Inhalt - Verlag Dr. Dieter Winkler

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Inhalt - Verlag Dr. Dieter Winkler
Inhalt
Vorwort der Herausgeber
Tabula Gratulatoria
1
.........................................................................................
XIII
...................................................................................................
XVII
Geschichte und Geschichtsbilder
CARL-HANS HAUPTMEYER
Ende des Mittelalters – Zeitwende? ..........................................................................
3
HEINZ-DIETER HEIMANN
Mittelalter als „neue“ Zeit um 1800. Zukunftserwartungen, Geschichtsdenken und
Kulturpflege angesichts zerstörter Welten ...............................................................
15
MARIA MANUELA TAVARES RIBEIRO
ème
L’Europe des intellectuels portugais (XX siècle – années 20-30)
.......................
28
HELMUT BLEY
Probleme der Periodisierung am Beispiel Afrikas im Kontext der Weltgeschichte.
Ein Essay ...................................................................................................................
35
2
Geschichtskultur und Geschichtsschreibung
BEATRIX GÜNNEWIG
Britannien in der Geschichtsschreibung Herodians
................................................
51
LUIGI PELLEGRINI
L’Epistola de tribus questionibus di Bonaventura: testo, contesto e fasi redazionali
65
JUTTA SCHWARZKOPF
Die Inszenierung politischer Macht im elisabethanischen England
.......................
94
JOACHIM SCHMIEDL
200 Jahre Säkularisation. Bemerkungen zu einem Jubiläum aus der Perspektive
der Ordensgeschichtsschreibung .............................................................................
105
KATHARINA COLBERG
Der Historiker Hermann Reincke-Bloch (1867-1929). Monumentist – Professor –
Politiker .....................................................................................................................
118
VIII
Inhalt
HINNERK BRUHNS
Max Weber und Michael I. Rostovtzeff. Oder: braucht (antike)
Wirtschaftsgeschichte (moderne) ökonomische Theorie? .......................................
3
150
Geschichtsphilosophie und Theologie
ANTON WEISE
Die Bedeutung der Tiere für die Verehrung franziskanischer Heiliger
..................
175
GABRIELA WĄS
Das Bild „Corona Beatissimae Virginis Mariae“ als Dokument des geistigen
Lebens der schlesischen Franziskaner im 15. Jahrhundert .....................................
190
BERND SCHMIES
Zwischen Norm und Praxis: Der Braunschweiger Lesemeister
Johannes Kerberch OFM und die Frage nach der Ordensreform
..........................
202
JOHANNES BAPTIST FREYER
Der Einfluss der franziskanischen Theologie auf die Reformation: zwischen
Rezeption und Zurückweisung ................................................................................
225
ERIC W. STEINHAUER
Die liturgische Verehrung der heiligen Beatrix da Silva Meneses, Stifterin der
Konzeptionistinnen ...................................................................................................
239
LEONHARD LEHMANN
Kajetan Eßers Studium der Schriften des hl. Franziskus als Beitrag zur
Wiederentdeckung des franziskanischen Charismas ...............................................
255
4
Bildungswesen und Bibliotheken
HANS-JOACHIM SCHMIDT
Mittelalterliche Konzepte zur Vermittlung von Wissen, Normen und Werten an
Kinder und Jugendliche. Zur Analyse des Fürstenspiegels von Aegidius Romanus
293
MARIA HELENA DA CRUZ COELHO
e
e
Les relations du Savoir et du Pouvoir dans le Portugal médiéval (XIV et XV
siècles) .......................................................................................................................
313
JOHANNES SCHLAGETER
Franziskanische Bildung und Tradition bei Augustin von Alveldt (vor 1485 bis
nach 1535) .................................................................................................................
335
Inhalt
IX
VOLKER HONEMANN
Die Bibliothek des Görlitzer Franziskanerklosters im Mittelalter. Ein Beitrag zur
weiteren Erforschung des franziskanischen Buchwesens ......................................
364
REIMUND HAAS
„… comparatus et bibliothecae conventus Wipperfurtensis incorporatus.“
Sicherung und Erschließung der Pastoral- und Konventsbibliothek Wipperfürth
376
SYBILLE KÜSTER
‚Adapted education‘ oder ‚akademische‘ Bildung? Der Kampf um koloniale
Bildungskonzepte im südlichen Afrika ....................................................................
406
5
Interkultureller Dialog und Konflikt
THEOFRIED BAUMEISTER
Ägyptisches Lokalkolorit im monastischen Schrifttum des Johannes Cassianus
...
433
JÜRGEN WERINHARD EINHORN
Unter den Fuß gebracht. Todesleiden und Triumph der franziskanischen Märtyrer
von Marokko 1220 ....................................................................................................
447
CARLES RABASSA I VAQUER
Las Ordenes mendicantes y el proyecto de conversión de los musulmanes
........
484
JOHANNES SCHREIBER
Radikales Christentum im Judentum ........................................................................
499
WOLFGANG MARIENFELD
Aufklärung und Judenemanzipation
........................................................................
524
FRANZ J. FELTEN
Auf dem Weg zu Kanonissen und Kanonissenstift. Ordnungskonzepte der
weiblichen vita religiosa bis ins 9. Jahrhundert ......................................................
551
CORNELIUS BOHL
Belehren und Bekehren. Das Sante Francisken leben des Lamprecht von
Regensburg als Zeugnis franziskanischer Bildung, Seelsorge und Frömmigkeit
Mitte des 13. Jahrhunderts in Deutschland .............................................................
574
THOMAS CZERNER
Zwischen Mission und Rezeption – Beiträge zur Geschichte der Franziskaner und
Dominikaner auf der Iberischen Halbinsel im 13. Jahrhundert .............................
593
6
Kirche und Gesellschaft
X
Inhalt
SANTIAGO AGUADÉ NIETO
Las clarisas en Castilla durante la Edad Media: historia de un éxito
......................
613
PETR HLAVÁČEK
„Ego Pragam intrare non possum, brevi tempore catuli mei intrabunt“: Ein Beitrag
zum böhmischen Itinerar des hl. Johannes Kapistran .............................................
660
KIRSTEN RAKEMANN
Amaseno – eine Gründung der sächsischen Franziskaner in Italien am Ende des
19. Jahrhunderts ........................................................................................................
670
7
Expansion und Integration
SABINE LIEBIG
Deutsche in Russland – „Russen“ in Deutschland: Ausgewählte Aspekte zur
Geschichte der Russlanddeutschen ..........................................................................
703
KARL H. SCHNEIDER
Reise an den Anfang einer Region – Northern Ontario um 1900 ...........................
731
INES KATENHUSEN
Sovereignty and Western Integration. The Beginnings of the Federal Republic of
Germany (1945-1955) ...............................................................................................
752
MARÍA JESÚS CAVA MESA
Tres ministros bilbainos de asuntos exteriores del aislamiento al desbloqueo
político ..........................................................................................................................
762
INGA-DOROTHEE ROST
Ein Blick hinter die diplomatischen Kulissen: Facetten der Beziehung zwischen
der US-Regierung und dem African National Congress (ANC) in Apartheidszeiten
781
8
Städte und Landschaften
ROLAND PIEPER
Jostberg bei Bielefeld. Aspekte zu einem Franziskanerkloster in Passlage
...........
813
HERMANN-JOSEF SCHEIDGEN
Florenz im Quattrocento. Eine kirchen- und religionsgeschichtliche Betrachtung
833
HANS-GEORG ASCHOFF
Hildesheim und Osnabrück – Zwei geistliche Residenzen in Nordwestdeutschland
während der Frühen Neuzeit ...................................................................................
847
Inhalt
XI
CHRISTIAN LOEFKE
Geistliche Mitglieder der Familie Schwenger aus Wiedenbrück im 17. und 18.
Jahrhundert ...............................................................................................................
865
ARNE BORSTELMANN
„So wie zur Römerzeit ...“ – Wahrnehmung von Kontinuität der eigenen
Landesgeschichte am Beispiel des Verfassungsstreites im Fürstentum Lippe zu
Beginn des 19. Jahrhunderts ....................................................................................
876
HANS-DIETER SCHMID
Die Inspektionsberichte der Landrabbiner als Quellen für die Geschichte der
Juden in Niedersachsen im 19. Jahrhundert ............................................................
895
HUBERTUS FISCHER
Mark Brandenburg – Ansichtssache .........................................................................
911
ADELHEID VON SALDERN
Die Stadt in der jüngsten Zeitgeschichte
.................................................................
923
GÜNTHER MENSCHING
Zur realpolitischen Bedeutung spekulativer Theologie. Anselm von Canterbury
und der Investiturstreit .............................................................................................
947
KLAUS-BERNWARD SPRINGER
Überblick über die dominikanische Inquisition im Erzbistum Köln und in
Westfalen ...................................................................................................................
963
HELMUT G. WALTHER
Ein später franziskanischer Beitrag zum Streit zwischen Bonifaz VIII. und
Philipp IV. .................................................................................................................
999
9
Krisen und Umbrüche
WINFRIED EBERHARD
Zur Wahrnehmung des Todes in spätmittelalterlichen Stadtchroniken
.................
1011
PETRA WEIGEL
„Ob tyrannidem et indebitam oppressionem“. Die Absetzung des Ministers der
sächsischen Franziskanerprovinz Burchard von Mansfeld (1383) .........................
1026
CLAUS UND KATJA FÜLLBERG-STOLBERG
Der Präsident, die Fliegerin und ein Gauleiter. Prominente Nazis als
Entwicklungshelfer und politische Berater im post-kolonialen Afrika
1059
..................
XII
10
Inhalt
Krieg und Gewalt
PETER TASLER
Antike Kriegspraxis: Grenzbereiche von Kriegsrealität, Kriegsrecht und ethischer
Reflexion .................................................................................................................... 1087
RAPHAELA AVERKORN
Gewaltanwendung und Konfliktlösung. Studien zu politischen und familiären
Auseinandersetzungen in den iberischen Königshäusern im Hohen und Späten
Mittelalter ................................................................................................................... 1122
ANN KATHERINE ISAACS
On Justice and Republics: Describing Tyranny and Buen Vevir in Early SixteenthCentury Siena ............................................................................................................ 1187
WILHELM SOMMER
Jugend im Nationalsozialismus ................................................................................. 1208
HANS-HEINRICH NOLTE (Übers. und Hrsg.)
Fira Borisovna Svirnovskaja: Überleben in deutschen Konzentrationslagern ........ 1223
Schriftenverzeichnis Dieter Berg
........................................................................ 1245
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
......................................................... 1259
Vorwort der Herausgeber
DIETER BERG, der am 22. Juli 2004 sein 60. Lebensjahr vollendet, sei aus diesem Anlaß
vorliegende Festschrift gewidmet.
Geboren in Preußisch Holland (Ostpreußen), verbrachte er seine Kinder- und Jugendjahre in Regensburg und Düsseldorf, wo er 1964 das Abitur bestand. Sein Studium
der Geschichte und Germanistik in Köln und Göttingen schloß er 1969 in Bochum mit
dem Ersten Staatsexamen für das Höhere Lehramt ab. Anschließend wurde er Wissenschaftlicher Assistent an der Ruhr-Universität Bochum – zuerst am Lehrstuhl für Historische Hilfswissenschaften, dann am Lehrstuhl „Mittelalterliche Geschichte I“. Auch die
nächsten Jahre seines wissenschaftlichen Wirkens verbrachte er an der Bochumer Universität, wo er 1973 promoviert und 1981 habilitiert wurde. Anschließend lehrte er dort
als C2-Professor für Mittelalterliche Geschichte und zwischenzeitlich als Gastdozent an
der Universität Witten/Herdecke. Nachdem er 1988 die Leitung des neu gegründeten
„Instituts für franziskanische Geschichte“ (zuerst in Bochum, danach in Münster) übernommen und gleichzeitig 1988/89 an der Universität Heidelberg gelehrt hatte, erhielt er
den Ruf auf eine C4-Professur an der Universität Hannover, wo er seit April 1989 als
Fachvertreter für Mittelalterliche Geschichte am Historischen Seminar wirkt.
Im Laufe seiner langjährigen Tätigkeit als Hochschullehrer entwickelte Berg verschiedene Forschungsschwerpunkte, die er bis zum heutigen Tage kontinuierlich betreibt. Einen ersten Schwerpunkt bildet die Geschichte der mittelalterlichen Historiographie, insbesondere der Bettelorden, mit deren Zielsetzungen und Denkstrukturen er
sich intensiv beschäftigt. Hieraus resultierten nicht nur seine viel beachtete Dissertation
„Armut und Wissenschaft“ (Düsseldorf 1977), sondern auch zahlreiche weiterführende
Publikationen zu den Mendikantenorden. Infolge dieser Arbeiten wurde der Jubilar zum
herausragenden Bettelordens- und Franziskanerforscher in Deutschland. So wurde er
auch der Initiator des „Instituts für franziskanische Geschichte“, als dessen Direktor er
bis zum heutige Tag wirkt und diesem internationale Beachtung und Anerkennung
verschafft hat.
Ein weiterer Forschungsschwerpunkt, mit dem sich Berg schon früh beschäftigte,
betrifft die Geschichte des Judentums und insbesondere die Beziehungen von Juden,
Christen und Moslems seit dem Frühen Mittelalter. Aufgrund der jüngsten deutschen
Geschichte auch persönlich engagiert, wirkte er fast ein Jahrzehnt als Auswärtiger Mitarbeiter am „Institutum Judaicum Delitzschianum“ in Münster. Zudem bemühte sich
Berg in seinen akademischen Lehrveranstaltungen sowie in zahlreichen Vorträgen, auf
die Bedeutung der christlich-jüdischen Beziehungen für die Geschichte des Abendlandes hinzuweisen und eine Verständigung zwischen Christen und Juden zu befördern.
Einen dritten Forschungsschwerpunkt entwickelte Berg aufgrund seiner Beschäftigung mit der Beziehungsgeschichte der mittelalterlichen europäischen Königreiche.
Mit einer Arbeit dieser Thematik habilitierte er sich 1981 an der Ruhr-Universität Bochum für das Fach Mittelalterliche Geschichte, woraus dann eine große Monographie
entstand: „England und der Kontinent. Studien zur auswärtigen Politik der anglonormannischen Könige im 11. und 12. Jahrhundert“ (Bochum 1987). Von den weiteren
Veröffentlichungen zu diesem Themenbereich sei hier auf das programmatische Werk
XIV
Vorwort der Herausgeber
„Deutschland und seine Nachbarn 1200-1500“ (München 1997) und auf den von ihm
mit herausgegebenen Band „Auswärtige Politik und internationale Beziehungen im
Mittelalter, 13.-16. Jahrhundert“ (Bochum 2002) hingewiesen. Hinzu kommt seine Darstellung über „Die Anjou-Plantagenets. Die englischen Könige im Europa des Mittelalters“ (Stuttgart 2003), die die große Epoche von 1100-1500 mit präzisen und anregenden
Interpretationen umfaßt und gestaltet. Mit „auswärtiger Politik“ und mit „England im
Hoch- und Spätmittelalter“ vertritt er nicht nur in der derzeitigen deutschen Mediävistik
kaum bearbeitete Forschungsthemen, sondern er bemüht sich zudem um die Entwicklung von epocheübergreifenden Theorien über Struktur und Formen von auswärtigen
Beziehungen. In diesem Zusammenhang baute Berg in den letzten Jahren ein weiteres
Arbeitsfeld aus, nämlich die Untersuchungen der Beziehungen Mitteleuropas zu den
christlichen und muslimischen Reichen der Iberischen Halbinsel im Mittelalter. Hierzu
konstituierte er mit Kolleginnen und Kollegen an der Universität Hannover den Forschungsschwerpunkt „Mediterranean Studies“, der sich u. a. mit Fragen des christlichmuslimischen Kulturaustausches und mit dessen Bedeutung für die Entwicklung der
abendländischen Scholastik beschäftigt.
Schließlich widmet sich Berg seit längerer Zeit einem weiteren Forschungsfeld –
nämlich der Geschichte der Geschichtswissenschaft, insbesondere der Entwicklung der
mediävistischen Fachwissenschaft seit dem 19. Jahrhundert. Hierbei geht es ihm vor
allem um den Nachweis der Zeitgebundenheit von Geschichtsbildern im kritischen
Nachvollzug der inneren und äußeren Prämissen sowie um die Einflußfaktoren, die die
Geschichtswissenschaft in ihren Ergebnissen bestimmen. Als programmatisch ist hier
seine Studie zu nennen über „Mediävistik – eine ‚politische Wissenschaft’“ (Frankfurt/M.
1993). Zur Vertiefung der einschlägigen Forschung gibt Berg die Reihe „Studien zur
Wissenschaftsgeschichte“ seit dem Jahre 2000 heraus.
Neben dem Aufbau und Ausbau dieser Forschungsschwerpunkte wirkte und
wirkt Berg vor allem als Leiter des „Instituts für franziskanische Geschichte“ (IFG) –
eine Tätigkeit, die ihm über all die Jahre viel Kraft abforderte. Im Jahre 1988 – kurz vor
der Berufung nach Hannover – vertraute ihm die Leitung der Sächsischen Franziskanerprovinz vom Heiligen Kreuz im Wissen um seine wegweisenden Forschungen zur Geschichte der Mendikantenorden im Mittelalter den Aufbau eines außeruniversitären Forschungsinstitutes an, das sich einerseits der traditionsreichen ordenseigenen Geschichtsschreibung verpflichtet weiß, andererseits bewußt interdisziplinär und grenzüberschreitend sowohl in methodischer als auch in thematischer Hinsicht arbeitet. Der Forschungsschwerpunkt des Instituts liegt auf einer Dokumentation und Analyse der Geschichte der Bettelorden im deutschen Sprachraum vom Mittelalter bis zur Gegenwart
(unter besonderer Berücksichtigung der Sächsischen Franziskanerprovinz). Unter seiner
Leitung und dank seines großen persönlichen Engagements entwickelte sich das IFG
zum führenden Forschungszentrum für franziskanische Geschichte im deutschen
Sprachraum und besitzt hohes internationales Renommee.
Zu den wissenschaftlichen Aktivitäten von Berg zählt neben seinem Wirken als
Gutachter für verschiedene Organisationen auch Kooperationstätigkeit mit zahlreichen
in Deutschland angesiedelten Institutionen; hinzu kommt ein intensives Engagement als
Herausgeber und Mitglied in wissenschaftlichen Beiräten. So ist er u. a. Herausgeber der
Vorwort der Herausgeber
XV
Publikationsreihen „Saxonia Franciscana“, „Franziskanisches Leben“, „Europa in der
Geschichte“, „Studien zur Wissenschaftsgeschichte“, Mitherausgeber der „Franziskanischen Forschungen“ und Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Wissenschaft und Weisheit“.
1992-1996 war er zudem Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des D. CoeldeVerlags (Werl).
Große Bedeutung mißt Berg seit der Assistentenzeit dem Engagement in der akademischen Selbstverwaltung bei, in der er sich auf zahlreichen Feldern betätigte. Auch
in Hannover wirkte bzw. wirkt er in zahlreichen Gremien auf unterschiedlichen Ebenen
mit – etwa als Geschäftsführender Leiter des Historischen Seminars, als langjähriger
Angehöriger dessen Vorstands, als Mitglied der Fakultät und vieler Kommissionen auf
Senats-, Fakultäts- und Fachbereichsebene. Hervorzuheben ist zudem, daß Berg unter
großem persönlichen Einsatz als Leitender Koordinator für die Durchführung des 39.
Deutschen Historikertages mit mehreren Tausend Teilnehmern im September 1992 in
Hannover verantwortlich war.
Erwähnenswert ist auch die breite internationale Einbindung der Forschungsaktivitäten des Jubilars: Seit 1987 ist er „Socio Ordinario“ der „Società Internazionale di Studi Francescani, Assisi”; 1989 wirkte er als Directeur d’Etudes Ass. an der angesehenen
Maison des Sciences de l’Homme in Paris. Am Historischen Seminar der Universität
Hannover baute er als Institutional Coordinator ein umfangreiches Austauschprogramm
für Studierende im Rahmen von ERASMUS auf. Seit vielen Jahren bemüht sich Berg
ferner um die Durchführung von Forschungsprojekten in Kooperation mit ausländischen Partnern und engagiert sich auf Tagungen sowie in Gastvorträgen an verschiedenen europäischen Hochschulen, wobei seine Vorliebe für romanische Länder nicht zu
übersehen ist.
Schließlich ist Berg ein erfolgreicher Hochschullehrer, der in seinen Veranstaltungen den Studierenden die mittelalterliche Geschichte in ihrer Komplexität und Breite
auf anschauliche und attraktive Art näher bringt. Sein Engagement für die Lehre zeigt
sich ebenfalls in seiner Tätigkeit im interdisziplinären postgraduierten MasterStudiengang (Europäische Integration/European Studies), an dessen Aufbau er in Hannover seit 1999 beteiligt war. Infolge seiner Forschungs- und Lehraktivitäten entstanden
zahlreiche Forschungsarbeiten, die von jungen Nachwuchswissenschaftlern verfaßt
wurden, von denen sich etliche an dieser Festschrift beteiligten.
Das wissenschaftliche und persönliche Ansehen des Jubilars zeigt sich nicht zuletzt in der spontanen Bereitschaft von mehr als fünfzig Autorinnen und Autoren aus
Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Portugal, der Schweiz, Spanien und Tschechien,
zu einer Festgabe für Dieter Berg beizutragen.
Diese orientiert sich in ihrer Gliederung bewußt an den verschiedenen Forschungsschwerpunkten des Jubilars. So wurden die Autorinnen und Autoren gebeten,
sich in ihrem jeweiligen Beitrag nicht nur hieran auszurichten, sondern ihrerseits in
einem interdisziplinären und keineswegs auf das Mittelalter beschränkten Zugriff eine
aus ihren eigenen Forschungen erwachsene Studie dem Jubilar zu widmen. Zudem
wurde vermieden, im Blick auf die Komplexität der Arbeitsfelder von Berg den zeitlichen, räumlichen und thematischen Rahmen für die Beiträge zu eng zu ziehen, so daß
XVI
Vorwort der Herausgeber
die vorgelegten Studien entweder einen Bezug zu Europa oder zur außereuropäischen
Welt von der Antike bis zur Gegenwart aufweisen.
Insgesamt wurden zehn thematische Felder gewählt, die in engem Bezug zu den
Arbeitsgebieten des Jubilars stehen – beginnend mit „Geschichte und Geschichtsbildern“
und Beiträgen u.a. zu Fragen der Periodisierung von Geschichte, zum Epochenbegriff
„Mittelalter“ und zu neuzeitlichen Europa-Bildern. Hieran schließt sich das Kapitel über
„Geschichtskultur und Geschichtsschreibung“ mit Aufsätzen u. a. über Probleme der
Historiographie in verschiedenen Epochen sowie zu wissenschaftshistorischen Problemen des 19. Jahrhunderts an. Ergänzt werden diese Studien durch die folgenden Untersuchungen über „Geschichtsphilosophie und Theologie“ – wieder ausdrücklich epochenübergreifend angelegt und von Problemen der Theologie in mittelalterlichen geistlichen
Orden bis zu Studien zur Frage des „franziskanischen Charismas“ reichend. An wichtige
Arbeiten zum „Bildungswesen und Bibliotheken“ vom Mittelalter bis zu kolonialen Bildungskonzepten im Afrika des 20. Jahrhunderts schließen sich Studien zum „Interkulturellen Dialog und Konflikt“ an, die vor allem die Beziehungen von Christen zu Juden
und Moslems von der Antike bis zur Aufklärung behandeln. Hierauf folgen Untersuchungen über „Kirche und Gesellschaft“ mit einem Schwerpunkt auf den klösterlichen
Gemeinschaften vom Frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert, woran sich Studien über
„Expansion und Integration“ in Europa und in Afrika vor allem im 19. und 20. Jahrhundert anschließen. Stärker regionale Bezüge weist das Kapitel über „Städte und Landschaften“ mit regionalen Schwerpunkten in Nord- und Mitteldeutschland auf, während
die beiden abschließenden Abschnitte über „Krisen und Umbrüche“ sowie „Krieg und
Gewalt“ Probleme des krisenbedingten Wandels und hiermit verbundener Gewaltanwendung epochenübergreifend behandeln.
Die Herausgeber danken allen Autorinnen bzw. Autoren und Gratulanten sowie
Herrn Dr. Winkler für die Aufnahme des Werkes in das Verlagsprogramm. Der Mitarbeiterin des Verlages, Frau Sidonie Engels M.A., sei für ihre kritische Aufmerksamkeit bei
der Satzherstellung gedankt. Zu danken ist ferner Frau Dipl. Geophys. Brückner, Herrn
Weise M.A. und den Studentischen Hilfskräften im Lehrbereich Mittelalter am Historischen Seminar der Universität Hannover für technische Unterstützung bei der Manuskripterstellung.
Ein besonders herzlicher Dank der Herausgeber gilt jedoch der Leitung der Sächsischen Franziskanerprovinz vom Heiligen Kreuz, die durch großzügige finanzielle Unterstützung maßgeblich zum Erscheinen der Festschrift beigetragen hat, sowie der
ChoC-Stiftung, Köln.
Schließlich möchten Herausgeber, Autorinnen bzw. Autoren und Gratulanten
dem Jubilar auf diese Weise danken und ihm persönliches Wohlergehen wünschen in
der Hoffnung, daß er begonnene und projektierte Arbeitsvorhaben vollenden und die
Geschichtswissenschaft durch seine Studien weiterhin bereichern kann.∗
R. AVERKORN, W. EBERHARD, R. HAAS, B. SCHMIES
∗ Redaktioneller Hinweis: Den Beiträgerinnen und Beiträgern war die Verwendung der alten oder neuen
deutschen Rechtschreibung freigestellt.
Ende des Mittelalters – Zeitwende?1
CARL-HANS HAUPTMEYER
1 Welche Zeit?
„Es ist keine Zeitkrise, die der Mensch erlebt. Die meisten Menschen sind schlichtweg
überfordert, weil sie zu viel auf einmal tun müssen ... Die Zeit beschleunigt sich nicht.
Der Mensch ist es, der sein Zeitgefühl beschleunigt.”2 Wer in der modernen Dienstleistungsgesellschaft Arbeit hat, hat keine Zeit. Zeit ist Geld. Wer Arbeit hat, hat Geld. Wer
keine Arbeit hat, hat viel zu viel Zeit und kein Geld. Individuelle Zeit und Lebensrhythmus gelten nichts in unserem Arbeitsalltag.3 Die Menschen in der modernen
Dienstleistungsgesellschaft sind rastlos, sie sollen möglichst zeitlose, ubiquitär einsetzbare Individuen sein.
Aussagen wie das Eingangszitat werden stets in einen Zusammenhang mit neuzeitlichen Veränderungen gebracht und in einem Prozeß gesehen, der in der historischen Phase seit dem 16. Jahrhundert und insbesondere seit der Industrialisierung einer
Beschleunigung unterlag. Dies legt nahe, in der vorangegangenen historischen Phase,
dem Mittelalter, einen anderen, gar besseren Umgang der Menschen mit ihrer Zeit anzunehmen und den Beginn der Neuzeit als Ende dieses Zustandes zu postulieren.4 War
das 16. Jahrhundert eine „Zeitwende”, seit der die Menschen in Europa anders als bisher die Zeit verstanden und mit ihr umgingen? Welcher Zusammenhang besteht zur
„Zeitenwende” im Sinne eines tiefen Einschnittes, der eine historische Periodengliederung hier Mittelalter, dort Neuzeit begründen half?
Wie ein Ruf „zurück zur Natur” oder zumindest zurück zu den vermeintlich besseren alten Zeiten klingt, was den heutigen gehetzten Menschen zur Verlangsam der
Lebensprozesse angeboten wird. Stan NADOLNY hat im Roman einen gemächlichen Umgang mit der Zeit vorgestellt und gezeigt, wie erfolgreich ein Mensch sein kann, der
nicht unter Zeitdruck steht.5 Allmählich findet die Kritik am Hetzen und Hecheln
Verbreitung in der Öffentlichkeit. Der Österreichische Philosophieprofessor Peter HEINTEL hat einen „Verein zur Verzögerung der Zeit” gegründet und fordert, soziale Eigenzeit zu erkennen und zu nutzen.6 Unternehmensberater, die einst zur Zeitoptimierung
1 Um notwendige Nachweise ergänzter Vortrag einer Vorlesungsreihe der Universität Hannover vom 7.
Februar 2000. Ich danke Frau cand. phil. Kirsten HOFFMANN und Frau cand. phil. Yvonne GEORGI für gute Anregungen und die Hilfe bei der Materialbereitstellung.
2 MESSERLI, J.: Wir haben Uhren, aber keine Zeit (Interview). In: Psychologie Heute 30/3 (2003) 64-69, hier
69.
3 SCHRÄDER-NAEF, R.: Zeit als Belastung? In: WENDORFF, R. (Hrsg.): Im Netz der Zeit. Menschliches Zeiterleben interdisziplinär. Stuttgart 1989, 17-25.
4 SCHWARTZ, H.: Zeitenwende – Weltenende? Visionen beim Wechsel der Jahrhunderte von 990-1990.
Braunschweig 1992, 48-196.
5 NADOLNY, S.: Die Entdeckung der Langsamkeit. München-Zürich 1983.
6 HEINTEL, P.: Innehalten. Gegen die Beschleunigung – für eine neue Zeitkultur. Freiburg etc. 1999.
4
Carl-Hans Hauptmeyer
aufriefen, stellen heute fest, daß nur in Muße und Ruhe vorzügliche Arbeitsergebnisse
zu erzielen sind, und verlangen eine Entschleunigung der Zeit.7 Das wirklich Wesentliche von dem nur Wichtigen zu trennen, soll besseren Erfolg im Beruf und zugleich ein
ausgewogeneres Leben erzeugen.8
In wohlmeinenden Büchern, die in den Lebenshilfeabteilungen der Buchhandlungen angeboten werden, wird ermahnt: lebe hier und jetzt. „Unser wahres Zuhause
ist der gegenwärtige Augenblick. Wenn wir wirklich im gegenwärtigen Augenblick leben, verschwinden unsere Sorgen und Nöte, und wir entdecken das Leben mit all seinen Wundern.”9 Auch, wenn dies wenig in den Alltag zu passen scheint, wecken solche
Sätze die Hoffnung, es könne aus vergangenen, weniger hektischen historischen Phasen
der europäischen oder anderer Kulturen Anregung bezogen werden.
Naturwissenschaftlich betrachtet ist der Augenblick kurz und bereits aus einer
Fülle von Reizen gespeist. Visuelle und akustische Informationen benötigen 20 bis 30
Millisekunden, um im Gehirn wahrgenommen zu werden und Reaktionen auszulösen;
so wenig also, daß das wahrnehmende Subjekt dies nicht als Zeitabfolge erkennen
kann. Sinneseindrücke werden quasi zeitlos verarbeitet. Erst die Summe solcher Sinneserfahrungen formt den Augenblick. Dieser wird aber nicht von jedem Individuum gleich
wahrgenommen, sondern auf der Basis der körperlichen Möglichkeiten und individuellen Erfahrungen verarbeitet. Das Kurzzeitgedächtnis nimmt vermutlich für zwei bis drei
Sekunden den Augenblick wahr:10 wie gewonnen, so zerronnen, und dennoch das
Individuum konstituierend.
Seit 1967 ist die Zeit einstweilen exakt definiert. Die Sekunde ist laut den gängigen Lexika das 9192631770-fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den
133
beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids Cs
entsprechenden Strahlung. Naturwissenschaftlich betrachtet schien zumindest seit Newton bis zu Einsteins Relativitätstheorie die Zeit eindeutig zu sein: zwar galt der Raum
nicht als absolut, wohl aber die Zeit. Eng verbunden war dies mit den neuzeitlichen
Vorstellungen des Universums, wie es uns Kopernikus, Keppler, Galilei und Newton
erschlossen. „In der Relativitätstheorie hingegen müssen sich alle (unterschiedlich positionierten) Beobachter über die Geschwindigkeit des Lichts einig sein. Aber sie gehen
doch von verschiedenen Entfernungen aus, die das Licht zurückgelegt hat. Wie sollen
sie sich da über die Zeit einigen, die es dazu benötigt hat?”11 Eine einzige, absolute Zeit
gibt es in der Relativitätstheorie nicht. Nach ihr hat jedes Individuum sein eigenes Zeitmaß, das davon abhängt, wo es sich befindet und wie es sich bewegt.12
Der Mensch in seinem Alltag bemerkt dies nicht. Für ihn ist die Zeit heute weltweit synchronisiert und mit der Uhr genau messbar. Diese exakt eingeteilte Zeit gestal7 MASSOW, M.: Gute Arbeit braucht ihre Zeit. Die Entdeckung der kreativen Langsamkeit. München 1998.
8 COVEY, S.R. / MERRILL, A.R. / MERRILL, R.R.: Der Weg zum Wesentlichen. Zeitmanagement der vierten
Generation. Frankfurt a.M.-New York ²2000.
9 HANH, T.N.: Heute achtsam leben. Freiburg etc. ³2000, Inneneinband.
10 PÖPPEL, E.: Gegenwart – psychologisch gesehen. In: WENDORFF, Im Netz 11-16; JOST, A.: Zeitstörungen.
Vom Umgang mit Zeit in Psychiatrie und Alltag. Bonn 2000, 66.
11 HAWKING, S.: Eine kurze Geschichte der Zeit. Hamburg 1991, 32. Hervorhebung im Original, Ergänzung
vom Autor.
12 Ebd. 44.
Mittelalter als „neue“ Zeit um 1800
Zukunftserwartungen, Geschichtsdenken und Kulturpflege
angesichts zerstörter Welten
HEINZ-DIETER HEIMANN
I Zeitzeichen
Die Ruinenbilder aus dem New Yorker Quarter of Ground Zero haben sich als Signum
einer Epochenzäsur in unser Gedächtnis eingebrannt, und das dort geplante Mahnmal
wird einmal das neue Zeitalter terroristischer Kriegsführung anzeigen.1 Zerstörte Welten, gestörte Welten, neue Kriege, die zu erklären herausfordern. Dies, noch in Hörweite von Millenniumsfeiern mit lodernden Scheiterhaufen aufgetürmter Rinderkadaver,
unterlegt von Existenzängsten vor einer global kollabierenden Technik und philiströs
genährten Zukunftsvisionen, wurde im Reflex auf politische Schlagworte am Kiosk als
die „Rückkehr des Mittelalters“ plakatiert (Der Spiegel, 8.10.2001). Die neue Zeit – ein
„finsteres“ Mittelalter?
Woher rührt solches Verständnis vom Mittelalter als rückständige Epoche der Geschichte? Wie und wann wurde ungleich dessen das Mittelalter zum „Ort“ eines neuen
Zeitbewußtseins mit utopischen Erwartungen zum Lauf der Geschichte und zu einer
friedfertigen Weltordnung? Ruinen und Krisenerscheinungen bringen den Beginn des
19. Jahrhunderts gegenwärtig bild- und beziehungsreich in Erinnerung. Um 1800 war
eine Zeit tiefgreifenden Umbruchs und des Anspruchs, im kritisch formulierten Mittelalterverständnis ein „neues“ Zeitgefühl mit deren Zeichenträgern angesichts des Verlusts
einer traditionell politisch-religiös geprägten Ordnung zu konstituieren. Heute kehrt das
Ende des Alten Reiches 1803/1806 in Museen, die neuen Orte geschichtlicher Erinnerungsstiftung2, zurück und erinnert nicht zuletzt in Ruinenbildern an die vergessenen
Schatten staatlicher Säkularisation, die Auflösung der geistlichen Staaten, die Aufhebung
der Klöster mit all ihren sozialen Einrichtrungen3, die Verluste infolge Napoleonischer
Kriege, die Neuanfänge staatlicher und gesellschaftlicher Ordnung sowie den kulturel-
1 ASSMANN, A.: Einleitung. In: ASSMANN, A. et al. (Hrsg.): Ruinenbilder. München 2002, 7-14, hier 7.
2 FRANCOIS, E. / SCHULZE, H. (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde. München 2001. BORSDORF, U. /
GRÜTTER, H. (Hrsg.): Orte der Erinnerung. Denkmal, Gedenkstätte, Museum. Frankfurt / M. 1999; HEIMANN, H.-D.: Brandenburgische Zisterzienserklöster als „Erinnerungsorte“ heute. In: LOZAR, A. (Hrsg.):
Das geistliche Erbe. Wege und Perspektiven der Vermittlung. Festgabe für F. Wagner. Berlin 2002, 109127.
3 GÄRTNER, U. / KOPPETSCH, J. (Hrsg.): Klostersturm und Fürstenrevolution. Staat und Kirche zwischen
Rhein und Weser 1794-1803. Begleitbuch zur Ausstellung der staatlichen Archive des Landes NordrheinWestfalen. Dortmund 2003; MÖLICH, G. / OEPEN, J. / ROSE, W. (Hrsg.): Klosterkultur und Säkularisation
im Rheinland. Essen ²2002. Ferner Anm. 32.
16
Heinz-Dieter Heimann
len Wandel4. Ruinen zeigen sich nicht nur als Relikte.5 Geschichte ist auch Geschichte
des Verlusts, aber mit welchen Folgen? Kurz vor dem Ende des 18. Jahrhunderts, man
nahm bereits die von der Französische Revolution verursachten Schäden und Verluste
wahr, was zu den Zeichen des Übergangs von der Aufklärung zur Romantik gehörte,
lernte man Ruinen und Mittelalter neu zu sehen. Ein verändertes Geschichtsdenken traf
ein verändertes Zeitgefühl6, das durch seine Sehnsucht nach einem „christlichen Mittelalter“ künftige Visionen für ein beständiges, friedliches Europa suchte. Dieser Wandel
setzte u. a. anstelle provozierender Mönchskritik der Aufklärungszeit eine neue Wertschätzung der Klosterwelt sowie der Ruine, vergegenwärtigt in romantischer Bildmetaphorik und im Anspruch staatlicher Denkmalpflege, durch die bald einzelne bauliche
Zeugnisse des Mittelalters zu Zeichenträgern historisch-nationaler Identitätsstiftung wurden.7
II Zwischen Aufklärung und Romantik:
von Mönchskritik zum neuen Klosterideal
Die Inanspruchnahme des Mittelalters zur Definition des jeweiligen Geschichts- und
Zeitverständnisses begleitete die europäische Geschichtsschreibung spätestens seit dem
Renaissancehumanismus und wird seitdem mitbestimmt von der Bedeutung des Mittelalters als Projektionsfläche von Zukunftsperspektiven der Zeitläufe: so auch um 1800.
