1. Das Handwerk der Freiheit

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1. Das Handwerk der Freiheit
1. Das Handwerk der Freiheit
Mit dem Buch „Das Handwerk der Freiheit – Über die Entdeckung des eigenen Willens“ unternimmt der 1944 in Bern geborene Philosophie Professor und Buchautor Peter Bieri den Versuch das Problem unserer Freiheit – die unseres Willens und unseres Handelns – analytisch genau und doch für jeden zugänglich zu untersuchen und darzulegen. Zu Beginn des Buches möchte Bieri deutlich machen, was für ihn denn eigentlich ein Wille ist, was Unterschiede zwischen Wille und Wunsch sind und durch welche Faktoren dieser Wille begrenzt wird. Demnach ist der Wille für ihn ein uns zum Handeln bewegender Wünsch, wobei die Handlung auch eine Unterlassung sein kann. Schon hier stellt er fest, dass der Wille nur durch seine Begrenzung zu einem bestimmten Willen werden kann. In der folgenden Ausarbeitung soll das dritte Kapitel des Buches mit dem Titel „Die Freiheit der Entscheidung“ im Mittelpunkt stehen, wobei ich zunächst die Argumentation Bieri´s darlegen werde, um anschließend erläuternd und kritisch auf seine Standpunkte einzugehen und Überlegungen aus der vedischen Philosophie mit einzubeziehen. Hierfür werde ich die vedische Weltsicht im zweiten Kapitel so kurz und dennoch ausführlich wie nötig erläutern, um im letzten Teil eigene Überlegungen damit zu verbinden.
1.1 Instrumentelle Entscheidungen
Nicht der Prozess der Entscheidung ist für ihn Grundlage, um die verschiedenen Qualitäten unterschiedlicher Entscheidungen zu erklären, statt dessen beginnt Bieri mit der Auflistung und Untersuchung eben dieser verschiedenen Arten der Entscheidung. Zunächst unterscheidet er zwischen instrumentellen und substantiellen Entscheidungen. Instrumentelle Entscheidungen antworten auf die Frage „Was tue ich am besten, wenn ich X will?“ 1 Hierfür gibt er das Beispiel eines Tennisspielers, welcher „blitzartig“ schnell weiß, was zu tun ist, und dementsprechend handelt, da er das darüber liegende Ziel verfolgt, zu gewinnen. Auch wenn sich die Entscheidung und damit auch die Handlung in diesem Falle „wie von selbst“ 2 einstellt, ist es für ihn doch kein blindes Handeln, da eine Einschätzung der Situation dennoch stattgefunden haben muss, nur eben in Bieri, Peter: das Handwerk der Freiheit, s.55
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vorangegangenen Situationen. Somit kann sich die Entscheidung für ein bestimmtes Handeln einmal ohne großes abwägen einstellen, da wir in diesem Moment auf bereits gewonnene Erfahrungen bauen. Anders ist es, wenn die Situation neu und kompliziert ist, was am Beispiel des Schachspiels deutlich wird: „Wir bilden durch Überlegen einen Willen aus.“3 sodass eine instrumentelle Entscheidung auch durch genaues Berechnen und Abwägen getroffen werden kann. Weiterhin erklärt er das „Paradox des widerwilligen Tuns“4, indem er es mit dem kurzweiligen Übel einer bitteren Medizin vergleicht welche man einnimmt, um das höhere Ziel, die Heilung einer Krankheit, zu erreichen. Handlungen, die wir ungern, aber dennoch tun, versieht er mit einer „geborgten Wünschbarkeit“, wir tun etwas für einen dahinter liegenden Zweck.
