die einzige und letztgültige Seinsweise
anzusehen. In ihr sehen wir vom Menschen lediglich dieses Leben als aufrecht gehendes Tier,
das bestimmte mentale Fähigkeiten besitzt, die andere Lebewesen nicht haben. In dieser
Perspektive handeln Menschen im schlechten Falle so, dass sie ihr eigenes Wohlergehen nur im
Wettbewerb und auf Kosten mit den anderen schaffen. Im besten Falle kann man noch
anerkennen, dass es sinnvoll ist, einer möglichst großen Zahl von Menschen das größtmögliche
Glück zu verschaffen. Aber dieses Streben ist fragil, dauernd bedroht von dem verständlichen
Treiben der anderen, eine größere Scheibe vom Kuchen abzuschneiden, und es ist sofort am
Ende, wenn wir – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr die Kraft oder das Vermögen
haben, für dieses Ziel erfolgreich anzugehen. Für Verlierertypen hat dieses System eines
fleischlichen Lebens keine Nische. Vor allem ist es ein System, dass recht einfallslos ist in
seiner Art, das außer einer gestiegenen Effektivität kaum eine Veränderung denken kann, und
das von daher recht ungeeignet ist, einen tiefgehenden Wandel des Zusammenlebens aller
Menschen zu bewirken. Es ist trotz seines möglichen Erfolgs eine „fidele Resignation“, wie
Max Frisch sie nennt, in der nach Paulus das Fleisch lebt, aber der Geist tot ist.
Der Geist Gottes setzt uns im Gegensatz dazu ans Werk. Er lässt uns nachdrücklich dafür
eintreten, dass es eine andere Welt zu schaffen gilt, in der es nicht Gewinner und Verlierer gibt.
Im Leben nach dem Geist, das heißt, wo der Geist Gottes Anteil gibt an der Liebe Gottes,
werden ungeahnte Kräfte frei. Menschen werden fähig, das Gute nicht nur zu erkennen und
vielleicht noch zu wollen, sie werden befähigt, es auch zu tun. Sie sind deswegen nicht weniger
Teil dieser Welt als in einer fleischlichen Gesinnung, auch wenn es sich bei Paulus fast so
anhört, wenn er damit den Tod des fleischlichen Menschen gleichsetzt. Aber der Leib ist
insofern gestorben, als er nicht mehr die bestimmende Macht des Menschen ist, und im
Ergebnis ist der Mensch lebendiger als je zuvor.
Zweitens verknüpft Paulus im Predigttext den Geist unauflösbar mit den anderen
Selbstmitteilungen Gottes. Der Heilige Geist steht nicht als etwas Anderes oder Zusätzliches
neben der Offenbarung Gottes in Christus, sondern durch den Geist wird Gott erkennbar, wie er
sich in Christus offenbart hat. Der Heilige Geist ist der Geist Christi und niemals ein anderer.
Dieses gilt auch für die anderen Redeweisen vom Heiligen Geist, beispielsweise in den
Begabungen und Charismen: Jede Gabe, die nicht darauf abzielt, den sich in Christus
offenbarenden Gott zu bezeugen, ist nicht vom Heiligen Geist beseelt, sondern von einer
anderen Kraft. Sie muss deswegen nicht gleich verwerflich sein, aber sie ist jedenfalls nicht der
Geist, um den es uns heute geht. Der Geist, der uns Anteil an Christus gibt, gibt auch Anteil am
Leben, das den Tod überwindet.
Folglich geht es drittens an Pfingsten wie auch an den anderen christlichen Hochfesten um
Leben und Tod. Ein geistloses Leben ist vom Tod gezeichnet, ein mit dem Geist versehenes ist
unter allen Umständen lebendig und lebensstiftend. Das gilt zum einen für unseren natürlichen
Tod. Der Predigttext erwähnt das im letzten Vers fast wie eine Selbstverständlichkeit: Der
Heilige Geist als der Geist Gottes, der Christus von den Toten auferweckt hat, wird auch uns am
Ende unseres Lebens nicht im Tod lassen. Doch das Pfingstfest ist nicht Ewigkeitssonntag, und
deswegen geht es heute hauptsächlich um die Folgen für das Leben hier und jetzt: Tot ist man
dann, wenn man keinen Anteil am Geist Gottes und damit an seiner Liebe hat. Gefangen in
seinen Ängsten und Abhängigkeiten, verzagt, ohne Visionen und ohne den „Mut zum Sein“.