Ein gespaltenes Mittelalterbild hatte den Beginn der Moderne konstituiert. Einerseits
wurde das Mittelalter als Hort der Rückständigkeit abgelehnt, der dem neuen Fortschrittsverständnis nicht entsprach. Andererseits entwickelten andere ein positives Verständnis dieser keineswegs schon schlüssig definierten Geschichtsepoche. Dieses
Merkmal eines „doppelten“ Mittelalterbildes, bejahend und verneinend, nah und fern,
kennzeichnet unser Geschichtsdenken bis heute.8 Erst kurz vor 1800 wurde das Periodisierungsschema der geschichtlichen Dreiteilung in Antike, Mittelalter sowie Neuzeit
mit Bedacht in der Geschichtsschreibung genutzt. Damit hatte „Mittelalter“ als Wertbegriff eine außerordentliche Beachtung erhalten. Mittelalter galt seitdem nach und nach
als ein nationales Erkennungszeichen und gewann dabei „vorerst eine utopische, die
4 LEHMANN, H. (Hrsg.): Säkularisierung, Dechristianisierung, Rechristianisierung im neuzeitlichen Europa.
Bilanz und Perspektiven der Forschung. Göttingen 1997 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für
Geschichte, 130); MARRAMAO, G.: Die Säkularisierung der westlichen Welt, Frankfurt / M. 1999; LÜBBE,
H.: Säkularisierung, Modernisierung und die Zukunft der Religion. Münster 2003 (Texte des Landeshauses, 31).
5 ZUCKER, Paul: Fascination of Decary. Relic- Symbol- Ornament. Ridgewood 1968; BOLZ, N. / REIJEN, W. v.
(Hrsg.): Ruinen des Denkens – Denken in Ruinen. Frankfurt / M. 1996.
6 KOSSELLECK, R.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt / M. 2000.
7 ALTHOFF, G. (Hrsg.): Die Deutschen und ihr Mittelalter. Themen und Funktionen moderner Geschichtsbilder vom Mittelalter. Darmstadt 1992; SEGL, P. (Hrsg.): Mittelalter und Moderne. Entdeckung und Rekonstruktion der mittelalterlichen Welt. Sigmaringen 1997; SAVOY, B.: Patrimoine annexe. Les biens
culturels saisis par la France en Allemagne autour de 1800, 2 Bde. Paris 2002.
8 OEXLE, O.G.: Das Bild der Moderne vom Mittelalter und die moderne Mittelalterforschung. In: Frühmittelalterliche Studien 24 (1990) 1-22 und die darauf fußenden weiteren Forschungen des Autors. SEGL,
Mittelalter.
L’Europe des intellectuels portugais
ème
(XX siècle – années 20-30)
MARIA MANUELA TAVARES RIBEIRO
L’Europe en crise et l'idéalisation du futur
Nous devons tenir compte du fait que les grands conflits européens ont eu un rôle
majeur et fondamental dans le surgissement de nouvelles attitudes parmi l'intelligentsia
européenne. La I Guerre Mondiale fit apparaître des réflexions nouvelles et des attitudes différentes au sein des élites intellectuelles. Par là même, elle fait surgir et stimule la
discussion à propos des valeurs européennes et place au cœur du débat l’équilibre du
continent : les moyens pour garantir la paix, le rôle et la place des nations dans un
scénario d’échanges nécessaires et de collaboration indispensable.1 Par exemple,
Gaston RIOU, dans son livre de 1929, S’unir ou mourir, évoque l’Union européenne
comme une « impérieuse nécessité ».2 Le conflit mena certains intellectuels, surtout ceux
plus sensibles à la crise de la civilisation, à réfléchir de manière profonde à l’identité
européenne.
Le regard des intellectuels portugais
ème
Les intellectuels portugais du XIX siècle, notamment Faustino José da Madre de Deus,
considéraient l’Europe comme une Entité Morale. Toutefois, selon Eça DE QUEIROS audelà d’Entité Morale, l’Europe est un corps et une âme. En fait, c’est un grand corps
symbolique où chaque patrie est une forte qualité physique ou une ambition intelligente de l’âme. Selon lui, le rôle du Portugal était la vigoureuse action vitale, le mouvement spontané, la décision violente du sang. Dans le langage d’Eça DE QUEIROS
(1855-1911) : « la crise est presque une condition normale de l’Europe. Les moments où
l’homme regardant autour de lui ne trouve pas un mécanisme en train de se défaire et
où tout pérît, même ce qui semble impossible – la vertu et l’esprit – sont bien rares ».3
Si les libéraux populaires, les socialistes et les républicains en ont défini l’idée et
ont rêvé avec utopie à la formation des États Unis d’Europe (António Pedro Lopes de
Mendonça (1826-1865), José Félix Henriques Nogueira (1823-1858), Antero de Quental
(1842-1891), Eça de Queirós (1855-1911), Oliveira Martins (1845-1894), Sebastião de
1 REAU, E. DU: Le modèle européen occidental. Genèse, transitions, mutations au XXème siècle. Dans: Dynamiques et Transitions en Europe. Approche pluridisciplinaire. Sous la direction de C. TAPIA. Berna, Peter Lang 1997, 15-23.
2 RIOU, G.: S’unir ou mourir. Paris, Valois 1929.
3 QUEIROS, E. DE: Notas Contemporaneas. Porto, Livraria Chardon 1909, 213.
L’Europe des intellectuels portugais XX
ème
siècle – années 20-30
29
Magalhães Lima (1850-1928), entre autres) se furent les modernistes qui surent le mieux
la caractériser. 4
Selon Fernando PESSOA (1888-1935), écrivain, le visage de l’Europe est le Portugal
pointant vers l’Occident et regardant avec nostalgie la mer, « l’imaginaire complément
de l’unité ontologique portugaise ». Il en trace le profil dans le poème (O dos Castelos)
au début de son œuvre Message (Mensagem –) :
Les Châteaux
L’Europe ici s’étend, sur ses coudes posées ;
D’Orient en Occident elle s’étend, regarde,
Et une chevelure romantique,
Recouvre ses yeux grecs, emplis de souvenirs.
Son coude gauche est reculé ;
Le droit an angle disposé.
L’un marque l’Italie sur laquelle il se pose ;
L’autre dit l’Angleterre sur qui, plus éloigné,
Il supporte la main, où s’appuie le visage.
Il regarde, regard de sphinx, fatal
L’Occident, futur du passé.
Ce visage au regard, voilà le Portugal.
À propos de la question de l’Europe, Fernando PESSOA ne manque ni d’une idée vigoureuse, de mots forts ni d’un certain humour. Il trouve l’Europe un peu à l’image de ses
souhaits : ambitieuse, assoiffée de création, capable de réinventer de nouveaux mythes
étant donné que la légende peut rendre éternelle la réalité. Prenons comme exemple ce
passage de l’Ultimatum (1917) :
« L’Europe a soif de création, elle a soif de Futur. L’Europe exige des grands poètes,
des grands hommes d’état, elle veut des grands généraux. Elle demande à l’homme politique de construire consciemment le destin inconscient de son Peuple… – L’Europe veut
Donos ! Le Monde demande l’Europe… L’Europe prétend passer d’appellation géographique à entité civilisée… Moi, au moins, je suis suffisant pour indiquer le Chemin ! J’indiquerai le Chemin. »
Almada NEGREIROS (1893-1970), écrivain et peintre, dans deux essais publiés dans
les Cahiers Sudoeste (juin 1935), présente également l’Europe, à l’exemple de Prométhée, comme assoiffée de savoir. Il s’agit, sans aucun doute, d’une conception plus abstraite de l’Europe. De son point de vue, elle est synonyme « d’expression spirituelle ».
Ses paroles sont très suggestives : « L’Énigme de l’Europe ?! Oui, l’énigme de l’Europe.
L’Europe possède surtout un sens unanime de la vie… L’Europe fonctionne en tant que
4 Cf. ALBUQUERQUE, M. DE: Primeiro ensaio sobre a história da ‘Ideia de Europa’ no pensamento português. Dans: Estudos de Cultura Portuguesa, vol. I. Lisboa, Imprensa Nacional-Casa da Moeda 1983, 249350 et Portugal e a Consciência da Europa. Dans: Oceanos 16, Lisboa, COMISSÃO NACIONAL PARA AS COMEMORAÇÕES DOS DESCOBRIMENTOS PORTUGUESES, Dezembro, 1993, 13-23. Cf. aussi L. REIS TORGAL e M.M.
TAVARES RIBEIRO: Portugal e a Integração Europeia. Dans: Europa Unita e Didatica Integrata. Storiografie
e Bibliographie a Confronto, a cura di A. LANDUYT. Siena, Protagon Editori Toscani 1995, 132.
Probleme der Periodisierung am Beispiel Afrikas
im Kontext der Weltgeschichte. Ein Essay
HELMUT BLEY
Periodisierungsprobleme sind Probleme der Konzeptionalisierung von Geschichtsschreibung und Geschichtsforschung. Die vorherrschende Dreiteilung in Großperioden
oder die inzwischen sich einbürgernde Vierteilung in Alte, Mittelalterliche, Frühneuzeitliche und Neuzeitliche Geschichte ist von Europa her konzipiert, so auch die neueste
Arbeit MITTERAUERS1, die die Geschichte von Europas Mittelalter als Sonderweg deutet.
Ähnlich hat MCNEILL seine berühmte Weltgeschichte von der Vor- und Frühgeschichte
her ebenfalls als Sonderweg konstruiert, als „Rise of the West“.2 Damit verweisen Periodisierungs-Konzepte trotz ihrer eindeutigen Absicht Geschichte zeitlich durch Umbrüche
fundamentaler Art zu strukturieren und Diskontinuitäten zu akzentuieren in erster Linie
gar nicht als Zeit bezogene Projekte sondern als ein auf Perspektiven bezogenes Projekt. Sie sind Raum bezogen und konzentriert auf historische Räume – meist so gar auf
die europäischen Kern-Räume, deren Peripherien sich nicht so ohne weiteres subsumieren lassen.
Es ist indessen eine wissenschaftliche Debatte in Gange, die die Kern-Perioden
der Antike und des Mittelalters berühren. Die Frühe Neuzeit und erst recht die Neuzeit
stehen unter der Tendenz der wachsenden Welteinheit, in der noch nicht ausgetragen
ist, wie die historische Dynamik in den von der europäischen Expansion allmählich
oder dramatisch erfassten Gesellschaften in Asien, Lateinamerika und Afrika angemessen und mit Eigenwert eingefügt werden kann.3 Noch wirkt das alte Urteil Hans FREYERS einer „Weltgeschichte Europas“4 nach, gerade auch wegen des angenommenen
Systemcharakters der aus der Expansion herauswachsenden kapitalistischen Weltwirtschaft mit ihren Stadien vom merkantilistischen Kolonialismus über den Hochimperialismus zu Formen einer informellen oder multinational wirkenden Großinstitution wie
das Weltfinanzsystem.
Bevor in diesem Beitrag von Afrika her auf diese Periodisierungsfragen eingegangen
werden soll, mit der Absicht die Raumbeschränkung der Periodisierungskonzepte in
weltgeschichtlicher Absicht zu hinterfragen, seien einige Überlegungen zu den Periodi-
1 MITTERAUER, M.: Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderweges. München 2003.
2 MCNEILL, M.: The rise of the West. Chicago 1963. Mit einer grundlegenden Revision des eurozentrischen
Ansatzes in der Einleitung zum Nachdruck 1998.
3 FELDBAUER, P. / KOMLOSY, A.: Globalgeschichte 1450-1820: Von der Expansions- zur Interaktionsgeschichte. In: HAUPTMEYER, C.-H. u. a. (Hg): Die Welt querdenken. Festschrift für H.-H. Nolte. Frankfurt
2003, 59-94; SCHULZE, R.: „Neuzeit“. In: Periplus 9 (1999) 117-126. Reinhard SCHULZE gibt einen weltgeschichtlichen Mittelalter-Begriff auf und wendet ihn zu einem nur auf die innereuropäische Entwicklung
an.
4 FREYER, H.: Weltgeschichte Europas. Wiesbaden 1948, 31969.
36
Helmut Bley
sierungskonzepten der Alten und Mittelalterlichen Geschichte angestellt, die diese
Raum-Zentriertheit problematisieren.
Für die Antike wurde in jüngster Zeit der Streit um die Frage geführt, ob Troja
dem griechischen und damit künftig europäischen „Kulturkreis“ zuzuordnen oder aber
ein Endpunkt des anatolisch-mittel-ostasiatischen Wirtschaftssystems sei, woraus offiziöse Kreise in der Türkei die Zugehörigkeit zu Europa ableiten, dessen Wiege dann in
Anatolien gelegen habe.5 Ein ähnlicher Streit ist zunächst von CHEIKH ANTE DIOP6 aus
Westafrika ausgelöst worden und von dem afro-amerikanischen Autor BERMAN7 auf die
schlüssige Formel gebracht worden, dass Athena „schwarz“ gewesen, die antike Kultur
des Mittelmeerraumes zutiefst von afrikanischen Elementen geprägt gewesen sei. Die
Geschichte dieses Raumes sei insbesondere im 19. Jahrhundert zu einem weißen Projekt verfälscht worden, dessen rassistische Konstruktion überwunden werden müsse.
Ohne sich auf die polemischen Überbetonungen und Konstruktionen einzulassen, liegt eine vergleichbar einfache Lösung des Problems auf der Hand. Die Welt über
die in der Geschichte der Antike gehandelt wird, auch noch in der „Spätantike“, ist
keine irgendwie europäische, afrikanische oder anatolisch-asiatische Welt, sondern eine
Welt oder ein Raum mit einer longue durée, die den Mittleren und Nahen Osten, die
afrikanischen Küsten und die mittelmeerische Nordküste, wohl einschließlich des
Schwarzmeer-Bereiches in eine von vielen Zentren mit geprägten Weltkultur verband,
über deren systemischen Zusammenhang und den Grad der Teilautonomien sich trefflich streiten ließe.
Dieser Welt ließen sich vergleichbare Welten in Asien und Lateinamerika und
auch in Afrika parallel stellen. Diese Welten stehen in unterschiedlicher Weise und
mitunter nur auf Regionen beschränkt untereinander in Verbindung, ohne „eine“ Welt
zu bilden, auch wenn in manchen Hinsichten Handel oder intellektuelle Beeinflussung
zwar nicht hegemonial aber doch asymmetrisch verlaufen konnten.
Die Frage indessen ist, ob diese Verknüpfung der unterschiedlichen Welten Einfluss auf die großen strukturellen Umbrüche und damit auf die Kriterien für Periodisierung hat.
Dahinter steckt das Problem, wie zentral die indirekten Außeneinflüsse für Periodisierungsfragen zu gewichten sind, nicht nur die der direkten politisch militärischen
Beeinflussung oder jene des Strukturwandels von Handel und des Flusses der Ideen,
sondern auch jene Einwirkungen, die sich als Abschwächung von Einfluss, als Konzentration auf die eigene Region oder in der Abwehrleistung von Großinvasionen für die
anderen Welten als Epoche machend deuten lassen und deshalb stärker Berücksichtigung erforderlich machen.
5 Hierzu die viel diskutierten Thesen von M. KORFMANN u. a. im Katalog: Troja Traum und Wirklichkeit.
Braunschweig 2001, 114-131.
6 CHEIKH ANTA DIOP, Antériorité des civilisations nègres et nations nègres et cultures. Paris 1967; HARDING,
L. / REINWALD, B. (Hrsg.): Afrika Mutter und Modell der europäischen Zivilisation? Die Rehabilitation des
schwarzen Kontinents durch Cheikh Anta Diop. Berlin 1990.
7 BERMAN, M.: Black Athena. The afroasiatic roots of classic civilization, Bd. 1. New Brunswick 1987; Bd. 2.
London 1991. Eine gute Zusammenfassung der Debatte: MELCHERS, N.: Die Black Athena Debatte. In:
www.geschichte.uni-hannover.de/fachgebiete/africa/index.html.
Britannien
in der Geschichtsschreibung Herodians
BEATRIX GÜNNEWIG
Herodians in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts niedergeschriebenes Geschichtswerk
Geschichte des Kaisertums nach Marc Aurel ist vor allem an den Biographien der Kaiser
interessiert. Die Reichsgeschichte erscheint als eine Geschichte von Umsturzversuchen.
Seine Darstellung der historischen Ereignisse ist der jeweils intendierten KaiserCharakterisierung untergeordnet.1 Dies ist auch für die Darstellung der Ereignisse in
Britannien unter Septimius Severus zu berücksichtigen. Die Informationen Herodians
über Britannien sind Nebenprodukt seiner Darstellung und Beurteilung des Septimius
Severus und seiner Söhne. Severus wird als machtorientierter Mensch charakterisiert,
der mit militärischer Stärke und diplomatischer Schlauheit die Alleinherrschaft (197
n. Chr.) erlangt (II 15, 1-4).2 Die Unruhen in Britannien sieht er als willkommene Gelegenheit, seinen Ruhm zu mehren, den Beinamen Britannicus zu erwerben und seine
Söhne aus Rom zu entfernen und zu beschäftigen.3 Deshalb kommt er der Bitte des
britannischen Statthalters L. Alfenus Senecio (?) nach und trifft 208 n. Chr. auf der Insel
ein.
Mit Beginn der Herrschaft des Severus war Britannien jedoch bereits durch D.
Clodius Albinus, den Statthalter Britanniens, der neben Severus und Pescennius Niger
Ansprüche auf die Kaiserwürde geltend machte, in den Blickpunkt der römischen Öffentlichkeit gerückt. Nach dem Sieg des Severus über Niger spitzte sich die Situation
zwischen Albinus und Severus zu und gipfelte 197 n. Chr. in der Schlacht von Lugdunum, aus welcher Severus als Sieger und unangefochtener Alleinherrscher hervorging.
Herodian beschreibt Albinus geradezu konträr zu Severus. Er entstammt altem
Senatsadel, verfügt über entsprechende Bildung und Reichtum, ist zugleich aber auch
großspurig und einfältig (II 15, 1-4). Zwar stellt er durch seine Herkunft und Bildung für
Severus Konkurrenz dar, ist jedoch letztlich zu degeneriert, um dem soldatischen Severus tatsächlich zu widerstehen.4 Nach Herodian kommen jedoch noch zwei weitere, die
Herrschaft des Severus gefährdende Aspekte hinzu. Albinus besitze das Kommando
über drei Legionen und darüber hinaus sei dieses Imperium von besonderer geostrategischer Bedeutung, da Britannien überaus günstig, das heißt nahe zu Rom, liege. Seve1 Vgl. die Kernthese der Habilitationsschrift von M. ZIMMERMANN: Kaiser und Ereignis. Studien zum Geschichtswerk Herodians. München 1999 (Vestigia 52).
2 Zur allgemeinen Beurteilung des Septimius Severus durch Herodian vgl. ALFÖLDY, G.: Zeitgeschichte und
Krisenempfindung bei Herodian. In: Hermes 99 (1971) 429-450, hier 437 f.; wiederabgedruckt in: DERS.:
Die Krise des römischen Reiches. Stuttgart 1989, 273-294.
3 Herodian: Geschichte des Kaisertums nach Marc Aurel. Griech.-dt. von F.L. MÜLLER. Stuttgart 1996 (=
Herod.) III 14, 1; vgl. Cassius Dio: Roman History. Hrsg. von E. CARY, 9 Bde. London-Cambridge (Mass.)
1968-70 (= Cass. Dio) LXXVI 11,1.
4 ALFÖLDY, Zeitgeschichte 442 f.
52
Beatrix Günnewig
rus befürchte, so Herodian, Albinus könne einen Staatsstreich versuchen und Rom einnehmen (II 15, 2).
Gerade aber diese Aussage gibt Anlass zur Verwunderung. In allen Phasen der
Eroberungsgeschichte Britanniens betonen die antiken Autoren die Abgeschiedenheit
oder die Randlage dieser Insel und sprechen gelegentlich gar von einem alter orbis.5
Die völlige Eroberung Britanniens wird immer wieder zugunsten von offenbar als dringlicher eingeschätzten Unternehmungen auf dem Kontinent gehemmt. Gerade dann,
wenn das römische Vorgehen auf der Insel stagniert oder gar zurückgefahren wird,
mehren sich die Stimmen, die von der politischen wie auch vor allem wirtschaftlichen
Unergiebigkeit und Bedeutungslosigkeit Britanniens sprechen.6 Diese Einschätzung
beginnt bereits mit der Beurteilung der britannischen Expeditionen Caesars. Zwar stellt
die antike Literatur nicht das entdeckerische Verdienst Caesars in Frage, wohl aber den
Nutzen und die Effektivität seiner Überfahrten.7 Symptomatisch ist auch die Aussage des
im 2. Jahrhundert schreibenden Florus, der Britannien zu den unbedeutenden römischen Eroberungen zählt, die außer Ruhm keinen Gewinn gebracht hätten (I 47, 4).
Worauf also gründet sich Herodians Aussage über die günstige Lage Britanniens?
K. BRODERSEN sieht in dem von Cassius Dio beschriebenen Marsch der 1500 britannischen Speerschützen 185 n. Chr. zu Commodus nach Rom den realpolitischen Wendepunkt in der Beurteilung Britanniens. Diese Soldaten seien ungehindert so weit gelangt,
da man die Möglichkeit einer Gefährdung aus Britannien aufgrund seiner Lage gar nicht
in Betracht gezogen und die Gefahr somit gar nicht bemerkt habe. Aus dieser Begebenheit, die Commodus noch in Verlegenheit brachte, habe Septimius Severus gelernt.8
– Faktisch jedoch enthält diese Mitteilung Dios zahlreiche Ungereimtheiten. Dio berichtet, da sich Commodus nur um sein Vergnügen gekümmert habe, sei Perennis für die
Verwaltung und für die militärischen Angelegenheiten zuständig gewesen. Gegen ihn
habe sich auch jeweils der Zorn der Soldaten gerichtet, wenn etwas nicht in ihrem Sinne gelaufen sei. Als nun die in Britannien stationierten Soldaten den Legionslegaten
Priscus zum Kaiser gewählt hatten, dieser die Wahl jedoch ablehnte, wählten sie 1500
Speerschützen aus und schickten diese nach Italien. Welchen Auftrag hatten die Speerträger? Was war ihr Anliegen? Da Dio berichtet, dass sie aus dem Kreis der britannischen Soldaten gewählt wurden, ist anzunehmen, dass es sich nicht um ein militärisches
5 GÜNNEWIG, B.: Das Bild der Germanen und Britannier. Untersuchungen zur Sichtweise von fremden
Völkern in antiker Literatur und moderner wissenschaftlicher Forschung. Frankfurt a. M. u. a. 1998, 257262.
6 Strabo: The Geography. Hrsg. von H. L. JONES, 8 Bde. London-Cambridge (Mass.) 1967-1969 (= Strabo) II
5, 8, 115 f. C; IV 5, 3, 200 f. C; Florus: Epitome of Roman History. Hrsg. von E. S. FORSTER. LondonCambridge (Mass.) 41966 (= Flor.) I 47, 4; Appian: Roman History. Hrsg. von H. WHITE, 4 Bde. LondonCambridge (Mass.) 1962-72 (= App.) Praef. 18; z. St. CHARLESWORTH, M.P.: The lost province or the worth
of Britain. Cardiff 1949, 17.
7 GÜNNEWIG, Bild 262. Tacitus: Agricola. Hrsg., erläutert und übersetzt von A. STÄDELE. München-Zürich
1991 (= Tac. Agr.) 13, 1; Strabo IV 5, 3, 200 C; Lucanus: Bellum Civile. Hrsg. von W. EHLERS. DarmstadtMünchen 21978 (= Lucan) II 570-572; Plutarch: Vitae Parallelae I-IV. Hrsg. von K. ZIEGLER. Leipzig 2196480 (= Plut.) Caesar 23; Athenaeus: The Deiphnosophists. Hrsg. von C.B. GULICK, 3 Bde. LondonCambridge (Mass.) 1967 (= Athen.) VI 273; Cass. Dio. XXXIX 53, 1.
8 Cass. Dio LXXII 9, 1 ff.; BRODERSEN, K.: Das römische Britannien. Spuren seiner Geschichte. Darmstadt
1998, 185.
L’Epistola de tribus questionibus di Bonaventura:
testo, contesto e fasi redazionali
LUIGI PELLEGRINI
Bonaventura era entrato a far parte della fraternità minoritica, quando ormai essa si era
definitivamente trasformata in un ordine di chierici. Sotto la guida ferma di Aimone di
Faversham – divenuto Ministro generale nel novembre del 1240 – si era consolidata
definitivamente quella tendenza clericalizzatrice della cui normalizzazione egli era stato
uno dei principali ispiratori nel capitolo del 1239, che aveva deposto fra Elia. Aimone
risulta uno dei principali, o addirittura il principale esponente di quel “partito dei chierici” che nel capitolo generale del 1239 celebrò il proprio trionfo, dando una brusca e
definitiva svolta al cammino della fraternità minoritica. E’ proprio sotto il generalato di
questo chierico altamente acculturato che Bonaventura entra nell’ordine francescano. Il
suo ingresso tra i frati Minori appare significativamente “datato”: il 1242 è l’anno del
capitolo generale che sotto la guida di Aimone sanziona la svolta con disposizioni legislative che costituiranno l’ossatura stabile per la futura organizzazione della vita dell’ordine, della sua posizione, delle sue funzioni nella chiesa e nella società. Tra le due
“vocazioni” c’é un significativo parallelismo: sia Aimone che Bonaventura vengono reclutati in quell’ambiente universitario parigino, che era enormemente distante, non solo
geograficamente, da quell’area umbro-tosco-marchigiana che aveva visto nascere e svilupparsi la fraternità minoritica. Con Aimone prima e con Bonaventura poi l’ordine
respira l’aria di Parigi, di quella Parigi contro la quale si appunteranno più tardi gli strali
degli Spirituali. Bonaventura, ancor più di Aimone, è imbevuto dello spirito della grande città universitaria: un buon ventennio della sua vita (1235 ca – 1257) si svolge tra
studio e insegnamento nell’ambiente parigino, che continuerà a rimanere il suo punto
di riferimento, anzi la sua sede, anche dopo l’elezione al generalato. Se Aimone aveva
portato con sé lo spirito di Parigi in quella provincia d’Inghilterra, che anche per suo
impulso divenne la più acculturata dell’Ordine, e in seguito anche in Italia, Bonaventura
appare tenacemente abbarbicato a quell’ambiente parigino, nel quale aveva avuto la sua
raffinata educazione e in cui esercitò il suo magistero dal 1253 al 1257; ad immergersi in
quell’ambiente ritornava poi regolarmente nelle soste dai frequenti lunghi viaggi collegati al suo ruolo di Ministro generale dell’Ordine.
La città universitaria era del resto al centro dei grandi dibattiti che agitarono la
cristianità occidentale in quel periodo di straordinaria effervescenza intellettuale che va
dalla prima metà del sec. XII alla seconda metà del XIII. Non era certo difficile trovare
spunti per affilare le armi della dialettica; anzi tali spunti venivano offerti, sollecitati,
ricercati. Ogni argomento di riflessione e ogni innovazione di metodo nella ricerca teologica – magari offerto dalla riscoperta o rilettura e rivalutazione del corpus aristotelico,
o di qualche sua parte, e degli strumenti logici da esso proposti – ogni idea di rinnovamento del vissuto cristiano e della realtà ecclesiastica (ne circolavano tante), ogni innovazione o modificazione dell’esperienza religiosa rappresentavano altrettante occasioni
66
Luigi Pellegrini
per ravvivare il dibattito e qualche volta esasperarlo nella polemica anche rovente. La
disputa lunga e senza esclusione di colpi tra magistri saeculares e magistri degli ordini
mendicanti è solo una fra le tante, anche se certamente la più clamorosa, dato il peso
dei contendenti e la rilevanza dei sostenitori dell’una e dell’altra parte. La risonanza del
dibattito nella chiesa e nella società non dipesero soltanto dalla corposa presenza e
incidenza dei mendicanti nella realtà sociale dell’epoca, ma dal fatto di aver portato al
centro dell’attenzione delle scuole parigine – e quindi del mondo intellettuale – un argomento che da tempo era acutamente avvertito dai riformatori religiosi e che aveva
provocato tensioni e spaccature, con successivi tentativi di ricucitura, nel tessuto ecclesiastico: quello della povertà evangelica.1
E’ proprio tale argomento che Bonaventura sceglie per il suo primo ciclo di
Quaestiones disputatae appena assunto il ruolo di magister responsabile ufficiale della
cattedra di teologia tenuta dai francescani a Parigi. Siamo nel 1255, la polemica è esplosa da un paio d’anni, ma ha già raggiunto punti di tensione altissimi e ha già coinvolto,
dentro e fuori la corporazione universitaria, i personaggi di maggior spicco e di più alta
responsabilità ecclesiale. È il torno di tempo in cui Bonaventura si mette in evidenza
come corifeo della causa dei mendicanti e più specificamente dei frati Minori per difendere almeno sul piano teorico, oltre che la validità e la congruenza della scelta pauperistica francescana con la “perfezione evangelica”, la non contraddizione tra i principi
ispiratori, le norme di vita e le soluzioni giuridiche, escogitate per comporre reali e
apparenti contraddittorietà nell’applicazione di principi e norme alle esigenze del vissuto quotidiano di una grande organizzazione religiosa, tutta impegnata nel lavoro pastorale. Sono del resto le contraddittorietà che creano dubbie e incertezze anche in spiriti
illuminati, e sulle quali tentano di far leva insospettabili avversari, per contrastare la
decisione ad accogliere la proposta minoritica e ad abbracciarne la vita.
L’Epistola de tribus quaestionibus è in proposito molto eloquente. Lo scritto si
colloca nel vivo contesto della polemica, come risposta alle quaestiones dibattute a
proposito sia di quanto veniva giudicato come contraddizione tra i principi normativi
della Regola francescana e le consuetudini di vita, invalse e accettate nella comunità
minoritica, sia delle soluzioni giuridiche escogitate per risolvere tali contraddizioni. È un
breve testo, che si presenta come uno scritto privato: una lettera indirizzata personalmente a un magister, per rispondere a dubbi e perplessità, suscitate in lui da chi lo
vorrebbe distogliere dall’intento di abbracciare la vita minoritica. Si tratta semplicemente
di un genere letterario? Il saluto iniziale è rivolto a un “innominato maestro”, la cui identità (reale o ipotetica?) viene dunque celata. Ci resta solo un indizio, che indica in
Ruggero Bacone il nome del destinatario: Luca WADDING accenna genericamente di
1 Sull’argomento basta rimandare alla traduzione italiana dell’opera ormai classica di GRUNDMANN, H.:
Religiöse Bewegungen im Mittelalter: Untersuchungen über die geschichtlichen Zusammenhänge zwischen der Ketzerei, den Bettelorden und der religiösen Frauenbewegung im 12. und 13. Jahrhundert und
über die geschichtlichen Grundlagen der Deutschen Mystik. Berlin 1935, (traduzione italiana Bologna
1974); La povertà del secolo XII e Francesco d’Assisi. Atti del II convegno internazionale, Assisi 17-19 ottobre 1974. Assisi 1975 (Società internazionale di studi Francescani).
Die Inszenierung politischer Macht im
elisabethanischen England
JUTTA SCHWARZKOPF
„Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“1 Dieses
Zitat aus Shakespeares Wie es euch gefällt bringt präzise eine Überzeugung zum Ausdruck, die im England der Renaissance weit verbreitet war. In diesem allumfassenden
Sinne konnte jeder beliebige Ort zu einer Bühne werden, auf der Männer und Frauen
Rollen spielten, die von ihrem gesellschaftlichen Rang geprägt waren und zugleich auf
diesen zurückwirkten.
War die weit verbreitete Verwendung theatraler Begrifflichkeit im England
Shakespeares metaphorisch gemeint, so wird auf sie heute in den Kulturwissenschaften
aus heuristischen Gründen zurückgegriffen.2 Gerade auch in der historischen Forschung
ist der Begriff der „Inszenierung“ mittlerweile weit verbreitet,3 so daß inzwischen bereits
von einem „performative turn“ die Rede ist. Während „Performance“ jede Art von Aufführung meint, hebt „Inszenierung“ spezieller auf den besonderen Modus der Herstellung von Aufführungen ab.4 Die genaue Analyse dieser Herstellungsmodi ermöglicht es,
die historisch spezifische kulturelle Figuration zu ergründen, in die sich die einzelnen
Handlungen der Inszenierung einfügen und in der und durch die sie überhaupt erst
eine spezifische Bedeutung generieren.5 Die Erkenntnismöglichkeit, die das Verständnis
auf einander bezogener Handlungen als Inszenierung eröffnet, beruht also auf deren
Eigenschaft, etwas Nicht-Sinnliches und Imaginäres sinnlich erfahrbar zu machen.6 Allerdings geht das Nicht-Sinnliche nicht vollständig in den zu seiner Erfahrbarkeit eingesetzten Mitteln auf. In dieser auf die angewandten Darstellungsstrategien zurückführbaren Deckungsungleichheit eröffnet sich ein Spielraum, in dem das Selbstbild und das
Selbstverständnis von Kulturen verhandelt und transformiert werden können. Imaginäres und in der Inszenierung sinnlich erfahrbar Gemachtes stehen also in einem Wechselverhältnis zueinander. Die Erkenntnis, daß es ganz überwiegend unterschiedliche
Arten von Aufführungen sind, und weniger Texte und Monumente, bislang die von der
1 SHAKESPEARE, W.: Wie es euch gefällt, in der Übersetzung von Schlegel/Tieck, 2. Aufzug, 7. Szene.
2 Vgl. FISCHER-LICHTE, E.: Peformance, Inszenierung, Ritual. Zur Klärung kulturwissenschaftlicher Schlüsselbegriffe. In: MARTSCHUKAT, J. / PATZOLD, S. (Hrsg.): Geschichtswissenschaft und „performative turn“.
Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Köln-Weimar-Wien 2003, 33-54,
hier 53.
3 Vgl. hierzu die umfangreiche Liste von Titeln in FISCHER-LICHTE, Performance 47.
4 Vgl. FISCHER-LICHTE, Performance 36, die sehr genau zwischen „Performance“, „Inszenierung“ und „Ritual“ unterscheidet, während z. B. WIRTH „Performance“ mit „Inszenierung“ gleichsetzt; vgl. WIRTH, U: Der
Performanzbegriff im Spannungsfeld von Illokution, Iteration und Indexikalität. In: DERS. (Hrsg.): Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaft. Frankfurt/M. 2002, 9-60, hier 39.
5 Vgl. MARTSCHUKAT / PATZOLD, Geschichtswissenschaft 11, welche die Historisierung von Inszenierungen
als weiteren Grund für das geschichtswissenschaftliche Interesse an Performances nennen.
6 Vgl. FISCHER-LICHTE, Performance 43.
Die Inszenierung politischer Macht im elisabethanischen England
95
Disziplin bevorzugten Quellen, in denen Kulturen ihr Selbstbild und ihr Selbstverständnis bzw. jenes ihrer konstitutiven Gruppen darstellen,7 erklärt das in den letzten Jahren
gestiegene Interesse der Geschichtswissenschaft an Performances.
An der Dominanz von Themen aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit in
Studien mit performanztheoretischem Zugriff zeigt sich die häufig vertretene Ansicht,
symbolische Kommunikation, die ausgeprägt performative Elemente enthält, sei typisch
für vormoderne Kulturen, die Moderne dagegen zeichne sich durch textbasierte schriftliche Kommunikation aus.8 Dagegen belegt eine unlängst erschienene Anthologie die
Fruchtbarkeit des performanztheoretischen Ansatzes auch für Themen des 19. und 20.
Jahrhunderts.9
Allen diesen Studien ist gemein, daß sie das Augenmerk auf Handlungsweisen
richten, die in kollektiven Deutungsmustern gründen und ihrerseits zugleich diese Muster begründen, und mittels derer individuelle wie kulturelle Selbstschöpfung erfolgt.10
Die Leitfrage der historischen, an Performances interessierten Forschung gilt den Arten
und Weisen, in denen menschliches Handeln Bedeutung hervorbringt und vermittelt.
Unterschiedliche Auffassungen bestehen über den Charakter der im Handeln hervorgebrachten Bedeutung. Gegen die Ansicht, die Inszenierung habe das von einer Gesellschaft kollektiv geteilte Wissen zum Gegenstand und bestätige die Selbstdarstellung und
Reproduktion der sozialen Ordnung,11 einschließlich ihrer politischen Dimension, steht
die Auffassung, Bedeutung habe keine Existenz außerhalb des Handelns und werde erst
im Moment des Handelns generiert. Darauf beruhe die bedeutungs- und identitätsbildende Kraft von Performances.12
Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Überlegungen sollen nun folgende
Schauplätze – oder Bühnen – der Inszenierung politischer Macht im elisabethanischen
England genauer betrachtet werden: die Straßen Londons an jenem Tag, als die künftige
Königin Elizabeth förmlich Einzug hielt in die Hauptstadt ihres Reiches, der Turnierplatz
am Palace of Whitehall, wo alljährlich ein Turnier zur Erinnerung an die Thronbesteigung der Königin veranstaltet wurde, und die Leinwand des Malers, der ihre Macht und
ihren Ruhm nach dem Sieg über die spanische Armada feierte. Trotz der unterschiedlichen Schauplätze drehten sich die Inszenierungen, die aufgeführt wurden, um ein einziges Thema: die Macht der Königin. Doch ging es nicht einfach um deren Affirmation.
Im Mittelpunkt des Dramas, das auf diesen Schauplätzen in Szene gesetzt wurde, stand
die Frage nach dem Ausmaß und der Qualität königlicher Herrschaft, vor allem in Konkurrenz zum Parlament, in einer Zeit ausgeprägter politischer und religiöser Instabilität.
Vor dem Hintergrund der religiösen Spaltung des Landes infolge der durch Henry VIII
eingeleiteten Reformation und der ausgeprägten Rekatholisierungsbestrebungen seiner
Tochter Mary hatte England eine Folge rascher Thronwechsel erlebt. Das dadurch bei
vielen entstandene Gefühl der Diskontinuität, der Auflösung oder doch tiefgehenden
7
8
9
10
11
12
Ebd. 52.