1.2. Substantielle Entscheidungen
An diesem Punkt gelangt er zur Erläuterung der substantiellen Entscheidung. Bei einer solchen stellt sich die Frage: „Was ist es eigentlich, was ich will?“5 wobei er klar stellt, dass dies auch stets die Frage sei, welche von meinen Wünschen zum Willen werden sollen. Hierbei gibt es zwei Fälle zu unterscheiden, wobei es sich einmal um Wünsche handelt, welche miteinander verträglich sind und sich nicht gegenseitig ausschließen, soll heißen, sie sind nacheinander in eine Reihenfolge zu bringen. Bedeutend schwerwiegender sind jedoch Entscheidungen zwischen Wünschen, die sich gegenseitig ausschließen: „Indem wir für den einen Wunsch und gegen andere Partei ergreifen und ihn zum Willen machen, identifizieren wir uns mit ihm. Wir bestimmen darüber, wer und wie wir, insgesamt betrachtet sein wollen.“6
1.3. Phantasie
Nach dieser Unterscheidung geht Bieri darauf ein wie nun eine solche Entscheidung genau zu Stande kommt. „Es ist die Phantasie, die uns dabei hilft.“7 Allerdings deckt der Begriff der Phantasie für Bieri ein sehr breites Spektrum der mentalen Fähigkeiten ab. Bei instrumentellen Bieri, Peter: das Handwerk der Freiheit, s.56
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Entscheidungen fungiert sie als Möglichkeit des Hochrechnens aller Faktoren, wie zum Beispiel bei der Entscheidung für einen bestimmten Schachzug. Ebenso bezieht er die Worte „Einbildungskraft“ und „erfinderisch“ mit in seine Erklärung ein, um die kreative Komponente dieser „instrumentellen Phantasie“ zu verdeutlichen. Bei substantiellen Entscheidungen sind es zwar im Grunde die gleichen Funktionen, welche die Phantasie übernimmt, jedoch sind sie hier sehr viel umfassender und zugleich spezifischer: „Wir müssen uns mit uns selbst gut auskennen, um substantielle Entscheidungen treffen zu können, die wir nicht bereuen werden. Unsere Phantasie uns selbst betreffend muss groß, verlässlich und genau sein.“8 Ich muss also meine inneren Vorgänge und Reaktionen und ebenso noch unentdeckte oder später neu resultierende Wünsche vorwegnehmen können um „meine innere Gestalt zu erahnen“9. Die Äußeren Umstände und Entwicklungen müssen bei Vorstellung einer bestimmten Entscheidung ebenso möglichst genau und realistisch sein. Somit projiziert uns die Phantasie und die „Selbsterkenntnis“ in die Zukunft und kann uns das Resultat einer substantiellen Entscheidung in gewisser Weise vorwegnehmen. In diesem Zusammenhang schreibt Bieri, die Größe der Freiheit des Willens hänge von der Größe dieser beiden Faktoren ab. 1.4. Abstand und Engagement
Dies ist ein sehr bedeutsamer Punkt für Bieri, den er allerdings verhältnismäßig kurz einführt. „Zu der Fähigkeit des Entscheidens […], gehört die Fähigkeit, einen Schritt hinter sich zurückzutreten und sich selbst zum Thema zu machen.“10 Hierzu gehört die Fähigkeit innerhalb Gedanken zweiter Ordnung über die eigenen Gedanken (erster Ordnung) zu reflektieren. Auch können mit Hilfe dieses Abstandes Wünsche zweiter Ordnung über meine ursprünglichen Wünsche auftreten. Dies ist so essentiell, dass er schreibt: „Könnten wir diese Art von Abstand zu unseren Wünschen nicht aufbauen, so wüssten wir nicht, was eine substantielle Entscheidung ist.“11 Reflektieren ermöglicht uns demnach das Urteil, worauf schließlich die Handlung folgen muss: „Wenn ich in der Phantasie den Raum der Möglichkeiten ausgeschritten habe, gebe ich die kritische Distanz auf und überlasse Bieri, Peter: das Handwerk der Freiheit, s.66
Bieri, Peter: das Handwerk der Freiheit, s.67
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mich dem bevorzugten Wunsch und seiner Erfüllung durch die Handlung.“12
1.5. Grundbedingungen
Voraussetzung für eine freie Entscheidung dieser Art ist für Bieri zum einen die „Offenheit der Zukunft“. „Wäre die Vorbereitung einer Entscheidung eingefasst in das Bewusstsein, dass ich nur den einen Willen haben und im Handeln nur den einen Weg einschlagen kann, so hätten wir gar nicht das Gefühl eine Entscheidung treffen zu können. Und damit hätten wir auch nicht dass Gefühl, Urheber unseres Willens zu sein.“13 Und auch wenn uns diese daraus resultierende „Qual der Freiheit“ manchmal als Belastung erscheint, so ist diese doch grundlegend, um eine Entscheidung treffen zu können. Eine weitere wichtige Bedingung für eine Entscheidung ist die Tatsache, dass wir unserem Denken und unseren Urteilen nach entscheiden und handeln. Freiheit des Willens ist hier nicht auf die Größe des Spielraums bezogen, den wir innerlich und äußerlich zur Verfügung haben, sondern auf die Sicherheit, seine Entscheidung nach den eigenen Abwägungen und Ansichten zu orientieren, sodass man zum Beispiel sagen könnte: „Ich bin zu dieser Entscheidung gelangt, dass es besser ist zu gehen als zu bleiben. Mein Wille fügt sich meinem Urteil. Darin liegt meine Freiheit . Und ich möchte nicht, dass mein Wille meinem Urteil trotzen und ein anderer sein könnte.“14 Die feste Entscheidung lässt uns schließlich sagen „Ich kann nicht anders!“ und drückt zugleich unseren freien Willen aus.
2. Kritische Analyse unter Einbeziehung der vedischen Philosophie Zweifellos hat Peter Bieri mit seinem „Handwerk der Freiheit“ einen äußerst verständlichen und doch umfassenden und tiefsinnigen Einblick in die philosophische Sichtweise auf den freien Willen ermöglicht. Und auch wenn sich die vorliegende Arbeit lediglich auf einen Teil des Buches bezieht, gibt es bereits hier Fragen oder Einwände, die es sich zu erörtern lohnt. ebd.