Umgekehrt gilt auch, dass jeder Lebensmoment ungeachtet seiner Bedrohung und seiner
Begrenztheit vor Leben nur so strotzt, wenn er im Geist gelebt wird. Menschen die wie
Bonhoeffer oder andere Menschen neben ihm unerschüttert in den Tod gegangen sind, zeigen,
wie mächtig der Geist des Lebens wirken kann. Das gilt nicht nur für Glaubensheroen, sondern
genauso für viele Menschen unter uns, die Tag für Tag unerschrocken für andere eintreten und
sich dabei nicht entmutigen lassen von ihren kleinen Kräften.
Die vierte Bestimmung des Lebens nach dem Geist lässt sich schnell abhandeln, aber auch sie
gehört nach Paulus in die Reihe der grundsätzlichen Merkmale der Geistwirkung: „Geistlich
gesinnt sein ist Frieden“. Also nur da, wo Gewalt abgeschworen wird, ist der Heilige Geist am
Werke, ein gerechter Krieg ist immer der beste Ausdruck einer geistlosen Existenz nach dem
Fleisch: Man vertraut dem Argument von Granaten und Bomben mehr als dem
friedensstiftenden Wort. Wer vor vierzehn Tagen dem Vortrag von Markus Weingardt hier in
der Unikirche beigewohnt hat, konnte sich ein Bild davon machen, dass die friedensstiftende
Kraft des Heiligen Geistes keineswegs so schwach und machtlos ist, wie man häufig vermutet.
Die Beispiele, die er gebracht hat, haben darüber hinaus gezeigt, dass der Heilige Geist nicht
ausschließlich in der christlichen Kirche wirkt, sondern sich manchmal anderer Religionen und
Weltanschauungen bedient. Er ist also in der Tat frei, zu wehen, wo er will, und darin kann er
auch ökumenisch sein.
Mit den Kriterien, die Paulus im Römertext so grundsätzlich aufzeigt, können wir also ruhig
zugeben, dass der Heilige Geist tatsächlich ein ökumenischer Geist ist, der auch über die
Grenzen von Religionen hinaus wirkt. Der Geist macht uns also frei darin, mit anderen
zusammen dem Guten zu folgen, dass wir nunmehr nicht nur erkennen, sondern auch tun
können. Denn überall, wo Menschen für ihr Heil nicht manipuliert oder in Abhängigkeit
gebracht werden, wo der Gewinn des geistvollen Handelns nicht materiell ist und nicht dem
höheren Ansehen, dem Ruhm der Person oder der Glaubensrichtung dient, wo auch im Falle,
dass kein sichtbarer Effekt zu beobachten ist, der Mensch in seiner Lebensdeutung Freiheit
gewinnt, wo der Frieden mit friedlichen Mitteln vorangebracht wird, überall da haben wir
Anlass, den Geist zu erkennen, dessen Ausgießung wir heute feiern. Und wir tun gut daran, ihn
nicht – sozusagen in einer Art theologischem Containment – zu dämpfen. Der Geist ist ein Geist
des Dialogs, und deswegen ist es richtig, den Dialog mit Menschen guten Willens und
Gemeinschaften mit einer uns vielleicht fremden geistlichen Praxis zu suchen und zu pflegen.
Auch die Mauern der Kirche stellen für den Heiligen Geist kein Hindernis dar, und er kann sie
in beide Richtungen überwinden – Geburtstag hin oder her. Langfristig wird sich erweisen, ob
sich dieser Geist auch erweist als der Geist Christi und umgekehrt Christus in diesem
Geistwirken lebendig und anschaulich wird.