Vgl. MARTSCHUKAT / PATZOLD, Geschichtswissenschaft 26.
Ebd.
Ebd. 2.
Vgl. WULF, C.: Einleitung. In: DERS. u. a. (Hrsg.): Das Soziale als Ritual. Opladen 2001, 7-17, hier 10.
Vgl. MARTSCHUKAT / PATZOLD, Geschichtswissenschaft 10-11.
200 Jahre Säkularisation
Bemerkungen zu einem Jubiläum aus der Perspektive der
Ordensgeschichtsschreibung
JOACHIM SCHMIEDL
Historische Jubiläen erfreuen sich großer Beliebtheit1. Unterschiedliche Personengruppen kümmern sich um die mediale und wissenschaftliche Aufarbeitung des Festgegenstands. Zum Standardprogramm gehören Festakte, Zeitungs- und Rundfunkberichte,
Fernsehsendungen und Ausstellungen, deren Inhalt durch mehr oder weniger dicke
Kataloge dokumentiert werden. Je „runder“ ein Jubiläum, desto mehr Veranstaltungen
werden durchgeführt. Im Vorfeld eines Jubiläums wird normalerweise für die Verbesserung der Infrastruktur gesorgt. Gebäude werden einer gründlichen Renovation unterzogen, Zufahrtswege verbessert. Festkomitees sorgen für den reibungslosen Ablauf der
Feierlichkeiten und die Sicherung der Finanzierung.
Nicht anders verhielt es sich bei den Vorbereitungen und der Durchführung des
200jährigen Gedenkens der Säkularisation. Eine Vielfalt von Veranstaltungen mit einer
erstaunlichen Resonanz machte deutlich, daß es sich dabei um ein bundesweit relevantes Ereignis handelte. Ausstellungen und Symposien wiesen auf die Veränderung in der
geistigen Mentalität und den Bruch mit jahrhundertealten Traditionen hin, der mit der
Säkularisation erfolgte. Doch herrschte überwiegend eine positive Bewertung der Säkularisation vor: Der Übergang der Klöster an die neu entstehenden Mittelstaaten trug, so
der Tenor in vielen Beiträgen, wesentlich zu einer Beschleunigung der gesellschaftlichen Modernisierung und der Herausbildung eines deutschen Nationalstaats und funktionierenden Gemeinwesens bei.
Im Folgenden soll zunächst nachgefragt werden, welches Gedenken eigentlich
gemeint ist, wenn 200 Jahre Säkularisation thematisiert wurde. Sodann soll unter dem
Aspekt der Ordensgeschichtsschreibung der Frage nachgegangen werden, welche
Fernwirkungen – teilweise bis heute – die Säkularisation vom Beginn des 19. Jahrhunderts hat.
1 Unter dem Thema „Historische Jubiläen. Planung – Organisation – Durchführung“ wurde am 17. April
1999 vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e.V. und der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München eine Fachtagung durchgeführt. Vgl. den
Bericht in AHF-Information Nr. 48 vom 22. Juni 1999:http://www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/
Berichte/htm/1999/48-99.htm (06.01.2003).
106
Joachim Schmiedl
1803-2003: Welches Jubiläum wurde gefeiert?
Äußerer Anlaß des Gedenkens an die Säkularisation2 war die Verabschiedung des
Reichsdeputationshauptschlusses (RHDS) am 25. Februar 18033. Vertreter der deutschen
Fürsten legten die Gebietsentschädigungen fest, die rechtsrheinisch für die linksrheinischen Verluste infolge der napoleonischen Kriege zu erbringen seien. Es war der letzte
Akt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Mit der Ratifikation der Ergebnisse der Reichsdeputation durch Kaiser Franz I. am 27. April 1803 hörte das Reich
faktisch zu existieren auf. Inhaltlich bestimmte der RDHS zunächst die Mediatisierung
der geistlichen Herrschaften und den Übergang an Fürstenhäuser bzw. Mittelstaaten;
das bedeutete zum Einen das Ende der Fürstbistümer und zum Anderen das Ende der
klösterlichen Herrschaftsbereiche. Dann wurde den neuen Regierungen die Erlaubnis
erteilt, die neu hinzugewonnenen Kirchengüter zu säkularisieren, d. h. ihrem religiösen
Gebrauch zu entziehen und anderen Zwecken zuzuführen. Als Ziel dieser Bestimmungsänderung legte § 35 RDHS den Aufwand für Gottesdienste, „gemeinnützige Anstalten“ (im Bildungs- und Sozialbereich), die Ausstattung der Domkirchen und die
Bezahlung von Pensionen für die Mitglieder der aufgehobenen Institutionen fest. Aber
auch für die „Erleichterung“ der Staatsfinanzen sollten die Erlöse verwendet werden
können.
Wenn nach 200 Jahren der 25. Februar 1803 als das Schlüsseldatum der Säkularisation begangen wird, muß jedoch festgehalten werden, daß sich der Vorgang der Aufhebung der Klöster und des Übergangs der geistlichen an weltliche Herrschaften in
einem viel weiteren Zeitraum vollzogen hat. Die Spanne reichte von der Aufhebung des
Jesuitenordens 1773, über die Klosteraufhebungen in Bayern unter Kurfürst Karl Theodor (1778-1784)4, in Österreich unter Joseph II. (1780-1782)5, in Mainz im letzten Drittel
2 Zu einem ersten Überblick über den Forschungsstand vgl. DECOT, R.: Säkularisation der Reichskirche
1803. Aspekte kirchlichen Umbruchs. Mainz 2002 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Abteilung für abendländische Religionsgeschichte. Beiheft, 55).
3 Vgl. HÖMIG, K.D.: Der Reichsdeputationshauptschluß vom 25 Februar 1803 und seine Bedeutung für
Staat und Kirche. Unter besonderer Berücksichtigung württembergischer Verhältnisse. Tübingen 1969
(Juristische Studien, 14); SCHARNAGL, A.: Zur Geschichte des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803.
In: Historisches Jahrbuch 70 (1950) 238-259. Der Text ist abgedruckt in: Dokumente zur deutschen Verfassungsgeschichte. Band 1: Deutsche Verfassungsdokumente 1803-1850. Stuttgart 1978, 1-28.
4 Vgl. JAHN, C.: Klosteraufhebungen und Klosterpolitik in Bayern unter Kurfürst Karl Theodor 1778-1784.
München 1994 (Schriftenreihe zur Bayerischen Landesgeschichte, 104); MÜLLER, W.: Die bayerische Klosteraufhebungspolitik in verfassungs- und sozialgeschichtlicher Perspektive am Beispiel der zweiten Säkularisation der Abtei Speinshart 1802/03. In: SCHUSTER, B. (Hrsg.): 850 Jahre Prämonstratenserabtei
Speinshart. 75 Jahre Wiederbesiedlung durch Stift Tepl 1921-1996. Regensburg 1996 (Kataloge des Bistums Regensburg, 17) 189-209. Zur Politik Bayerns in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vgl. auch
KRAUS, Andreas: Probleme der bayerischen Staatskirchenpolitik 1750-1800. In: KLUETING, H. (Hrsg.): Katholische Aufklärung – Aufklärung im katholischen Deutschland. Hamburg 1993 (Studien zum achtzehnten Jahrhundert, 15) 119-141.
5 Vgl. KOVÁCS, E.: Josephinische Klosteraufhebungen 1782-1798. In: Österreichische Landesausstellung
(Hrsg.): Österreich zur Zeit Kaiser Josephs II. Mitregent Maria Theresias, Kaiser und Landesfürst. Ausstellungskatalog. Wien 1980, 169-173.
Der Historiker
Hermann Reincke-Bloch (1867-1929)
Monumentist – Professor – Politiker
KATHARINA COLBERG
In seiner Gedenkrede im Breslauer Historischen Seminar würdigte der Althistoriker
Ernst KORNEMANN den betrauerten Kollegen Hermann Reincke-Bloch nicht nur als Professor, sondern auch als Organisator, Politiker und Staatsmann, und er stellte ihn mit
seiner Amtsauffassung, „daß er nicht nur Geschichte zu lehren, sondern auch Geschichte mit zu schaffen habe“, dem ‚alten hohen Typus des deutschen Geschichtsprofessors’
im 19. Jahrhundert an die Seite.1 Friedrich MEINECKE rühmte dem Freund in einem Brief
an Siegfried A. Kaehler, der damals in Breslau lehrte, ein selten gewordenes Maß an
Freundschaft „und Wärme, von zuverlässigster Hilfsbereitschaft“ nach.2
Die übrigen öffentlichen und privaten Nachrufe bestätigen diese Wertungen.3
Danach aber ist Reincke-Bloch deutlich nur noch im Kontext der Rostocker Universitätsund der mecklenburgischen ersten Nachkriegsgeschichte beachtet worden.4 Es gibt also
1 KORNEMANN, E. / KOEBNER, R. / HÖNIGSWALD, R.: Hermann Reincke-Bloch. Gedächtnisreden. Breslau
1929 (jeweils zitiert als: Nachruf), 3-8, Zitate 3.
2 DEHIO, L. / CLASSEN, P. (Hrsg.): Friedrich Meinecke. Ausgewählter Briefwechsel. Stuttgart 1962 (Werke, 6)
340 f. vom 9.1.1929. Dazu aber Meineckes Einschränkungen: KESSEL, E. (Hrsg.): Friedrich Meinecke. Autobiographische Schriften. 1969 (Werke, 8) 151. Vgl. auch das Kondolenzschreiben des Generalsekretärs
des Bureaus des Comité International des Sciences Historiques, M. LHÉRITIER, an Karl Brandi vom
4.1.1929 (Göttingen, Staats- und Universitätsbibliothek [SuB]: Cod.Ms.K.Brandi 33,84).
3 Nachrufe alphabetisch (meistens zitiert als: Nachruf): ENDLER, C.A. In: Mecklenburgische Monatshefte 5
(1929) 111-115, einschließlich Erinnerungen anderer ehemaliger Schüler; HOLTZMANN, R. In: International
Bibliography of Historical Sciences, Bd. 1 (1926). Washington 1930, V-XI, bes. X; KEHR, P. In: Neues Archiv [NA] 48 (1930) 179 f.; KOEBNER, R.: Hermann Reincke-Bloch. In: Zeitschrift des Vereins für Geschichte Schlesiens 63 (1929) 343-349; KOHT, H. In: Bulletin of the International Committee of Historical
Sciences 2,3 (1930) 324 f.; KORNEMANN / KOEBNER / HÖNIGSWALD s. Anm. 1; LENEL, W. In: Historische
Zeitschrift [HZ] 141 (1930) 97-101; MOELLER, (R.): Dem Andenken Hermann Reincke-Blochs. In: Vossische Zeitung 4.1.1929, 3; NEUMANN, W. In: Deutsches Biographisches Jahrbuch 11 (1929). Stuttgart-Berlin
1932, 255-259; NN. In: Volkszeitung vom 4.1.1929. In: Personalakte Rostock (s. Anm. 7), Beil. IV; SPANGENBERG, H.: Reincke-Bloch zum Gedächtnis. In: Jahrbücher des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 93 (1929) 317-320; SPRECKER, W. Ebd. 321 f. (mit Bild); STUTZ, U. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung [ZSRG GA] 49 (1929) 738;
WOLFRAM, G. In: Korrespondenzblatt des Gesamtvereins 78 (1930) 4 f.
4 Kurzbiographien außer in den Nachrufen und in jüdischen Lexika (s. Anm. 283) bes. MAYBAUM, H. In:
Neue Deutsche Biographie [NDB] 1 (1953) 306; WEBER, W.: Biographisches Lexikon zur Geschichtswissenschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Frankfurt/M. u. a. 1984, 470 f.; Deutsche Biographische Enzyklopädie 1 (1995) 574. – Im Register der 9. Aufl. des Dahlmann-Waitz [DW] (1931) sind seine Arbeiten mit solchen von Heinrich Reincke vermengt. Die einzige neuere biographische Darstellung:
HEITZ, G. / KOCH, H.: Hermann Reincke-Bloch (1867-1929). In: Beiträge zur Geschichte der WilhelmPieck-Universität, Bd. 14. Rostock 1990, 41-51.
Der Historiker Hermann Reincke-Bloch (1867-1929)
119
kaum Vorarbeiten für die Beschäftigung mit ihm, und sie konnten für diese Skizze auch
nur unvollkommen geleistet werden.5
Nach einem biographischen Abriß (I) wird das wissenschaftliche und akademische (II), dann das öffentliche und politische Wirken (III) behandelt. Der Versuch einer
vorläufigen kurzen Gesamtwürdigung bildet den Abschluß (IV).
I
Die Eltern, Dr. jur. A(da)lbert Bloch und Clara geb. Bock, kamen aus jüdischen Familien, waren aber bei ihrer Heirat, 1866 in Berlin, evangelisch.6 Da sie eng mit dem literarischen und musikalischen Leben Berlins verbunden waren, wuchsen ihre fünf Kinder
in einer geistig beweglichen Atmosphäre auf. Der Vater, Kgl. Hof- und Verlagsbuchhändler und seit 1875 Inhaber der Firma seines Schwiegervaters Emil Bock, mit dem
Schwerpunkt Literatur,7 gewann Autoren wie Sebastian Hensel, den Angehörigen und
Biographen der Mendelssohns, zu Freunden und brachte sie mit nach Hause;8 geschäftlich und durch die Mutter verwandtschaftlich gab es enge Beziehungen zu dem führenden Musikverlag Bote & Bock, der das deutsche Musikleben mitprägte.9 Auch ein Klima
sozialen Engagements scheint in der Familie geherrscht zu haben.10 Daß das älteste
5 Sie wird die von STEINBACH, M.: Des Königs Biograph: Alexander Cartellieri (1867-1955). Frankfurt/M.
u. a. 2001 (Jenaer Beiträge zur Geschichte, 2) 11 Anm. 46 angemahnte Untersuchung nicht ersetzen
können. Die Studie geht zurück auf Dieter BERGs Oberseminare über Mediävistik im Kaiserreich in den
Jahren 1990 bis 1992; vgl. auch BERG, D.: Mediävistik – eine „politische Wissenschaft“. Grundprobleme
und Entwicklungstendenzen der deutschen mediävistischen Wissenschaftsgeschichte im 19. und 20.
Jahrhundert. In: KÜTTLER, W. / RÜSEN, J. / SCHULIN, E.: Geschichtsdiskurs, Bd. 1. Frankfurt/M. 1993, 317330. Reincke-Blochs eigener Nachlaß blieb vermutlich in der Familie, vgl. NEUMANN, Nachruf 259. Neben
den Publikationen dienten als Quellen hauptsächlich (Reincke-)Blochs Briefe an Harry Bresslau (Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Berlin: Nachlaß Bresslau, K 3 (1919-1925) und Fortsetzung K 1, zitiert: an Bresslau mit Datum); an Friedrich Meinecke (Geheimes Staatsarchiv Preußischer
Kulturbesitz [GStA PK], Berlin: VI. HA Familienarchive und Nachlässe, Nachlass Friedrich Meinecke; Nr.
37, zitiert: an Meinecke mit Datum) und an Arnold Oskar Meyer (Göttingen, SuB: Cod.Ms. A.O.Meyer
389, zitiert: an Meyer mit Datum). Da Reincke-Bloch sich bis 1913 Bloch nannte, wird diese Namensform
in der Regel auch hier bevorzugt.
6 Nach freundlicher Auskunft von Frau WIRIADIDJAJA, Evangelisches Zentralarchiv in Berlin, Kirchenbuchstelle, vom 28.2.1992. – Vgl. Blochs eigene Angabe, daß schon sein Großvater Bloch sich 1840 bei der
Heirat mit einer Protestantin hatte taufen lassen: Verhandlungen des Mecklenburg-Schwerinschen Landtags. Erster Ordentlicher Landtag. Schwerin 1921, 1282 f. (den Hinweis verdanke ich Herrn Prof. Dr.
Gerhard HEITZ).
7 SCHMIDT, R.: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Berlin 1902-1908 (ND Hildesheim-New
York 1979) 41 f., 330; Berliner Adreß-Buch für das Jahr 1877, Jg. 9 (1877); Rostock, Universitätsarchiv
[UA]: R VIII D 82, 99 (zitiert: Personalakte Rostock).
8 LENEL, Nachruf 97.
9 BOCK, G. In: Musik in Geschichte und Gegenwart [MGG] 2 (1952) 152-154; KUNZ, H. In: MGG, Personalteil 3 (22000) 502-505.
10 Adress-Kalender für die Kgl. Haupt- und Residenzstädte Berlin ... 179 (1893) für Vater Bloch, der als
Bürgerdeputierter für Schulwesen zuständig war (443, 460) und auch den Vorsitz eines Waisenrates führte (521). – Eine Tochter, Marie (1871-1943), die in Theresienstadt umkam, war in Rostock seit 1906
Gründerin und Leiterin von Einrichtungen des Fröbelschen Kindergartenwesens, vgl. Personalakte Ros-
Max Weber und Michael I. Rostovtzeff.
Oder: braucht (antike) Wirtschaftsgeschichte
(moderne) ökonomische Theorie?∗
HINNERK BRUHNS
I Weber und Rostovtzeff: (k)eine Frage in der Forschung
zur antiken Ökonomie?
Die Wege von Max Weber (1864-1920) und Michael Iwanowitsch Rostovtzeff (18701952) haben sich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gekreuzt. Sie scheinen sich
jedoch nie persönlich begegnet zu sein, obwohl das bei einer der Reisen Rostovtzeffs
nach Deutschland durchaus möglich gewesen wäre.1 Auch brieflich scheinen sie nicht
in direkter Verbindung gestanden zu haben; jeder kannte aber die Publikationen des
anderen, und sie zitierten sich gegenseitig mit Hochachtung. In den Jahren um
1908/1910 zählten beide zu den besten Kennern der antiken Agrargeschichte. Doch hat
sich weder die Altertumswissenschaft noch die Geschichte der Geschichtsschreibung
bisher ernsthaft für die intellektuellen Beziehungen und gegenseitigen Beeinflussungen
der beiden Gelehrten interessiert, geschweige denn einen Vergleich ihrer Leistungen
auf dem Gebiet der antiken Wirtschaftsgeschichte unternommen. Ihr so unterschiedliches Schicksal und das zeitversetzte Erscheinen ihrer Werke zur Antike hatten augenscheinlich eine zu große Distanz zwischen ihnen geschaffen, als daß eine derartige
Gegenüberstellung legitim oder auch nur interessant erschienen wäre. In Publikationen
über „Max Weber und seine Zeitgenossen“2 taucht der Name Rostovtzeffs nicht auf,
auch dort nicht, wo es um die Geschichte der Antike geht; in den in letzter Zeit sich
mehrenden Untersuchungen zu Webers Arbeiten über die Antike erscheint er nur am
Rande, und das Gleiche ist umgekehrt der Fall in den zahlreichen neueren Veröffentlichungen zum Werk Rostovtzeffs.3 Möglicherweise ist ja die Frage nach Weber und
∗ Dieser Spagat zwischen der Antike und dem Anfang des 20. Jahrhunderts mag als ein großer Bogen um
Dieter BERGs bevorzugte Jahrhunderte erscheinen, doch ist das Mittelalter, so meine ich, nicht völlig abwesend. Frühere Fassungen dieses Textes habe ich im Frühjahr 2003 an der Universität Catania und im
Dezember 2003 an der Universität Basel im Rahmen der Hellas-Vorträge zur Diskussion stellen können.
1 Dazu allgemein MARCONE, A.: Pietroburgo – Roma – Berlino: L’incontro di M.I. Rostovtzeff con
l’Altertumswissenschaft tedesca. In: Historia 41 (1992) 1-13.
2 MOMMSEN, W.J. / SCHWENTKER, W. (Hrsg.): Max Weber und seine Zeitgenossen. Göttingen 1988; LOSITO,
M. / SCHIERA, P. (Hrsg.): Max Weber e le scienze sociali del suo tempo. Bologna 1988. In Werken wie
z. B. CAPOGROSSI COLOGNESI, L.: Economie antiche e capitalismo moderno. La sfida di Max Weber. Rom
1990, taucht der Name Rostovtzeffs natürlich auf, doch wird sein Bezug zu Weber nicht im einzelnen
untersucht.
3 Werk und Person Rostovtzeffs sind kürzlich auf zwei Tagungen ausführlich gewürdigt worden: Mikhail
I. Rostovtzeff. Colloque International, Maison des Sciences de l’Homme, Paris, 17.-19. Mai 2000.
Convegno Internazionale di Studi „Tra Oriente e Occidente: M.I. Rostovtzeff ed il mondo mediterraneo“,
Catania, 27. Februar - 1. März 2003. Publikationen in Vorbereitung.
Max Weber und Michael I. Rostovtzeff
151
Rostovtzeff nichts mehr als der Versuch, eines der zahlreichen, aber im Grunde unerheblichen „vergessenen Kapitel der Wissenschaftsgeschichte“ zu öffnen, und entspringt
nichts anderem als historiographischer Einfallslosigkeit, die das Nebeneinanderstellen
von Namen für eine ausreichende Art wissenschaftlicher Fragestellung hält. Vielleicht
lohnt es sich in diesem Fall aber, das Risiko einzugehen, sich einem derartigen Vorwurf
auszusetzen. Der beschränkte Raum dieses Artikels erlaubt nicht mehr, als erste und
zum Teil vorläufige Antworten auf die oben aufgeworfenen Fragen zu skizzieren. Ich
beginne mit einem summarischen Überblick über die Beziehungen zwischen Weber
und Rostovtzeff und konzentriere mich dann auf zwei Momente der Geschichte ihrer
Beziehung oder Nicht-Beziehung: einerseits ihre Arbeiten über den Kolonat, andererseits ihre Auffassungen über das Verhältnis zwischen Geschichte, Wirtschaftsgeschichte
und ökonomischer Theorie.
Max Weber hat sich für Rostovtzeffs Arbeiten spätestens zu dem Zeitpunkt interessiert, als er seinen Artikel „Agrarverhältnisse im Altertum“ für die dritte Auflage des
„Handwörterbuchs der Staatswissenschaften“ überarbeitete, genauer gesagt: neu redigierte.4 Achtmal wird er in den „Agrarverhältnissen im Altertum“ zitiert oder erwähnt;
jedes Mal unterstreicht Weber die Bedeutung der Arbeiten von Rostovtzeff oder betont,
daß der russische Historiker als erster diesen oder jenen wesentlichen Aspekt hervorgehoben habe.5 Weber bezieht sich dabei auf folgende Arbeiten: „Geschichte der Staatspacht in der römischen Kaiserzeit“ (1902)6, „Der Ursprung des Kolonats“ (1901)7,
„Kornerhebung und -transport im griechisch-römischen Ägypten“ (1906).8 Die Hochachtung Webers für den russischen Gelehrten läßt sich leicht an ein oder zwei Zitaten illustrieren; sie zeigen gleichzeitig, in welcher Weise er die Ergebnisse der Untersuchungen Rostovtzeffs in seine eigene Analyse der antiken Wirtschaft einbezog. So zum Beispiel in bezug auf das System der Leiturgien in der hellenistischen Epoche, von dem
„nun auch die wichtigste Quelle kapitalistischer Vermögensbildung, die Staatspacht,
speziell Steuerpacht, betroffen [wird] (dies ist von Rostowzew schön geschildert).“
(GASW 167). Oder in bezug auf das Stocken der Nachfuhr billiger Sklaven und kapitalistisch ausbeutbaren Neulandes:
„Mit dem durch alles dies herbeigeführten Stagnieren und Abschwellen des Kapitalbildungsprozesses ging dann regelmäßig die (neuerdings namentlich von Rostowzew
sehr zutreffend gekennzeichnete) Tendenz der Sicherung der staatlichen Bedürfnisse
durch stete Differenzierung und Erweiterung des Kreises der für die öffentlichen Leis4 BRUHNS, H.: A propos de l’histoire ancienne et de l’économie politique chez Max Weber. Einleitung zu:
WEBER, M.: Economie et société dans l’Antiquité. Paris 1998, 9-59.
5 WEBER, M.: Agrarverhältnisse im Altertum. In: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. gänzlich
umgearbeitete Auflage. Bd. 1, Jena 1909, 52-188. Wieder abgedruckt in: WEBER, M.: Gesammelte Aufsätze
zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, hrsg. von Marianne WEBER. Tübingen 1924, 21988, 1-288. Der Text
wird im folgenden nach dieser Ausgabe, abgekürzt GASW, zitiert; Rostovtzeff wird genannt auf den Seiten 30, 164, 167, 276, 279, 286 (dreimal).
6 ROSTOVTZEFF, M.: Geschichte der Staatspacht in der römischen Kaiserzeit bis Diokletian. In: Philologus.
Ergänzungsband 9, 1902, 331-512 [Russische Originalausgabe 1899].
7 ROSTOVTZEFF, M.: Der Ursprung des Kolonats. In: Klio 1 (1901) 295-299 (von Weber auf 1902 datiert).
8 ROSTOVTZEFF, M.: Kornerhebung und -transport im griechisch-römischen Ägypten. In: Archiv für
Papyrusforschung 3 (1906) 249-258 (von Weber auf 1904 datiert).
Die Bedeutung der Tiere für die Verehrung
franziskanischer Heiliger
ANTON WEISE
Ausgangslage: Das Tierverständnis des Franziskus und seine Verehrung
Die Frage nach dem Verhältnis des Franziskus zu den Tieren und der Art seines Tierverständnisses ist eine häufig gestellte.1 Dabei wird die Diskussion vielfach unter dem
Aspekt der Modernität bzw. der Neuartigkeit seines Tierverständnisses geführt.2 Dies
wird insbesondere in den letzen Jahren mit aktuellen politischen Implikationen zu Tierschutzfragen und Umweltproblemen3 verbunden.4 Dabei ist die Antwort auf diese Frage
auf Grund der Eigenart der Viten und Legenden, aus denen geschlossen werden muss,
durchaus komplex.5
Die Forschung zum Tierverhältnis franziskanischer Heiliger beschränkte sich bisher im Wesentlichen auf die Person des Franziskus. Gleiche Fragestellungen könnten
jedoch ebenso auf andere franziskanische Heilige übertragen werden. Dies jedoch ist
bisher wegen der Konzentration auf die Person des Franziskus nicht geschehen. Somit
fehlen für eine vergleichende Betrachtung des Tierverständnisses franziskanischer Heili1 Vgl. insbesondere JUNGE, L.: Die Tierlegenden des Heiligen Franz von Assisi. Studien über ihre Voraussetzungen und ihre Eigenart (Diss.). Leipzig 1932, sowie andererseits SORRELL, R.D.: St. Francis of Assisi
and nature. Tradition and Innovation in Western Christian Attitudes toward the Environment. New YorkOxford 1988, 97 und NITSCHKE, A.: Tiere und Heilige. Beobachtungen zum Ursprung und Wandel
menschlichen Verhaltens. In: VIERHAUS, R. / BOTZENHART, M. (Hrsg.): Dauer und Wandel der Geschichte.
Aspekte europäischer Vergangenheit. Festgabe für Kurt von Raumer zum 15. Dezember 1965. Münster
1966 (Neue Münstersche Beiträge zur Geschichtsforschung, 9).
2 Vgl. u. a. SABATIER, P.: Leben des Heiligen Franz von Assisi. Aus dem Französischen übersetzt von M.
LISCO, 8.-10. Tausend. Zürich 1953, 176 ff. Zum Naturgefühl des Franziskus siehe auch JÖRGENSEN, J.:
Der Heilige Franz von Assisi. Kempten-München 1911, 497 ff. Auch FRIED, H.: Beseelte Natur. Tübingen
1993 (Asketische Schriften, III) 9 ff. führt zwar die vielen Heiligen an, die sich schon vor Franziskus den
Tieren zugewandt haben sollen, schließt jedoch trotzdem (ebd. 21), dass das Naturverhältnis „innerhalb
der mittelalterlichen Kirche so außerordentlich und singulär [war], dass es kaum Nachahmer fand.“ Während die zuvor genannten eine Besonderheit eher bejahen, erweist die Arbeit von L. JUNGE, wie stark
Franziskus und sein Verhältnis zu den Tieren in die Traditionen mittelalterlicher Religiosität eingebunden sind.
3 Vgl. u. a. ROTZETTER, A.: Wunderbar hat er euch erschaffen. Wie Franziskus den Tieren predigt. Freiburg-Basel-Wien 1988, 5 sowie BAUERNSCHULE NORDBADEN: Das Tier in der Bibel. Das Tier bei Thomas
von Aquin. Das Tier bei Franz von Assisi. Karlsruhe 1983, 95.
4 Vgl. z. B. TEUTSCH, G.: Friede zwischen Mensch und Tier. Zum 800. Geburtstag des Heiligen Franziskus.
In: Grzimeks Tier. Sielmanns Tierwelt Heft 4 (1982) 20-21.
5 Vgl. hierzu auch die Einschätzung von ARMSTRONG, E.A.: Saint Francis: Nature Mystic. The derivation and
significance of the nature stories in the Franciscan Legend. Berkeley-Los Angeles-London 1972, 3: „Thus
a survey of Franciscan natural history leads us into wide fields and sometimes poses queries concerning
such diverse matters as the transmission of medieval legends and the psychology of thirteenth-century
biographers.“
176
Anton Weise
ger – selbst für begrenzte Entwicklungszeiträume – die notwendigen Vorarbeiten. Mag
eine Betrachtung, welche Entwicklung ein „franziskanisches“ Tierverständnis genommen hat, notwendig und nützlich sein, so scheint die Frage nach Wirkung und Bedeutung der Tiere für die Verehrung und Nachfolge des Franziskus von noch größerer gesellschaftlicher Relevanz. Daher geht die Untersuchung im weiteren Verlauf von der
These aus, dass es für die Verehrung eines Heiligen weniger bedeutend ist, welches
Natur- und Tierverständnis ein Heiliger tatsächlich besaß. Für die Wirkung eines Heiligen ist es wesentlich interessanter, wie das Verhältnis zu den Geschöpfen dargestellt
wurde und somit die Verehrung des Heiligen beeinflusste.
Somit soll hier der Versuch gemacht werden, anhand der Viten und Legenden6
des Franziskus sowie des Heiligen Antonius von Padua und der Heiligen Klara von
Assisi die sich entwickelnde Darstellung im ersten Jahrhundert des Franziskanertums zu
betrachten. Dabei wurden neben Franziskus die vorgenannten Heiligen ausgewählt, da
sie zum einen wegen ihrer starken volkstümlichen Verehrung, zum anderen wegen
ihrer zeitlichen Stellung am Beginn der franziskanischen Bewegung von besonderer
Bedeutung sind.
Die ältesten Lebensbeschreibungen des Franziskus, die hier betrachtet werden
sollen, stellen die Werke des Thomas von Celano dar.7 In ihnen ist schon der Grundcanon der Tiererzählungen angelegt.8 Als weitere wichtige, zeitnahe Quelle kommt die so
genannte Dreigefährten Legende in Betracht.9 Weiterhin sind die Franziskusviten,10 die
6 Die Frage, welche Erzählungen zu verwenden sind, wurde nicht auf Grund der Literaturgattungen entschieden, vielmehr war der hagiographische Charakter der Texte entscheidend.
7 Vgl. hierzu BERG, D.: Vita Minorum. Zum Wandel des franziskanischen Selbstverständnisses im 13. und
beginnenden 14. Jahrhundert. Erneut veröffentlicht in: DERS.: Armut und Geschichte. Studien zur Geschichte der Bettelorden im Hohen und Späten Mittelalter. Kevelaer 2001 (Saxonia Franciscana, 11) 128161, hier 129. Vgl. die maßgeblichen Editionen in den ANALECTA FRANCISCANA, FR. THOMAE DE CELANO VITA PRIMA S. FRANCISCI. In: ANALECTA FRANCISCANA, Vol. 10: Legendae S. Francisci Assisiensis saeculis XIII
et XIV conscriptae. Quaracchi 1926-1941, 3-115 (= 1 Celano) und FR. THOMAE DE CELANO VITA SECUNDA S.
FRANCISCI. In: ANALECTA FRANCISCANA, Vol. 10: Legendae S. Francisci Assisiensis saeculis XIII et XIV conscriptae. Quaracchi 1926-1941, 129-260 (= 2 Celano) sowie FR. THOMAE DE CELANO TRACTATUS DE MIRACULIS B. FRANCISCI. In: ANALECTA FRANCISCANA, Vol. 10: Legendae S. Francisci Assisiensis saeculis XIII et XIV
conscriptae. Quaracchi 1926-1941, 271-330 (= 3 Celano). Im folgenden wird zitiert nach Thomas von CELANO: Leben und Wunder des Heiligen Franziskus von Assisi. Einführung, Übersetzung, Anmerkungen
von E. GRAU. Werl 31980 (Franziskanische Quellenschriften, 5) 59-217 (= 1 Celano) und 221-436 (= 2 Celano) sowie 439-519 (= 3 Celano).
8 Von den bekannten und populären Berichten fehlt lediglich der Bericht über das Wunder in Verbindung
mit dem „Wolf von Gubbio“.
9 Vgl. BERG, Vita 132, demzufolge die Dreigefährtenlegende zwar von engen Vertrauten des Franziskus
stammt, die jedoch gerade deshalb ein im Vergleich zur vorangegangen Hagiographie des Franziskus in
höherem Maße idealisiertes Bild des Heiligen zeichnet.
10 Vgl. hierzu die maßgeblichen Editionen des „Großen Lebens“ in den ANALECTA FRANCISCANA (DOCTORIS
SERAPHICI S. BONAVENTURAE LEGENDA MAIOR S. FRANCISCI. In: ANALECTA FRANCISCANA, Vol. 10: Legendae S.
Francisci Assisiensis saeculis XIII et XIV conscriptae. Quaracchi 1926-1941, 557-652) sowie des „Kleinen
Lebens“ in den ANALECTA FRANCISCANA (DOCTORIS SERAPHICI S. BONAVENTURAE LEGENDA MINOR S. FRANCISCI. In: ANALECTA FRANCISCANA, Vol. 10: Legendae S. Francisci Assisiensis saeculis XIII et XIV conscriptae.
Quaracchi 1926-1941, 655-678). Im Folgenden werden die Lebensbeschreibungen zitiert nach: Franziskus, Engel des sechsten Siegels. Sein Leben nach den Schriften des heiligen Bonaventura. Einführung,
Das Bild „Corona Beatissimae Virginis Mariae“ als
Dokument des geistigen Lebens der schlesischen
Franziskaner im 15. Jahrhundert
GABRIELA WĄS
Das ungefähr aus dem Jahr 1500 stammende Bild „Corona Mariae“ ist eines der wenigen
erhaltenen Kunstwerke aus der ehemals reich ausgestatteten Kirche des h1. Bernhardin
von Siena in Breslau.1 Kirche und Kloster gehörten in den Jahren 1453-1522 dem Orden
der Franziskaner-Observanten an – der letzten großen Ordensreform des Mittelalters.2
Den Anstoß zur Gründung des aus Kirche und Kloster bestehenden Komplexes
in Breslau gab der bekannte italienische Prediger Johannes von Kapistran, der in dem
Ruf stand, mehrere Wunder vollbracht zu haben.3 Seit dem Jahr 1451 reiste er als Abgesandter des Papstes Nikolaus V. zu missionarischen Zwecken nach Österreich, Deutschland, Böhmen, Schlesien und Mähren.4 Diese Reisen hatten u. a. zum Ziel, weitere franziskanische Ordenshäuser nach der sogenannten strikten Observanz, d. h. unter rigoroser Befolgung der vom hl. Franziskus aufgestellten Ordensregeln zu gründen.
Am 13. Februar 1453 kam Kapistran nach Breslau und rief durch seine Predigten
und sein musterhaftes Leben nach dem Evangelium großen religiösen Eifer unter der
Bürgerschaft hervor.5 Dies hatte dann schließlich zur Folge, daß am 18. März 1453 ein
Gelände in der Neustadt zwischen dem Ziegel- und Ketzertor für den Bau der Kirche
und des Klosters bestimmt wurde.6 Die Bauarbeiten gingen dermaßen schnell voran,
daß man schon am 28. September 1455 die offizielle Weihe der Kirche vornehmen
konnte.7 Ursprünglich wurden Kirche und Klostergebäude aus Holz errichtet. Die stren1 TEICHMANN, L.: Die Franziskaner-Observanten in Schlesien vor der Reformation. Breslau 1934, 21-26;
SCHMEIDLER, J.K.H.: Urkundliche Geschichte der evangelischen Haupt- und Pfarrkirche zu St. Bernardin
in Breslau. Breslau 1853, 62; MÜNZENBERGER, L.F.A.: Zur Kenntniß und Würdigung der mittelalterlichen
Altäre Deutschlands. Frankfurt a. M. 1885, 201; KNÖTEL, P.: Der Hochaltar der hl. Geistkirche zu Breslau.
In: Schlesische Geschichtsblätter (1930) 12-15.
2 HOLZAPFEL, H.: Handbuch der Geschichte des Franziskanerordens. Freiburg 1909, 112-157.
3 ESCHENLOER, P.: Geschichte der Stadt Breslau oder Denckwürdigkeiten seiner Zeit vom Jahre 1440 bis
1479. Bd. I. Breslau 1827, 12-14 und 213; vgl. die neue Edition hrsg. u. eingel. von G. ROTH, 2 Tlbde.
Münster u. a. 2003 (Quellen und Darstellungen zur schlesischen Geschichte, 29); POL, N.: Historia Incendiorum. Breslau 1729, 95; KLOSE, S.B.: Darstellung der inneren Verhältnisse der Stadt Breslau im Jahre 1458 bis zum Jahre 1526. In: STENZEL, G.A. (Hrsg.): Scriptores Rerum Silesiacarum, Bd. III. Breslau
1847, 253, 259; ZIMMERMANN, F.A.: Beschreibung der Stadt Breslau im Herzogthum Schlesien. Brieg 1792,
207, 210, 214; MENZEL, K.A.: Topographische Chronik von Breslau. Bd. II, Quart. VI. Breslau 1807, No
70, 71; GOMOLCKE, D.: Der heutigen Schlesischen Kirchen-Historie. Oels 1747, 93.