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2.1. Instrumentelle Entscheidungen Bei der Differenzierung der verschiedenen Entscheidungstypen verwendet er für die instrumentellen Entscheidungen ohne Überlegung ­ aufgrund von „sedimentierter Erfahrung“­ das Wort „blitzartig“. „Reflexartig“ oder „instinktiv“ liegt hier nicht fern. Zwar wird am Beispiel des geübten Tennisspielers klar, dass er zuvor in langem Training immer wieder in längerem Zeitraum entscheiden musste, welche Annahme in welchem Falle die beste ist und diese Entscheidungsfähigkeit steigerte er schließlich zur blitzartigen. Jedoch stellt sich tatsächlich die Frage nach anderen „Entscheidungen“ die blitzartig getroffen werden. Wenn ich mich zum Beispiel automatisch vor einem anrauschenden Gegenstand ducke oder sich das Kind nach einem ungewohnten Geräusch umdreht? Wenn ich einfach weiter esse nur weil es so gut schmeckt! Oder wenn ich Schmerz bereitende Einflüsse so schnell wie möglich abstelle oder umgehe! An diesem Punkt wäre eine weitere Unterscheidung in „instinktive Entscheidungen“ oder „instrumentelle Entscheidungen ohne vorheriges Überlegen“ sinnvoll. Dem liegt die Überlegung zu Grunde, dass nicht nur der Körper sondern auch der Geist bereits verschiedene „Programme“ und Neigungen in sich tragen, die bei bestimmten Stimuli in Gang gesetzt werden. Im eigentlichen Sinne ist hierbei keine Entscheidung zu finden, stattdessen wurde diese von bereits vorhandenen Mechanismen übernommen! Diese Überlegung soll in den folgenden Punkten wieder aufgegriffen werden. 2.2. Paradox des widerwilligen Tuns Bieri verweist an dieser Stelle darauf, dass Menschen widersinnige Entscheidungen treffen können, welche augenscheinlich gegen ihre bereits getroffenen Entscheidungen steht. Jedoch zeigte sich, dass diese eine „geborgte Wünschbarkeit“ von einem darüber stehenden Ziel erhielten und zur Erreichung dieses Ziel beitragen sollten. Eine kurzfristige unangenehme Handlung soll zu einem längerfristigen gewünschten Zustand führen. An diesem Punkt hätte es sich angeboten noch etwas weiter zu gehen! Bei der einfachen Umkehrung dieses Prinzips wird nämlich deutlich wozu das Fehlen dieses Übergeordneten Ziels führt. Wie oft handelt man kurzfristig egoistisch oder unsozial, fragt sich aber auf längere Zeit betrachtet, weshalb man keine vertrauten und erfüllten sozialen Kontakte hat. Wie viele Menschen 5
leben aufgrund kurzfristiger, genusssüchtiger Entscheidungen so ungesund und fragen sich dann nach langer Zeit warum gerade sie krank sind. Das Fehlen von eigenen, über dem Leben stehenden Zielen, das fehlende Fragen nach einem tieferen Sinn ist hierfür Ausgangspunkt. Dieser würde schließlich zum einen das Annehmen kurzfristiger unangenehmer Handlungen zur Verwirklichung höherer Ziele unterstützen und wie in Bieris Überlegung selbst kurzfristig unangebracht oder negativ erscheinende Handlungen legitimieren, da sie einem höheren Zweck dienen. Unweigerlich kommt man an diesem Punkt zu der Frage, was ein erstrebenswertes, über allem stehendes Ziel sein könne. Vielleicht können uns an diesem Punkt die Überlieferungen der alten Hochkulturen, Philosophien und Religion einige Anregungen liefern. Damals wie heute strebten die Menschen nach einem glücklichen, erfüllten und selbstverwirklichten Leben, sowie nach Erkenntnis. Ich möchte hierfür gern die Philosophie der Veden mit einbeziehen um eine Alternative zu den modernen Zielen und Anschauungen zu benutzen. Am besten eignet sich hierfür die Bhagavad­Gita: dies ist ein Gespräch zwischen der höchsten Persönlichkeit Gottes – beschrieben als der Ursprung aller materiellen und spirituellen Welten, sowie des ewigen, unpersönlichen Brahman (Transzendenz, Nirvana) 15­ und seinem ergebenen Geweihten Arjuna, der sich vor der existenziellsten Entscheidung befindet. Er steht kurz vor einer gigantischen Schlacht, in der er unter anderem Freunde und Verwandte und tausende weiterer Menschen töten soll und selbst getötet werden kann und er muss sich entscheiden ob er nun kämpft oder nicht. An dieser Stelle nimmt er die göttliche Unterweisung entgegen. 2.3. Abstand zum eigenen Wollen und Exkurs in die vedische Philosophie Zwar stellt Bieri unmissverständlich fest, welch zentrale Rolle die Fähigkeit spielt, Abstand zum eigenen Denken zu nehmen und darüber zu reflektieren. Dennoch kann man die Bedeutung dieser Fähigkeit kaum genug betonen und im Vergleich zu seinen anderen Ausführungen findet dieser Prozess wenig Beachtung. 2.3.1. Das vedische Weltbild
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Bhagavad­Gita Kapitel: 7.6; 14. 27
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In der vedischen Philosophie ist Entwicklung von Abstand des Bewusstseins zum eigenen Geist die zentrale Aufgabe und auch der eigentliche Unterschied und Vorteil des Menschen zu anderen Lebewesen. Gleichzeitig ist diese geistige Kontrolle kein Selbstzweck, sondern mit einem höheren Ziel verbunden!