Eine letzte, für unsere eigene Erfahrung eines Lebens nach dem Geist wichtige Bestimmung
lässt sich dem Predigttext nur entnehmen, wenn wir ihn im Kontext des ganzen Abschnitts aus
dem Römerbrief lesen:
Dieses geistvolle Leben ist auf Hoffnung gegründet, es steht unter den Bedingungen der
diesseitigen Existenz und ist noch nicht vollkommen. Deswegen gehören Zweifel und Phasen
von Unentschiedenheit, von Suche nach der geistlichen Existenz und der Bitte, dass sie uns
gewährt wird, zu unseren Erfahrungen auch nach Pfingsten. Die Unverfügbarkeit des Geistes
bleibt bei Paulus unbestritten: Wir können aufmerksam sein für sein Wirken, aber wir können
ihn mit nichts in der Welt zwingen.
Lebensphasen, in denen wir fühlen, dass wir frei sind zu verantwortlichem Handeln, in denen
wir nicht nur gute Ideen haben, sondern sie auch zum Wohl derer, die um uns sind in die Tat
umsetzen, sind Zeiten, in denen wir uns eins fühlen mit der Welt und in denen wir die
Gegenwart Gottes leicht und spielerisch bemerken. Sonnige Tage, die voll sind vom
hervorbrechenden Leben wie gerade machen uns aufnahmefähig für den Geist voller Vitalität,
wir wundern uns vielleicht nur, dass wir diese Kraft des Lebens nicht immer so kräftig in uns
fühlen.
Doch auch die grauen Tage gehören zu unserer Lebenswirklichkeit. Es gibt nicht nur den
Frühling, wo alles „in Laub und Blüte steht“, sondern auch den Herbst, in dem die Blumen
verwelken und die Blätter von den Bäumen fallen. Es gibt Erfahrungen, in denen uns die
Schöpfung nicht als Gleichnis für die Kreativität des göttlichen Geistes begegnet, sondern als
geschundene Schöpfung, die vom Leben nach dem Fleisch ganz erheblich zerstört wird. Wir
wissen, dass es nicht nur kraftvolle Zeiten in unserem Leben gibt, in denen wir dem Geist
Gottes in uns trauen und dementsprechend uns etwas zutrauen, sondern auch die Abschnitte, in
denen unser Leben öde und geistlos ist, in denen wir funktionieren, in denen wir Anforderungen
mit einem Schulterzucken begegnen und uns in das fleischliche Leben flüchten. Wohlgemerkt,
in das Leben nach dem Fleisch, nicht das Leben der Fleischeslust – denn die bleibt justament in
solchen Lebensphasen ebenfalls auf der Strecke.
Den geistlosen Eindrücken nicht dauerhaft zu erliegen, nicht endgültig dem Leben im Fleisch
zu trauen sondern der Fülle des Lebens im Geist, ist die große Herausforderung an unser Leben.
Die christlichen Hochfeste sind dabei Punkte, an denen wir uns ausrichten und festhalten
können. Nach Pfingsten ist der Kanon erst einmal abgeschlossen und wir schauen zurück, wie
wir Gott sich den Menschen mitgeteilt hat und immer wieder diese Selbstmitteilung wachhält
und veranschaulicht: Gott, der Mensch wird und als unser Bruder unser Leben teilt, der in der
Konsequenz seiner Liebe in Christus durch den Tod geht, gibt uns im Geist Anteil an diesem
heilvollen Wesen. Sein Geist befähigt uns, dieses zu begreifen und ihn durch unser Leben und
unsere Taten wiederum für andere erfahrbar werden zu lassen. In manchen Zeiten spüren wir
ihn kräftig in uns und sind lebendig wie nie zuvor. In anderen Zeiten können wir uns bereit
machen und aufmerksam sein für sein vielfältiges Wirken in der Welt und darum bitten, dass er
uns wieder beflügelt: „O komm, du Geist der Wahrheit!“
Amen.
©2008 Bernd-Michael Haese