4 HOFER, J.: Johannes von Capestrano. Innsbruck 1936, 443-525.
5 HEYNE, J.: Dokumentierte Geschichte des Bistums und Hochstifts Breslau. Bd. III, Breslau 1868, 975.
6 KLOSE, S.B.: Von Breslau. Dokumentierte Geschichte und Beschreibung. In Briefen. Bd. III, Breslau
1783, Briefe Nr. 69, 28-31; HEYNE, Geschichte 976.
7 STEIN, B.: Beschreibung von Schlesien und seiner Hauptstadt Breslau 1512/13. Hrsg. von H. MARKGRAF.
Breslau 1902, 64.
Das Bild „Corona Beatissimae Virginis Mariae”
191
gen Regeln der Observanten erforderten den Bau bescheidener Kirchen, kleiner Kapellen und Klostergebäude aus billigem Baumaterial.
Einige Jahre später, 1463, wurde mit dem Bau der Steinkirche begonnen, die ungefähr 1466 fertig gestellt wurde. Der Einsturz eines Gewölbeteils war der Grund dafür,
daß die Konsekration durch Bischof Johannes IV. Roth erst im Jahr 1502 stattfinden
konnte.8 Quellen erwähnen das Bildnis „Corona Mariae“ erst viel später. Zum ersten
Mal wird dessen Existenz in der sogenannten Taufkapelle der Kirche des hl. Bernhardin
aus Siena in der Arbeit von Daniel GOMOLCKY aus dem Jahr 1748 unter dem Titel „Die
heutige schlesische Kirchen-Historie“ erwähnt. Eine weitere Notiz findet sich bei Sigismund Justus EHRHARDT in der Arbeit unter dem Titel „Presbiteriologie des evangelischen
Schlesiens“ aus dem Jahr 1780.
Wegen des Mangels an Quellen kann die Geschichte der Stiftung des Bildes „Corona Mariae“ nur anhand der Umstände rekonstruiert werden, unter denen diese Kirche
sowie andere Kirchen und Klöster der Franziskaner-Observanten entstanden sind. Die
Errichtung dieser Kirche, wie auch alle anderen der Mendikanten, war von der Wohltätigkeit der Gläubigen abhängig. Die aus freiwilligen Beiträgen stammenden materiellen
Mittel gingen an den Syndikus, der vom Orden zur Sammlung von Spenden, Verdiensten für Kaplansdienste und testamentarische Überschreibungen bevollmächtigt war. Alle
Autoren, die sich mit der Entstehung der Kirche befassen, weisen darauf hin, daß unter
den bürgerlichen Spendern einige Mitglieder des Stadtrats besonders hervorzuheben
seien. Zu den großzügigsten gehörte zweifelsohne Valentin Haunold, der im Jahr 1465
den Franziskanern 100 ungarische Gulden überreicht hat. Jenes Geld wurde für eine bei
der Kirche errichteten Kapelle verwendet, die den Namen „Maria Himmelfahrt“ erhielt.9
Überlieferte Texte über die Ausstattung dieser Kapelle und die noch darin erhaltenen Kunstwerke beweisen, daß die Einrichtung sich thematisch nach der Namenspatronin richtete.10 Der Hauptaltar enthielt in seinem Mittelteil eine bildhauerische Darstellung der Himmelfahrt Mariens und über dem Retabulum eine Darstellung von Christus
zwischen Maria und Johannes. Weitere Elemente der Ausstattung waren einige Gemälde, die auf den Anfang des 16. Jahrhunderts datiert werden: Verkündigung Mariens
sowie das Werk mit dem gekreuzigten Christus zwischen Maria und Katharina und zwischen Nikolaus und Johannes. Das umfangreiche (340 cm x 500 cm), auf einem Brett
angefertigte Bild „Corona Mariae“ hing an der Südwand, wohingegen an der Nordwand
ein Gemälde mit Johannes von Kapistran, wahrscheinlich vor dem Hintergrund der
Stadt Breslau, angebracht war.11 Darüber hinaus befand sich in der Kapelle ein Bild
ungefähr aus dem Jahr 1440, das die Legende der heiligen Hedwig erzählte. Es ist möglich, daß dieses Kunstwerk ein Geschenk von den Franziskaner-Konventualen aus der
Kirche des hl. Jakobus in Breslau für den neu gegründeten Konvent der Franziskaner8 MORGENBESSER, M.: Geschichte der evangelischen Haupt- und Pfarrkirche zu St. Bernhardin in Breslau.
Breslau 1838, 5-6; BURGEMEISTER, L. / GRUNDMANN, G.: Die Kunstdenkmäler der Stadt Breslau. Bd. I,
Breslau 1930, 190.
9 Vgl. SCHMEIDLER, Geschichte 26. NIEMCZYK, E.: Kaplice mieszczańskie na Śląsku w okresie późnego
gotyku. In: Roczniki Sztuki Śląskiej 13 (1983) 9-66, hier 21 und 64.
10 Vgl. MÜNZENBERGER, Kenntniß 253.
11 SCHULTZ, A.: Urkundliche Geschichte der Breslauer Maler-Innung in den Jahren 1345 bis 1523. Breslau
1866, 128.
Zwischen Norm und Praxis:
Der Braunschweiger Lesemeister
Johannes Kerberch OFM
und die Frage nach der Ordensreform
BERND SCHMIES
Vorbemerkung
„[...] quia ad servandum <!> puritatem regule requiritur amoret exercicium virtutum et
disciplina morum, sine quibus ipsa paupertas et tota monastica vita videtur esse nullius
meriti. Nunc autem quasi in omni congregacione fratrum secundum modum vivendi
nunc consuetum a maiori parte fratrum vite sanctitas et disciplina morum habetur in
derisum et omnia statuta, et generalia et provincialia [...] habentur abiecta et sunt in
oblivionem redacta [...].“1 Brüderlich offen teilt der Braunschweiger Lesemeister Johannes Kerberch dem Ordensbruder Nikolaus in Stendal brieflich mit, wie er die Situation
ihres ordo fratrum minorum einschätzt und welchen Weg der Reform er für notwendig
und gangbar hält. Der Reiz, sich mit dem in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebenden und wirkenden Minderbruder aus dem Braunschweiger Konvent zu beschäftigen, liegt nicht in erster Linie in seinen Äußerungen zur Ordensreform, denn zu zahlreich sind die Stimmen in der Reformdiskussion, als daß Kerberch etwas originäres, uns
nicht von anderswoher bekanntes dazu beigetragen hätte. Es ist vielmehr die Möglichkeit, an seiner Person exemplarisch das Spannungsfeld von Norm und Praxis, das die
Frage nach der Ordensreform aufwirft, zu untersuchen. Mit anderen Worten: inwieweit
gelingt es Kerberch und – mutatis mutandis – der örtlichen bzw. überörtlichen Ordensgemeinschaft, seine theoretisch formulierten Reformvorstellungen in Übereinstimmung
zu bringen mit seiner Lebenswelt und der der Franziskaner im spätmittelalterlichen
Braunschweig, aber auch darüber hinaus mit der der sächsischen Ordensprovinz.
Die auf uns gekommenen Quellen zu Johannes Kerberch erlauben uns trotz ihrer
insgesamt geringen Fülle und gerade wegen ihrer gestreuten Überlieferung Anspruch
und Wirklichkeit von Ordensrefom auf eine Person hin fokussiert zu hinterfragen. Welchen ‚Sitz im Leben’ besaß die Frage nach Erneuerung franziskanischen Lebens für Johannes Kerberch? In welchen Situationen sah er sich persönlich oder als Vertreter seiner
Gemeinschaft mit den von ihm in seinen Schriften vertretenen Reformforderungen konfrontiert? Verhielt er sich aktiv oder blieb er passiv? Auskunft erteilen die Quellen, wenn
sie auch nicht immer die gewünscht erschöpfende Antwort geben. Beispielsweise dieje1 Undatiertes Begleitschreiben des Johannes Kerberch aus Anlaß der Übersendung der von ihm verfaßten
Regelerklärung an den lector principalis Nikolaus in Stendal. Ediert bei DOELLE, F.: P. Johannes Kerberch
von Braunschweig über die Armut in der sächsischen Provinz zu Beginn des 15. Jahrhunderts. In: Franziskanische Studien 5 (1918) 13-25, hier 25.
Zwischen Norm und Praxis: Der Braunschweiger Lesemeister J. Kerberch OFM 203
nige auf die Frage nach der Biographie des Johannes Kerberch. Der Blick hierauf und
damit zwangsweise ein biographischer Erklärungsansatz für sein Denken und Handeln
bleibt uns versagt. Lediglich der Franziskaner Kerberch begegnet uns sporadisch und
immer als Funktionsträger seines Ordens.2 So beschränken sich die folgenden Ausführungen notgedrungen weitestgehend auf das Umfeld des Protagonisten, nämlich das
Braunschweiger Franziskanerkloster sowie die sächsische Franziskanerprovinz.
Der Braunschweiger Franziskanerkonvent im Gefüge der sächsischen
Ordensprovinz
Zum Zeitpunkt, als Johannes Kerberch 1405 erstmals Erwähnung findet,3 konnten die
„barvoten brodere“, wie die gebräuchlichste Namensform für die Brüder des Ordens des
Heiligen Franziskus (1181/1182-1226) bei den Stadtbewohnern lautete,4 auf eine schon
rund 180 Jahre währende Geschichte in der Stadt an der Oker zurückschauen.5 Die
frühe franziskanische Geschichtsschreibung, vornehmlich die 1262 verfaßte Chronik des
Minderbruders Jordan von Giano, weiß zu berichten, daß unter der Leitung des sächsischen Kustos Johannes von Piano del Carpine 1223 – also noch zu Lebzeiten des Heili2 Dieser Befund findet Bestätigung durch Untersuchungen zu anderen vergleichbaren spätmittelalterlichen
Franziskanern, die ebenfalls aufgrund der Quellensituation über ein allenfalls als „biographische Annäherung“ zu bezeichnendes Lebensbild nicht hinauskommen; vgl. stellvertretend SCHMIES, B.: Ludwig
Henning. Provinzialminister 1507 bis 1515. In: BERG, D. (Hrsg.): Management und Minoritas. Lebensbilder Sächsischer Franziskanerprovinziale vom 13. bis zum 20. Jahrhundert. Kevelaer 2003 (Saxonia Franciscana, Beiheft 1) 89-143, hier 89. Weitere Beispiele ebd.
3 StadtA Braunschweig B I 23, 1 (= Testamentbuch der Altstadt 1358-1446), fol. 42V: Testament des Hermann Rewerde (1405 Januar 8); vgl. dazu MACK, D.: Testamente der Stadt Braunschweig. Teil II: Altstadt
1314-1411 Dungelbeck bis Rike. Göttingen 1989 (Beiträge zu Genealogien Braunschweiger Familien:
Forschungsberichte zur Personen- und Sozialstruktur der Stadt Braunschweig, 3, Teil II) 401 f.
4 Vgl. exemplarisch (mit Schreibvarianten) Urkundenbuch der Stadt Braunschweig. Bd. 1-4 im Auftrag der
Stadtbehörden hrsg. von L. HÄNSELMANN und H. MACK. Berlin 1873-1912; Bd. 5-7: bearb. von J. DOLLE.
Hannover 1994-2003 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen,
37. Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens im Mittelalter, 17 u. 23 bzw. Bd. 7:
Quellen der historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, 215) (= UB BRAUNSCHWEIG I-VII).
5 Die ältere lokalgeschichtliche Tradition setzt die Ankunft der Brüder in Braunschweig mit Berufung auf
die spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Chronistik (Hermann [Cord?] Bote und Johann Letzner) mit 1216
bzw. gar 1209 an; vgl. DÜRRE, H.: Geschichte der Stadt Braunschweig im Mittelalter. Braunschweig 1861,
523. Noch BERNDT, F.: Brüdernkirche und ehemaliges Franziskanerkloster in Braunschweig. In: Braunschweigisches Jahrbuch 60 (1979) 37-63, bes. 37-41 sowie HUCKER, B.U.: Kaiser IV. Hannover 1990
(Schriften der Monumenta Germaniae historica, 34) 265-276, versuchten, u. a. mit architekturgeschichtlichen bzw. komparatistischen Indizien die Frühdatierungen zu untermauern. Ohne an dieser Stelle auf
die Argumentationen im einzelnen eingehen zu können, stehen die Argumentationen auf tönernen Füßen, angesichts des zeitnäheren franziskanischen Quellenzeugnisses, des frühfranziskanischen Selbstverständnisses sowie der frühen Ausbreitungsstrategie des Ordens. Vgl. BERG, D.: Vita minorum. Zum
Wandel des franziskanischen Selbstverständnisses im 13. Jahrhundert. In: Wissenschaft und Weisheit 45
(1982) 157-196. Erneut abgedruckt in BERG, D.: Armut und Geschichte. Studien zur Geschichte der Bettelorden im Hohen und Späten Mittelalter Kevelaer 2001 (Saxonia Franciscana, 11) 127-161; ELM, K.: Sacrum Commercium. Über Ankunft und Wirken der ersten Franziskaner in Deutschland. In: HEINIG, P.-J.
u. a. (Hrsg.): Reich, Regionen und Europa in Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für P. MORAW. Berlin
2000 (Historische Forschungen, 67) 389-412.
Der Einfluss der franziskanischen Theologie
auf die Reformation: zwischen Rezeption
und Zurückweisung
JOHANNES BAPTIST FREYER
In seinen Erinnerungen an die Kindheit und Jugend schildert der fünfzigjährige Martin
Luther folgende Begebenheit:
„Ich habe mit diesen Augen gesehen, als ich mit vierzehn Jahr in Magdeburg zur
Schule ging, einen Fürsten von Anhalt, ..., der ging im Kleid der Barfüßer auf der Breiten Straße um Brot betteln, und trug den Sack wie ein Esel, so daß er sich krümmen
mußte. Sein Mitbruder ging ohne Lasten neben ihm, so daß allein der Fürst das größte
Beispiel der Heiligkeit gab. ... im Kloster tat er alle anderen Werke gleich wie jeder Bruder. Und durch Fasten, Wachen und Kasteiung sah er aus wie das Bild eines Toten, nur
Haut und Knochen ... Wer ihn ansah, der wurde andächtig und mußte sich seines weltlichen Standes schämen. Und ich glaube, daß noch viele Leute in Magdeburg leben, die
dies auch gesehen haben.“1
Der Franziskaner, an den Luther sich hier erinnert und der ihn zutiefst beeindruckte, so dass er noch im Alter dessen Bild lebendig vor Augen hatte, war der Fürst
Wilhelm von Anhalt, der 1473 bei den Franziskanern eintrat und trotz seiner hohen
Herkunft im Kloster alle einfachen Dienste verrichtete und auch als Bettelbruder diente.
Wir können davon ausgehen, dass die Begegnung Luthers mit dem einfachen und
frommen Franziskanerbruder, dem Fürsten von Anhalt, bei Luther selbst zu einem lebendigen Bild des heiligen Franziskus von Assisi führte, welches ihn zeitlebens bewegte. Franziskus und der Franziskanerorden, beziehungsweise die zeitgenössischen Franziskanerbrüder, spielten im Leben Luthers immer wieder eine bedeutende Rolle.2 Dies
lässt uns danach fragen: Welche Bedeutung haben die Gestalt des Franziskus, die Franziskaner und besonders ihre Theologie für das Denken Luthers und für die Entwicklung
der Reformation? Wo und wie hat Luther franziskanisches Gedankengut kennengelernt?
Wie hat ihn etwa die Theologie der Franziskaner beeinflusst? Wo und wie hat er diese
in seinen eigenen theologischen Ansatz integriert oder aber zurückgewiesen?
1 LUTHER, M: Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe 1883 ff. = WA) 38, 105, 8 ff.
2 REBLIN, K.: Freund und Feind. Franziskus von Assisi im Spiegel der protestantischen Theologiegeschichte. Göttingen 1988.
226
Johannes Baptist Freyer
Luther und die Franziskaner
Auch wenn Luther selbst Augustinereremit war, so waren ihm die Franziskaner als der
größte Orden seiner Zeit wohl bekannt.3 Dabei lernte Luther nicht nur die dekadente
Seite der zeitgenössischen Franziskaner kennen, sondern er muss zwei Reformbewegungen der Franziskaner begegnet sein, die beide in der sächsischen Franziskanerprovinz Fuß fassten, also in dem Gebiet, in dem Martin Luther den größten Teil seines
Lebens verbrachte: die sogenannte ,Martinianische Reform’, die in den damaligen Reformversuchen des Ordens eine Mittelstellung zwischen Konventualismus und Observanz einnahm;4 daneben die wohl bedeutendere Reformbewegung innerhalb des Franziskanerordens jener Zeit, die Observanz5, die dann im weiteren Werdegang Luthers
auch eine wichtige Rolle spielen sollte. Vor allem die Observanzbewegung trieb energisch eine Reform des Ordens und als Folge daraus auch eine Glaubenserneuerung des
Volkes voran. Damit kam diese Erneuerungsbewegung auch dem allgemeinen Ruf jener
Zeit nach Reform an ,Haupt und Gliedern’ entgegen.6 Dabei zeigte sich der Reformgedanke innerhalb des Franziskanerordens in zwei Ausrichtungen. Zum einen wurde
,reformatio’ als eine neue ordnende Gesetzgebung verstanden, die zu einem Leben in
der Ursprünglichkeit, vor allem der Armut, zurückführen sollte. Der Blick war also auf
die Ursprünge des Ordens in der Gestalt des Franziskus und seiner ersten Brüder gerichtet. An diesem Urfranziskanertum sollte der Orden sich wieder ausrichten. Zum
anderen gab es in Anlehnung an Joachim von Fiore eine Ausrichtung mit einer apokalyptisch-eschatologischen Dimension, die in Franziskus den Herold einer Neuen Zeit
sah.7 Der Blick war hier ganz nach vorne auf die bald zu erwartende Endzeit gerichtet.8
Beide Ausrichtungen waren im deutschsprachigen Franziskanertum bekannt, wenn
auch, wie mir scheint, doch die Orientierung am Urfranziskanertum eine größere Rolle
spielte. Dabei setzte vor allem die Observantenreform im deutschsprachigen Raum neben der Erneuerung der Armut im Lebensstil folgende Schwerpunkte:9 die Betonung
der theologischen Bildung durch Unterricht und Studienausbildung der Brüder im
Dienst an der Seelsorge, die Predigttätigkeit im Dienste der Reform des Glaubens und
der Kirche im Geiste des Evangeliums. Inhalt der Predigten war deshalb hauptsächlich
die Glaubensverkündigung und die Erziehung zu einem dem Glauben entsprechenden
moralischen Leben. Im Dienste der Glaubensverkündigung steht dann auch die rege
3 PARK, Ch.S.: Luther und die Franziskaner. Hamburg 1996 (Studien zur Geschichtsforschung des Mittelalters, 7).
4 DOELLE, F.: Die Martinianische Reformbewegung in der Sächsischen Franziskanerprovinz (Mittel- und
Nordostdeutschland) im 15. und 16. Jahrhundert. Münster 1921 (Franziskanische Studien, Beiheft, 7).
5 DOELLE, F.: Die Observanzbewegung in der sächsischen Franziskanerprovinz (Mittel- und Ostdeutschland) bis zum Generalkapitel von Parma 1529. Münster 1918 (Reformationsgeschichtliche Studien und
Texte, 30/31).
6 MCGRATH, A.E.: Reformation Thought. An Introduction. Malden (Mass.) 1993, 2 ff.
7 DA CAMPAGNOLA, S.: L’angelo del sesto sigillo e l’alter Cristus. Genesi e sviluppo di due temi francescani
nei secoli XII-XIV. Roma 1971.
8 Zu den verschiedenen Vorstellungen einer Reformation und Erneuerung vor und bis Luther vgl. OBERMAN H.A.: The Reformation. Roots and Ramifications. Edinburgh 1994.
9 FREYER, J.B. (Hrsg): Geschichte in Gestalten, Lebensbilder aus der Kölnischen Franziskanerprovinz,
Bd. 2. Möchengladbach 1989, 26-28.
Die liturgische Verehrung der heiligen Beatrix da
Silva Meneses, Stifterin der Konzeptionistinnen
ERIC W. STEINHAUER
I Einleitung
Die hl. Beatrix da Silva Meneses ist hierzulande keine bekannte Heilige.1 Sie lebte im
späten Mittelalter, vornehmlich in Spanien, und gründete den Orden der Konzeptionistinnen, der zum zweiten Orden des hl. Franziskus gezählt wird.2 Obwohl der Orden
auch heute noch mit rund 2.100 Schwestern recht mitgliederstark ist,3 hat er in Deutschland nie eine nennenswerte Niederlassung gehabt.4 Über die hl. Beatrix in einer der
franziskanischen Ordensgeschichte der Saxonia gewidmeten Festschrift zu schreiben,
erscheint daher randständig, über ihre liturgische Verehrung zu forschen, umso eigenwilliger. Die hl. Beatrix ist, wie gesagt, eine Gestalt des späten Mittelalters. Aber erst das
20. Jahrhundert macht die Fragestellung dieses Beitrages als Festgabe für Dieter BERG
interessant und reizvoll.
Da ist zunächst der Bezug zur Franziskanerprovinz Saxonia selbst. Die Brüder der
Saxonia hatten ab 1890 die daniederliegenden Franziskanerklöster Brasiliens wiederbesiedelt. Eine zentrale Gestalt dabei war der aus Essen/Oldenburg stammende Franziskaner und Missionsbischof Amandus Bahlmann (1862-1939).5 Er wirkte in der Prälatur
Santarém im Amazonasgebiet. Ihm halfen zunächst vier Konzeptionistinnen aus dem
Kloster Ajuda in Rio de Janeiro. Diese Schwestern, gestandene kontemplative Ordensfrauen, sollten in der Erziehung der Waisenkinder arbeiten. Sie waren Bischof Bahl1 In gängigen hagiographischen Hausbüchern wird von ihr nur kurz Notiz genommen, so bei LÄPPLE, A.:
Mit den Heiligen durch das Jahr. München 2000, 469 (16. August) oder bei SCHAUBER, V. / SCHINDLER, H.
M.: Heilige und Namenspatrone im Jahreslauf. Augsburg 1998, 426 (16. August).
2 Zur Geschichte des Ordens: GUTIÉREZ, E.: La orden de las Concepcionistas en su primera fuente histórica. In: Archivo Ibero-Americano (=AIA) 28 (1969) 381-398; OMAECHEVARRÍA, I.: Art. „Concezioniste“. In:
DIP II, 1389-1399; DERS.: Las monjas concepcionistas. Burgos 1973; DERS.: La orden de la Immaculada
Concepción. Bilbao 1976; PÉREZ, R.: Art. „Konzeptionistinnen“. In: LMA V, 1427 f.; STEINHAUER, E.: Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes (SMIC), Provinzarchiv Münster,
Findbuch. Münster 2000, 34-39 (Bibliographie 72-75); [TOMBROCK, I.]: Kurze Geschichte des Ordens von
der Unbefleckten Empfängnis der lieben Gottesmutter und seiner Gründerin der gottseligen Mutter Beatrix da Silva. Santarém 1920.
3 Vgl. Annuario Pontificio per l’anno 2003. Città del Vaticano 2003, 1382. Die Konzeptionistinnen sind
damit zahlenmäßig erheblich größer als die wesentlich bekannteren Servitinnen (153 Schwestern) oder
gar Kartäuserinnen (50 Schwestern).
4 Vgl. HEIMBUCHER, M.: Die Geschichte der Orden und Kongregationen der katholischen Kirche. I. Paderborn 51987 [Nachdruck von 31933], 828.
5 Biographie: ANHEUSER, C.: Franziskanerbischof Amandus Bahlmann. Werl 1940; BAUTZ, W.: Art. „Bahlmann, Amandus“, in: BBKL I, 344; STEINHAUER, Missionsschwestern 13-23; STROMER, C.: In annuam memoriam Bischof P. Amandus Bahlmann. In: ThPQ 93 (1940) 320 f.; WILLEKE, B.: Art. „Bahlmann, Amandus“. In: LThK² I, 1192.
240
Eric W. Steinhauer
mann vom Kloster zur Verfügung gestellt worden, und sie waren mit einer Ausnahme
für ein aktives Ordensleben gänzlich ungeeignet. In dieser Situation kam Bahlmann
1910 nach Deutschland, um Gelder für seine Mission zu sammeln. Sein Weg führte ihn
auch nach Münster in das Klarissenkloster in der Scharnhorststraße. Der Mutter Äbtissin
Antonia Tecklenborg erzählte er von seinen Schwierigkeiten und von seinem Wunsch,
eine Lehrerin für die Mission zu haben. Mutter Tecklenborg konnte Bahlmann helfen. In
Münster war gerade eine Aspirantin vorstellig geworden, die Lehrerin Elisabeth
Tombrock aus Ahlen (1887-1938), die bislang aus Platzgründen nicht aufgenommen
werden konnte.6 Lehrerin Tombrock hatte sich nach plötzlicher Heilung von einer
schweren Knochentuberkulose in Lourdes für den Klosterberuf entschieden.7 Die Äbtissin machte sie mit Bahlmann bekannt. Begeistert von dem Missionsberuf in Brasilien,
wurde sie am 15. August 1910 in Münster in der Kirche der Klarissen als Konzeptionistin eingekleidet, erhielt den Ordensnamen Maria Immaculata von Jesus und fuhr mit
Bischof Bahlmann nach Brasilien. Sie war jetzt „Missionsklarisse“, Mitglied einer kleinen
Konzeptionistinnenkommunität im fernen Amazonasgebiet. Schwester Immaculata erwies sich in der Mission als außerordentlich tatkräftig. Bald stand sie den Schwestern
vor und nach und nach kamen aus Deutschland, vermittelt und organisiert durch die
Münsteraner Klarissen, neue Missionarinnen nach Brasilien. Um die Ausbildung der
Postulantinnen schon in Deutschland zu beginnen, wurde 1915 in Münster das
Lourdeskloster an der Frauenstraße gegründet. Man kann hier von einer Niederlassung
der Konzeptionistinnen in Deutschland reden,8 freilich als diözesanes Institut und mit
missionarischer Ausrichtung. Die Schwestern lebten aber nach der Regel der Konzeptionistinnen und trugen den Habit des Ordens, ein weißes Kleid mit hellblauem Skapulier
und Mantel, dazu eine Medaille mit dem Bild der Immaculata.9 Aus den Missionsklarissen wurden später die Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis der Mutter
Gottes, in Münster als Wilkingheger Schwestern bekannt, seit 1925 eine franziskanische
Drittordenskongregation.10 Ihr konzeptionistisches Ordenskleid trugen die Schwestern
noch bis zu den Reformen des Zweiten Vatikanum. So hat der Orden der Konzeptio6 Zur Biographie: FLOOD, D.: Room for one more. Paterson 1993; GOLDMANN, M. A.: Immaculata, ein
Lebensbild der Elisabeth Tombrock. Dülmen 1940; MUND, O.: Art. „Tombrock, Elisabeth“. In: BBKL XII,
326; PLASSMANN, T.: Ruf und Antwort. Vechta 1960; ROCCA, G.: Art. „Tombrock, Elisabeth“. In: DIP IX,
1193 f.; RÖSBERG, J.: Antwort durch Maria. Vechta 21960; STEINHAUER, Missionsschwestern 24-32 (Bibliographie 77- 81).
7 Vgl. zur Heilung die Kleinschrift: In Lourdes geheilt, erschütternder Erlebnisbericht einer westfälischen
Lehrerin. Ried im Innkreis 1955.
8 Vgl. HEIMBUCHER, Orden 828.
9 Vgl. Regel und Konstitutionen des Ordens der Armen Missionsklarissen von der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Münster 1918. Der Habit der Konzeptionistinnen freilich hat ein weißes Skapulier. Der
blaue Umhang indes und das Bild der Immaculata als Ordenstracht der Münsteraner Schwestern sind
konzeptionistisch.
10 Zur Geschichte der Kongregation: AUBERT, R.: Art. „Immaculée – 36. Soeurs Missionaires de l’Immaculée
Conception de la Mère de Dieu, Missionary Sisters of the Immaculate Conception of the Mother of God“.
In: DGHE XXV, Sp. 932 f.; BOCKHOLD, B.: Die Orden des heiligen Franziskus in Münster i.W. Münster
1917, 54 f.; MAAS, O.: Die Missionarinnen von der Unbefleckten Empfängnis. Soest 1935; ROCCA, G.: Art.
„Missionarie dell’Immacolata Concezione della Madre di Dio“. In: DIP V, 1564-1566; STEINHAUER, Missionsschwestern 33-49; WIENAND, A. (Hrsg.): Die Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis“.
In: Das Wirken der Orden und Klöster in Deutschland. II. Köln 1964, 412-415.
Kajetan Eßers Studium der Schriften des
hl. Franziskus als Beitrag zur Wiederentdeckung
des franziskanischen Charismas
LEONHARD LEHMANN
Vom 10. bis 12. April 2002 fand am Pontificio Ateneo Antonianum in Rom ein internationaler und vielbeachteter Kongreß statt, dessen Akten nun gedruckt vorliegen.1 Die
Referate auf diesem Kongreß hatten hauptsächlich die Schriften des hl. Franz von Assisi
(1182-1226) zum Inhalt. Diese waren 1976 in einer neuen kritischen Edition durch K.
ESSER (1913-78) unter dem Titel Die Opuscula des hl. Franziskus von Assisi erschienen
und erfuhren zwei Jahre später auch eine handliche Ausgabe mit kurzen Einleitungen
auf Latein und einem kritischen Apparat, der sich auf die wichtigsten Varianten beschränkte. Auf dem Kongreß blickte man kritisch auf die von K. ESSER verantwortete
Edition zurück, nannte deren Stärken und Schwächen,2 stellte neue Codices vor, die
seitdem entdeckt worden sind,3 bemühte sich mit verfeinerten Methoden um eine neue
Edition der zwei bzw. drei Autographen des hl. Franziskus,4 studierte den Einfluß der
Franziskus-Schriften auf die Anfänge des Ordens, auf die Gruppe der Spiritualen und
vor allem auf die jüngere sowie zeitgenössische Geschichtsschreibung.5 Schließlich
diskutierte man auch die Frage, ob nach 25 Jahren eine neue Edition der Opuscula
notwendig wäre oder nicht. Die Antwort neigte zu letzterem: bei allen Einwänden und
berechtigten Kritiken sei die Zeit doch noch nicht reif und der neuen Vorschläge nicht
so viele, daß eine neue Edition angebracht wäre.6 Übereinstimmend herrschte die Meinung, daß ESSER Lebenswerk in der Ausgabe der Opuscula gipfelte, auch wenn er sich
1 Verba Domini mei. Gli Opuscula di Francesco d’Assisi a 25 anni dalla edizione di Kajetan Esser, ofm.
Atti del Convegno internazionale Roma 10-12 Aprile 2002, a cura di A. CACCIOTTI. Roma 2003 (Medioevo, 6).
2 In dieser Hinsicht am kritischsten ist E. MENESTÒ, L’edizione degli Opuscula di p. Kajetan Esser. In:
Verba Domini mei 253-277.
3 CICERI, A.: I codici degli Opuscula sancti Francisci emersi dopo l’edizione di K. Esser. In: Verba Domini
mei 383-426.
4 BARTOLI LANGELI, A.: Ancora sugli autografi di frate Francesco. In: Verba Domini mei 89-95; BICCHIERI,
M.: Analisi non distruttive della Cartula di Assisi. In: Verba Domini mei 97-115.
5 MICCOLI, G.: Gli scritti di Francesco come fonti per la storia delle origini minoritiche. In: Verba Domini
mei 149-171; ACCROCCA, F.: Insistenze ed oblii. Gli Opuscula negli scritti degli Spirituali. In: Verba Domini mei 221-240; MERLO, G.G.: L’incidenza degli Scritti di frate Francesco sul rinnovamento della storiografia francescana contemporanea. In: Verba Domini mei 439-479.
6 Diese Ansicht vertraten mehr oder weniger stark bei der „Tavola Rotonda“ am Schluß des Kongresses:
G. MICCOLI, L. LEHMANN, D. FLOOD, C. PAOLAZZI, A. VAUCHEZ, A. CICERI, TH. MATURA. Vgl. deren Aussagen in: Verba Domini mei 483-492; vgl. auch URIBE, F.: L’edizione esseriana degli Opuscula: bilancio e
prospettive. In: Verba Domini mei 459-479. – Über alle Themen und den Verlauf des Kongresses informiert F. JOYCE MAPELLI in: Antonianum 67 (2002) 399-406 bzw. in: Frate Francesco (Roma) 68 (2002)
403-412.
256
Leonhard Lehmann
in gleichem Maße mit der Ordensgeschichte, namentlich mit den Anfängen des Ordens
beschäftigt hatte. So ist bezeichnend, daß sein in mehrere Sprachen übersetztes Buch
Anfänge und ursprüngliche Zielsetzungen des Ordens der Minderen Brüder (Leiden
1966) weit mehr Kritik, ja strikte Ablehnung erfahren hat als sein späteres Werk der
kritischen Neuausgabe der Opuscula. Hier soll nun die Entstehung dieses Werkes kurz
nachgezeichnet werden. Wie jedes Buch hat auch dieses seinen „Sitz im Leben“: Er ist
geprägt von den Aufgaben ESSERs in der Ordensausbildung, von den Fragen der Pastoral und damit verbunden vom Suchen nach der franziskanischen Identität. Dieses Suchen ist besonders nach dem II. Vaticanum aufgebrochen und auch nach der Jahrtausendwende noch nicht zur Ruhe gekommen: Auf welches Bild oder Modell hin sollen
junge Franziskaner erzogen werden? Was ist die Aufgabe der Franziskaner heute? Wie
hat die vom Konzil geforderte Erneuerung auszusehen und wohin soll sie führen? Der
folgende Beitrag zeigt, wie Pater Kajetan ESSER die Antwort auf diese Fragen immer
mehr in einer Wiederentdeckung und Neubewertung der Schriften des hl. Franziskus
sah. Sie waren für ihn Garant einer Erneuerung, die sowohl dem Ursprung wie dem
Heute gerecht wird.
I Historisch-kritische Studien und ordensinterne Herausforderungen
I.1 Die Dissertation über das Franziskus-Testament als Ausgangspunkt
Im Rückblick erweist es sich als Glücksfall, daß der junge Franziskaner der Kölner Franziskanerprovinz von den Hl. Drei Königen das in der Geschichte heiß umstrittene Testament zum Gegenstand seiner Promotionsarbeit gemacht hat. Unter der Führung des
bekannten Historikers Joseph LORTZ (1887-1975)7 sammelte ESSER die handschriftlichen
Zeugen des Testaments des hl. Franziskus, ging der Frage ihrer Abhängigkeit voneinander nach, erhärtete die Echtheit dieses Dokuments und erstellte eine Edition mit einem
reichen kritischen Apparat, der weitaus mehr Varianten enthielt als die vorausgegangenen Ausgaben aus dem Jahr 1904 durch Leonhard LEMMENS (1864-1929) und Heinrich
BOEHMER (1869-1927). Was außerdem ESSERs Arbeit auszeichnet ist ihr Bemühen, Gesetze der Textentwicklung aufzuzeigen, nach denen man sich das Entstehen bestimmter
Textvarianten erklären kann.8 Diese Arbeit erwies sich als grundlegend für alle künftigen Studien des damals noch jungen Gelehrten, der schon einige Jahre Militärdienst
hinter sich hatte und selbst im Krieg die Gelegenheit nutzte, sein Forschungsgebiet zu
beackern. So hat er während eines Aufenthalts in Kroatien die Rolle des Testaments in
der Gesetzgebung des jungen Kapuzinerordens studiert, die Ergebnisse aber erst 1974
veröffentlicht.9
7 Vgl. LAUTENSCHLÄGER, G.: Joseph Lortz. Würzburg 1987.
8 ESSER, K.: Das Testament des hl. Franziskus von Assisi. Eine Untersuchung über seine Echtheit und seine
Bedeutung. Münster 1949 (Vorreformationsgeschichtliche Forschungen, 15).
9 ESSER, K.: Das Testament des hl. Franziskus in der Gesetzgebung des Kapuzinerordens. In: CFr 44 (1974)
45-69.
Mittelalterliche Konzepte zur Vermittlung von
Wissen, Normen und Werten an Kinder und
Jugendliche. Zur Analyse des Fürstenspiegels
von Aegidius Romanus
HANS-JOACHIM SCHMIDT
Pädagogische Texte des Mittelalters sind wenig erforscht. Weder Fürstenspiegel noch
Schulliteratur haben die Aufmerksamkeit der Historiker gefunden, sofern sie nicht als
politiktheoretische oder als literarische Texte aufgefaßt wurden und als solche dann
eher das Interesse von Philologen – u. a. des Mittellatein – und Historikern der Geschichte politischer Theorien auf sich zogen. Die pädagogische Intention blieb außerhalb der Untersuchungen.1 Die Illusion einer anthropologisch konstanten, dem historischen Wandel entzogenen Affektivität familiärer Bindungen hatte gewiß lange Zeit einer
Erforschung der Geschichte von Kindheit und Kindheitsvorstellungen im Wege gestanden. Aber auch nach den Anstößen, die insbesondere von dem inzwischen zwar als
überholt anzusehenden, gleichwohl seine Verdienste bewahrenden Werk von Philippe
ARIÈS ausgegangen sind,2 fehlt weiterhin eine Analyse zeitgenössischer Reflexion über
Erziehung, Kindheit und Wissensvermittlung, deren theoretischer Gehalt wohl als wenig
originell, zumindest aber nicht hinreichend gehaltvoll angesehen wurde, weswegen
auch die Philosophiegeschichtsschreibung sich dem Thema bisher weitgehend verweigerte. Erst in letzter Zeit wurden Forschungen dazu begonnen. Aber um die pädagogische Theorie, die es während des Mittelalters gab, als historisch relevantes Thema zu
begreifen, fehlt es weiterhin an einer theoretischen Grundlegung, die erklärt, wie die
Normierung des Verhaltens aus der Kontinuität kulturellen Wissens entsteht und wiederum zur Stabilität von interpersonalen Verhaltensmustern beiträgt. Die Akzeptanz und
die Anwendung der Normen – auch der ungeschriebenen – wurden bisher als Ergebnisse historischer Prozesse angesehen, hingegen von den Historikern nicht mit der individuellen Entwicklung verknüpft, so daß Lebensphasen und ihre Abfolge nicht als Stufen
der Vorbereitung von Verhaltensprägungen gedeutet und zugleich geschichtlich eingeordnet wurden.3
1 KÜHNE, U.: Engelhus-Studien. Zur Göttinger Schulliteratur in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.
Freiburg (Schweiz) 1999 (Scrinium Friburgense. Veröffentlichungen des Mediävistischen Instituts der
Universität Freiburg/Schweiz, 12); BERGES, W.: Die Fürstenspiegel des hohen und späten Mittelalters.