Den Veden zufolge befindet sich zwar in jedem Lebewesen Bewusstsein, welches das eigentliche Selbst darstellt. Doch kommt es im Grunde kaum zum Vorschein, wenn es so bedeckt wie im „Körper“ einer Pflanze liegt: sie strebt ausschließlich Richtung Licht und Nahrung und verwendet alle Kraft in die Blüten und Früchte um sich fortzupflanzen. Bei den Tieren ist schon deutlicher zu erkennen, dass man es mit einem Bewusstsein zu tun hat, welches sich jedoch kaum selbst bewusst ist! Nahrung, Fortpflanzung, Verteidigung und Ruhen sind die einzigen Ziele des tierischen Lebewesens. Das tierische Bewusstsein ist dem Drängen des Körpers und dessen Sinnen hilflos ausgeliefert und hat bis auf verschiedene Lernprozesse keine Möglichkeit sich diesen zu widersetzen. Auch im menschlichen Körper sind die Anlagen der Tiere und Pflanzen zu finden. Wir wollen gern unsere Sinne befriedigen, indem wir ihrem Drängen und damit den Sinnesobjekten nachgehen: Essen, Ruhen, Verteidigung, Fortpflanzung und deren verschiedene Erweiterung. In diesem Falle sind all unsere Entscheidungen bereits getroffen, wir folgen den „Programmen“ unseres Körpers, ganz gleich in welch veränderter, maskierter Art und Weise. Egal wie intelligent oder fortschrittlich sich der Mensch dann verhalten mag, er verfolgt mit seiner Intelligenz und Technik nur die Ziele, welche auch die Tiere verfolgen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass der Geist, die Intelligenz, sowie das materielle Ego, welches sich den Menschen mit seinem Körper identifizieren lässt, als Hüllen des eigentlichen Bewusstseins betrachtet werden. In diesem Zusammenhang steht in der Bhagavad­Gita Kapitel 3 Vers 40: „Die Sinne, der Geist und die Intelligenz sind die Wohnstätten der Lust. Durch sie bedeckt die Lust das wirkliche Wissen des Lebewesens und verwirrt es.“16 „So wird das reine Bewusstsein des Lebewesen […] von Lust bedeckt, die niemals befriedigt werden kann und die wie Feuer brennt.“17 Außerdem werden auch Geist und Intelligenz 16
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Bhagavad­Gita Kapitel: 3.40
Bhagavad­Gita Kapitel: 3.39
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als materiell, stofflich bezeichnet, nur eben als feinstofflich.18 Sie unterliegen wie jede Materie dem Gesetz der Manifestation und anschließenden Auflösung. Auch der Geist wird als Sinn bezeichnet: „…Aufgrund ihres bedingten Lebens kämpfen sie sehr schwer mit den sechs Sinnen, zu denen auch der Geist gehört.“19 Demnach wird das Streben nach Befriedigung des Geistes ebenfalls als Sinnesbefriedigung betrachtet. Weiter steht im Kapitel 3 Vers 17, das ein Mensch, der nur für die Befriedigung seiner Sinne lebt, vergeblich lebt.20 „Wenn man also weiß, das man zu den materiellen Sinnen und der Intelligenz transzendental ist, […] sollte man den Geist durch klare spirituelle Intelligenz festigen und so […] diesen unersättlichen Feind, die Lust, bezwingen.“21 Und was ist spirituelle, heißt, nicht dem Prozess des Wandels unterworfene Intelligenz? „Wer seine Sinne zurückhält und sie vollkommen beherrscht und wer sein Bewusstsein auf Mich richtet, ist bekannt als ein Mensch von stetiger Intelligenz.“22 sagt die höchste Person Gottes in der Bhagavad­Gita.
