Matjes und Mozzarella

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Matjes und Mozzarella
SPEISEGESETZE
Matjes und Mozzarella
Düsseldorf: Wie Rabbiner Julian Chaim Soussan Gemeindemitglieder
über den Markt führte und dabei die Speisegesetze erklärte
06.11.2008 - von Sarah Dickmann
von Sarah Dickmann
Die Gruppe um Rabbiner Julian Chaim Soussan folgt der Nase. Feine Gerüche ziehen vom
Rheinufer herauf und locken aus der Altstadt auf den Fischmarkt. Kräftiger Matjesduft mischt
sich mit der schweren Süße von Honiglakritz, über einem offenen Feuer gart rosafarbener Lachs,
während ein paar Meter weiter Käse-Rudi lautstark seine Waren anpreist. Im dichten Gedränge
zwischen den Holzbuden und Zelten schieben sich die Besucher aus der Jüdischen Gemeinde
Düsseldorf über den Markt. Gar nicht so einfach, alle Teilnehmer zusammenzuhalten. Denn zum
Rundgang mit dem Thema „Koscheres Essen“ sind mehr als 30 Gemeindemitglieder gekommen:
Junge Erwachsene und ältere Ehepaare, Familien mit Kindern und kleine Grüppchen aus
Freunden und Bekannten.
Um sich für alle verständlich zu machen, steigt der Rabbiner zwischendurch auf eine Bank. „Wer
weiß, was koscheres Essen ist?“, fragt er ganz allgemein in die Runde. Die Antwort kommt
prompt und von vielen Seiten. „Säugetiere, Wiederkäuer und gespaltene Paarhufer.“ „Sehr
richtig“, sagt Soussan, möchte seine Zuhörer aber genauer informieren. „Denn wer weiß schon
genau, welche Tiere zu diesen Gruppen gehören?“ Der hoch gewachsene Mann spricht
strukturiert und humorvoll über Rehe, Hirsche und Wachteln, Giraffen, Haie und
Mozzarella-Käse.
Freundlich beantwortet er Fragen, denn nicht weniges von dem, was er erklärt, ist selbst
denjenigen, die seit ihrer Kindheit koscher essen, unbekannt. Ob Giraffen koscher sind? „Die Frage
stellt sich eigentlich nicht, denn es gibt keine Technik, wie sich dieses große Tier korrekt schächten
ließe.“ Und Mozzarella? „Der ist meist mit tierischem Lab gemacht und dann unkoscher.“
Weingummi? „Das ist aus Gelatine hergestellt, und die besteht aus Schweineresten. Selbst wenn
ich kein Jude wäre, würde ich wohl auf Gelatine verzichten“, sagt er und schmunzelt. „Ich habe
im Fernsehen gesehen, was alles zu deren Herstellung verwendet wird – einfach eklig.“
Der Vortrag des Rabbiners entwickelt sich zu einem lebendigen Gespräch, in dem es unter
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anderem um Heuschrecken geht („nur eine bestimmte Heuschreckenart ist koscher, aber man
weiß leider nicht genau, welche“) und um einen Zettel in seinem Portemonaie, auf dem der
Rabbiner alle Zutaten notiert hat, die im Supermarkt etwa in Brot enthalten sein können und
nicht koscher sind. „Ich weiß, ich persönlich halte die Regeln sehr streng ein und verlange aber
nicht, dass andere das genauso halten“, erklärt Soussan.
Vorbei an Korbflechtern, Bonbonständen, Marmeladengläschen und Kinderspielzeug führen er
und Organisatorin Vanessa Rothe, Mitarbeiterin der Gemeinde, die viele solcher Aktivitäten
organisiert, die Gruppe. „Probieren Sie unsere köstliche Wurst“, lockt die Verkäuferin vom
Bauernlädchen. „Na, Rabbiner, dürfen wir hier mal halten?“, scherzt Teilnehmerin Carola
Försheim. Lachend geht die Gruppe weiter, nachdem jemand der verdutzten Verkäuferin erklärt
hat, warum diese Besucher die Salami, mag sie auch noch so köstlich schmecken, links liegen
lassen.
Am Kinderkarussell macht die Gruppe halt. Denn schräg gegenüber steht Dirk Sicks mit seiner
„Kota“, einer lappländischen Zeltküche. Julian Chaim Soussan nimmt ein Holzscheit und wirft es
in die Flammen. „Man muss auf diese Weise am Essen mitwirken, wenn es ein nichtjüdischer
Koch zubereitet“, erklärt er. Auf Rosenholzbrettern gart der Wildlachs über dem Feuer. „Er wird
nur mit Wasser und Honig bespritzt, das hält feucht und schmeckt köstlich“, sagt Sicks, der
früher Ein-Sterne-Koch war und schon für Luciano Pavarotti gekocht hat, bevor er sich auf den
Gourmet-Stand konzentrierte und in einem Umkreis von 200 Kilometern um seine Heimatstadt
Wuppertal Märkte besucht. Für die koschere Zubereitung verwendete er an diesem Tag
fabrikneues Besteck und Geschirr. Persönlich serviert der Chef den Gästen den Lachs aus
Schottland. „Schmeckt super, das können Sie mir glauben“, sagt er – und hat recht. Die Gruppe
lässt es sich auf Holzbänken am Rheinufer schmecken.
„Mir hat’s super gefallen“, zieht Carola Flörsheim Resümee. „Der Rabbiner hat alles witzig und
verständlich erklärt.“ Der gleichen Meinung ist Lili Furman, Programmdirektorin für Deutschland
von der amerikanischen Organisation „Joint“, die die Projekte von Vanessa Rothe zur Hälfte
finanziert. „Die Kombination von eher schwierigen Themen und der lockeren Art, sie zu
vermitteln, finde ich wunderbar.“
Organisatorin Vanessa Rothe liegt viel daran, die Menschen aus ihrer Gemeinde
zusammenzubringen. Etwa zweimal im Monat organisiert sie für jung gebliebene Erwachsene
Ausflüge wie diese. „Ich suche immer im Veranstaltungskalender, wo in und um Düsseldorf
etwas los ist, und wie man das mit einem interessanten Besuch verbinden kann.“ Auf diese Weise
entstand auch die Idee zum Rundgang über den letzten Fischmarkt in diesem Jahr. „Mir ging es
heute viel weniger darum, die Gemeindemitglieder über koscheres Essen zu belehren als darum,
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gemeinsam etwas Schönes zu unternehmen“, sagt Rothe.
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