Leipzig 1938; MIETHKE, J.: Politische Theorien im Mittelalter. In: LIEBER, H.-J. (Hrsg.): Politische Theorien
von der Antike bis zur Gegenwart, 2. verb. Aufl. Bonn 1993 (Studien zur Geschichte und Politik, 299)
47-156, 83-94; BOUREAU, A.: Le prince médiéval et la science politique. In: HALÉVI, R. (Hrsg.): Le savoir
du prince du moyen âge aux Lumières. Paris 2002, 25-50.
2 ARIÈS, Ph.: Geschichte der Kindheit. München 101992.
3 KOZIOL, G.: Begging Pardon and Favor. Ritual and Political Order in Early Medieval France. IthacaLondon 1990; ALTHOFF, G.: Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde.
Darmstadt 1997.
294
Hans-Joachim Schmidt
Damit fehlt es bislang an Untersuchungen, wie Verfahrensregeln und Vereinbarungen zur Interaktion einer Einübung und damit einer Formung der nachfolgenden
Generationen unterliegen. Der Konsens über einen Kanon des Üblichen basiert auf dem
selbstreferentiellen Gebrauch von Texten, die einen Diskurs steuern, um Wertvorstellungen zu begründen, zu legitimieren und einzuüben. Diese Einübung bleibt gewiß
nicht auf die Phase der Kindheit und des Jugendalters beschränkt, verläuft aber – im
Mittelalter nicht anders als heute – dann akzeleriert und gilt als geeignet für pädagogische Intervention. Diese meint also stets eine asymmetrische Relation. Sie ist zugleich
eine Relation, die Ziele verfolgt und im Hinblick auf die Nutzenoptimierung einer Reflexion bedarf. Sie erzeugt auch Texte und ist Gegenstand philosophischer Theorie.
Die folgenden Überlegungen beruhen auf der Frage, wie eine die Generationen
übergreifende und zwischen ihnen vermittelte Kontinuität von Wissen, Normen und
Werten im Mittelalter versucht wurde und erreicht werden konnte. Ausgehend von der
These, daß pädagogische Intervention grundlegend für die Ausformung einer solchen
Kontinuität ist, wird desweiteren die Frage gestellt, inwieweit über Erziehung nachgedacht und sie Gegenstand theoretischer Erörterung wurde. Drittens ist nach den Trägern
pädagogischer Reflexion zu fragen. Daß bei der Weitergabe von Wissen und Werten
Angehörige der Bettelorden eine bedeutende Rolle spielten, ist bekannt, was aber noch
nicht hinreichend deren Beschäftigung mit der theoretischen Grundlegung von Kindererziehung klärt. Jedenfalls ist die Theorie mit einem Vorgang in Verbindung zu bringen,
bei dem die religiöse Erneuerung des 13. Jahrhunderts in eine rigidere Verhaltensformung innerhalb der Familien mündet und damit als Teil eines Disziplinierungsprozesses
zu begreifen wäre, der familiäre Bindung aus rein naturwüchsigen Beziehungen herauslöst und in ein Interpretationsmodell einpaßt, das Ziele definiert und begründet.
Die pädagogischen Verfahren dienen der Vorbereitung auf die soziale Praxis, die
als erlernbar vorgestellt wird und damit für eine inhaltliche – in schriftlichen Texten
niedergelegte – Definition offensteht. Die Vorbereitung auf soziale Rollen war im Mittelalter spätestens seit dem 13. Jahrhundert Gegenstand regulierter Einwirkungen auf das
Kind und wurde zum Thema schriftlich niedergelegter Reflexionen. Die pädagogische
Intervention hatte ihren sozialen Raum in Familien und in spezifischen Institutionen der
Wissensvermittlung, die pädagogische Reflexion in den Milieus der mittelalterlichen
Intellektuellen, also in geistlichen Institutionen und in den Universitäten. Verschiedene
Textgenera stellten im Mittelalter Methoden der Kindererziehung dar und präsentierten
Überlegungen zu ihrer Optimierung. Fürstenspiegel gehören zu diesen Texten. Es gilt,
die durch sie entwickelten Konzepte mittelalterlicher Erziehung und Wissensvermittlung
zu analysieren. Die unterschiedlichen Gebrauchsweisen und damit zusammenhängend
die unterschiedlichen sozialen Nutzungskontexte sind zu erfassen. So war die Rezeption
von Fürstenspiegeln nicht allein auf den höfisch-hochadeligen Bereich beschränkt,
vielmehr erstreckte sie sich auch auf das städtisch-bürgerliche Milieu. Hinweise auf
unterschiedliche Gebrauchsmodi ergeben sich aus der handschriftlichen Überlieferung
und aus den mittelalterlichen Übersetzungen der lateinischen Texte. Auch die Teilüberlieferungen dieser Texte, welche diejenigen Passagen auslassen, die den politischen
Inhalten und den hofspezifischen Anforderungen gewidmet sind, zeigen einen sozial
breit fundierten Gebrauch. Nur so läßt sich schließlich auch die enorme Fülle der erhal-
Les relations du Savoir et du Pouvoir dans le
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e
Portugal médiéval (XIV et XV siècles)
MARIA HELENA DA CRUZ COELHO
Nous allons nous intéresser aux rapports entre les détenteurs du savoir, en particulier
e
e
universitaire, et les détenteurs du pouvoir politique durant les XIV et XV siècles, à une
époque où, au Portugal, les deux éléments du binôme avaient déjà atteint, à la suite de
circonstances diverses, leur pleine maturité.
Observons d’abord que le Studium Generale, autrement dit l’université, n’a vu le
e
jour au Portugal que vers la fin du XIII siècle. Et ce n’est que dans les siècles suivants
que s'est fait sentir l’influence des hommes formés dans cette institution, et qui sont
venus se joindre à ceux sortis des universités étrangères.
Ajoutons que les premiers à fréquenter les universités étrangères furent essentiellement, comme on le sait, des membres du clergé, les ecclésiastiques constituant l’élite
e
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e
cultivée par excellence du XI au XIII siècle. Il faut donc attendre les XIV et XV siècles
pour voir les laïcs accéder en plus grand nombre à la formation universitaire et jouer,
par voie de conséquence, un rôle politique plus important.
Le choix de cette période chronologique est conditionné par la bibliographie et
les sources. Les études les plus développées sur l’administration royale se réfèrent à
cette chronologie et sont les seules à nous fournir les informations nécessaires ayant
trait au personnel du pouvoir central. D’un autre côté, les principales sources imprimées
relatives au pouvoir local concernent ces mêmes siècles, auxquels nous devrons donc
nous limiter.
I Le Savoir
e
1. Formulons d’abord quelques observations sur l’enseignement au Portugal. Au XII
siècle, c’est l’Eglise qui dominait le savoir et l’enseignement.1 Les écoles monastiques
occupaient alors la première place. L’ordre de Cluny, qui, soucieux de perfectionner le
culte divin, insistait sur la stimulation de l’intelligence, fait sentir son influence dans la
e
Péninsule, Portugal compris, vers la fin du XI siècle et surtout durant le siècle suivant.
Situés pour l’essentiel dans la région de Entre Douro et Minho et, un peu plus au sud,
jusqu’au Mondego, ses monastères abritaient des écoles, où les moines enseignaient à
lire, à écrire et à chanter. Parmi les arts libéraux se détachaient l’enseignement de la
grammaire, indispensable à la connaissance des textes sacrés, et de la musique, essen-
1 Une synthèse au sujet des écoles médiévales à cette époque est présentée par RESENDE DE OLIVEIRA, A.:
As instituições de ensino. Dans: M.H. DA CRUZ COELHO e A.L. DE CARVALHO HOMEN (coord.): Portugal em
definição de fronteiras. Do Condado Portucalense à Crise do século XIV. Dans: J. SERRÃO e A.H. OLIVEIRA MARQUES (dir.): Nova História de Portugal, vol. III. Lisboa, Editorial Presença 1996, 635-659.
314
Maria Helena da Cruz Coelho
tiellement vocale, toujours présente dans la liturgie. C’est dans le psautier que les moines apprenaient à lire, à écrire, à mémoriser, s’entraînant ainsi à retenir les mélodies.
Certains approfondissaient leurs connaissances par l’étude des Etymologies de Saint
Isidore de Séville, ou bien, penchés sur les commentaires bibliques des Pères de
l’Eglise, se lançaient dans l’interprétation des textes sacrés, à la découverte de leur sens
allégorique. Quelques monastères possédaient des scriptoria de grand renom comme,
entre autres, ceux de Paço de Sousa, Pombeiro, Santo Tirso ou Lorvão.
Autant que les monastères de Cluny, ceux de Cîteaux, implantés majoritairement
dans le centre et le sud du Portugal, avaient le souci de la formation de leurs religieux.
Le monastère d’Alcobaça, pourvu d’une richissime bibliothèque, possédait un studium
créé en 1269 par l’abbé D. Estêvão Martins : il s’agissait de fournir aux moines une préparation littéraire plus solide et une plus profonde connaissance du latin ecclésiastique
en vue d’une meilleure compréhension des textes sacrés disséminés dans les multiples
codex et manuels scolaires recopiés au monastère à partir d’autres empruntés de l’extérieur.
Non moins importantes que les écoles monastiques, les écoles urbaines, affectées
aux cathédrales, étaient essentiellement dynamisées, dans les premiers temps, par les
évêques. Dans les cathédrales de Braga et de Coimbra, les premières à apparaître, respectivement en 1070 et en 1080, l’activité scolaire doit avoir été contemporaine de leur
e
implantation : dès la fin du XI siècle en effet, s’y exerçait l’influence de la réforme grégorienne, inspirée par les prélats français se trouvant à leur tête. On y donnait un enseignement de la grammaire de même qu’une formation chorale, un clerc, le chantre,
étant responsable du chant dans les cérémonies liturgiques.
Mais le développement du milieu urbain, dans ses dimensions démographique,
sociale et économique, milieu perméable à de nouveaux idéaux, à de nouvelles valeurs,
requérait de l’Eglise une adaptation à cette réalité qui demandait une formation plus
complète du clergé, le préparant à répondre aux nouvelles exigences religieuses des
fidèles insérés dans une société plus complexe, diversifiée et hétérogène. C’est alors
que vont émerger des ordres soucieux d’établir leurs maisons dans ces centres citadins,
comme ceux des chanoines réguliers et des mendiants. Eux aussi vont vouloir stimuler
la formation des clercs qui, de plus en plus, interviennent non seulement dans le milieu
religieux mais aussi dans le milieu politique.
Dans les cathédrales, comme également dans certaines collégiales plus importane
tes, apparaît alors, à la fin du XII siècle, une autre fonction, celle du maître d’école,
chargé de l’enseignement de la grammaire ou, plus largement, des autres arts du trivium, la rhétorique et la dialectique.
Les nouveaux ordres, de leur côté, avaient l’ambition de former des clercs qui,
par leur exemple et leur prédication, pussent consolider la religion des fidèles, en particulier, celle des élites politiques. C’est alors qu’apparaît à Coimbra, à partir de 1131,
l’important monastère de Santa Cruz, des chanoines réguliers de Saint Augustin, dont
dépendait aussi à Lisbonne la grande maison de S. Vicente de Fora. Ces religieux se
distinguaient par la production de leur scriptorium : ils y copiaient des codex venant
d’Outre-Pyrénées mais y produisaient également une littérature propre, singulièrement
dans les genres historiographique et hagiographique. Leur culture rivalisait avec le sa-
Franziskanische Bildung und Tradition bei
Augustin von Alveldt (vor 1485 bis nach 1535)
JOHANNES SCHLAGETER
Vorbemerkung
In seiner Arbeit über AUGUSTIN VON ALVELDT und Hieronymus EMSER schreibt H. SMOLINSKY: „Es wäre für ALVELDTs Kampf mit den Neuerern von größter Bedeutung zu erfahren, wo er seine theologische Ausbildung erfahren hat. Leider gibt er selbst nirgendwo
einen Hinweis, so dass diese Periode seines Lebens im dunkeln bleibt.“1 L. LEMMENS
vermutete früher, ALVELDT habe seine Bildung in einer „Klosterschule“ erhalten oder
habe sich erst nach Vollendung seiner Studien dem Orden angeschlossen.2 Er bemerkte
dazu: „Wir wissen nur, dass er in den Franziskanerorden getreten ist und zur sächsischen Provinz vom heiligen Kreuze gehörte. In der damaligen Zeit erhielten viele Mitglieder der genannten Provinz ihre philosophische und theologische Bildung an den
Hochschulen zu Erfurt, Rostock, Leipzig und Wittenberg; indes wird sein Name in den
Matrikeln dieser Schulen nicht genannt.“3 Das könnte allerdings in die Irre führen; denn
die sächsische Franziskanerprovinz vom heiligen Kreuz, der AUGUSTIN VON ALVELDT bei
seiner ersten schriftlichen Auseinandersetzung mit der beginnenden Reformation 1520
angehörte, war erst kurz zuvor aus der früheren sächsischen Provinzvikarie der Observanten hervorgegangen. An den Universitäten von Erfurt, Rostock, Leipzig und Wittenberg (man könnte noch hinzufügen: Greifswald und Frankfurt/Oder) haben zwar Franziskaner aus der sächsischen Provinz studiert. Aber das waren Brüder aus jenen Konventen, die nicht zur observanten Vikarie gehörten und die auch nach der Union mit
den Observanten 1517 ihre eigene „Saxonia S. Iohannis Baptistae“ bildeten. Selbst in
dieser studienfreundlichen Provinz war die Grundausbildung der Kleriker-Brüder nicht
an den Universitäten angesiedelt. Nur jene ließen sich immatrikulieren, die die Graduierung als Bakkalaureus, Lizentiat oder Doktor anstrebten. Doch eine solche Graduierung
haben die Observanten eher abgelehnt. Der Werdegang ALVELDTs muss also von der
franziskanischen Bildung und Tradition der damaligen Observanz her verstanden werden. Denn das Reformkonzept4, das ihre Eigenart ausmachte, umfasste eine Reform der
1 SMOLINSKY, H.: Augustin von Alveldt und Hieronymus Emser. Eine Untersuchung zur Kontroverstheologie der frühen Reformationszeit im Herzogtum Sachsen. Münster/Westfalen 1983 (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte, 122) 19.
2 LEMMENS, L.: Pater Augustin von Alfeld. Ein Franziskaner in den ersten Jahren der Glaubensspaltung in
Deutschland. Freiburg 1899, 2. LEMMENS hält sich an die heutige Schreibweise des Heimatortes von Bruder Augustin „Alfeld“ bei Hildesheim. Aber die damalige von Bruder Augustin selbst gebrauchte
Schreibweise „Alveldt“ ist vorzuziehen.
3 LEMMENS, Pater Augustin 2.
4 Vgl. etwa ELM, K.: Franziskanerobservanz als Bildungsreform. In: Vitasfratrum. Beiträge zur Geschichte
der Eremiten- und Mendikantenorden des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts. Festgabe zum 65.
336
Johannes Schlageter
Ordensstudien, die stärker als in der bisherigen Entwicklung des Ordens an ursprünglichen franziskanischen Werten wie „humilitas“ und „simplicitas“ orientiert wurden.5 Die
Bedeutung dieser Orientierung lässt sich an ALVELDT anschaulich machen, weil sie die
Eigenart seiner Auseinandersetzung mit der beginnenden Reformation prägt. Das aufzuzeigen, ist die Absicht dieses kleinen Beitrags, der nicht etwa der großen Arbeit von H.
SMOLINSKY über ALVELDTs kontroverstheologisches Schrifttum etwas wesentlich Neues
hinzufügen soll, sondern nur dessen Leben und Wirken auf dem Hintergrund des franziskanischen Bildungs- und Traditionsverständnisses der bereits etablierten Observanzbewegung verstehen und deuten möchte.
I Franziskanische Bildung und Tradition in der Observanzbewegung
1 Entscheidende Impulse und Festlegungen durch Johannes von Capestrano
Nur gegen große Vorbehalte konnte JOHANNES VON CAPESTRANO der franziskanischen
Observanzbewegung die erneute Einrichtung eigener Studienkonvente abringen. Das
zeigt sich besonders in seinem „Rundbrief über die Förderung des Studiums unter den
Observanten“ von 1444, wo es unter Bezugnahme auf das 10. Kapitel der „Regula Bullata“ heißt: „schaut also sorgfältig darauf, dass die Laien, ‚die von den Wissenschaften
keine Kenntnis haben, nicht danach trachten, Wissenschaften zu erlernen’. Die Kleriker
aber und die Priester, die bereits zum Studium der Wissenschaft Profess abgelegt haben,
sollen sich der Bildung und der Wissenschaft widmen, ohne Verlust der Regelobservanz
und der geistlichen Zucht. Denn schlimme Anmaßung möge nicht Gott versuchen, auf
die Hoffnung hin, die Weisheit müsse von Gott eingeben werden ohne besondere Arbeit
und Anstrengung. Wenigen nur wurde ja wunderbar der Geist der Weisheit gegeben,
ohne das Studium der Wissenschaft. Der selige Franziskus hinderte nicht den Bruder,
nun in gleicher Weise seligen Antonius von Padua, damals von Lissabon genannt, durch
fünf Jahre hindurch sich dem andauernden Studium zu widmen. Das geschah mit dem
Abt von Vercelli ehrwürdigen Angedenkens, einem damals sehr berühmten Lehrer, wie
der Abt selbst in seiner Postille zum Hohenlied erinnert. Das zeigt, Versagen oder Verfehlung liegen nicht an der Wissenschaft, sondern am Missbrauch der Wissenschaft, die
man erwarb oder erwerben möchte, nämlich in der Weise, sie zu erwerben oder auszuüben. Dann nur sagt der Apostel: ‚Wissenschaft bläht auf, Liebe baut auf.’ (1Kor 8,1) [...]
Die Intention Seiner Heiligkeit, unseres Herrn Papstes Eugen IV. und die meine, aufgrund seines Auftrags, ist, dass sich die geeigneten Brüder dem Studium widmen. Mein
Geburtstag, hrsg. von D. BERG unter Mitwirkung des Friedrich-Meinecke-Institutes der Freien Universität
Berlin. Werl 1994 (Saxonia Franciscana, 5) 285-295.
5 Siehe SCHLOTHÄUSER, E.: Bildung und Bücher. Ein Beitrag zum Wissenschaftsverständnis der Franziskanerobservanten. In: BERG, D. (Hrsg.): Könige, Landesherren und Bettelorden. Konflikt und Kooperation
in West- und Mitteleuropa bis zur frühen Neuzeit. Werl 1998 (Saxonia Franciscana, 10) 419-434 bes. 434.
Aus pastoralem Interesse wird bei den Observanten die studienkritische Tendenz der Franziskusgefährten um Br. Leo gemildert. Vgl. dazu BERG, D.: Armut und Wissenschaft. Beiträge zur Geschichte des
Studienwesens der Bettelorden im 13. Jahrhundert. Düsseldorf 1977 (Geschichte und Gesellschaft, 15)
141.
Die Bibliothek des Görlitzer Franziskanerklosters
im Mittelalter. Ein Beitrag zur weiteren
Erforschung des franziskanischen Buchwesens
VOLKER HONEMANN
I
Über die Bibliotheken der Franziskaner im allgemeinen und auch diejenigen im mittelalterlichen deutschen Reich sind wir, im Vergleich zu denen anderer Orden (etwa der
Dominikaner), in der Regel recht schlecht informiert.1 Sichtbar wird dies beispielsweise
daran, daß wir nur über eine sehr kleine Zahl mittelalterlicher Bibliotheksverzeichnisse
franziskanischer Provenienz verfügen,2 und daß, verglichen mit der sehr großen Zahl
der Konvente, nur in wenigen Fällen die Buchbestände von Franziskanerklöstern in der
1 Siehe zuletzt das Kapitel „Franciscan Libraries and the Access to Books“ in: ROEST, B.: A History of
Franciscan Education (c. 1210-1517). Leiden-Boston-Köln 2000 (Education and Society in the Middle Ages and Renaissance, 11) hier 197-234, das auf die deutschen Verhältnisse allerdings nur gelegentlich
eingeht. Entsprechendes gilt für die wichtige Studie von COSTA, F.: Biblioteche francescane medievali.
Tipologie, contenuti, vicende storiche. In: ZANOTTI, G. (Hrsg.): Archivi – Biblioteche – Beni e Centri culturali. Assisi 1991, 215-283, die zwar zur Typologie der Bibliotheken (Konventsbibliothek vs. „persönliche“ Bibliothek) und zu deren „Inhalten“ grundlegendes beiträgt, aber bezüglich einzelner Bibliotheken
nur für Italien ins Detail geht; zu deutschen Franziskanerbibliotheken siehe 279 (Braunschweig, Nürnberg). Sehr wichtig ist noch immer die Studie von HUMPHREYS, K.W.: The Book Provisions of the Medieval Friars, 1215-1400. Amsterdam 1963 (Studies in the History of Libraries and Librarianship, 1). Die
ältere Monographie von LENHART, J.M.: History of Franciscan Libraries of the Middle Ages. Washington
1954 geht auf deutsche Bibliotheken fast gar nicht ein; zu mittelalterlichen Katalogen von Franziskanerbibliotheken siehe dort 123-134 und 178-187. Für die Verhältnisse in der Ordensprovinz Saxonia siehe
insbesondere den Abschnitt „Klosterbibliotheken“ in: DOELLE, F.: Reformationsgeschichtliches aus
Kursachsen. Münster 1933 (Franziskanische Studien, Beih. 15) 183-203.
2 Die bisher edierten Bände der ‚Mittelalterlichen Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz’
bieten lediglich vier (!) Kataloge, nämlich für die Franziskanerklöster von Regensburg (von 1347, Bd.
IV,1, München 1977, 441-446), von München (das bekannte Verzeichnis der Bücher der Brüder Johann
und Hermann Sack von 1438-1440, Bd. IV, 2, München 1979, 689-695), von Nürnberg (von 1448, Bd. III,
München 1939, 752-765) und für das Franziskaner-Tertiarinnenkloster Wonnenstein (Anfang 16. Jahrhundert, nur deutschsprachige Bücher, Bd. I, München 1918, 451-454). Die ‚Mittelalterlichen Bibliothekskataloge Österreichs’ verzeichnen nur für Linz ein Bücherverzeichnis aus dem Jahr 1469, siehe Bd.
V, Wien 1971, 59-65. Der Umstand, daß für Nord- Mittel- und Ostdeutschland bisher keine Bände der
‚Mittelalterlichen Bibliothekskataloge’ erschienen sind, wird diesen Befund nur geringfügig verändern.
Das Verzeichnis mittelalterlicher Bibliothekskataloge bei GOTTLIEB, T.: Über mittelalterliche Bibliotheken.
Leipzig 1890, 17-87 nennt nur den Regensburger Katalog. Ein anderes Bild ergibt sich allerdings dann,
wenn man die Verzeichnisse einbezieht, die im Zuge der Klosteraufhebungen der Reformation angelegt
wurden. Ein gutes Beispiel dafür bietet das 1532 angelegte Inventar des Braunschweiger Franziskanerklosters, ediert bei CAMERER, L.: Die Bibliothek der Franziskaner in Braunschweig. Braunschweig 1982
(Braunschweiger Werkstücke, 60) 14-21. Siehe hierzu insgesamt den Überblick bei BUZAS, L.: Deutsche
Bibliotheksgeschichte des Mittelalters. Wiesbaden 1975 (Elemente des Buch- und Bibliothekswesens, 1)
69-73 und 167.
Die Bibliothek des Görlitzer Franziskanerklosters im Mittelalter
365
Form auf uns gekommen sind, die sie am Ende des Mittelalters angenommen hatten. Es
könnte deshalb so scheinen, als hätten die Franziskaner auf den Aufbau von Bibliotheken, ja auf Bücher überhaupt, weniger Wert gelegt als andere Orden. Ein Indiz dafür
meinte man in der kritischen Einstellung des heiligen Franziskus gegenüber Büchern
und Buchgelehrsamkeit zu sehen.3 Daß dieser Eindruck für das spätere Mittelalter und
erst recht für die frühe Neuzeit nicht zutrifft, läßt sich zunächst dadurch belegen, daß
die ‚Ordinationes’ Papst Benedikts XII. von 1336 die „Bildung von gemeinsamen Bücherbeständen in den Konventen, also die Bildung von Bibliotheken“ postulierten, um
den durch die Scholastik massiv gestiegenen Bedarf an wissenschaftlicher Literatur zu
decken.4 Es ist deshalb nur folgerichtig, daß wir – europaweit – seit dem 14. Jahrhundert eine ganze Reihe von Franziskanerbibliotheken ermitteln können, die über zunächst bescheidene, im Laufe des 15. Jahrhunderts aber rasch wachsende, Bestände
verfügten. Dabei ist in aller Regel eine deutliche Unterteilung in eine Sammlung von
Liturgica im weiteren Sinne, die für den Gottesdienst benötigt wurden, und eine Konventsbibliothek für Studium und Predigtvorbereitung der Brüder festzustellen; daneben
gab es „persönliche“ Bibliotheken bedeutender Franziskanergelehrter. Der Umfang der
am frühesten erfaßbaren Bibliotheken ist dabei noch vergleichsweise gering – der Regensburger Bibliothekskatalog von 1347 verzeichnet 86 Bände –, doch nahm deren Zahl
in den nächsten 150 Jahren allmählich zu und erreichte jedenfalls dreistellige Zahlen, in
besonderen Fällen, wie denen der Bibliothek von Santa Croce in Florenz, weit mehr als
ein halbes Tausend.5
II
Gleichwohl ist insgesamt festzustellen, daß wir über die E n t w i c k l u n g franziskanischer Bibliotheken von ihrer Entstehung bis hin zur Reformation meist nur recht
wenig wissen, was – neben der schlechten Erhaltung der Bestände – vor allem daran
liegt, daß wir in der Regel kaum über Dokumente verfügen, die es erlaubten, wenigstens in Ansätzen die G e s c h i c h t e einer Franziskanerbibliothek zu schreiben. Sie
3 Vgl. dazu ROEST, History 198-200, der zurecht zwischen der frühen franziskanischen Diskussion über das
Buch als (verbotenen) Wertgegenstand, der Schätzung der Bibel durch den heiligen Franziskus, der
Notwendigkeit, liturgische Bücher zu besitzen und schließlich der raschen Entwicklung einer bücherfreundlichen Einstellung in den 1230er Jahren unterscheidet. Hinzuzufügen ist, daß sich diese in der
Amtszeit Bonaventuras als Generalminister (seit 1257) deutlich verstärkte. Des weiteren ist zu beachten,
daß das Generalkapitel von Narbonne 1260 den – angesichts der hohen Mobilität nötigen – persönlichen Buchbesitz von Ordensbrüdern gestattete, siehe dazu SCHLOTHEUBER, E.: Die Franziskaner in Göttingen. Die Geschichte des Klosters und seiner Bibliothek. Werl 1996 (Saxonia Franciscana, 8) 102 f. Zur
Bücherfeindlichkeit der Spiritualen des 13. Jahrhunderts und der „Opposition to Large Libraries on the
Part of the Observants“ siehe LENHART, History 138-144 und 187-191.
4 Die Einzelheiten bei SCHLOTHEUBER, Franziskaner 104 f.
5 Eine Reihe früher Bücherverzeichnisse (darunter als einziges deutsches dasjenige von Regensburg)
bespricht HUMPHREYS, Book Provisions 99-118. Siehe weiterhin ROEST, History 206-213, der auch auf die
sehr stattlichen Bibliotheken der Konvente von Göttingen (430 Titel), Braunschweig (420 Titel) und
Grünberg (493 Titel) verweist (208 Anm. 48); wie viele Bände sich dahinter jeweils verbergen, ist nur
selten genau zu klären, so z. B. für Braunschweig, siehe CAMERER, Bibliothek.
„…
comparatus et bi bliothecae conventus
Wipperfurtensis incorporatus.“1
Sicherung und Erschließung der Pastoral- und
Konventsbibliothek Wipperfürth
REIMUND HAAS
„1917 verfasste P. Patricius Schlager für die Festschrift zur 700-Jahrfeier der Stadt Wipperfürth einen Beitrag über die Geschichte der Franziskanerniederlassung, in der auch
das Gymnasium im Kontext des Schulengagements der Sächsischen Ordensprovinz zur
Sprache kam.2 Zuletzt hat sich Wilhelm Zimmermann in einer Überblicksdarstellung mit
1 Dieser Titel-Teilsatz stammt aus dem Besitzvermerk, der vollständig lautet:
„Anno reparatae salutis totius generis humani Domini nostri Jesu Christi redemptoris ac salvatoris millesimo septingentesimo quinquagesimo quarto a fratre Nicolao Kalscheur ordinis S. Francisci fratrum minorum de stricta observantia comparatus et bibliothecae conventus Wipperfurtensis incorporatus. Omnia
ad majorem Dei honorem et gloriam nec non minus ad animarum salutem et subsidium praedicatorum.
Hinc dignentur omnes hoc legentes facere in suis precibus unum memento pro anima procuratoris.“
Übersetzung: „Im Jahr der Wiedererlangung des Heiles des ganzen Menschengeschlechtes durch unseren Herrn Jesus Christus, Erlöser und Heiland, 1754 wurde von Bruder Nikolaus Kalscheur aus dem Orden der Minderbrüder des Hl. Franziskus von der strengen Observanz [dieses Buch] erworben und in
die Bibliothek des Wipperfürther Konventes einverleibt. Dies alles [wurde getan] zur größeren Ehre und
zum Ruhme Gottes und nicht weniger zum Seelenheil und als Hilfsmittel der Prediger. Deshalb mögen
es alle, welche dies lesen, für würdig halten in ihren Gebeten ein Gedenken für die Seele des Stifters zu
sprechen.“ – Der Beitrag möchte sich diesem Anliegen anschließen.
Dieser Besitzvermerk findet sich auf der vorderen Vorsatz-Seite des Buches Nr. 33, dessen barocker Titel
hier nur ausnahmsweise einmal vollständig wiedergegeben wird: „Caesar CALINO, Societas Jesu, Auserlesene Lehr- und Geistreiche Fasten-Predigten, in welscher Sprache verfasset, nun aber wegen ihrer sonderbaren Vortrefflich- und Nutzbarkeit allen ehrwürdigen Herren Pfarrern, Predigern, Seel-Sorgeren, Ordens-Geistlichen; wie auch allen und Jeden, waserley Stands-Persohnen, zu überaus großen Behuff aus
gedachter Welscher in die Teutsche Sprach übersetzt, mit nutzlichen Registern versehen, und in den öffentlichen Druck heraus gegeben von P. Bernard HIPPER, Ordo S. P. B[enedicti], in dem Uralt- und Exempten Closter-Stifft Wessobrunn Profeß; dermahlen in dem Hoch-Fürstlich und Bischöflichen Lyceo
zu Freysing Human[iorae] Professore. mit Zustimmung und Erlaubnis der Oberen; Philipp Jakob Veith
und Wolff. Augsburg-Graz 1751“, das zudem oben auf dem Titelblatt den handschriftlichen Vermerk
trägt: „Conventus Wipperfurthensis me vendicat“ und 600 Seiten und ein Register umfasst. Dieser Besitzvermerk des Wipperfürther Konvents ist oben über der Kopfzeile der rechten Seite im ersten neunmal
durchgängig auf verschiedenen Seiten wiederholt und ebenso im zweiten Buch 14 Mal.
Darin befindet sich anschließend mit einem ebensolchen barocken Titel sowie 788 Seiten und einem
Register eingebunden auch das Werk von Ferdinandus ZUCCONIUS, Societas Jesu, Christus Jesus der
höchste König und sein neues Reich ..., Gespräche über die vier heiligen Evangelia anfänglich in Wälscher Sprache verfasset. edit Casimir MOLL OSB., ebd. 1741.
Zitationen bzw. Nachweise aus diesem Bibliotheksbestand werden wie folgt abgekürzt: Pfarrarchiv
(PFA) Wipperfürth, Historische Bibliothek (Hist. Bibl.) und die jeweilige Nummer.
2 In diesem Eingangszitat sind die vollen Literaturangaben mit neuer Nummerierung angegeben: SCHLAGER, P.: Geschichte des Franziskanerklosters. In: Festschrift zur Siebenhundertjahrfeier der Stadt Wipperfürth. Wipperfürth 1917, 21-26.
„… comparatus et bibliothecae conventus Wipperfurtensis incorporatus.“
377
der Geschichte des Franziskanerklosters und des Gymnasiums auseinander gesetzt
(1997).3 Ansonsten ist die Geschichte der Ordensniederlassung und der Schule vor allem im Kontext der allgemeinen Stadtgeschichte behandelt worden. An erster Stelle ist
hier die Darstellung von Joseph John (1842) zu nennen, der unter anderem die Gründungsurkunde des Gymnasiums wiedergab.4 Auf seiner Abhandlung beruht auch maßgeblich der entsprechende Abschnitt bei Franz Funcke (1889).5 Je eigene Kapitel verfasste um 1910 Conrad Schmitz in seiner ,Geschichte der Stadt Wipperfürth’ über die
Franziskanerniederlassung und das Schulwesen. Er berücksichtigte auch die Hinweise in
den Annalen der Thüringer Franziskanerprovinz.6 Unter Verwertung der älteren Literatur widmete Paul Engels in seiner ,Geschichte der alten bergischen Stadt Wipperfürth’
einen etwas längeren Beitrag der Entwicklung des höheren Schulwesens (1949).7 Recht
ausführlich stellte Peter Opladen die Kloster- und Gymnasialgeschichte in seiner Abhandlung über ,Das Dekanat Wipperfürth’ dar, der er auch eine Schrift Excerpta et de
conventu Wipperfüreni von P. Schweren aus dem Jahre 1746 zugrunde legen konnte,
die sich in Kölner Privatbesitz befand.“8
Mit diesen Worten hat im Jahre 2001 Johannes KISTENICH in seinem voluminösen
Werk „Bettelmönche im öffentlichen Schulwesen. Ein Handbuch für die Erzdiözese Köln
1600 bis 1850“ höchst kompetent den Forschungsstand zur Konvents-, Schul- und Bildungsgeschichte des Wipperfürther Franziskanerkonventes zusammengefasst. Mit keinem Wort erwähnt er in diesem Zusammenhang und seinem ganzen fundierten Beitrag
eine Pfarr- und Pastoral- bzw. Kloster- oder Schulbibliothek.9 Durchforstet man sowohl
den von KISTENICH gut angeführten regionalgeschichtlichen Literaturstand10 als auch die
weiteren ordensgeschichtlichen11 und bistumsgeschichtlichen12 Standardwerke genauer,
3 ZIMMERMANN, W.: Die Franziskaner in Wipperfürth und der Beginn der gymnasialen Bildung im Bergischen Land. In: Beiträge zur Oberbergischen Geschichte 6 (1997) 73-86.
4 JOHN, J.: Geschichte der Stadt Wipperfürth mit Hinweisung auf die Bergische Landesgeschichte. Wipperfürth 1842, ND hrsg. von B. DIETZ. Wipperfürth 1993, 103-106.
5 FUNCKE, F.: Beiträge zur alten Geschichte der ehemaligen bergischen Hauptstadt Wipperfürth. Als Heimatkunde zusammengestellt. Krefeld 1889, 23 f.
6 SCHMITZ, C.: Die Geschichte der Stadt Wipperfürth. Wipperfürth 1910-11, 93-108.
7 ENGEL, P.: Geschichte der alten bergischen Stadt Wipperfürth. Wipperfürth 1949, 100-105, 108.
8 OPLADEN, P.: Das Dekanat Wipperfürth. Siegburg 1955 (Geschichte der Pfarreien der Erzdiözese Köln, 2.
Folge 2) 439-443, 460.
9 KISTENICH, J.: Bettelmönche im öffentlichen Schulwesen. Ein Handbuch für die Erzdiözese Köln 1600 bis
1850 , 2 Bd. Köln-Weimar 2001 (Stadt und Gesellschaft, Studien zum rheinischen Städteatlas, hrsg. vom
Landschaftsverband Rheinland, 1/2) Bd. 1, 1475-1489, Zitat 1476. Dazu die Besprechung von Reimund
Haas, In: Wissenschaft und Weisheit 66 (2003) 149-151.
10 Vgl. auch 775 Jahre Stadt Wipperfürth 1217-1992, Schriften zur Stadtgeschichte, hrsg. vom Heimat- und
Geschichtsverein Wipperfürth. Wipperfürth 1992; BAUMHOF, D.: Die Geschichte der Vikarie St. Michaelis.
Ein Kapitel Wipperfürther Pfarr- und Stadtgeschichte, Diplomarbeit in Katholischer Theologie an der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Katholisch-Theologische Fakultät, Institut für Kirchengeschichte, Abteilung für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte unter Einschluß der Kirchengeschichte
Osteuropas (Prof. Dr. Gabriel Adriányi). Bonn 1994.
11 WOKER, F.W.: Geschichte der Norddeutschen Franziskaner-Missionen der Sächsischen Ordensprovinz
vom hl. Kreuz. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte Norddeutschlands nach der Reformation. Freiburg
1880, 60 f. Im Stadtarchiv Wipperfürth finden sich zudem zwei Typoskripte von WILHELM ZIMMERMANN
Franziskaner (4 Seiten) und Franziskaner-Kloster zu Wipperfürth (2 Seiten), die im Wesentlichen auf
‚Adapted education‘ oder ‚akademische‘ Bildung?