2.3.2 Der Abstand des Bewusstseins als Entsagung vom Geist
Der Mensch hat dank seiner Sonderstellung die Fähigkeit, einen inneren Abstand zu seinem Verhalten und zu seinem Geist und dessen Wünschen einzunehmen. Er kann sich von dessen Zielen lösen und in zweiter Ordnung Wünsche und Ziele als sinnvoller anerkennen. Im 2. Kapitel, Vers 56 heißt es hierzu: „…wenn ein Mensch alle Arten von Sinnesbegierden aufgibt, die den Wunschvorstellungen des Geistes entspringen, und wenn sein geläuterter Geist im Selbst allein Befriedigung findet, dann sagt man von ihm, er sei im reinen transzendentalen Bewusstsein verankert.“23 „Jemand dessen Geist nicht verwirrt ist, selbst wenn er die dreifachen Leiden erfährt, der nicht von Freude überwältigt wird, wenn er Glück genießt, und der frei von Anhaftung, Angst und Zorn ist, wird ein Weiser mit stetigem Geist genannt.“24
Damit wird zum einen die Bedeutung des Abstandes zu den körperlichen Wünschen und Drängen, bis hin zur Entsagung hervorgehoben und zugleich ein höheres Ziel gegeben, welches statt der 18
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Bhagavad­Gita Kapitel: 7.4
Bhagavad­Gita Kapitel: 15.7
Bhagavad­Gita Kapitel: 3.17
Bhagavad­Gita Kapitel: 3.43
Bhagavad­Gita Kapitel: 2.61
Bhagavad­Gita Kapitel: 2.56
Bhagavad­Gita Kapitel: 2.57
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Sinnesbefriedigung verfolgt werden kann und vollkommene Zufriedenheit geben soll: Verankerung des Selbst in der Transzendenz oder in Gott. 2.3.3. Innerer Abstand nicht als Selbstzweck
„…die bestrebt sind, durch die Beherrschung des Geistes und der Sinne Selbstverwirklichung zu erlangen, bringen die Funktionen all ihrer Sinne […] als Opfergaben im Feuer des beherrschten Geistes dar.“25Bei der alleinigen Lösung des Bewusstseins von den Wünschen des Geistes wird jedoch, wie in den folgenden Versen erklärt ist, nur ein gewisser Fortschritt in Richtung Transzendenz erlangt, das höchste Ziel ist allein damit nicht zu erreichen.
Auch darf die Enthaltung von materiellen Freuden nicht künstlich erfolgen26, es ist nur möglich die Sinnesbefriedigung für einen höheren Geschmack, eine größere Freude dauerhaft aufzugeben. Da sich Gott in der Bhagavad­Gita als die Quelle der höchsten Freude beschreibt 27, wird die Erreichung Gottes mit der Aufgabe allen materiellen Sinnengenusses verbunden.
Größter Irrtum bei der Entsagung des Geistes und dessen Wünschen ist, dass jede Handlung und jedes Denken eingestellt werden solle! In der Gita sagt die Höchste Persönlichkeit Gottes jedoch, das man ihn nur durch hingebungsvollen Handeln erreichen kann28: „Obwohl Mein reiner Geweihter allen möglichen Tätigkeiten nachgeht, erreicht er unter Meinem Schutz […] das ewige, unvergängliche…“29 „Obwohl ein solcher Mensch stets tätig ist, wird er nie verstrickt.“ 30 „Mache dich in allen Tätigkeiten einfach von mir abhängig und handle immer unter meinem Schutz. Sei dir bei solchem hingebungsvollen Dienst Meiner voll bewusst.“31 Wahre Entsagung ist demnach keine Frage des Handelns oder nicht Handelns sondern eine Frage des Bewusstseins bei der Handlung.
2.3.4. Die Wahl zwischen materiellen und transzendentalen Zielen
Radikal zu ende gedacht und vor dem Hintergrund, das alle Wesen nach Glück und Erfüllung 25
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Bhagavad­Gita Kapitel: 4.27
Bhagavad­Gita Kapitel: 3.6
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Bhagavad­Gita Kapitel: 18.55
Bhagavad­Gita Kapitel: 18.56
Bhagavad­Gita Kapitel: 5.7
Bhagavad­Gita Kapitel: 18.57
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streben, könnte der mentale Abstand des Bewusstseins zum eigenen Geist zu folgendem Punkt führen: der Mensch hat augenscheinlich viele Entscheidungsmöglichkeiten, zwischen dem Nachgehen und Variieren verschiedener „Programme“, Wünsche, Triebe und Lüste des materiellen Körpers und Geistes zu wählen. Da er hierbei jedoch keine andere Wahl hat, als das zu tun, was ihn befriedigt und beglückt ist er in dieser Entscheidung doch nicht frei! Hierzu heißt es in der Gita: „Ein intelligenter Mensch schöpft nicht aus den Quellen des Leids, die aus Berührung mit den materiellen Sinnen entstehen. […], solche Freuden haben ein Anfang und ein Ende und daher erfreut sich der Weise nicht an ihnen.“32 Die materiellen Freuden werden als Leid beschrieben und der einzige Ausweg ist die ewige Transzendenz. Der Mensch hat demnach nur die Möglichkeit sich zwischen zeitweiligen materiellen und ewigen transzendentalen Zielen zu entscheiden.
