Das Schlupfloch in den Westen offenhalten

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Das Schlupfloch in den Westen offenhalten
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Das Schlupfloch in den Westen offenhalten
Der letzte operative Erfolg der Wehrmacht gegen die übermächtige Rote Armee Anfang
März 1945: Der Angriff bei Lauban sichert Schlesiern die Flucht
Paul Leonhard
Es ist der 9. März 1945. Propagandaminister Joseph Goebbels steht auf dem Markt im
niederschlesischen Lauban und schüttelt einem 16jährigen Hitlerjungen die Hand. Die
daneben stehenden Soldaten, die offenbar älteren Jahrgängen angehören, schauen skeptisch.
Zeitzeugen berichten später, daß es den Befehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Generaloberst
Ferdinand Schörner, einige Mühe kostete, wenigstens eine Frontformation zum
Ministerauftritt abzustellen.
Trotzdem gehört dieses Foto eines Kriegsberichterstatters zu den bekanntesten Aufnahmen
aus dem Zweiten Weltkrieg. Auch die Wochenschau berichtet über den Auftritt Goebbels in
dem schon an die Rote Armee verloren geglaubten Lauban und der Minister für
Volksaufklärung notierte in seinem Tagebuch: „Auf dem Marktplatz in Lauban, der völlig
zerstört ist, haben Fallschirmjäger, die bei der Operation von Lauban sehr ruhmvoll beteiligt
waren, Aufstellung genommen.“
Die Schlacht bei Lauban gilt heute als der, abgesehen von der Rückeroberung Bautzens Ende
April, letzte operative Erfolg der Wehrmacht, auch wenn die ursprüngliche Zielstellung, eine
Basis für die Entsetzung des eingeschlossenen Breslau zu schaffen, nicht erreicht wird und die
geplante Einkesselung größerer russischer Verbände bei Naumburg am Queis ebenfalls
mißlingt. Trotzdem führt der deutsche Panzerangriff dazu, daß selbst Sowjetdiktator Stalin
alarmiert anfragt, was in Niederschlesien los sei und weitere Angriffe in Richtung Görlitz
untersagt.
Der russischen Aufklärung sind die deutschen Umgruppierungen und die Bildung eines
Schwerpunkts von gepanzerten Truppen im Raum um Görlitz verborgen geblieben. Um so
größer die Überraschung, als am 2. März 1945 zwei Panzerkorps beidseitig von Lauban
angreifen und die von der 6. Volksgrenadier-Divison verteidigte Stadt entsetzen. Das
Kommando hat der aus dem Afrikafeldzug bekannte General der Panzertruppe, Walther
Nehring. Diesem stehen vier Panzerdivisionen und zwei weitere Divisionen zur Verfügung,
auch wenn deren gepanzerte Fahrzeuge nur zu einem Drittel überhaupt einsatzbereit sind und
nur begrenzt Treibstoff vorhanden ist. Als Ersatz setzt Nehring auf eine ihm persönlich
unterstellte, schwer bewaffnete schnelle Einsatztruppe, die mit modernen Panzern,
Schützenpanzern, 15-Zentimeter-Haubitzen auf Selbstfahrlafetten und 8,8-Zentimeter-Flak
ausgestattet ist.
Während der rechte Angriffsflügel mit der 8. und 16. Panzerdivision sowie der FührerbegleitPanzerdivision bald auf Naumburg eindreht, kommt der linke Flügel mit der 17.
Panzerdivision und der Führerbegleit-Panzergrenadierdivision nur schwer voran. Schon am
zweiten Angriffstag wird klar, daß die gesteckten Ziele unerreichbar sind. „In Niederschlesien
brachte der eigene Angriff zweier Panzerkorps im Raum Lauban nicht den erwarteten Erfolg“,
heißt es im Wehrmachtsbericht vom 4. März. Drei Tage später sind die Panzerkorps
beschäftigt, Gegenangriffe zurückzuschlagen. Immerhin kann die bei Lauban unterbrochene
Eisenbahnlinie nach Görlitz freigekämpft und die erreichte neue Verteidigungslinie bis
Kriegsende gehalten werden. Dadurch können Zehntausende Schlesier in Richtung Sachsen
oder Böhmen fliehen, und Städten wie Görlitz und Zittau bleiben Häuserkämpfe erspart.
Lauban selbst wurde im Februar und März 1945 zu sechzig Prozent zerstört.