Der Kampf um koloniale Bildungskonzepte im südlichen Afrika
SYBILLE KÜSTER
‚Bildungsmisere‘, ‚Bildungsnotstand‘, ‚Fehlentwicklungen im Schul- und Hochschulbereich‘ – all dies sind Schlagworte, die spätestens seit der Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studie die öffentliche Diskussion um das formale Schulsystem in Deutschland in einer Vielzahl von Leitartikeln, Rundfunkkommentaren und TV-Talkrunden widerspiegeln. Hierbei nimmt die Debatte um angemessene Bildungsinhalte großen Raum
ein, sei es bei der Einführung eines Zentralabiturs in diversen Bundesländern, bei der
Reformulierung abiturrelevanter Prüfungsthemen, oder auch in der Diskussion um Bildung versus Ausbildung im Hochschulbereich, die die Einführung von konsekutiven
Studiengängen an deutschen Universitäten begleitet. Der Streit um Bildungsinhalte und
-konzepte hat einen langen historischen Vorlauf, und er ist nicht auf die formalen Bildungssysteme der westlichen und nördlichen Hemisphäre begrenzt. Anhand einer Analyse der Dynamiken im afrikanischen Bildungssektor des kolonialen Zimbabwes zwischen 1920 und 1945 soll im folgenden gezeigt werden, dass Bildungspolitik, die Debatte um Bildungsinhalte und die Möglichkeiten der Umsetzung von Bildungskonzepten
maßgeblich von Faktoren beeinflusst werden, die jenseits des Bildungssektors liegen.
Die Entwicklung und Ausprägung formaler Bildungssysteme ist ohne eine Einbettung in
den gesellschaftlichen Wandel, der sie hervorbringt, nicht verstehbar.
Bei der historischen Analyse formaler Bildung im kolonialen Kontext standen seit
Mitte des 20. Jahrhunderts zwei theoretische Ansätze im Vordergrund. Von den 1950er
bis in die frühen 1970er Jahre überwogen modernisierungstheoretische Konzeptualisierungen in der Beschreibung der Entwicklung afrikanischer Bildungssysteme. Aus dieser
Sicht stellte die Expansion der Institution Schule ein Instrument der Aufklärung und des
Fortschritts dar, mit dessen Hilfe europäische Kolonialbeamte bemüht waren, rückständigen, ‚unterentwickelten‘ afrikanischen Gesellschaften den Anstoß zu Modernisierung
und gesellschaftlicher Ausdifferenzierung nach europäischem Vorbild zu geben. Das
modernisierungstheoretische Paradigma wurde seit Mitte der 1970er Jahre zunehmend
durch Ansätze abgelöst, die im Rahmen der sog. Unterentwicklungstheorie formuliert
wurden. Diese Richtung, die sich bis in die gegenwärtige Diskussion fortsetzt, sieht
koloniale Bildung vornehmlich als Mittel der Kanalisierung und Qualifizierung afrikanischer Arbeitskräfte, das die wirtschaftliche Ausbeutung afrikanischer Kolonien im Interesse kolonialer Machthaber sicherte. Zum zweiten – so die Argumentation – war Kolonialbildung ein Instrument kultureller Entfremdung und ein Medium, durch das der
afrikanischen Bevölkerung jene Werte vermittelt wurden, die ihre Integration in kapitalistische Produktionszusammenhänge erleichterte. Ein weiterer Ansatz, der in den
1990er Jahren Eingang in die Diskussion um Kolonialbildung gefunden hat, orientiert
sich an dem Konzept kultureller Hegemonie, das auf die Überlegungen Antonio Gramscis zurückgeht. Diesem Ansatz gemäß gehört formale Schulbildung zu jenen Bereichen
‚Adapted education‘ oder ‚akademische‘ Bildung?
407
der ‚civil society‘, in denen Kämpfe um politische Herrschaft und Selbstbestimmung
ausgefochten werden. Im kolonialen Kontext, so die These, mache die Vermittlung von
westlicher Bildung es möglich, eine Zwischenschicht afrikanischer organischer Intellektueller heranzuziehen, die als ‚kooptierte Brückenköpfe‘ zur sozialen ‚Befriedung der
Massen‘ beitragen. An Gramsci orientierte Ansätze unternehmen eine Einbettung des
Bildungsbereichs in politische und wirtschaftliche koloniale Machtzusammenhänge –
ein stark vernachlässigter Aspekt in modernisierungstheoretischen Ansätzen – und vermeiden gleichzeitig die ökonomistischen Verkürzungen des unterentwicklungstheoretischen Paradigmas. Dennoch lässt sich für alle drei der hier kurz referierten theoretischen Zugänge zu Kolonialbildung eine Kritik formulieren, die deren Erklärungspotential für die Expansion der Institution Schule in dem von mir für das südliche Afrika exemplarisch untersuchten Fallbeispiel des kolonialen Zimbabwes erheblich einschränkt.
Zum einen mündet der den Ansätzen inhärente Eurozentrismus in eine Überbetonung
des Machtpotentials und der Durchsetzungskraft europäischer Herrschaftsinteressen.
Ausgehend von der Funktionalität von Bildung für koloniale Intentionen der Modernisierung, der wirtschaftlichen Dominanz oder aber der sozialen Befriedung wird die
Initiierung und Förderung von Schulbildung fast ausschließlich auf europäische Interessen zurückgeführt. Tatsächlich war, wie im folgenden noch zu erläutern sein wird, die
Vernachlässigung des Bildungsbereichs durch die jeweiligen Kolonialregierungen eines
der herausragendsten Merkmale der Entwicklung der Institution Schule im südlichen
Afrika. Im Zusammenhang hiermit steht ein zweiter Punkt der Kritik: die weitgehende
Ausblendung des afrikanischen Beitrags zur Expansion formaler Schulbildung. Trotz des
zentralen Stellenwerts afrikanischer Bemühungen um die Erweiterung und Ausdifferenzierung des Bildungssystems erscheinen die auf die Institution Schule bezogenen Interessenkonstellationen und Handlungsstrategien der afrikanischen Bevölkerung, wenn
überhaupt, nur als Randthema in den referierten theoretischen Zugangsweisen. Schließlich unterstellen alle drei Ansätze, mit unterschiedlichen Akzentuierungen, dass das
Angebot von westlich-akademischer Bildung den Zielen kolonialer Politik diente: der
‚Aufklärung‘, kultureller Entfremdung bzw. Kooptation afrikanischer Eliten. Hingegen
war es, nicht nur im kolonialen Zimbabwe, gerade dieser Bereich formaler Bildung,
dem von europäischer Seite im allgemeinen der größte Widerstand entgegengebracht
wurde.
In den folgenden Abschnitten sollen die Entwicklungsdynamiken im kolonialen
Bildungssektor Zimbabwes zwischen 1920 und 1945 mit Bezug auf die hier angestellten
theoretischen Überlegungen analysiert werden.
Betrachtet man die Bildungsentwicklung in Zimbabwe, wie auch in Zambia und
Malawi, für die gesamte Kolonialzeit von den 1890ern bis in die 1960er Jahre, lässt sich
feststellen, dass die Kontinuität restriktiver Regierungspolitiken in diesem Bereich zu der
Schaffung von unterfinanzierten, personell unterbesetzten Schulsystemen geführt hat,
welche durch – im Vergleich zu Europa, aber auch zu den Ländern des westlichen Afrikas – extrem niedrige Bildungsstandards gekennzeichnet waren. Seit Beginn der formalen Kolonisierung Zimbabwes im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts lag die Hauptlast der Etablierung eines Schulsystems für die afrikanische Bevölkerung bei einer
schnell ansteigenden Anzahl von europäischen Missionsgesellschaften, die bemüht wa-
Ägyptisches Lokalkolorit im monastischen
Schrifttum des Johannes Cassianus
THEOFRIED BAUMEISTER
JOHANNES CASSIANUS gehörte zu den wichtigen und prägenden Gestalten des frühen
südgallischen Mönchtums und darüber hinaus, der sich etwa 415 n. Chr. in Marseille
niederließ und dort vor der antiken Stadt das Männerkloster St. Victor und in ihr – wohl
für seine Schwester – ein Frauenkloster gründete.1 Die Vorrede zu seiner frühesten
Schrift De institutis coenobiorum (Inst.), Anfang der zwanziger Jahre verfaßt, gibt an,
daß sich Bischof Castor von Apt, ca. 85 km nördlich von Marseille gelegen, an den Autor gewandt hatte, um geistliche Hilfe für das gerade am Bischofsort eingerichtete Kloster zu erhalten, für das es in der Umgebung noch kein Vorbild gab.2 Offensichtlich galt
Cassian als monastische Autorität, weil er über Erfahrungen verfügte, die er selbst in
Palästina und in Ägypten, dessen Mönchtum vor allem bewundert wurde, gewonnen
hatte, obwohl diese, wie der Autor selbst betont, nun schon längere Zeit zurücklagen
und er nicht alles im Gedächtnis bewahren konnte, was er in jungen Jahren erlebt hatte.
Cassian verweist auf schon vorliegende Schriften zum östlichen Mönchtum und beruft
sich namentlich auf BASILIUS und HIERONYMUS, wobei vor allem an die lateinische Übersetzung des sog. Kleinen Asketikons des BASILIUS durch RUFINUS VON AQUILEIA und an
die Übertragung pachomianischer Texte zu denken ist, die HIERONYMUS 404 in Betlehem
nach griechischen Vorlagen anfertigte, die selbst wieder auf koptische Originale zurückgingen. Sicherlich kannte Cassian darüber hinaus die Dialoge des SULPICIUS SEVERUS,
in denen die Erzählung des Postumianus über seine Reise zu den ägyptischen Mönchen
eine so große Rolle spielt, und die lateinische Fassung der Historia monachorum in
Aegypto, ebenfalls des RUFINUS, deren viele Wundergeschichten gemeint sein können,
von denen sich der Verfasser absetzt, indem er mit seiner Schrift nicht Bewunderung
1 WEBER, H.-O.: Die Stellung des Johannes Cassianus zur ausserpachomianischen Mönchstradition. Eine
Quellenuntersuchung. Münster Westf. 1961 (Beiträge zur Geschichte des Alten Mönchtums u. des Benediktinerordens [BGAM], 24); CHADWICK, O.: John Cassian. Cambridge 21968; ROUSSEAU, P.: Ascetics, Authority, and the Church in the Age of Jerome and Cassian. Oxford 1978, 167-234 u. 254 f.; HOLZE, H.: Erfahrung u. Theologie im frühen Mönchtum. Untersuchungen zu einer Theologie des monastischen Lebens bei den ägyptischen Mönchsvätern, Johannes Cassian u. Benedikt von Nursia. Göttingen 1992 (Forschungen zur Kirchen- u. Dogmengeschichte, 48); BRUNERT, M.-E.: Das Ideal der Wüstenaskese u. seine
Rezeption in Gallien bis zum Ende des 6. Jahrhunderts. Münster 1994 (BGAM, 42) 129-140 u.ö.; STEWART, C.: Cassian the Monk. New York – Oxford 1998 (Lit.); DE VOGÜÉ, A.: Histoire littéraire du mouvement monastique dans l’antiquité. VI: Les derniers écrits de Jérôme et l’oeuvre de Jean Cassien (414428). Paris 2002, 45-449 u. 456 ff.
2 Die kritische Gesamtausgabe der Schriften Cassians von M. PETSCHENIG: Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum (CSEL) 13 u. 17, Wien 1886-1888; die monastischen Schriften auch in der lat.-franz. Ausgabe der Sources Chrétiennes (SC): Institutions cénobitiques ed. J.-C. GUY. Paris 1965 (SC 109), Conférences ed. E. PICHERY. Paris 1955-1959 (SC 42, 54 u. 64); eine deutsche Gesamtübersetzung von A. ABT
u. K. KOHLHUND in zwei Bänden der Bibliothek der Kirchenväter (BKV), 1. Aufl. Kempten 1879. – Inst.,
praef. (CSEL 17, 3-7). Ausführlicher Kommentar dazu: DE VOGÜÉ, Histoire littéraire VI, 45-57.
434
Theofried Baumeister
erregen, sondern monastische Lehre vermitteln will. Im Unterschied zu anderen, die nur
Gehörtes übermittelten, beansprucht er, aus eigener Erfahrung schreiben zu können,
und zwar – so das Programm des ganzen Werkes – über die Einrichtungen und Regeln
der Klöster und über Ursprung, Ursachen und Heilmittel der acht Hauptsünden als der
Hindernisse auf dem Weg zu monastischer Vollkommenheit. Vorbild ist vor allem das
Mönchtum Ägyptens, von dem jedoch auch im Blick auf das Klima und die anderen
Voraussetzungen Galliens abgewichen werden könne; in solchen Fällen liefert nach
Cassian eher das Mönchtum Palästinas und Mesopotamiens die Maßstäbe, nach denen
man sich richten solle. Das gerade genannte Programm löst Cassian in der Weise ein,
daß er zunächst der Reihe nach die Kleidung der Mönche, ihr gemeinsames Gebet und
einzelne Regeln zur monastischen Lebensweise behandelt; der Anfang des 5. Buches, in
dem der Adressat Bischof Castor von Apt erneut angesprochen wird, dient mit Rückblick und Ausblick auf das Folgende als Scharnier, das die beiden Teile zusammenhält;
als Hauptsünden, die sodann einzeln behandelt werden, sind genannt: „primum gastrimargiae, quae interpretatur gulae concupiscentia, secundum fornicationis, tertium
filargyriae, quod intellegitur auaritia, uel ut proprius exprimatur, amor pecuniae, quartum irae, quintum tristitiae, sextum acediae, quod est anxietas siue taedium cordis,
septimum cenodoxiae, quod sonat uana seu inanis gloria, octauum superbiae.“ 3
Anschließend an die Inst. und auf ihnen aufbauend verfaßte CASSIAN in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre des 5. Jahrhunderts die XXIV Conlationes (Conl.), die
sukzessive in drei Teilen entstanden sind, jeweils durch eine Vorrede eingeleitet: I-X,
XI-XVII und XVIII-XXIV. Nachdem Bischof Castor von Apt gestorben war, widmete
Cassian die erste Reihe der Conl. dessen leiblichem Bruder Leontius, Bischof von Fréjus
im ersten Drittel des 5. Jahrhunderts, und dem „Bruder“ Helladius, einem Mönch mit
Neigung zum Einsiedlerleben, der nach Ausweis der zweiten Praefatio kurz danach
selbst Bischof wurde.4 In diesen zehn Unterredungen präsentiert der Verfasser die
Weisheit ägyptischer Anachoreten der Sketis, des heutigen Wâdi n-Natrûn etwa auf
halber Strecke der Wüstenstraße zwischen Kairo und Alexandria, und in einem Fall der
nördlich davon gelegenen Kellia als Hinführung zur monastischen Vollkommenheit. Die
Vorrede des zweiten Teils5 richtet sich an Honoratus,6 Gründer und Leiter des Inselklosters von Lérins vor dem heutigen Cannes, später dann Bischof von Arles, und an Eucherius,7 Mitglied der dortigen Gemeinschaft, der sodann Bischof von Lyon wurde. Von
letzterem weiß der Autor, daß dieser die Absicht hatte, die Mönche Ägyptens aufzusuchen; um ihm die gefahrvolle Reise zu ersparen, verweist ihn Cassian auf die folgenden
sieben Unterredungen mit drei ägyptischen Mönchsvätern, auf die er zu Anfang seines
eigenen Aufenthalts in jenem Land gestoßen war. Die weiteren Ausführungen8 zeigen,
3 Inst. V, 1 (81 f., das Zitat 81,17-22).
4 Conl. I, praef. (CSEL 13, 3-5); Conl. XI, praef. (311 f.). Zur wohl nicht entscheidbaren Frage, wo Helladius Bischof war (in Arles, vor Honoratus?), vgl. STEWART, Cassian 153, Anm. 161.
5 Conl. XI, praef. (311 f.).
6 Vgl. KASPER, C.: Honoratus von Arles. In: Lexikon der antiken christlichen Literatur (LACL). FreiburgBasel-Wien 32002, 341 f. (Lit.).
7 Vgl. KASPER, C.: Eucherius (von Lyon). In: LACL 234 f. (Lit.).
8 Conl. XI, 1-3 (314-316).
Unter den Fuß gebracht
Todesleiden und Triumph der franziskanischen Märtyrer von
Marokko 1220
JÜRGEN WERINHARD EINHORN
Im Rahmen seiner Forschungen zur franziskanischen Frühgeschichte hat Dieter BERG
der Franziskanermission in der islamischen Welt eine eigene Studie gewidmet.1 Besondere Bedeutung gewinnen solche Untersuchungen durch die allgegenwärtige Diskussion über die Konkurrenz der Religionen und Kulturen. Dem Verfasser des vorliegenden
Beitrags wurden Todesleiden und Triumph franziskanischer Märtyrer unmittelbar anschaulich, als er auf einer Dokumentationsreise zu ehemaligen Klöstern der Franziskanerprovinz Saxonia2 in der Stadt Kamenz in Ostsachsen vor einen spätgotischen Flügelaltar trat, der die propagatio fidei programmatisch vor Augen stellt. Diese Art der Präsentation ist, wie das in Anhang I angefügte Verzeichnis der Darstellungen in zeitlicher
Folge zeigt, innerhalb der franziskanischen Ikonographie nahezu singulär. Deshalb gilt
das Hauptaugenmerk vorliegender Untersuchung dem Kamenzer Bildzeugnis und einer
Bildparallele in einem franziskanischen Graduale (Abb. 1 und 2). Der Konvent zu Kamenz liegt im Gebiet der Saxonia-Kustodie Goldberg, ist aber eine konkurrierende
Gründung der böhmischen Observantenprovinz.
1 Eine Klosterkirche der Observanten und ihre Ausstattung
Zur Erstausstattung der ehemaligen Franziskanerkirche St. Annen im ostsächsischen
Kamenz gehört neben einem „Franziskusaltar“, nach 1512, der sogenannte „Heilandsaltar“, heute an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffs aufgestellt, ein Wandelaltar mit
geschnitztem Schrein und ebenfalls skulpierten Innenseiten der Flügel, die außen als
Tafelbilder gestaltet sind [Verzeichnis-Nr. 25]3. Der Altar ist auf 1513 datiert. Alfred
SIMON nennt ihn eine unter mittelfränkischem Einfluss entstandene Oberlausitzer Ar1 BERG, D.: Kreuzzugsbewegung und propagatio fidei. Das Problem der Franziskanermission im 13. Jahrhundert und das Bild von der islamischen Welt in der zeitgenössischen Ordenshistoriographie. In: ZIMMERMANN, A. (Hrsg.): Orientalische Kultur und europäisches Mittelalter. Berlin-New York 1985 (Miscellanea Medievalia, 17) 59-76; Wiederabdruck in: BERG, D.: Armut und Geschichte. Studien zur Geschichte
der Bettelorden im Hohen und Späten Mittelalter. Kevelaer 2001 (Saxonia Franciscana, 11) 35-47.
2 Diese Reisen unternahmen Dr. Roland PIEPER und der Autor in Sommermonaten der Jahre 2001 bis 2003,
um Bild- und Textzeugnisse noch (teil)erhaltener franziskanischer Baudenkmäler und ihrer Ausstattung
zu erheben, im Auftrag und für Publikationen des Instituts für franziskanische Geschichte (Saxonia),
Münster, deren Leiter Herr Prof. BERG ist.
Für die fotografischen Vorlagen der Abb. 1 und 2 danke ich Herrn Dr. PIEPER und Herrn Dr. Dieter
KUDORFER, Bayerische Staatsbibliothek München.
3 Anhang I: Verzeichnis der Darstellungen in zeitlicher Folge, mit zugehöriger Literatur.
448
Jürgen Werinhard Einhorn
beit.4 Nach Katja MIETH sind schlesische Einflüsse unverkennbar und böhmische Initiativen zur Erstausstattung der Kirche nachgewiesen.5
Ist schon die Begegnung mit einer gut erhaltenen Klosterkirche in der strengen
Einfachheit der Observantenbauten besonders eindrücklich, so auch die Tatsache, dass
das Stadtregiment nach der Reformation den größten Teil der Innenausstattung am ursprünglichen Ort beließ.6 Das Altarwerk mit den Flügeln nur einer Wandlung überrascht
durch seine Bildthemen und deren Ausführung. Im Mittelschrein stehen drei Ganzfiguren statuarisch nebeneinander: Christus in der Mitte, aus Sicht des Betrachters links
Franziskus von Assisi, rechts Bernhardin von Siena. Die skulpierten Innenseiten der
Flügel zeigen in jeweils zwei Feldern übereinander: im linken Flügel oben einen hl.
König (Sigismund?) und einen hl. Bischof (Willibrord?) mit einem Weinfässchen in der
Rechten, unten Antonius von Padua und Klara von Assisi, im rechten Flügel oben einen
hl. Kaiser oder König mit goldenem Hermelinmantel (Karl der Große? Ludwig IX. von
4 SIMON, A.: Die figürliche Plastik der Oberlausitz von ihren Anfängen bis um 1530. Reichenau i. Sa. 1925,
27.
5 MIETH, K.: Verflechtung östlicher und westlicher Elemente: Bemerkungen zur Ausstattung des Franziskanerobservantenklosters St. Anna in Kamenz (Oberlausitz). In: POPP, D. / SUCKALE, R. (Hrsg.): Die Jagiellonen. Kunst und Kultur einer europäischen Dynastie an der Wende der Neuzeit. Nürnberg 2002, 167177, hier 173-175; vgl. auch K. MIETH laut Tagungsbericht von KINGA, G.: Die Kunst in der Oberlausitz
während der Jagiellonenherrschaft. In: Kunstchronik 55 (2002) 392-396, hier 394 f.
6 Erhalten sind am Ort außerdem der Choraltar „Annenaltar“ von 1521/26, ein zweiter, als „Sippenaltar“
bezeichneter Annenaltar im südlichen Seitenschiff, der „Franziskusaltar“ am Abschluss des südlichen Seitenschiffs; in der Kamenzer Kirche St. Just ein Marienkrönungsaltar, um 1500; in einem Magazin am Ort
ein in der Stigmatisation kniender Franziskus (OEXLE, J. / BAUER, M. / WINZELER, M. [Hrsg.]: Zeit und Ewigkeit. 128 Tage in St. Marienstern. Katalog der ersten Sächsischen Landesausstellung. Halle a.d. Saale
1998, 1.61, Abb. S. 62) sowie vier weitere Einzelfiguren eines Franziskusretabels (GURLITT, C.: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen, 36: Die Städte Kamenz und Pulsnitz. Dresden 1912, Abb. 214; MIETH, Verflechtung 170, Abb. 4). Die Skulpturensammlung
des Albertinum Dresden, heute in der Albrechtsburg Meißen (aus der Sammlung des Sächsischen Altertumsvereins), besitzt Holzskulpturen des Hieronymus und des Bonaventura, die der Rat der Stadt Kamenz aus dem Besitz der Stadtkirche (aus der Klosterkirche übernommen?) dem Altertumsverein geschenkt hat (WANCKEL, O. / FLECHSIG, E. [Hrsg.]: Die Sammlung des Sächsischen Altertumsvereins in ihren Hauptwerken. Dresden 1900, 44a; HENTSCHEL, W.: Sächsische Plastik um 1500. Dresden 1926, 46,
Abb. 61a/b; GURLITT, Kamenz Abb. 215, 216; MIETH, Verflechtung 173, Abb. 9 und Farbtaf. II).
Die Erhaltung der Altäre, des sonstigen Kirchenschmucks und der Vasa sacra hatte eine Kapitelsversammlung zu Bechin bei Übergabe von Kirche und Kloster an den Rat zur Bedingung gemacht
(KNOTHE, H.: Die Franziskanerklöster zu Löbau und Kamenz. In: Beiträge zur Sächsischen Kirchengeschichte 1 [1882] 99-124, hier 123 f.). Zwischenzeitlich war nur einer der Altäre im Kirchenraum verblieben; so BOETTICHER, W. von: Beiträge zur Geschichte des Franziskaner-Klosters zu Kamenz. In: Neues
Lausitzisches Magazin 72 (1896) 236-272, hier 255, für das Jahr 1896. Nähere Angaben über die Aufstellung bei GURLITT, Kamenz 167-187, und MIETH, K.: Die spätgotischen Flügelaltäre in der Klosterkirche St.
Anna zu Kamenz. In: Beiträge zur Heimatkunde der Westlausitz 5 (1993) 13-42, hier 17 f., sowie MIETH,
Verflechtung 169 f. Die heutige Aufstellung datiert seit etwa 1925/30: MAGIRIUS, H.: Die Klosterkirche St.
Anna in Kamenz. In: Beiträge zur Heimatkunde der Westlausitz 7 (1995) 3-16, hier 15. Dass mit der Reformation nicht eo ipso ein Bildersturm einherging, ist differenziert gezeigt in: BLICKLE, P. u. a. (Hrsg.):
Macht und Ohnmacht der Bilder. Reformatorischer Bildersturm im Kontext der europäischen Geschichte.
München 2002 und in: BULISCH, J. u. a. (Hrsg.): Kirchliche Kunst in Sachsen. Festgabe für H. Mai, Beucha 2002.
Las Ordenes mendicantes y el proyecto
de conversión de los musulmanes
CARLES RABASSA I VAQUER
Entre las novedades que las órdenes mendicantes aportan a la espiritualidad del siglo
XIII ocupa un lugar importante la revitalización del afán evangelizador. Se abre una
nueva frontera misionera que trata de extender la religión cristiana hacia nuevos pueblos y culturas, exteriores a Europa, que hasta este momento habían permanecido al
margen de estos planteamientos. Se trata de una nueva actitud que traduce tanto el
dinamismo expansivo que caracteriza a la cristiandad latina del siglo XIII, como las
nuevas posibilidades que se abren como consecuencia del intenso desarrollo producido
durante las dos centurias anteriores. Este proceso general afecta a todas las fronteras de
la cristiandad, ya que responde a las características de esta Europa que hacia el siglo
XIII está completando su proceso de formación. Una de sus traducciones concretas es
el intento de poner en marcha una campaña de evangelización dirigida a la conversión
de los musulmanes, que por vez primera va a plantearse como objetivo a realizar desde
algunos sectores de la intelectualidad cristiana. Constituye un flanco más de la expansión europea, una de sus fronteras, la meridional a lo largo del Mediterráneo, donde
entra en contacto con una religión rival, la del “otro” por excelencia representado por
los musulmanes. Para comprender el verdadero alcance de esta nueva actitud hay que
situarla en el clima social, político, cultural y religioso de la plenitud medieval alcanzada en el siglo XIII.1
Precisamente quienes mejor van a representar esta nueva actitud misionera son
las órdenes mendicantes nacidas en los primeros años del siglo XIII. Estrechamente
vinculadas a las realidades de su siglo, a las economías y sociedades urbanas donde
arraigan, son las portadoras del nuevo espíritu: proponer un ambicioso proyecto orientado a acabar con la religión islámica mediante la conversión de los musulmanes al
cristianismo. Sabemos que el proyecto era una simple ilusión condenada al fracaso.
Respondía básicamente al contexto de supremacía militar y económica cristiana que
conducía de manera natural al intento de traspasar también esta supremacía al ámbito
religioso-cultural. El objetivo de la presente aportación, sin embargo, no se dirige al
estudio concreto de la historia de estos proyectos evangelizadores, sino a una reflexión
general sobre las condiciones que permiten este cambio de actitud hacia los musulmanes representado por los programas misioneros adoptados por las órdenes mendicantes. Ello exige empezar repasando la actitud de la intelectualidad cristiana frente al
mundo islámico para valorar adecuadamente el significado de este cambio de actitud.2
1 Para el contexto general de la expansión y su significado en la “formación de Europa” BARTLETT, R.: The
Making of Europe. Conquest, Colonization and Cultural Change, 950-1350. Londres 1994.
2 Sobre la acción evangelizadora de las órdenes mendicantes ALTANER, B.: Die Dominikanermissionen des
13. Jahrhunderts. Habelschwerdt 1924 y DANIEL, E.R.: The Franciscan concept of mission in the high
Middle Ages, Lexington. Kentucky, 1975. Más en general sobre el proceso conversor BURNS, R.I.: Chris-
Las Ordenes mendicantes y el proyecto de conversión de los musulmanes
485
La religión cristiana ante al islam
Para poder contextualizar correctamente el proyecto concebido por franciscanos y dominicos de extender el mensaje cristiano hacia los pueblos musulmanes conviene que
antes repasemos sus posibles antecedentes. El primer elemento que llama la atención es
que antes del siglo XIII no se pueden documentar en la literatura ni en la praxis cristiana esfuerzos serios en este sentido. Ello es tanto más llamativo cuanto que la iglesia
altomedieval se caracteriza fundamentalmente por su vocación evangelizadora de extender el mensaje cristiano hacia los paganos. Sin embargo ante los musulmanes, que
por otra parte han pasado a dominar extensas áreas que antes habían sido cristianas, la
actitud es radicalmente diferente: ningún intento serio de tratar de tratar de atraerlos
hacia la fe cristiana, sino que en su lugar hallamos una actitud puramente defensiva que
se expresa en la más absoluta denigración de la religión islámica.
Este rechazo extremo conduce a la construcción de una imagen terriblemente deformada en una literatura clerical militantemente antimusulmana. Son precisamente los
exabruptos y la grosera deformación de la realidad islámica el elemento que más ha
llamado la atención de los historiadores que se han ocupado del tema. Lejos de analizar
la religión islámica, sus creencias, orígenes, prácticas y teología como lo que era, una
religión monoteísta que en sus orígenes bebe en fuentes muy cercanas a las del cristianismo, se concibe el Islam como un castigo de Dios, un mal absoluto, la bestia del
Apocalipsis, el “monstruo teológico” en acertada definición de M. BARCELÓ.3
Hay que destacar que esta labor de deformación comienza muy pronto, y en ella
no juega tanto el desconocimiento de la realidad islámica como la voluntad propagandística. Porque estos mitos denigrantes sobre el islam y los musulmanes no se desarrollan fundamentalmente entre los clérigos europeos que tienen una visión lejana – y por
tanto deformada – de la realidad islámica, sino sobre todo en las zonas donde hay contacto, como puede ser el Próximo Oriente y norte de África antes bizantinos o entre
algunos clérigos mozárabes de la Península Ibérica durante el siglo IX. De hecho en el
occidente romano-germánico Ph. SÉNAC ha destacado el silencio con el que las fuentes
tian-Islamic Confrontation in the West: The Thirteenth-Century Dream of Conversion. En: The American
Historical Review 76 (1971) 1386-1434 y BURNS, R.I.: The Missionary Syndrome: Crusader and Pacific
North-west Religious Expansionism. En: Comparative Studies in Society ant History 30-2 (1988) 271-285.
3 La construcción de la imagen deformada del islam por parte de los clérigos altomedievales cuenta con
una amplia bibliografía desde inicios de la década de los sesenta: DANIEL, N.: Islam and the West: The
Making of an Image. Edinburgh 1960 y Heroes and Saracens. An interpretation of the Chansons de
Geste. Edimburgo 1984; SOUTHERN, R.W.: Western views of Islam in the middle ages. Cambridge Mass.
1962; WALTZ, J.: Western European attitudes toward the Muslims before the Crusades. Londres-Ann Arbor 1963; WAARDENBURG, J.J.: L’Islam dans le miroir de l’Occident. París 1963; MULDOON, J.: Popes, lawyers and infidels: the Church and the non-Christian World, 1250-1550. Filadelfia 1979; SÉNAC, Ph.:
L’image de l’autre. Histoire de l’occident médiéval face à l’Islam. París 1985; LEWIS, B.: The muslim discovery of Europe. Londres 1982 y LEWIS, B.: Islam and the West. New York 1993; WATT, W.M.: MuslimChristian ecounters. Perceptions and misperceptions. Londres 1991; el libro colectivo Medieval Christian
Perceptions of Islam: A Book of Essays. New York 1996 (ed. J. TOLAN) y de este mismo autor Saracens:
Islam in the Medieval European Imagination (622-1583). New York 2000. La expresión “monstruo teológico” en BARCELÓ, M.: “...Per sarraïns a preïcar...” o l’art de predicar a audiències captives». En: Estudi
General 9. El debat intercultural als segles XIII i XIV. Girona 1989, 117-132.
Radikales Christentum im Judentum
JOHANNES SCHREIBER
„Radikales Christentum” und dann: „im Judentum”? Was ist gemeint? Beide Formulierungen sind vorweg in der von mir gemeinten Bedeutung darzulegen (I), um sodann
zeigen zu können, weshalb und inwieweit im ältesten Evangelium, dem des Markus,
beides beobachtet werden kann (II). Zum Abschluß erlaube ich mir den Versuch einer
Aktualisierung in praktisch-theologischer Perspektive (III).
I
I.1 Im Rückblick über 2000 Jahre hinweg kann der Historiker auf die Frage, ob es
radikales Christentum im Judentum gegeben hat, mancherlei Antworten geben. Die
jüngsten Debatten zum Verhältnis des Christentums zum Judentum, kontrovers und
vielschichtig, waren hintergründig oder auch offenkundig von der Frage bestimmt, ob
und wie das christliche Europa an den Verbrechen der Nazi-Diktatur mit schuldig sei.
Diese wissenschaftlichen Debatten, die dann den Vatikan, aber auch evangelische Landessynoden zu Stellungnahmen gezwungen haben, sind angesichts der Geschichte der
Kirche durchaus verständlich und also grundsätzlich zu bejahen, zumal die jüngere
Generation durch das Echo in den Medien oft zum ersten Mal in ihrem Leben auf das
gegebene Problem aufmerksam gemacht wurde. Diese Debatten werden jedoch hier
und jetzt nicht berücksichtigt, weil in ihrem Verlauf die genaue historische Betrachtung
im jeweils konkreten Fall mitunter durch Zeitbedingtes behindert wurde. Die zum
Abschluß vorgesehene Aktualisierung (s. o.) wird, so hoffe ich, umgekehrt das nur
Zeitbedingte durch historische Einsicht behindern und also Bleibendes fördern.
Deshalb wird auch auf die Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen, auf
Anmerkungsapparat und alle Sekundärliteratur, die anderwärts in meinen Büchern zum
Markusevangelium, wie es sich gehört, ausführlich zum Zuge gebracht wurde, verzichtet. Dennoch wirkt in dieser Abhandlung der komplexe Kontext historisch-kritischer
Exegese stets als stiller Begleiter, weil die Leistung eines Exegeten im Unterschied zu
allen anderen für die folgenden Darlegungen von grundlegender Bedeutung ist. William
Wrede (1856-1906) hat mit seinem epochalen Buch „Das Messiasgeheimnis in den Evangelien” aus dem Jahre 1901, das in 4. Auflage unverändert 1969 zuletzt erschien, die
inzwischen vielfach bewährte, gleich kurz angedeutete und im Abschnitt II praktizierte
Methode etabliert und mit ihr eine Geheimnistheorie, die das Markusevangelium paradox strukturiert, entdeckt.
I.2 Bei dem folgenden Versuch, radikales Christentum im Judentum beim Markusevangelisten nachzuweisen, ist der Blick streng auf den Augenblick gerichtet, in dem er
sein Evangelium niederschrieb; der von ihm formulierte Text ist die Grundlage der Ausführungen, sonst nichts. Ganz wie Wrede frage ich nie, so interessant und wichtig sol-
500
Johannes Schreiber
che Fragestellung auch für Wrede im Nachhinein zweifellos war und auch für uns heute
gewiß ist, welche Traditionen vom Markusevangelisten verarbeitet wurden, was historisch glaubhaft, womöglich tatsächlich geschehen, vielleicht wahrscheinlich oder ganz
unwahrscheinlich ist. Vielmehr wird gemäß Wredes Forschungsansatz vorweg und jenseits dieser Fragestellung im Abschnitt II ausschließlich auf die von Markus gestaltete
besondere Form und den damit gegebenen besonderen Inhalt seines Evangeliums geachtet, um die Stimme dieses antiken Autors unbeeinflußt von anderen Meinungen
hörbar zumachen. Deshalb bleiben auch andere urchristliche Zeugnisse zum Thema
(mit einer einzigen, gleich vorgeführten Ausnahme) ganz beiseite. Das gilt sogar für die
nachfolgenden Evangelien des Matthäus, Lukas und Johannes; sie haben ihre eigene
Aussage in ihrer Zeit, sind also an sich vorzüglich geeignet, im Vergleich das Besondere
des Markus zu unterstreichen. Sie müssen aber in einem bewußt knapp gehaltenen
Festschriftbeitrag im Abschnitt II dafür nicht, sondern erst in Abschnitt III in anderer
Hinsicht kurz berücksichtigt werden. Meine Hypothese geht somit dahin, daß man mit
Wredes Methode des genauem Hinhörens auf den Wortlaut des Markusevangeliums
und im Rahmen der so von ihm entdeckten Geheimnistheorie des Markus diesen als
Vertreter eines Christentums erlebt, dessen besondere Radikalität man erst dann und
nur dann erkennen kann, wenn man seine Verankerung im Judentum seiner Umgebung
beachtet: Markus vertritt ein radikales Christentum im Judentum seiner Zeit.
I.3 Und nun die angekündigte Ausnahme, die ich mache, weil sie meine eben benannte Hypothese vor allen Einzelausführungen nahelegt; radikales Christentum im Judentum ist keineswegs nur im Markusevangelium, sondern schon in den vorhergehenden
ältesten Dokumenten des Urchristentums, in den Briefen des Apostel Paulus, zu beobachten. Der sprichwörtlich vom Saulus zum Paulus Mutierte verfolgte die ersten Christen als frommer Jude fanatisch und bekannte dann als zum Christentum Bekehrter, der
seine tadellose jüdische Existenz nachträglich als „Dreck” ansah (Philipperbrief 3,8), in
seinem Römerbrief (11,17-24) gleichwohl, Israel sei der Ölbaum, an dem die natürlichen
Zweige (die Juden!) von Gott ausgebrochen und wilde (die Heiden als Christen!) eingepfropft worden seien – um eventuell wie die natürlich gewachsenen Zweige wieder
herausgebrochen und durch diese wiederum ersetzt zu werden! Der Apostel hat oft und
drei lange Kapitel in seinem Römerbrief (9-11) über das Schicksal Israels nachgedacht
und damit Debatten ausgelöst, die bis heute andauern. Die tiefgründigen Gedanken des
Apostels und erst recht die dadurch ausgelösten Debatten lasse ich ganz beiseite (s. o.)
und verweise nur auf die eben angedeutete Radikalität der Aussagen des Apostels. Sein
Christentum ist in scharfer Auseinandersetzung mit dem Judentum seiner Herkunft dennoch im Judentum verankert: Das Geschick der Zweige ist offen, aber der Ölbaum
bleibt. Denkt Markus ebenso oder ähnlich?