Doch erst im Stadium der inneren, freudvollen Selbst­ und Gotteserkenntnis, dem Zustand von Erfüllung und Glück, unabhängig von jedem äußeren Umstand ist der Mensch wirklich frei zu entscheiden, was er denn möchte und was nicht und wie er dies zu erreichen versucht! 2.3.5. Urteilsfreiheit? Bierie schreibt in dem Abschnitt „Ich könnte auch etwas anderes wollen“, dass es, um sich als entscheidendes Subjekt zu erfahren, eine grundlegende Voraussetzung beim Treffen einer Entscheidung ist, sich bewusst darüber zu sein, dass man etwas anderes gewollt haben könnte, sich die Entscheidung aber nach dem eigenen Urteil richtet. Ohne Zweifel ist dies es ein nicht auskürzbares Element bei der Entscheidung und würde bei Fehlen zu einer Lähmung im Entscheidungsprozess führen. Es erscheint allerdings im Lichte der vedischen Philosophie sinnvoll dies noch etwas genauer zu analysieren. Die Metapher der Schule, speziell des Mathematikunterrichtes, auf das Leben verdeutlicht uns, was tatsächlich sinnvoll zu wollen sein kann. Die Grundfesten des Mathematikunterrichtes sind zunächst, dass es Aufgaben, Schwierigkeiten, Tests gibt. Man hat Vertrauen darin, dass diese Aufgaben uns etwas lehren, einen Sinn ergeben und dass wir wenn wir die Tests bestanden haben, 32
Bhagavad­Gita Kapitel: 5.23
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rechnen können. Der Schüler erkennt, dass es sinnlos und unmöglich ist, als Schüler die Klassenarbeiten abschaffen zu wollen. Außerdem ist dem Schüler klar, dass es eine Steigerung der Klassenstufen gibt, in diesem Sinne, eine gewisse Vorausbestimmung seiner Laufbahn. Und natürlich ist ihm klar, dass es eine ultimative, absolute richtige Lösung der Rechenaufgabe gibt und auch wenn er natürlich immer etwas anderes als Lösung im Test angeben könnte, würde ihm das nichts bringen, weil er dann durchfallen würde und den Test noch einmal schreiben müsste! Im übertragenen Sinne heißt das: die Schwierigkeiten unseres Lebens sollen uns (unserem Bewusstsein) etwas lehren, uns ausbilden und auch wenn wir uns zu vollkommen bewussten und selbst verwirklichten Menschen entwickeln wird diese materielle Erscheinungswelt für immer in sich aufgabengeladen und problematisch bleiben, was sie wiederum zu einer perfekten Ausbildungsstätte macht. Man sollte sich demnach keine Illusionen darüber machen, die Welt nach eigenem Urteil zu ändern. Auf Bieri bezogen bedeutet die Metapher, dass ich mir durchaus bewusst sein kann, dass ich bestimmte, festgeschriebene Prozesse durchlaufe und vielleicht nach mehrmaligen Fehlschlagen doch erkenne, dass ich nur eine Möglichkeit, nur den einen Weg habe um die „richtige“, „erfüllende“ Entscheidung zu treffen! In der Bhagavad­Gita gibt die Person Gottes folgendes Ziel als das höchste vor: „Gib alle Arten von Religion auf und ergib dich einfach Mir.“33 „Denke immer an Mich, werde Mein Geweihter, verehre Mich und bringe Mir deine Ehrerbietungen dar. Auf diese Weise wirst du mit Sicherheit zu Mir kommen.“34 Dies entspricht dann in etwa der bestandenen Abiturprüfung.
Und Trotzdem bleibt die Freiheit des Willens essentiell. Zum einen für den Schüler, der nur unter diesen Bedingungen lernen kann, weil ihm die Lösung nicht aufgezwungen wird und er frei ist nach seinem eigenen Urteil zu handeln. Wenn der Schüler nicht die gestellten Aufgaben bewältigt kommt er nicht automatisch in die nächste Klasse oder zum Abitur, woraus er erlernen kann, wo sein Entwicklungsbedarf liegt. Ebenso wichtig ist dies aus Sicht des Lehrers: wenn der Schüler den Stoff einfach nicht versteht, und dennoch in die nächste Klassenstufe kommt, wäre dies nur nachteilig. Der Schüler soll freiwillig und aus eigenem Verständnis heraus die Aufgaben bewältigen und sich somit weiterentwickeln. Wenn er sich dann als oberstes Ziel gesetzt hat, das Abitur zu 33
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Bhagavad­Gita Kapitel: 18.66
Bhagavad­Gita Kapitel: 18.65
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bestehen, sind alle anderen Entscheidungen auf seinem Weg nur noch instrumentell. Ebenso würde die oberste substantielle Entscheidung, die Transzendenz erreichen zu wollen, alle anderen Entscheidungen im Leben zu instrumentellen Entscheidungen machen. 3. Die ENT – SCHEIDUNG – ein Gedankenexperiment Zum Abschluss bietet es sich an nun noch einmal das Wort Entscheidung zu untersuchen! Zerlegt man das Wort, entsteht die Silbe „Ent“ und das Wort „Scheidung“. Das Präfix stammt aus dem griechischen und wirkt verneinend oder aufhebend. Es hat die Bedeutung „innerlich“, „ursprünglich“; so sehen wir, dass die Entdeckung etwas von Äußerem bedecktes freigibt und dessen ursprünglichen Zustand zeigen soll; dass die Entwicklung einen verwickelten, innerlichen Sachverhalt wieder deutlich werden lässt. Bei der Enttäuschung schwindet die Täuschung und das Eigentliche wird sichtbar. Die Scheidung an sich steht für die künstliche Trennung von einem ursprünglich, natürlich verbundenen Sachverhalten. Beides zusammen ist die „Trennungsaufhebung einer ehemaligen Verbindung“. Daraus ergibt sich die Frage nach einer zu erreichenden, bereits zuvor bestandenen Einheit oder Bestimmung, einem natürlichen Zustand, welcher mit Hilfe der Entscheidung erlangt werden soll. Denkwürdiger Weise hat das Sanskritwort „yoga“, welches in der Bhagavad­Gita als Pfad zurück zu Gott beschrieben wird unter anderem die Bedeutung „Wiedervereinigung“. Ebenso kann das lateinische Wort „re­
ligo“, abstammend von „ligare“ (verbinden), mit „wieder­verbindend“ übersetzt werden und ist Ursprung des Wortes „Religion“.