II
II.1 Markus schreibt das Evangelium von Jesus Christus (1,1). Dieser Christus unterzieht sich, so rückt Markus ihn bei seinem ersten Auftritt uns vor Augen, als „Jesus aus
Nazareth in Galiläa” ganz wie alle Juden der Bußtaufe zur Vergebung der Sünden durch
Aufklärung und Judenemanzipation
WOLFGANG MARIENFELD
Im Jahre 1781 erschien bei Friedrich Nicolai in Berlin, einem Verleger aufklärerischer
Schriften, ein Buch, das trotz seines bescheidenen Umfanges (154 Seiten) und seines
zurückhaltend formulierten Titels großes Aufsehen erregte und eine weitreichende historische Wirkung erzielte. Es hieß: „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ und
stammte aus der Feder eines preußischen Beamten, zu diesem Zeitpunkt Geheimer
Kriegsrat: Christian Wilhelm DOHM. Das Buch löste eine Fülle von Rezensionen aus, mit
denen sich der Autor 1783 in einem zweiten Band auseinander setzte. Schon 1782 wurde es ins Französische übersetzt und hat den französischen Aufklärer Graf Mirabeau zu
einer analogen Publikation veranlasst. Die Bedeutung von DOHMs Buch wird auch daran ablesbar, dass 1973 beide Bände in einer Faksimileausgabe nachgedruckt wurden
und dass auch die französische Übersetzung von 1782 im Jahre 1984 eine Neuauflage
erfuhr.1
DOHM unterzieht in seinem Buch die überkommene Judenpolitik der europäischen Staaten einer scharfen Kritik, ohne dabei die religiöse Kontroverse inhaltlich zu
analysieren: „Diese Politik ist ein Überbleibsel der Barbarei der verflossenen Jahrhunderte, eine Wirkung des fanatischen Religionshasses, die der Aufklärung unserer Zeiten
unwürdig ist.“ Er hatte hierbei auch die preußische Judenordnung von 1750 vor Augen:
„Das Revidierte Generalprivilegium und Reglement für die Judenschaft im Königreich“,
das – obwohl von einem Aufklärer auf dem Thron erlassen – mit seinen vielfältigen
Beschränkungen jüdischer Lebensmöglichkeiten doch so wenig dem Geist der Aufklärung entsprach. Es hob sich deutlich von dem sehr viel liberaleren Edikt des Großen
Kurfürsten ab, mit dem dieser 1671 nach der Vertreibung der Juden aus Brandenburg
1573 die Ansiedlung von 50 jüdischen Familien aus Wien gestattet hatte: Freies Niederlassungs- und freies Handelsrecht, freies Miet-, Bau- und Kaufrecht, keine Zahlenbegrenzung bei der Vererbung des Schutzbriefes. In dem Generalprivileg von 1750 gab es
überall erhebliche Einschränkungen: so durfte der Schutzbrief nur einem Erben übertragen werden, und viele Juden mussten Berlin sogar verlassen. In einem umfänglichen
Beweisgang durch Religion und Geschichte, durch jüdisches Familien- und Gemeindeleben stellt DOHM heraus, dass sich Juden und Christen ungeachtet des religiösen Gegensatzes in ihrem Wesen glichen: „Der Jude ist noch mehr Mensch als Jude ... Der moralische Charakter der Juden ist, so wie der aller Menschen, der vollkommensten Ausbil1 DOHM, C.K.W.: Über die bürgerliche Verbesserung der Juden. Zwei Teile in einem Band. Hildesheim
1973, hier 35, 39, 92, 110, 130. Im Anhang ist eine Dissertation aus dem Jahre 1891 abgedruckt: REUSS,
F.: Christian Wilhelm Dohms Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ und deren Einwirkung auf die gebildeten Stände Deutschlands. Vgl. zu DOHM auch seine Memoiren: Denkwürdigkeiten
meiner Zeit. Lemgo-Hannover 1815 ff., in denen der Autor in Band II 284 f. aber nur in einer Fußnote
auf sein Werk eingeht.
Dohm (1751-1820) wurde trotz seiner heftigen Kritik an der preußischen Judenpolitik von König Friedrich Wilhelm II. geadelt.
Aufklärung und Judenemanzipation
525
dung und der unglücklichsten Verwilderung fähig und der Einfluss der äußeren Lage ...
hierbei nur zu sichtbar.“ Die Bedingungen der äußeren Lage werden besonders hervorgehoben, um dem Leser erklärbar zu machen, was ihn am Juden befremdet.
„Alles, was man den Juden vorwirft“ – DOHM denkt hierbei an Hausierhandel,
Trödelhandel, Geldhandel und Pfandleihe, aber auch an Gaunerei und Kriminalität
insbesondere unvergleiteter, d. h. schutzbriefloser und damit zum Vagabundieren gezwungener Juden2 – „ist durch die politische Verfassung, in der sie jetzt leben, bewirkt,
und jede andere Menschengattung, in dieselben Umstände versetzt, würde sich sicher
eben derselben Vergehungen schuldig machen.“
Aus all dem wird der Schluss gezogen, die Institution des sog. Schutzjudentums
zu beseitigen (die zeitlich und örtlich, beruflich und sozial eingeschränkte, jederzeit
widerrufbare Duldung als Fremde) und den Juden „vollkommen gleiche Rechte mit allen
übrigen Untertanen“ zu gewähren: „Sie sind fähig, die Pflichten derselben zu erfüllen,
und dürfen also auf gleich unparteiische Liebe und Vorsorge des Staates gerechten Anspruch machen.“ Zu den Vorsorgemaßnahmen rechnet DOHM auch der bisher auf den
Waren- und Geldhandel eingeschränkten Beschäftigung der Juden entgegenzuwirken
und Anreize zur beruflichen Normalisierung zu geben, d. h. Handwerk und Ackerbau
zu fördern. Im Sprachgebrauch der Zeit heißt das die Juden zu „produktivieren“. Grenzen der bürgerlichen Gleichberechtigung – später Emanzipation genannt – sieht DOHM
für eine begrenzte Zeit nur bei der Vergabe öffentlicher Ämter. DOHM beschließt seinen
Beweisgang und Aufruf mit einer hoffnungsvollen Zukunftsperspektive: „Ich wage es
sogar, demjenigen Staat Glück zu wünschen, der zuerst diese Grundsätze in Ausübung
bringen wird. Er wird sich aus seinem eigenen Mittel neue treue und dankbare Untertanen bilden; er wird seine eigenen Juden zu guten Bürgern machen, wenn er nur anfängt, sie als solche zu behandeln.“
DOHMs Wahrnehmungsperspektive für das Judentum manifestiert sich in dem oben zitierten Satz: „Der Jude ist noch mehr Mensch als Jude.“ Dieser Satz könnte verstanden werden als ein von der Religion abgelöstes humanistisches Postulat im Sinne
einer alle Menschen verbindenden gemeinsamen Menschennatur. Tatsächlich aber ist in
ihm die Religion einbezogen – einbezogen in einem aufklärerischen Verständnis. „Vernunftreligion“ oder „natürliche Religion“ sind hierfür die leitenden Begriffe. Und sie
besagen, dass es oberhalb gruppengebundener oder zeitbedingter Glaubensüberzeugungen und religiöser Rituale überzeitliche religiöse Wahrheiten gibt, die der Vernunft
erschließbar sind und die den gemeinsamen Kern der monotheistischen Religionen
ausmachen. Im Zentrum steht dabei die Gotteserkenntnis als Erkenntnis der moralischen Gesetze im Menschen selbst und das Verständnis des wahren Gottesdienstes als
gelebte Moralität. Moralische Gesinnung und moralisches Handeln markieren Gottesnähe oder Gottesferne. KANTS Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen
2 Vgl. hierzu GLANZ, R.: Geschichte des niederen jüdischen Volkes in Deutschland. Eine Studie über
historisches Gaunertum, Bettelwesen und Vagantentum. New York 1968. – KÜTHER, C.: Räuber und
Gauner in Deutschland. Das organisierte Bandenwesen im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Göttingen
1976.
Vgl. auch den höchst selbstkritischen „Entwurf der am Juden zu verbessernden Gegenstände“, den Leopold ZUNZ 1819 in den „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“ einbrachte. In: ELON, A.: Zu einer
anderen Zeit. Porträt der jüdisch-deutschen Epoche 1743-1933. München 2003, 117 ff.
Auf dem Weg zu Kanonissen und Kanonissenstift.
Ordnungskonzepte der weiblichen vita religiosa
bis ins 9. Jahrhundert
FRANZ J. FELTEN
„Mehr noch als sein männliches Gegenstück ist das Kanonissenstift in seinen Funktionen und Wirkungen verkannt und in der Forschung vernachlässigt worden.“ So heißt es
gleich zu Beginn des Vorworts, mit dem unlängst Irene CRUSIUS ihren Sammelband
„Studien zum Kanonissenstift“ einleitete.1 Schuld daran seien u. a. die Klosterreformer
des 10. und 11. Jahrhunderts, deren negatives Urteil, „Kanonissenstifte seien verderbte
Klöster“2 auch die historische Forschung beeinflußt habe, so daß die Frauenstifte weniger Aufmerksamkeit fanden3 und „man selbst in der aktuellen Diskussion geneigt ist,
mit der benediktinisch gefärbten Brille zu sehen und zu urteilen“4; dagegen wollte sie
mit ihrem eigenen Beitrag „Sanctimoniales quae se canonicas vocant. Das Kanonissenstift als Forschungsproblem“ ein „Gegengewicht setzen“5 und sparte daher nicht mit
Kritik an der bisherigen Forschung. Sie wandte sich nicht nur gegen den Gebrauch des
Begriffs 'Kloster' „in schlichter Übersetzung der Quellenterminologie“, wenn damit nicht
explizit benediktinische Formung gemeint sei, sondern sprach „für die Zeit nach 816
generell von Kanonissenstiften und nicht etwa von Klöstern oder unentschieden von
Frauenkommunitäten, -gemeinschaften“. Ihre Begründung: „Die Aachener Reformgesetzgebung hat nun einmal normativ zwischen sanctimoniales canonice viventes und
Benediktinerinnen unterschieden. Sie vollendete damit die Reformbestrebungen der
Konzilien Karls des Großen, die u. a. bereits die Termini canonica, monasteria canonicarum, sanctimoniales canonice viventes, sanctimoniales quae se canonicas vocant
gebrauchen“.6
Dieser Sprachgebrauch der Kapitularien und Konzilien aus der Zeit Karls des
Großen soll hier genauer untersucht werden, um zu zeigen, wie eine Vielfalt von For1 Göttingen 2001 (VMPIG, 167; Studien zur Germania sacra, 24) 6.
2 Vgl. auch ebd. 11 f., 29 mit Anm. 86. Der dort genannten Lit. könnte selbst P. TORQUEBIAU hinzugefügt
werden, der sich intensiv und differenziert mit den ‚Kanonissen’ aller Zeiten befaßt (DDC 2, 1942, Sp.
488-500 s.v. chanoinesses), gleichwohl aber in Erwägung zieht, daß die kleinen „monastères dégénérés“,
die Karl der Große 789 im Auge hatte (s. unten S. 557 mit Anm. 43 mit anderer Interpretation) sich lieber der milderen Kanonissenregel unterstellten, als es diese gab, als den Anforderungen der Benediktsregel und darin die zweite Wurzel der Kanonissen sieht, neben den Frauen, die ein religiöses Leben in
der Welt, außerhalb der Klöster führten (Sp. 493).
3 Vgl. ihre scharfe Kritik an der Helvetia Sacra, in Kanonissenstift 30.
4 Ebd.
5 Ebd. 29.
6 Ebd. 30 f. Sie verweist freundlicherweise auf meine knappen Bemerkungen in einem Beitrag zu diesem
Band, der einen anderen Schwerpunkt hatte (Wie adelig waren Kanonissenstifte [und andere weibliche
Konvente] im [frühen und hohen] Mittelalter?, 39-128), mit denen ich die Erweiterung des Blicks begründete (40-44).
552
Franz J. Felten
men der weiblichen vita religiosa allmählich begrifflich und normativ geordnet wurde,
bis schließlich die weiblichen Konvente um zwei Pole gruppiert wurden, die auf der
normativen Ebene durch die Lebensform der vita regularis und der vita canonica bestimmt wurden. Weder ‚Nonnen' noch ‚Kanonissen‚ werden hier also als vorgegebene
Größen angesehen, die es seit der Spätantike gegeben hätte, für die man dann im Laufe
der Zeit diese oder jene Regelungen erließ7, sondern als Produkte intensiven Nachdenkens und Regelungsbestrebungen in einer relativ kurzen, für die Entwicklung aber entscheidenden Epoche. Durch genaue Analyse der normativen Texte der sog. karolingischen Reformen, die das gesamte semantische Feld religiosen Lebens beachten muß,
soll gezeigt werden, wie sich die Konzepte von ‚Nonnen’ und ‚Kanonissen’ als idealtypische Ausformungen weiblicher Gemeinschaften innerhalb eines größeren Formenreichtums im Zusammenspiel von Ordnungskonzepten und normierender Regelung,
sprachlich und realiter allmählich herausbildeten, als „gedachte Wirklichkeit“ im Sinne
Otto Gerhard OEXLEs8, in beständiger Wechselwirkung mit gesellschaftlicher Praxis9.
Donald E. BULLOUGH charakterisierte die karolingische Erneuerung insgesamt als „synthesis of ideology and administrative action“10. Im speziellen Fall der weiblichen vita
religiosa konnte man sich überdies auf voraufgehende Klärungsprozesse im männlichen
Religiosentum beziehen.
7 Vgl. noch die Definition der Kanonissen im LexMa 5, 1990: „Für die chr. Spätantike und das FrühMA
lassen sich K.n nicht anders definieren denn als Frauen, die ein religiöses Leben führten, das nicht an
eine monastische Gemeinschaft gebunden war. [...] Im Abendland erscheint der Begriff der ‚canonicae’
in den Kanones der karol. Konzilien und bezeichnet weibl. Religiose, die nicht als ‚regulares’ dem monast. Gemeinschaftsleben angehörten“ (Sp. 907, M. PARISSE). Vgl. auch den Art. Chanoinesses von P.
TORQUEBIAU in DDC 3, 1942, Sp. 488, der die Jungfrauen und Witwen, die verschiedene Motive daran
hinderten, die fromme Ruhe eines Klosters zu genießen, als canonicae faßt, im Gegensatz zu sanctimoniales (= Nonnen im Kloster). Canonicae dient ihm als Oberbegriff für mulieres religiosae, mulieres Deo
devotae, ancillae Dei, ancillae Christi, „religieuses dispersées dans le monde“, denen die kirchliche Autorität dann eines Tages, im 8. Jh., die Pflicht zu einem gemeinsamen Leben unter einer Regel auferlegt
habe, die milder gewesen sei als die der sanctimoniales: „ce seront les canonicae proprement dites“ (Sp.
488). Erinnert sei an die großzügige Inanspruchnahme aller möglichen Belege durch SCHÄFER, K.H.: Die
Kanonissenstifter im deutschen Mittelalter. Ihre Entwicklung und innere Einrichtung im Zusammenhang
mit dem altchristlichen Sanktimonialentum. Stuttgart 1907, ND Amsterdam 1965 (Kirchenrechtliche Abh.,
43/44) und die scharfe Kritik W. LEVISONs: Zur Geschichte der Kanonissenstifter. In: Westdeutsche Zeitschrift 27 (1908) 491-512, wieder in: DERS., Aus rheinischer und fränkischer Frühzeit. Düsseldorf 1948,
489-516.
8 Von den zahlreichen Arbeiten, in denen er diese kulturwissenschaftliche Betrachtungsweise in der
Mediävistik heimisch machte, sei hier nur auf einen neueren Aufsatz verwiesen: Die Entstehung politischer Stände im Spätmittelalter – Wirklichkeit und Wissen. In: BLÄNKNER, R. / JUSSEN, B. (Hrsg.): Institutionen und Ereignis. Über historische Praktiken und Vorstellungen gesellschaftlichen Ordnens. Göttingen 1998 (VMPIG, 138) 137-162, hier bes. 136-47, Zitat 154 f. mit Bezug auf Otto Hintze.
9 Vgl. die viel weitere Zeiten und Räume umspannenden Untersuchungen von JUSSEN, B.: Der Name der
Witwe. Erkundungen zur Semantik der mittelalterlichen Bußkultur. Göttingen 2000 (VPMIG, 158).
10 Carolingian Renewal. Manchester 1992, 141, zustimmend zit. von NELSON, J.L.: The sitting of the Council
at Frankfurt: Some Reflections on Family and Politics. In: BERNDT, R. (Hrsg.): Das Frankfurter Konzil von
794. Kristallisationspunkt karolingischer Kultur. Akten zweier Symposien (vom 23. bis 27. Februar und
vom 13. bis 15. Oktober 1994) anläßlich der 1200-Jahrfeier der Stadt Frankfurt am Main, Teil 1. Mainz
1997 (QuAbh Mrh KG, 80), 149-65, hier 153.
Belehren und Bekehren
Das Sante Francisken leben des Lamprecht von Regensburg
als Zeugnis franziskanischer Bildung, Seelsorge und Frömmigkeit
Mitte des 13. Jahrhunderts in Deutschland
CORNELIUS BOHL
Im Oktober 1221 kommen die ersten Minderbrüder von Italien nach Deutschland. Die
etwa 30 Männer hatten unter Leitung Cäsars von Speyer am Brenner die Alpen überquert und waren auf der alten Römerstraße zunächst nach Augsburg gelangt, wo sie
sich nach einem ersten Kapitel trennen: Während einige von ihnen in der Bischofsstadt
bleiben, ziehen andere über Würzburg nach Mainz, Worms, Speyer, Straßburg und
Köln, wieder andere nach Salzburg, eine dritte Gruppe schließlich bricht auf nach Regensburg. Es ist erstaunlich, wie rasch sich dann in den nächsten zwanzig Jahren franziskanisches Leben in Deutschland verbreiten und organisatorisch festigen wird. Mitte
der vierziger Jahre bestehen mit der Colonia (Germania inferior), Alemania (Germania
superior, später auch Argentina bzw. Straßburger Provinz genannt) und der Saxonia, die
sich im Osten bis Riga ausdehnt, drei selbständige Provinzen. Welch pastorale Ausstrahlung einzelne Minderbrüder gut zwei Jahrzehnte nach dem Beginn franziskanischen
Lebens diesseits der Alpen besitzen, mit was sie sich geistig-intellektuell auseinandersetzen, von was sie spirituell leben und welche auch politische Bedeutung sie inzwischen
innerkirchlich erlangt haben, all das vermag ein vielleicht etwas zufälliger Blick auf den
Regensburger Konvent Mitte der vierziger Jahre zu erhellen.1 Da gerät als erster der
nach seiner Geburts- und Sterbestadt benannte Volksprediger Berthold von Regensburg
in den Blick.2 Gemeinsam mit ihm und zwei Weltpriestern erscheint dort 1246 sein
Mitbruder David von Augsburg als päpstlicher Visitator der Reichsabteien Ober- und
Niedermünster. David, der folglich um diese Zeit der Regensburger Niederlassung angehört haben dürfte, ist bekannt als Autor eines umfangreichen geistlichen Handbuches
De exterioris et interioris hominis compositione, das aus seiner Tätigkeit als Novizen1 Allgemein zur franziskanischen Präsenz in Regensburg s. HILTL, F.: Das ehemalige Franziskanerkloster
Regensburg – St. Salvator. In: Bavaria Franciscana Antiqua, Bd. 2. München 1954, 7-43; HILZ, A.: Die
Minderbrüder von St. Salvator in Regensburg 1226-1810. Regensburg 1991.
2 Zu Berthold von Regensburg s. BANTA, F. G.: Berthold von Regensburg. In: Die deutsche Literatur des
Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearb. Auflage [VerfLex2], Bd. 1. Berlin-New York 1978, 817823; STEER, G.: Leben und Wirken des Berthold von Regensburg. In: 800 Jahre Franz von Assisi. Katalog
der Niederösterreichischen Landesausstellung 1982. Wien 1982, 169-175; DERS.: David von Augsburg und
Berthold von Regensburg: Schöpfer der volkssprachigen franziskanischen Traktat- und Predigtliteratur.
In: WEBER, A. (Hrsg.): Handbuch der Literatur in Bayern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Regensburg 1987, 99-110; PFEIFFER, F.: Berthold von Regensburg. Vollständige Ausgabe seiner Predigten.
Wien 1862 (Neudruck mit einem Vorwort von K. RUH, Berlin 1965); RICHTER, D. (Hrsg.): Berthold von
Regensburg. Deutsche Predigten (Überlieferungsgruppe *Z). München 1968; DERS.: Die deutsche Überlieferung der Predigten Bertholds von Regensburg. Untersuchungen zur geistlichen Literatur des Spätmittelalters. München 1969.
Belehren und Bekehren
575
meister erwuchs und Jahrhunderte lang bis in die Gegenwart eine breite Wirkungsgeschichte entfaltet hat. Mit seinen volkssprachlichen Traktaten markiert er den Beginn
einer deutschen geistlichen Prosa. Der von ihm als spiritus rector inspirierte „Augsburger Franziskanerkreis“ erstellt nicht nur spirituelle Literatur für eine sich geistlich emanzipierende Schicht von lateinunkundigen Frauen und Laien, sondern greift mit der Redaktion deutscher Rechtsbücher (Augsburger Sachsenspiegel, Deutschenspiegel, Schwabenspiegel) auch in das gesellschaftlich-politische Leben von Stadt und Reich ein.3 Mit
David und Berthold bzw. dem Regensburger Konvent dürfte um die Mitte des 13. Jahrhunderts dann noch ein weiterer literarisch tätiger Minderbruder in Beziehung stehen:
Lamprecht von Regensburg. Von ihm sind erhalten das Sante Francisken leben, eine
Übertragung der Vita prima des Thomas von Celano in mittelhochdeutsche Verse, sowie die Tochter Syon, ebenfalls eine deutsche Bearbeitung eines ursprünglich lateinischen Traktats, der in allegorischer Form die mystische Vermählung der Seele mit dem
himmlischen Bräutigam beschreibt.4 Ob diesen dreien dann vielleicht auch noch Werner von Regensburg zugeordnet werden kann, ein weiterer deutscher Minorit des 13.
Jahrhunderts, von dem einzig ein lateinischer Liber Soliloquiorum erhalten ist, muss
aufgrund der fehlenden Quellen offen bleiben.5
Zu Leben und Werk Lamprechts von Regensburg
Angaben zu Lamprechts Biographie können nur seinen beiden Werken entnommen
6
werden. Ungewiss sind Ort und Jahr seiner Geburt. Der Sprache nach ist er Bayer ,
Erziehung und Ausbildung hat er vorwiegend in Regensburg erhalten: „ze Regenspurc ist
er gezogen / almeistic und ouch anderswâ“ (313 f.). Die Übersetzung des Celano-Textes
zeigt, dass er die lateinische Sprache beherrschte. Als er am Francisk arbeitet, ist er
noch Laie, knappe: „diz hât gemacht in diutscher diute / als irz hie hoeret unde seht, /
3 Zu Leben und Werk Davids von Augsburg und dem Augsburger Franziskanerkreis s. RUH, K.: David von
Augsburg, in: VerfLex2 II. Berlin-New York 1980, 47-58; RUH, K.: David von Augsburg und die Entstehung eines franziskanischen Schrifttums in deutscher Sprache. In: RUH, K.: Kleine Schriften, Bd. 2. Hrsg.
v. V. MERTENS. Berlin-New York 1984, 46-67; RUH, K.: David von Augsburg. In: RUH, K.: Geschichte der
abendländischen Mystik, Bd. 2. München 1993, 524-537; BOHL, C.: Geistlicher Raum. Räumliche Sprachbilder als Träger spiritueller Erfahrung, dargestellt am Werk ‚De compositione’ des David von Augsburg.
Werl/Westf. 2000, 55-89.
4 Die kritische Edition liegt vor in WEINHOLD, K. (Hrsg.): Lamprecht von Regensburg: Sanct Francisken
Leben und Tochter Syon. Paderborn 1880, 53-231 (Text). Zitate aus dem Francisk werden im Folgenden
in Klammern nach der Verszählung WEINHOLDS angegeben.
5 Die anonyme Schrift wird erstmals 1347 im Bibliothekskatalog der Benediktinerabtei Prüfening (heute
Stadtgebiet Regensburg) einem frater Wirnherus de ordine Minorum zugeschrieben, dieser wiederum
mit dem für Regensburg bezeugten und nach 1290 gestorbenen lector Wernher identifiziert; vgl. BONMANN, O.: Wernher von Regensburg und sein Liber Soliloquiorum. In: Zeitschrift für Aszese und Mystik
12 (1937) 294-305; SOLIGNAC, A.: Werner de Ratisbonne. In: Dictionnaire de Spiritualité, Ascétique et
Mystique [DSp], Bd. 16. Paris 1994, 1369-1371; SCHLAGETER, J.: Werner von Regensburg. In: Lexikon des
Mittelalters, Bd. 9. München 1998, 7 f.; KOHLHÄUFL, M.: Wernher von Regensburg. In: Biographischbibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 13. Hamm 1998, 871 f. – Das Soliloquium ist ediert bei PEZ, B.:
Bibliotheca Ascetica, Bd. 4. Ratisbonae 1724, 39-84 (Reprint: Farnborough 1967).
6 Vgl. WEINHOLD, Lamprecht 1. 39.
Zwischen Mission und Rezeption – Beiträge zur
Geschichte der Franziskaner und Dominikaner
auf der Iberischen Halbinsel im 13. Jahrhundert
THOMAS CZERNER
I
In der folgenden Darstellung werden anhand ausgesuchter Beispiele zwei Aspekte franziskanischer und dominikanischer Geschichte auf der Iberischen Halbinsel näher untersucht, die aufgrund der singulären Situation der Halbinsel im Mittelalter, mit dem
jahrhundertelangen unmittelbaren Kontakt zur muslimischen Welt, eine eingehendere
Betrachtung verdienen. Herausgestellt werden sollen hierbei Besonderheiten der spanischen Provinzen im Bereich des Studienwesens und gesonderte Entwicklungen in den
Provinzen, die aus der Missionsarbeit der Mendikanten erwuchsen.
Nach einigen einleitenden Bemerkungen zur allgemeinen politischen Lage bei
der Ankunft der Mendikanten werden kurz die Grundzüge ihrer Expansion in den
christlichen Reichen erörtert und miteinander verglichen. Anschließend werden die
Entwicklungen des Studienwesens der beiden Orden in den spanischen Provinzen behandelt und anhand des Beispieles von Santiago de Compostela konkretisiert, wobei
insbesondere die Studienschwerpunkte thematisiert werden. Im dritten Abschnitt
schließlich ist auf die Missionsbemühungen der Bettelorden einzugehen und dabei ihre
Vorgehensweise unter besonderer Berücksichtigung der Sprachschulen und die erzielten Erfolge zu untersuchen. Zum Schluß werden die Ergebnisse zusammengefaßt und
miteinander verglichen.
II
Nach der Niederlage des kastilischen Heeres unter Alfonso VIII. 1195 bei Alarcos gegen
die Almohaden, der letzte bedeutende Sieg der Muslime auf iberischem Boden, fanden
die christlichen Expansionserfolge der jüngeren Vergangenheit ein vorläufiges Ende.1
Die folgenden Jahren waren geprägt von inneren Auseinandersetzungen und Konflikten
zwischen den christlichen Königreichen, bei denen diese in wechselnden Bündnissen,
auch mit muslimischen Herrschern, ihre eigene Stellung zu festigen suchten. Erst die
1 Vgl. allg. VONES, L.: Geschichte der Iberischen Halbinsel im Mittelalter (711-1480). Sigmaringen 1993;
O’CALLAGHAN, J.F.: A History of Medieval Spain. London 1975; LOMAX, D.W.: The Reconquest of Spain.
London 1978; BURNS, R.I.: The Crusader Kingdom of Valencia. Reconstruction on a thirteenth-century
Frontier, 2 Vols. Cambridge/Mass. 1967; Historia de España. Dirigido por M. TUÑON DE LARA. Vol. IV: J.
VALDEÓN, J. / SALRACH, J.M. / ZABALO, J. (eds.): Feudalismo y Consolidación de los Pueblos Hispánicos
(siglos XI-XV). Madrid 1994.
594
Thomas Czerner
zunehmende Bedrohung durch die Almohaden und die Vermittlungsbemühungen von
Rodrigo Jiménez de Rada, seit 1209 Erzbischof von Toledo, brachten die christlichen
Parteien schließlich dazu, ihre Streitigkeiten vertraglich beizulegen, um sich gemeinsam
der Bedrohung entgegenzustellen. So gelang es einem vereinten christlichen Heer mit
Kontingenten aus Kastilien, Navarra und Aragón am 12. Juli 1212 die muslimischen
Truppen bei Las Navas de Tolosa entscheidend zu schlagen. Der überwältigende Sieg
der Christen brach die militärische Macht der Muslime von al-Andalus endgültig und
eröffnete den christlichen Königreichen den Weg zu weitreichenden Eroberungen. Zwar
sollten noch einige Jahre vergehen, bis sich die inneren Verhältnisse im Norden weitgehend stabilisiert und konsolidiert hatten, doch war das weitere Vordringen der Reconquista nun nicht mehr zu verhindern. Während der Herrschaft des aragonesischen Königs Jaime I. und des kastilischen Königs Fernando III., welcher Kastilien und León
1230 endgültig vereinigte, fiel nahezu das gesamte muslimische Spanien an die christlichen Reiche. Einzig das Königreich von Granada konnte seine Selbständigkeit bis 1492
bewahren.
In dieser bewegten Phase zu Beginn des 13. Jahrhunderts betraten die ersten
Mendikanten die Iberische Halbinsel.2 Schon kurz nach Gründung der beiden Gemeinschaften war der Entschluß zu einer Ausweitung der Gründungs- und Missionsaktivitäten in Richtung einer universellen Mission durch den Heiligen Franziskus und den Heiligen Dominikus gefaßt worden. Im Zuge dieses Entschlusses bildeten die Heiligen für
ihre Orden Provinzen, wobei der Dominikanerorden für die gesamte Iberische Halbinsel die Provinz Hispania schuf, während der Franziskanerorden die anfänglich geschaffene Provinz Hispania aufgrund der rasanten Ausbreitung der Minoriten 1239 in die
Provinzen Castiliae, Aragoniae und Portugalliae aufteilte. Zwar gelang beiden Orden in
den folgenden Jahren eine rasche Ausbreitung ihrer Niederlassungen in den spanischen
Reichen, doch besaßen die Franziskaner eine wesentlich höhere Anzahl an Häusern.3
Allerdings ist hierbei zu berücksichtigen, daß die Franziskaner bei der Gründung eines
Konventes weit weniger Vorschriften zu beachten hatten, als die Dominikaner, bei denen genaue Richtlinien die Voraussetzungen für einen Predigerkonvent festlegten.4 Erst
2 Zur Geschichte der Bettelorden allg. vgl. BENNET, R.F.: The early Dominicans. Studies in ThirteenthCentury Dominican History. New York 1934; HINNEBUSCH, W.A.: The History of the Dominic Order, 2
Vols. New York 1965; HOLZAPFEL, H.: Handbuch der Geschichte des Franziskanerordens. Freiburg/Br.
1909; LAWRENCE, C.H.: The Friars. The Impact of the early Mendicant Movement on Western Society.
London-New York 1994; MOORMAN, J.R.H.: A History of the Franciscan Order. Oxford 1968. Zur Geschichte der Mendikanten auf der Iberischen Halbinsel vgl. LÓPEZ, A.: La Provincia de los Frailes Menores. Apuntes histórico-críticos sobre los orígenes de la Orden Franciscana en España. Santiago de Compostela 1915; GARCÍA ORO, J.: Francisco de Asis en la España Medieval. Santiago de Compostela 1998
(Monografías de Historia Eclesiastica, XVI); GARCÍA SERRANO, F.: Preachers of the City. The Expansion of
the Dominic Order in Castile (1217-1348). New Orleans 1997; PARDO VILLAR, A.: Los Dominicanos en
Santiago. Apuntes históricos. Santiago de Compostela 1953 (Cuadernos de Estudios gallegos, 8).
3 Vgl. BERG, D.: Mendikanten und Königtum. Beiträge zur Geschichte der Bettelordensprovinzen auf der
Iberischen Halbinsel bis zum 14. Jahrhundert. In: Wissenschaft und Weisheit [WiWei] 65/2 (2002) 223224.
4 Vgl. THOMAS, A.H.: De oudste Constituties van de Dominicanen. Voorgeschiedenis, Tekst, Bronnen,
Ontstaan en Ontwikkeling (1215-1237). Löwen 1965 (Bibliothèque de la Revue d’Histoire Ecclésiastique,
42) Dist. II. Cap. 23. 358.
Las clarisas en Castilla durante la Edad Media:
historia de un éxito
SANTIAGO AGUADÉ NIETO
A Introducción
El objeto de este trabajo es analizar algunos aspectos de la realidad histórica de una
orden religiosa mendicante, la de las clarisas, una orden femenina, con todo lo que ello
implica en relación con la historia de la mujer, y una orden religiosa cuya actividad
viene centrándose tradicionalmente en el ámbito urbano.
Se trata de una investigación iniciada cuando, en 1996, la Dirección General de
Enseñanza Superior del Ministerio de Educación y Cultura concedió a un equipo del
que yo era el investigador principal una ayuda para llevar a cabo, durante tres años, un
proyecto de investigación sobre el tema “Ordenes mendicantes y ciudad en la Corona
de Castilla durante la Edad Media”.
Una parte del trabajo llevado a acabo personalmente por mí fue el estudio de dicha orden, basado en un número de casos resultado de un compromiso entre dicho
proyecto y las posibilidades de acceso a la documentación conventual, del que estas
páginas no son sino un resúmen.
El ámbito espacial en que se centra es fundamentalmente el de la cuenca del
Duero, si bien cuando se estima conveniente para dotar de amplitud o validez a las
conclusiones, se recurre a documentación procedente del ámbito gallego, asturiano,
navarro, castellano-manchego o andaluz.
En cuanto al ámbito cronológico elegido es el de los siglos XIII a XV, es decir,
desde los orígenes de la orden y de su implantación en Castilla, hasta el momento en
que tradicionalmente se considera que se produce el tránsito de la Edad Media a los
“Tiempos Modernos”.
B De la espontaneidad a la institucionalización
1 El proceso de monaquización
La historia de esta orden conoce un momento determinante cuando, el 18 de octubre
de 1263, Urbano IV, en la bula “Beata Clara”, dispone que las distintas denominaciones
con que se conocía a las comunidades integrantes del movimiento religioso femenino
animado por el ejemplo del monasterio de San Damián de Asís, sean sustituidas por
una sola, la de “Orden de Santa Clara”. Sólo a partir de este momento podemos hablar
con propiedad de “clarisas”. Con anterioridad a esa fecha, he preferido utilizar el calificativo de “damianitas”. El resultado, la creación de una orden monástica de clausura en
el sentido más tradicional de la expresión, es muy distinto de lo proyectado originariamente por Clara de Asís para su monasterio de San Damián.
614
Santiago Aguadé Nieto
El movimiento religioso femenino se caracteriza, a principios del siglo XIII, por
una extraordinaria diversidad de formas, que se plasman en la existencia de beaterios y
otras formas de vida extramonástica, junto a manifestaciones más tradicionales de la
vida monástica, de manera que cuando esa situación cambia, fundamentalmente bajo la
presión de la Curia Romana, las formas primitivas de franciscanismo femenino no desaparecen inmediatamente, sino que permanecen al margen del proceso de monaquización dirigido por el pontificado.
Que dichas formas primitivas del franciscanismo femenino no se prestan de buena gana, en Castilla, a su encuadramiento en los nuevos monasterios de la “orden de
San Damián”, lo demuestra el documento dirigido por Inocencio IV, en 1250, al obispo
de Salamanca, comunicándole que la abadesa y las monjas del monasterio de Santa
María de esa ciudad, perteneciente a dicha orden, habían puesto en su conocimiento la
existencia de mujeres que deambulan por la ciudad diciéndose pertenecer a dicha orden, y que, para dar mayor verosimilitud a sus afirmaciones, llevan los pies descalzos y
visten el habito ceñido con el cíngulo, o las cuerdas, propios de las monjas de la misma, planteando con ello un agudo contraste entre su movilidad y la perpetua clausura
de la comunidad damianita salmantina, y motivando su “religio simulata” profunda
confusión en la orden y en la misma comunidad femenina, por lo que la abadesa y las
monjas solicitan su intervención.1 Esto es lo que le impulsa a instar al prelado salmantino a cumplir con su deber, reprimiendo a los que se opusieran con la censura eclesiástica.
Esta información es preciso interpretarla teniendo en cuenta que, el 21 de febrero
de 1241, Gregorio IX había prohibido que las mujeres “quas discalceatas seu chordularias alii minoretas apellant”, lleven un hábito como el de las damianitas, las cuales, a
diferencia de las otras, afirma, “ut gratum praestent Deo famulatum, perpetuo sunt inclusae”.2
Era un paso más en el deseo de diferenciar lo que había sido el movimiento
franciscano femenino primitivo de lo que se estaba convirtiendo en una orden religiosa
organizada, de tipo mucho más tradicional, cuya característica fundamental era la clausura.
2 La observancia de la regla
En 1977, el historiador franciscano Isaac VÁZQUEZ se preguntaba si, en la práctica, habría logrado la santa madre “franciscanizar” definitivamente su orden, si habría conseguido emancipar sus monasterios de la órbita del “ordo monasticus”, si habría sucumbido para siempre la famosa “Formula vitae” hugoliniana desplazada por las nuevas reglas.3 En el caso de los monasterios de la orden que lleva su nombre en el ámbito castellano leonés, no parece que haya sido así.
1 Bullarium Franciscanum. Vol. 1-4, ed. J.H. SBARALEA, Romae 1759-68; Vol. 5-7, ed. C. EUBEL, Romae
1898-1904; I, 556.
2 OMAECHEVARRÍA I.: Escritos de Santa clara y documentos complementarios. Madrid 1999 (Biblioteca de
Autores Cristianos) 213.
3 VÁZQUEZ, I.: La “Forma Vitae” hugoliniana para las clarisas en una bula desconocida de 1245. En: Antonianum 52 (1977) 112-113.