3.1. Die Prädestinierung Auf die vorangegangen Ausführungen bezogen ergibt sich hier der Punkt, dass sich der freie Wille nur darauf beschränkt ob man seine Bestimmung erfüllt und sich von seiner Trennung „entscheidet“ oder ob man dem keine Beachtung schenkt und sich stattdessen der Wunscherfüllung im Sinne unseres Geistes und unserer Sinne hingibt. 12
Es ist aber letztlich die Frage, ob ich das Abitur direkt zielstrebig erreiche oder ob ich doch erst auf dem 2. Bildungsweg zu demselben Ziel komme. Das Ziel jedoch ist eindeutig, absolut vorgegeben. Wenn man nun als dieses Ziel zum Beispiel die, von den Veden vorgeschlagene Selbst­ und Gotteserkenntnis annimmt, wenn dies der eigentliche, natürliche und erfüllte Zustand des Bewusstseins ist, den es durch die Schule des Lebens zu erreichen gilt, trifft dann derjenige, der sich gegen seine ursprüngliche, erfüllende Natur verhält, denn tatsächlich eine Entscheidung? 3.2. Blindes Urteil als bewusste Entscheidung? Für Bieri war eine „Entscheidung“ ganz allgemein ein fester Entschluss, den ich aufgrund meines (vielleicht verzerrten) Urteils gefasst habe, der mich und meine Person damit festlegt, ganz gleich in welche Richtung wir damit gehen. Neutral betrachtet ist dem nichts entgegen zu setzen. Normativ, vor dem Hintergrund der hier aufgeführten Überlegungen stellt sich die Frage, ob eine selbstzerstörerische, destruktive, egoistische Handlung als freie und bewusste Entscheidung gelten kann? Die ängstliche Flucht vor den Verfolgern, Unterwerfung unter die UNTERHALTUNG, Konsumsucht, die schnelle Hilfe an jemanden, dessen Leid einen selbst nicht mehr froh sein lässt, von Lust getriebener Mord, oder all die Beispiele Bieris, all die täglichen „Entscheidungen“, sind sie nicht in Wirklichkeit die Minimierungen von Leid und Vergrößerung von Lust, ganz nach dem Prinzip der „Programme“ die wir auch schon von den Tieren kennen. Im Grunde wurde die Befriedigung der körperlichen oder geistigen Dränge bereits ganz automatisch und ohne jeden reflektierten Entschluss als höchstes Ziel anerkannt. Das einzige Urteil das wir treffen ist über die Frage, wie befriedige ich meine Wünsche mit maximalem Erfolg, minimalem Aufwand und Verlust oder Schaden anderer, wie variiere ich meine Möglichkeiten zur Sinnesbefriedigung erfolgreich. Eigentlich gab es nie eine Alternative, über die man bewusst hätte reflektieren können. Hierzu findet man in der Gita den Vers: „Man sollte sich mit Hilfe seines Geistes befreien, und nicht erniedrigen. […] Für den, der den Geist bezwungen hat, ist der Geist der Beste Freund; doch für den, der dies versäumt hat, bleibt der Geist der größte Feind.“35
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Bhagavad­Gita Kapitel: 6.6; 6.7
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3.3. Wissen als wichtigste Grundlage für Entscheidungen
„Die Transzendentalen Eigenschaften führen zu Befreiung, wohingegen die dämonischen Eigenschaften Gefangenschaft verursachen.“36 Weitere Definitionen von „dämonisch“ lassen sich in den folgenden Versen finden: kein wirkliches Wissen davon zu haben, was im Leben getan werden muss und was nicht getan werden darf, zu meinen, die Welt sei unwirklich, habe keine Grundlage oder sei nur aus sexuellem Verlangen entstanden und Folge einzig dem Prinzip der Lust.37 Das Wort dämonisch darf man hier nicht falsch verstehen. Diese Eigenschaft wohnt jedem Menschen inne. Dem vedischen Maßstab entsprechend, hat heut kaum noch jemand Wissen davon, was getan werden muss, was jeweils die individuelle und absolute Bestimmung des Menschen ist und was auf keinen Fall getan werden darf, wie zum Beispiel des Essen gewaltsam erworbener Nahrung (Fleisch). Das Wort „dämonisch“ soll mit seiner Drastik lediglich verdeutlichen, welches Ausmaß die Konzentration auf die Befriedigung der eigenen Sinne und Wünsche für uns selbst eigentlich annehmen kann: es macht uns zu egoistischen, verwirrten und von den niemals zufriedenen Sinnen versklavten Wesen. Es soll zeigen wie uns diese Tätigkeiten gefangen und abhängig machen! Solch eine Handlung kann schwerlich als ENT­SCHEIDUNG im „eigentlichen“ Sinne gesehen werden. Stattdessen verwickelt sich das Bewusstsein weiter in die Sinneseindrücke und wird dadurch bedeckt. Das Ziel dieser Handlungen ist nicht die eigene natur­ und wesensgemäße Stellung als Teil Gottes zu erkennen und zu erreichen, sondern selbst Gott sein zu wollen.
3.4 Freiheit auf der Basis der richtigen Entscheidung
Karl Marx meinte: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“. Das würde heißen, wenn ich nicht die Notwendigkeiten des Lebens erkenne, mich ihnen sogar entgegenstelle und meine Handlungen mich damit von meinem natürlichen Zustand entfernen, also gegen meine Natur laufen, können sie nicht als freie oder bewusste Entscheidung gelten. Man kann sich nicht in vollem, freiem Bewusstsein gegen sein Wohl und Glück entscheiden! Man muss in gewisser Weise unbewusst 36
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Bhagavad­Gita Kapitel: 16.6
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sein, also einmal ohne jedes Wissen darüber, was es im Leben für höhere Ziele zu erreichen gibt und damit auch ohne jeden Abstand zu den kurzfristigen Wunscherfüllungen des Körpers und Geistes. Und damit ist man unfrei, also den „Programmen“, Wünschen und Lüsten ausgeliefert, weil man keine Alternative kennt, um zu einem freudvollen Zustand zu gelangen.
Die Metapher der Schule verdeutlicht noch einmal: natürlich hat man unendlich viele Möglichkeiten, sich zu entscheiden und zu Handeln, doch wirklich Erfolg versprechend ist mein Handeln, wenn ich weiß, dass es ein Ziel gibt, welche Anforderungen der Lehrer hat und wie ich diese erfüllen kann, um das Ziel zu erreichen. Allerdings wird hier auch deutlich, dass die Metapher der Schule in Bezug auf das wahre Leben äußerst grob und allgemein ist. Vielleicht müsste man sagen, dass für jeden Menschen eine völlig individuell zugeschnittene Schule – das Leben – existiert, in der wir Schritt für Schritt dem Ziel entgegen geführt werden und nicht immer ist klar, wo dieser Bildungsweg entlang führt oder welches die geforderten Leistungen sind. Und auch wenn wir scheinbar völlig gegen diese Schule rebellieren und uns ihr ganz und gar verweigern oder ihre Existenz bestreiten, werden wir nicht aus der Schule geschmissen, wir können nicht wirklich aus ihr heraus treten. Doch solange wir uns gegen diese Schule wehren, bleibt sie, wie im Eingangs genannten Vers, unser Gefängnis, in dem wir unsere Runden drehen und uns unaufhörlich mit zeitweiligen Freuden beglücken müssen (dürfen). Erst wenn wir uns für diese Schule entscheiden und erkennen, dass an deren Ende eine viel höhere, natürliche und ewige Freude steht, können wir verstehen, was es bedeutet eine freie Entscheidung zu treffen. Dasselbe Prinzip wird in der Bhagavad­Gita von der Person Gottes mit folgenden Worten beschrieben: „Die fortwährend hingegebene Seele erlangt unverfälschten Frieden, weil sie das Ergebnis aller Tätigkeiten Mir opfert. Jemand hingegen, der nicht mit dem Göttlichen verbunden ist und gierig nach den Früchten seiner Tätigkeiten strebt, wird verstrickt.“38
Dieser Aspekt der Entscheidung ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem weiten Spektrum der Bhagavad­Gita. Noch viele weitere Dimensionen der Entscheidung und der Handlung werden hier aufgezeigt. Ausführlich wird beschrieben, wie grob­ und feinstoffliche Handlungen letztlich einzig von den materiellen Energien und Erscheinungsweisen erzeugt werden, wie das Bewusstsein jedoch 38
Bhagavad­Gita Kapitel: 5.13
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im Grunde davon gänzlich unberührt bleibt. Einzig die „Entscheidung“ für die materielle Welt war der aktive Prozess des Bewusstseins, welcher alle anderen „Handlungen“ nach sich gezogen hat. Und nur die Entscheidung sich aus diesem Feld wieder hinaus zu bewegen versetzt das Bewusstsein wieder in die Lage aktiv handeln zu können. Jedoch ist eine erschöpfende Analyse all dieser Punkte in diesem Rahmen nicht möglich. Dafür bleibt nun genügend Stoff für weitere Ausarbeitungen.
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4. Quellenverzeichnis
1. Bieri, Peter: Das Handwerk der Freiheit ­ Über die Entdeckung des freien Willens, Frankfurt am Main, 2003. [abgekürzt mit: Bieri, Peter: das Handwerk der Freiheit, s.XX]
2. A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada: Bhagavad­Gita – Wie sie ist, The Baktivadanta Book Trust, 1987. [i.F. Angekürzt mit: Bhagavad­Gita Kapitel:XX]
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