„Ego Pragam intrare non possum, brevi tempore
catuli mei intrabunt“: Ein Beitrag zum
böhmischen Itinerar des hl. Johannes Kapistran
PETR HLAVÁČEK
Die Predigtmission des hl. Johannes Kapistran in Böhmen
Der hl. Johannes Kapistran († 1456), italienischer Franziskaner und Generalvikar der
Observantenkongregation des Ordens des hl. Franziskus, wirkte in den Jahren 1451 bis
1454 in den böhmischen Ländern, wo er sich um die Bekämpfung der Ideen der böhmischen Reformation (Hussitentum) und um die Unterordnung der böhmischen utraquistischen Kirche unter die Oberhoheit des römischen Papstes bemühte. Am 17. Oktober 1451 traf er in Český Krumlov/Böhmisch Krumau ein, das dem Führer des katholischen Adels Ulrich von Rosenberg gehörte, und stand somit zum ersten Mal direkt auf
böhmischem Gebiet. Einen bedeutenden Teil seiner Predigtmission verbrachte Kapistran
in Nordwestböhmen. Als er am 2. Dezember 1452 als Gast im Zisterzienserkloster Waldsassen weilte, besuchte ihn der Bürgermeister des nahen Cheb/Eger, um ihn persönlich
zu begrüßen. Bereits am folgenden Tag kam Kapistran in Eger an, und mit kleineren
Unterbrechungen weilte er hier bis Anfang Januar 1452. In diese ehemalige Reichsstadt
im Nordwesten des Böhmischen Königreiches wurde nämlich eine Reichsversammlung
einberufen, auf welcher in Anwesenheit des päpstlichen Legaten, des Kardinals Nikolaus Cusanus, und böhmischer Herren die Frage der Lösung der böhmischen Kirchenfrage verhandelt werden sollte. Die Verhandlung fand jedoch nicht statt, woraufhin sich
Kapistran in das Gebiet des sächsischen Kurfürsten Friedrich II. aufmachte und in Zwickau, Ölsnitz, Chemnitz, Meißen, Freiberg sowie in Sayda predigte. Es zog ihn jedoch
stets in die Nähe Prags, die Hauptstadt des Königreichs, wo auch sein theologischer
Hauptgegner, der utraquistische Erzbischof Jan Rokycana, residierte. Bereits am 10.
Januar 1452 schrieb Kapistran aus Eger den Bürgern von Znojmo/Znaim, dass er seine
Tätigkeit in die königliche Stadt Most/Brüx in Nordwestböhmen zu verlegen plane, die
sich damals in sächsischer Verpfändung und somit unter direktem Schutz des sächsischen Kurfürsten befand.1 Am 20. März 1452 schrieb Kurfürst Friedrich an den Münzmeister von Freiberg, er solle Kapistran und seine Begleitung, welche sich auf dem Weg
nach Brüx befanden, 15 Schock Groschen ausbezahlen.2
In Brüx erschien Kapistran bereits am 26. März 1452, und am selben Tage wird
von seinen ersten Wunderheilungen berichtet. Der Prediger hielt sich wahrscheinlich im
Minoritenkloster des hl. Laurentius oder im Hause eines der Bürger auf. Kapistrans kir1 Zu Kapistran in den böhmischen Ländern HOFER, J.: Johannes Kapistran. Ein Leben im Kampf um die
Reform der Kirche II. Rom-Heidelberg 1965 (Bibliotheca Franciscana, 2), 57-146. NEJEDLÝ, Z: Česká missie Jana Kapistrána. In: Časopis Musea Království Českého 74 (1900) 57-72, 200-242, 334-352, 447-464.
2 SCHLESINGER, L. (Hrsg.): Stadtbuch von Brüx bis zum Jahre 1526. Prag 1876, 122.
„Ego Pragam intrare non possum, brevi tempore catuli mei intrabunt“
661
chenpolitische Aktivitäten steigerten sich während seines Aufenthalts in Brüx. Er predigte, diskutierte, korrespondierte und organisierte das Leben des gerade entstehenden
böhmischen Observantenvikariats. Am 23. April 1452, am Tage des hl. Georg, sollte in
Prag der böhmische Landtag stattfinden. Kapistran verfasste am 18. April 1452 in Brüx
eine seiner umfangreichsten antihussitischen Schriften. Am 9. Mai 1452 empfing er in
Brüx päpstliche Boten, die ihm drei päpstliche Bullen sowie des Papstes persönliche
Botschaft überbrachten. Einen Monat später, am 6. Juni 1452, erhielt er eine Einladung
des Kardinals Nikolaus Cusanus, des päpstlichen Legaten, und des Herzogs Albrecht
von Bayern-München zum Reichstag nach Regensburg am 18. Juni 1452. Der italienische Franziskaner entschied sich daher, Brüx zu verlassen und somit auch böhmisches
Gebiet und sich nach Bayern aufzumachen, was am 8. Juni 1452 dann auch geschah.3
Er predigte zwar später in den Nebenländern der Böhmischen Krone, d. h. in der Lausitz, in Schlesien und Mähren, Böhmen betrat er jedoch nie wieder.
Gegen Ende von Kapistrans Aufenthalt in Brüx ereigneten sich zwei Vorfälle, die
für die weitere Entwicklung der franziskanischen Observanz von Bedeutung waren.
Zunächst sollte Kapistrans Amtsperiode als Generalvikar der zismontanen Familie (Kongregation) im Orden des hl. Franziskus ablaufen. Kurz vor Pfingsten 1452, als auf dem
Generalkapitel in Aquila die Wahl eines neuen Generalvorsitzenden stattfinden sollte,
versammelte Kapistran auch in Brüx ein gemeinsames Kapitel einiger Brüder aus seinem italienischen Gefolge und derer, die er in Mitteleuropa für die franziskanische Observanz gewonnen hatte. In prophetischem Enthusiasmus sprach er zu seinen Mitbrüdern von der neuen Ausgießung des Heiligen Geistes. Danach streckte er seine Arme
aus, wandte sich in alle Himmelsrichtungen und rief: „Ihr seid meine Zeugen, dass ich
alle Gläubigen in allen Teilen der Welt in unsere Gemeinschaft aufnehme und, soviel es
an mir ist, ihnen Teilnahme an unseren geistlichen Werken gewähre.“ Gleichzeitig erteilte er am 20. Mai 1452, eine Woche vor Pfingsten und vor Anfang des Generalkapitels, seinem Freund und Begleiter Michael von Preußen die Vollmacht, bis zu 1000 Filianzbriefe den Gönnern des Franziskanerordens zu übergeben.4
Zum zweiten Male prophezeite Kapistran kurz vor seinem Weggang aus Brüx,
dass seine Jünger bald Prag betreten würden, die Hauptstadt des „ketzerischen“ Königreichs: „Ego Pragam intrare non possum, brevi tempore catuli mei intrabunt“.5 Mit diesem familiären „Catuli“, also Junge oder Welpen, bezeichnete er seine jungen Anhänger,
die er für die franziskanische Observanz gewann. In ihrem Wirken setzte sich Kapistrans Kampfgeist fort. Dieses kleine Ereignis bietet die Möglichkeit, einen Blick in
Kapistrans damalige geistige und kirchenpolitische Situation zu werfen. Seine Predigtmission war zunächst triumphal, sein langer Aufenthalt im nordwestböhmischen Brüx,
von welchem er sich so viel versprach, endete jedoch mit einem Fiasko: Der utraquistische Erzbischof Rokycana ignorierte ihn, der „Ketzer“ Georg von Podiebrad wurde zum
3 Zu Kapistran in Brüx HOFER, Johannes Kapistran II, 118-139.
4 Vita S. Johannis a Capistrano, scripta a Fr. Christophoro a Varisio. In: Acta Sanctorum. October Band X.
Paris-Rom 1869, 523, 149. Vgl. HOFER, Johannes Kapistran II, 137-138.
5 Vita S. Johannis a Capistrano (Varisio), 501. Vgl. Chronica Fratrum Minorum de Observancia Provincie
Bohemie, Bibliothek des Nationalmuseums in Prag, Handschrift Sign. VIII F 75, 78. HOFER, Johannes
Kapistran II, 139.
Amaseno – eine Gründung
der sächsischen Franziskaner in Italien
am Ende des 19. Jahrhunderts
KIRSTEN RAKEMANN
Die kleine italienische Stadt Amaseno in der Region Latium gehört zur Provinz Frosinone und liegt 110 km südöstlich von Rom. Umrahmt wird der Ort von den Monti Lepini
und Monti Ausoni. Nur wenige Kilometer von der Ortschaft entfernt erhebt sich der
Berg Auricola auf dessen Gipfel sich in 270 m Höhe seit dem Mittelalter ein Heiligtum
befindet, das der Mutter Gottes geweiht ist und den Namen Santa Maria dell’Auricola
trägt.1 Auf besonderen Wunsch Papst Leos XIII. übernahmen die Franziskaner der Sächsischen Provinz vom Heiligen Kreuz Ende des 19. Jahrhunderts die Betreuung dieser
Stätte, um die dortige Wallfahrt wiederzubeleben und somit auch dem weiteren Verfall
der Kirche entgegenzuwirken. Nur etwa zehn Jahre sollte dieses kleine deutsche Kloster
bestehen und konnte in dieser kurzen Zeit lediglich sehr regional begrenzt wirken. Aus
diesem Grund ist es sowohl in der Provinz als auch in der franziskanischen Ordensforschung zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Denn wohl kaum eine zweite Gründung
der Saxonia war so umstritten und mußte so vielen verschiedenen Interessen gerecht
werden. Neben den vom Papst geäußerten Wunsch und den Anliegen des Ortsbischofs
sowie des Klerus der Stadt traten die Belange der sächsischen Franziskanerprovinz, die
jedoch innerhalb der Provinzleitung stark divergierten. Hinzu kamen in besonderem
Maße die Ansichten des Gesamtordens, da Amaseno nicht auf dem Gebiet der sächsischen Provinz lag. Und schließlich ergab sich durch die Familie Panici, in deren Besitz
sich das Sanktuarium befand, eine zusätzliche Parteiung auf lokalpolitischer Ebene, die
ihre Interessen gewahrt wissen wollte. Es ist naheliegend, daß sich aufgrund dieser
Konstellation andauernde harte Auseinandersetzungen ergaben, die das Kloster in Amaseno zum Spielball für verschiedenste Ambitionen machte.
Der lange Weg zur Gründung
Dieses Kapitel der Geschichte der sächsischen Franziskaner in Italien begann bereits
1879. In diesem Jahr erhielt P. Gregor Janknecht vom damaligen Generalminister P.
1 Informationen zu Amaseno finden sich im Internet unter www.amasenoonline.com. In der dortigen
„Photo Gallery” ist ein älteres Foto der Kirche abgebildet. Eine ausführliche Geschichte der Stadt Amaseno liegt mit TOMASSETTI, G.: Amaseno. Rom 1899 vor. Er befaßt sich auch eingehend mit der Entwicklung des Heiligtums seit dem Mittelalter (Kap. 2: 35-99), die hier nicht näher thematisiert werden soll.
Siehe hierzu wie zum ersten Jahr der Franziskaner in Amaseno auch R[ATHSCHECK], P.: Ein Werk norddeutscher Franziskaner im Kirchenstaate. In: Der Sendbote des heiligen Antonius von Padua 3
(1896/1897) 270-272, 312-316.
Amaseno – eine Gründung der sächsischen Franziskaner in Italien
671
Bernadino dal Vago da Portogruaro den Auftrag, die irische Franziskanerprovinz zu
visitieren. Sein Besuch der Klöster in Irland brachte verheerende Zustände zum Vorschein, die den Anlaß dazu gaben, die sächsischen Franziskaner mit der Reform der
irischen Provinz – insbesondere der Hebung der Studien und der Ordensdisziplin – zu
beauftragen.2 Eine wichtige Rolle spielte hierbei das irische Kolleg St. Isidor in Rom. Im
November 1883 wurde P. Bernhard Döbbing dorthin entsandt, um als Magister der Kleriker und Lektor der Theologie die irische Reform vor Ort zu fördern. Mit der intensiven
Unterstützung Janknechts führte Döbbing dieses Werk bis 1898 fort, wobei ihm einige
nach Italien versetzte Mitbrüder aus der Saxonia zur Seite gestellt wurden.3 Während
dieser Jahre bauten Döbbing und Janknecht ein enges Beziehungsgeflecht innerhalb der
franziskanischen Generalkurie, des Vatikans und des römischen Klerus auf und sorgten
insbesondere dafür, daß die Lebensweise der sächsischen Franziskaner gemäß der
strengen Observanz einen ausgesprochen guten Ruf erhielt, unabhängig davon, daß
sowohl die Person Janknechts als auch Döbbings zwischenzeitlich mancherorts in
Mißkredit geriet. Speziell die 1892 von Döbbing und Janknecht initiierte Niederlassung
St. Elia, etwa 40 km nördlich von Rom im Bistum Nepi-Sutri, beförderte die hervorragende Reputation der sächsischen Franziskaner. Ursprünglich als Sommerresidenz für
die Studenten der irischen Provinz gedacht, wurde es wenig später komplett von der
Saxonia übernommen.4 Die Gründung traf bei der sächsischen Provinzleitung zunächst
auf starken Widerstand, der sich erst aufgrund intensiver Vermittlung Janknechts legte.5
Ähnlich verhielt es sich auch im Fall von Amaseno. In St. Elia hatte sich schnell
ein Erfolg eingestellt, der im Norden Italiens und in Rom Beachtung fand. Monsignore
Agapitus Panici, Unterdatarius in Rom, hatte am 15. April 1893 in seiner Geburtsstadt
Amaseno die Kirche des Heiligtums auf dem Berg Auricola mit umliegendem Gelände
von der Familie Colonna käuflich erworben.6 Im August 1893 wandte er sich an Leo
XIII. mit dem Vorschlag, dieses Heiligtum ebenfalls den Franziskanern der sächsischen
Provinz zu übertragen, da dies fruchtbare Arbeit verspräche.7 Schon zwei Tage später
erhielt er eine Antwort aus dem Vatikan, in der ihm mitgeteilt wurde, daß es auch der
2 Vgl. hierzu und zur Biographie Janknechts RAKEMANN, K.: Gregor Janknecht. In: BERG, D. (Hrsg.): Management und Minoritas. Lebensbilder Sächsischer Franziskanerprovinziale vom 13. bis zum 20. Jahrhundert. Kevelaer 2003 (Saxonia Franciscana, Beiheft 1) 209-268, hier 242-244.
3 Vgl. CONLAN, P.: St. Isidore’s College Rome. Rom 1982, hier 181-207. Zur Biographie Döbbings siehe
HARDICK, L.: Bischof Bernhard Döbbing. In: Vita Seraphica 36 (1955) 210-232 sowie HARDICK, L.: Bischof
Bernhard Döbbing (1855-1916). Ein deutscher Bischof in Italien. Seiner innerkirchliche Reformtätigkeit
und seine Intervention zu Gunsten der Christlichen Gewerkschaften. In: Westfälische Zeitschrift 109
(1959) 144-195.
4 Erst 1981 wurde das Kloster von der sächsischen Provinz an polnische Ordensleute übergeben; vgl.
CONLAN, St. Isidore 201-203. Zu St. Elia siehe auch SCHEIWE, F.: 80 Jahre Franziskaner in Castel S. Elia.
In: Vita Seraphica 53 (1972) 180-190; LEMMENS, L.: Das Franziskanerkloster zu Castel St. Elia. In: Franziskanische Studien 7 (1920) 241-247; KIRSCH, J.P.: Art. „Castel Sant’ Elia”. In: Lexikon für Theologie und
Kirche. Freiburg 11931, 788; SERRA, R.: Il Santuario di Santa Maria ad Rupes. Quaracchi 1899, besonders
125-163.
5 Vgl. hierzu Provinzarchiv der sächsischen Franziskanerprovinz (= ASFP) Werl, Nachlaß Bernhard Döbbing, Mappe 8, D I 3, Janknecht an Döbbing (Warendorf, 2. Oktober 1891 / Paderborn, 8. März 1892 /
Paderborn, 10. März 1892 / Paderborn, 28. März 1892 / Paderborn, 18. Juni 1892).
6 Vgl. TOMASSETTI, Amaseno 87 sowie R[ATHSCHECK], Werk 272.
7 Vgl. ASFP Werl, Faszikel Amaseno (Rom, 15. August 1893).
Deutsche in Russland – „Russen“ in Deutschland:
Ausgewählte Aspekte zur Geschichte der
Russlanddeutschen
SABINE LIEBIG
Warum noch eine Publikation zu den Russlanddeutschen? Es gibt bereits, wie der Forschungsstand zeigt, mehr als genug. Deshalb ist dieser Aufsatz für angehende Lehrkräfte
des Faches Geschichte gedacht, um ihnen einen Überblick zu geben und sie anzuregen,
sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen, da bei ihnen Kinder und Jugendliche mit
russlanddeutschem Hintergrund in den Klassen sitzen. Gerade an dieser Gruppe zeigt
sich, wie sehr die politisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik die Situation aufgrund der Tatsache, dass sie im rechtlichen Sinne Deutsche waren, verkannten und ihre
historische Situation außer Acht ließen. Deshalb ist es angemessen – neben der Geschichte der anderen Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund –
auch die Geschichte der Russlanddeutschen in den Unterricht einzubringen, im Kontext
der Geschichte Deutschlands, Europas sowie der Welt.1 Ziel eines solchen Ansatzes für
den Geschichtsunterricht ist es, eine Offenheit für die Geschichte der anderen zu erreichen.
Am Beispiel der Russlanddeutschen ist exemplarisch darstellbar, dass sich Aspekte von Flucht- und Arbeitsmigration vermischen und dass historische Ereignisse sowie
Prozesse Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte später nachwirken.2 Die Wanderungsbewegung
der Russlanddeutschen ist nur im Kontext religiöser Orientierungen, politischer Entwicklungen sowie historischer Erfahrungen zu verstehen. Eine rein zeitgenössische Perspektive kann die Gründe für die Aus- wie Rückwanderung nicht angemessen verdeutlichen.3
Nach einem knappen Überblick über die Gründe, warum die Russlanddeutschen
sofort bei ihrer Ankunft in Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft erhielten, wird
der Forschungsstand aufgezeigt. Im Anschluss daran klärt ein kurzer historischer Rückblick, wer diese Deutschen waren, deren Nachfahren nun wieder bei uns leben. Danach werden die Russlanddeutschen im Blick der deutschen Öffentlichkeit beleuchtet,
gefolgt von einem Abriss über die Beziehung der „Russen“ und der Russlanddeutschen.
Die Integration der Russlanddeutschen in der Bundesrepublik ist nicht mehr Thema des
Aufsatzes.
1 Vgl. LIEBIG, S.: Weltgeschichte im Geschichtsunterricht: Ein Blick über den Tellerrand. In: NOLTE, H.-H.
(Hrsg.): Zeitschrift für Weltgeschichte. Interdisziplinäre Perspektiven. Jahrgang 4, Heft 1 (Frühjahr 2003),
Frankfurt 2003, 29-38.
2 Vgl. TREIBEL, A.: Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit
und Flucht. Weinheim-München 2003, 44.
3 Vgl. TREIBEL, Migration 39.
704
Sabine Liebig
Die Russlanddeutschen und die deutsche Staatsangehörigkeit?
Seit 1990 stellen die Aussiedler aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten die
größte Gruppe der Immigranten in die Bundesrepublik dar.4
Die ersten kamen in den 50er Jahren bis Mitte der 80er Jahre im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland, erlebten während der Zeit des kalten Krieges ihre Funktionalisierung durch die Politik, denn die Aussiedler aus den Staaten des
„real existierenden Sozialismus“ durften vor dem Hintergrund des Ost-West-Konfliktes
als leidgeprüfte Minderheit in die „eigentliche Heimat“ zurückkehren.5 Sie fühlten sich
dennoch aufgenommen, konnten meist einigermaßen Deutsch und lebten sich schnell
ein, ohne dass es zur Ghettobildung kam.
Durch Glasnost und Perestroika ab 1985 sowie den Fall der Mauer 1989, konnten
wesentlich mehr Aussiedler in die Bundesrepublik ziehen, begünstigt durch ihren privilegierten Status als deutsche Staatsbürger. Jedoch war Deutschland bald mit der Masse
der Aussiedler überfordert, zumal nicht nur Eingewöhnungsschwierigkeiten, sondern
auch Sprachprobleme auftraten. Innerhalb kurzer Zeit sank die Akzeptanz der Aufnahmegesellschaft gegenüber den Russlanddeutschen erheblich.6 Als in den Jahren von
1988 bis 2002 mehr als 2 Millionen Russlanddeutsche in die Bundesrepublik strömten,
erlebten sie z. T. Ablehnung oder offene Anfeindung einschließlich ihrer Instrumentalisierung in der Asylrechtsdebatte.
Ein Grund für die schnelle formale Aufnahme lag im deutschen Staatsangehörigkeitsrecht, das diesen sogenannten Statusdeutschen wegen ihrer Volkszugehörigkeit die
Einbürgerung gewährte. Dazu gehört der Artikel 116 Abs. 1 des Grundgesetzes der
Bundesrepublik Deutschland. Er legt fest, wer Deutscher ist: „Deutscher im Sinne dieses
Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche
Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches
nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.“7
Dieser Artikel traf natürlich nicht auf alle zu, aber das Bundesvertriebenen- und
Flüchtlingsgesetz von 1992, § 1 Abs. 2 Nr. 3 BVFG, schuf eine erweiterte Regelung, die
Aussiedler wie folgt bezeichnete: „deutsche Staatsangehörige oder Volkszugehörige, die
vor dem 8. Mai 1945 ihren Wohnsitz in den ehemaligen deutschen Ostgebieten bzw. in
Polen, der ehemaligen Sowjetunion, der ehemaligen Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Ex-Jugoslawien, Danzig, Estland, Lettland, Litauen, Bulgarien, Albanien oder
4 Vgl. BAUR, R.S. / CHLOSTA, C. / KREKELER, C. / WENDEROTT, C: Die unbekannten Deutschen. Ein Leseund Arbeitsbuch zu Geschichte, Sprache und Integration rußlanddeutscher Aussiedler. Hohengehren
1999.
5 Vgl. STROBL, R. / KÜHNEL, W.: Dazugehörig und ausgegrenzt. Analyse zu Integrationschancen junger
Aussiedler. Konflikt und Gewaltforschung. Weinheim-München 2000, 13.
6 Vgl. INGENHORST, H.: Die Russlanddeutschen. Aussiedler zwischen Tradition und Moderne. FrankfurtNew York 1997, 8-9.
7 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Bonn 2001, 79.
Reise an den Anfang einer Region –
Northern Ontario um 1900
KARL H. SCHNEIDER
Wenn Historiker sich einem Thema zuwenden machen, sie wenigstens eine Reise, nämlich in die Vergangenheit. Dies ist meist eine „virtuelle“, sie kann am eigenen Schreibtisch, in der Bibliothek oder im Archiv stattfinden, und die Reiseutensilien sind häufig
alte Texte wie Urkunden, Akten, Biographien oder auch Bilder und manchmal Filme.
Nicht immer bleibt es bei einer solchen „virtuellen“ Reise, sondern zuweilen kommt es
auch zu einer realen Begegnung; einer doppelten Reise dann: an einen fremden Ort in
einer fremden Zeit.
Der folgende Bericht handelt von einer solchen zweifachen Reise: in ein anderes
Land, eine andere Region und in eine (gar nicht so ferne) Vergangenheit. Dabei begegnete dem Reisenden Fremdes und Vertrautes, und das Fremde trug zuweilen dazu bei,
das Vertraute neu zu sehen. Die Reise in die Vergangenheit war zugleich kombiniert mit
einer weiteren Reise, die an den „Anfang einer Region“. Als Regionalhistoriker hatte der
Reisende zwar Kontakt mit Regionen gehabt, aber diese waren eigentlich immer schon
„irgendwie“ da gewesen, als räumliche Konstrukte oder Verwaltungseinheiten, aber hier
konnte bei der Reise an einen anderen Ort und in andere Zeit auch das Entstehen einer
Region beobachtet werden.
Wer als Regionalhistoriker nach Nordamerika kommt, ist mit einem Phänomen
konfrontiert, das er in Deutschland nicht erlebt. Während hier, im „alten“ Kontinent,
sich zwar Regionen verändern und gegebenenfalls auch völlig neue Arten von Regionen
herausbilden, so sind sie doch in historischer Zeit schon immer vorhanden gewesen: als
von Menschen besiedelte und strukturierte räumliche und soziale Gebilde. In Nordamerika entstehen dagegen in historischer Zeit völlig neue Regionen, Gebiete, in denen bis
dahin zumindest keine Menschen lebten, die eine schriftliche Überlieferung kannten.
Mit solchen Einschränkungen sind schon die Ureinwohner, in diesem Fall die Indianer
ausgeschlossen, woraus sich umgekehrt schließen ließe, dass der Regionsbegriff eine
ethnische Komponente enthält, die unsere Wahrnehmung beeinflusst und lenkt.1 Region heißt mit anderen Worten in diesem eingeschränkten Kontext ein von weißen Siedlern erschlossenes Gebiet, von dem hinreichende schriftliche Überlieferung existiert.
Das Gebiet, um das es hier geht, liegt in Kanada, in der Provinz Ontario, ca. 400
km nördlich von Toronto.2 Ich kam vor zwei Jahren eher zufällig dorthin und das, was
1 Neuerdings wird diese Ebene allerdings verstärkt auch in der amerikanischen Forschung thematisiert,
etwa programmatisch ARMITAGE, S.: From the Inside Out. Rewriting Regional History. In: Frontiers 22/3
(2001) 32-48.
2 Als neuere Einführung zu Ontario siehe etwa MONTIGNY, E. / CHAMBERS, L. (Hrsg.): Ontario since Confederation. Toronto 2000. Einen knappen neueren Überblick zur kanadischen Geschichte bieten etwa
MORTON, D.: A Short History of Canada. Toronto 2001 oder RIENDEAU, R.: A Brief History of Canada.
Markham 2000. Siehe außerdem die beiden Darstellungen von SAUTTER, U.: Geschichte Kanadas. Von
732
Karl H. Schneider
mir besonders auffiel, war der Charme des Verfalls.3 Er war am stärksten zu beobachten
in dem kleinen Ort Cobalt, einst ein wichtiger Minenort, heute Rückzugsort für etwa
1500 Menschen, die nicht wahrhaben wollen, dass die große Zeit von Cobalt lange
vorbei ist. Bei meinem ersten Besuch war es Winter und dieser deckte manches zu, was
einige Monate später, im Hochsommer, ohne Schutz frei da lag. Nur wenige Meilen
nördlich von Cobalt liegt Haileybury, direkt am Lake Temiskaming4, einer sehr tiefen
Verbreiterung des Ottawa-River und ca. 80 Meilen lang. In Haileybury war der Verfall
nicht unbedingt erkennbar, aber doch spürbar, und zwar am Fehlen eines größeren
Einkaufszentrums oder – ganz schlicht – einer Verkehrsampel. Beides hatte der wiederum einige Meilen weiter nördlich, ebenfalls am Lake liegende Ort New Liskeard. Alle
drei Orte, so unterschiedlich sie sich heute präsentieren mögen (wobei die Größenunterschiede relativ gering sind), haben eine gemeinsame Geschichte, und diese Geschichte soll im Folgenden zumindest für die ersten Jahre beschrieben werden.
Die Geschichte beginnt vor etwas über 100 Jahren – begeben wir uns deshalb
auf eine doppelte Reise in die Region und in die hier interessierende Zeit um 1900 und
begleiten zunächst eine Reisegruppe, die damals ebenfalls das erste Mal in das Gebiet
reiste. Es handelte sich um eine Gruppe junger Männer, die aufbrachen um die Voraussetzungen für ein neues Leben als Farmer zu erkunden.
Die Reise begann am Dienstag, dem 28. Mai 1900 in der Union Station in Toronto.5 30 Landsucher stiegen an dieser Station ein, es folgten an den nächsten Stationen
weitere Männer, so dass insgesamt 152 Mann auf der Reise waren (es waren offenbar
tatsächlich alles Männer). In zwei Wochen wollten diese eine neue Heimat erkunden,
Plätze für ein Homestead finden, und dann endgültig mit entsprechender Ausrüstung,
Saatgut und ihren Familien (viele von ihnen seien verheiratet, hieß es in dem Artikel)
im Herbst in den Norden zurückkehren. So nebenbei erfahren wir hier etwas über geschlechterspezifische Zuordnungen: die Landsuche und die damit verbundenen Aufgaben waren Sache der Männer, Frauen und Kinder kamen erst später ins Spiel.6
Die Männer werden in der zeitgenössischen Beschreibung als „men, mostly
young, with a fair sprinkling of men of middle age“ beschrieben. Dem Berichterstatter
ist es wichtig, darauf zu verweisen, dass es sich um Personen handelte, die in der Lage
waren, ein Leben als Siedler zu führen, und es sich weder um unerfahrene Männer,
3
4
5
6
der europäischen Entdeckung bis zur Gegenwart. München 1992 (= SAUTTER, Geschichte Kanadas
(1992); SAUTTER, U.: Geschichte Kanadas. München 2000.
Zu dem Gebiet gibt es eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Darstellung: CASSIDY, G.L.:
Arrow North. The Story of Temiskaming. New Liskeard 1976; eher lokalgeschichtlich argumentiert:
FANCY, P.: Temiskaming Treasure Trails. 1886-1903, 1904-1906. Cobalt 1992 und 1993; BARNES, M.: The
Tri-Towns. Cobalt, Haileybury and New Liskeard. Cobalt 2000; speziell zu Cobalt: ANGUS, Ch. / GRIFFIN,
B.: We Lived a Life and Then Some. The Life, Death and Life of a Mining Town. Toronto ²1997.
Die Schreibweise variiert übrigens immer stark, im Folgenden wurde, wenn nicht die zitierten Quellen
eine andere Formulierung enthalten, die heutige Schreibweise (Temiskaming) verwendet.
The Temiskaming Country. It’s soil, timber, climate and agricultural possibilities. Series of Articles Written by a Staff Correspondent of the Mail and Empire. June 1901. Exemplar im Museum Haileybury. Die
folgenden Zitate hiernach, wenn nicht anders angegeben (= Temiskaming Country).
Diesem Bild folgte auch lange Zeit die Forschung, inzwischen hat sich hier aber ein deutlicher Wandel
vollzogen; siehe etwa die Sammelrezension von LEVINE, P.: The Construction of Empire: Gender, Race,
and Nation in Europe‘s Imperial Past. In: Journal of Women‘s History 2003, 202-209.
Sovereignty and Western Integration.
The Beginnings of the Federal Republic of
Germany (1945-1955)1
INES KATENHUSEN
The surrender of the national socialist army leaders of Germany on May 8th, 1945 signalled an end to Germany’s ambitious aim of the past six years: to gain control over the
European continent by aggressive domination and expansion.2 At the same time the
European continent as a whole and its inherent order had fallen apart as a result of
World War II.3 The early and rapid success of the NS regime especially during the first
years of the Second World War had clearly demonstrated that European states – each
independently – could no longer guarantee the security of their citizens, nor that alliances, intended to counterbalance ascending powers, could guarantee adequate security from armed aggression to that extent.4 The intention of this article will be to show
that war-torn Germany played a significant role in the design of its future domestic
structure by tactically seizing political opportunities in the post-war peace negotiations.
Discussions and negotiations about various federal models, such as a supranational pattern, were strengthened by two interrelated factors: On the one hand, many
members of the resistance both in Eastern and Western Europe perceived fascism to be
a negative consequence of the sovereignty principle. Left circles, in particular, refuted
the idea of the nation state. In the summer of 1941, Italian resistance fighters Altiero
SPINELLI and Ernesto ROSSI, for example, argued that the nation no longer offered and
enabled a reasonable form of collective living. In their Ventotene Manifesto they stated
that “the absolute sovereignty of nation states has given each the desire to dominate,
since each one feels threatened by the strength of the others, and considers as its living
space an increasingly vast territory wherein it will have the right of free movement and
can ensure itself of the means of a practically autonomous existence”5.
On the other hand, commonly shared European values formed the basis for further co-operation in the eyes of many. In this respect Europe was envisioned as a conglomerate of free and equal states held together through federal structures and com1 The author would like to thank Jutta JOACHIM, Institute of Political Science, University of Hannover, for
helpful comments. – Responsibility for any errors, however, remains with the author.
2 See STIRK, P.M.R.: A History of European Integration since 1914. London-New York 1996, 51-82; WINKLER, H.A.: Nationalismus, Nationalstaat und nationale Frage in Deutschland seit 1945. In: Aus Politik und
Zeitgeschichte B 40 (1991) 12-14.
3 See LOTH, W.: Europa nach 1945. Die Formation der Blöcke. In: BENZ, W. / GRAML, H. (eds.): Das 20.
Jahrhundert, vol. 2. Frankfurt/M. 1983, 23-57.
4 Introductory: LOTH, W.: Der Weg nach Europa. Geschichte der Europäischen Integration 1939-1957.
Göttingen 1996, 9ff.
5 Ventotene Manifesto. In: LIPGENS, W. (ed.): Documents on the History of European Integration, vol. 1
(1939-1945). Berlin-New York 1985, 471-484, here 474.
Sovereignty and Western Integration
753
monly shared values or principles.6 Moreover, resistance groups of varying political
orientations and convictions were convinced that the mere restoration of the former
political and social circumstances was no longer sufficient and that there was something
else at stake: Prior to the war, European states had dominated world trade and financial
markets, their colonies were spread across all continents, and the power of their armed
forces was unquestioned. This was truly no longer the case after 1945. One tenth of
European citizens were refugees who had been forced to flee without any of their belongings or financial means due to the war and the resultant new borders; more than
100 million Europeans lived below the poverty level, and in various industrial sectors,
such as agriculture, production was below pre-war standards.7 Together with the sometimes chaotic political circumstances, these factors undermined any constructive new
beginnings in the majority of the European states, especially right after the war.
Overall, World War II had accelerated the process of dethroning European states
and replaced them with new world powers. While the industries of many European
states had been destroyed by Nazi expansionism, the United States had become the
main importer and therefore the main beneficiary of the war. The U.S. more than doubled their production level between those years.8 Three quarters of the world wide
invested capital and two thirds of the global industrial potential were to be found in the
U.S. The yearly per capita income was twice the income of the wealthiest European
state.9 In short, not only were Europeans no longer able to compete in world trade
matters, but they also had lost their political sovereignty. Since they had failed to free
themselves from NS influences, they had to accept foreign involvement even after
World War II. It soon became apparent that European states would not be in a position
to decide independently on an overall structure of Europe and that peace keeping on
the continent was no longer a European matter alone.10
Europe was caught between the interests of the two new superpowers, the Soviet
Union and the United States – politically, ideologically, economically, and militarily. The
following statement by Soviet leader Josef STALIN illustrates this point: “Whoever occupies an area introduces its own social system. Everyone exercises his system as far as his
military will support it. It can't be any different.“11 On the other hand, right after the
war U.S. American President Harry S. TRUMAN backed up American politics. In his eyes
6 See LIPGENS, W. (ed.): Europa-Föderationspläne der Widerstandsbewegung 1940-1945. Eine Dokumentation. Stuttgart 1968.
7 See DEDMAN, M.J.: The Origins and Development of the European Union. 1945-1995. A History of European Integration. London 1996, 34 f.; LOTH, W.: Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges
1941-1955. München 2000, 156 ff.
8 LOTH, W.: Einleitung. In: Ibid. (ed.): Die Anfänge der Europäischen Integration 1945-1950. Bonn 1990,
11-26, here 11.
9 STEININGER, R.: Deutsche Geschichte 1945-1961. Darstellung und Dokumente, vol. 1. Frankfurt/M. 1983,
59.
10 See LOTH, W.: Europäische Integration in historischer Perspektive. In: KATENHUSEN, I. / LAMPING, W.
(eds.): Demokratien in Europa. Der Einfluss der europäischen Integration auf Institutionenwandel und
neue Konturen des demokratischen Verfassungsstaates. Opladen 2003, 29-43, here 30 ff.
11 Quoted in: DJILAS, M.: Gespräche mit Stalin. Frankfurt/M. 1962, 146. – All quotations in the main text
have been translated into English by the author. The footnote text may comprise quotations in the original language.
Tres ministros bilbainos de asuntos exteriores
del aislamiento al desbloqueo político
MARÍA JESÚS CAVA MESA
A riesgo de iniciar este artículo con acento excesivamente bilbainista, he de decir – sin
rodeos – que también en los asuntos de Estado la historia que fragua Bilbao, capital de
Bizkaia (País Vasco), ha encontrado proyección internacional. Lo ha hecho de forma
particularmente expresiva, además, en este tránsito hacia la sociedad contemporánea,
vinculando miembros que van adheridos – irremediablemente – a un pasado histórico
que todavía sigue exigiéndonos valoraciones cuidadosas.
Este trabajo pretende contribuir, modestamente, también, en honor del ilustre
Profesor alemán Dr. Dieter BERG, con quien tuve la oportunidad de coincidir en tareas
europeístas relativas al mundo de la Educación Superior, en el marco de los Programas
auspiciados por la U.E. La publicación que conmemora su larga e interesante trayectoria
académica e investigadora tiene en esta aportación un lugar que subraya vínculos institucionales universitarios, lo cual me llena de satisfacción.
Una ciudad cosmopolita
Bilbao, repleta desde los años finales del siglo XIX, de personajes, ideas y proyectos,
cosechando, no obstante, luces y sombras, hizo simbiosis con las directrices de lo público. Logró proporcionar intérpretes de consistencia cultural indiscutible y con capacidad para confeccionar proyectos políticos cruciales, en una trama destinada a servir a
los altos destinos del Estado. Lo consiguió con una extraña mezcla del sentido de la
disciplina competente, de la eficacia y cierto afán de trascendencia, más que de notoriedad.
De aquella existencia, comprometida y delicada, los bilbaínos en la acción pública se sabían continuadores de las tareas que ya desde el siglo XVI habían iniciado distintos predecesores de gran interés. Entre otros, los famosos Secretarios vizcaínos de la
Monarquía. En el honor del servicio público, su sagacidad profesional se mostraría utilísima a través de diferentes cometidos. En especial, desde el siglo XVIII, hasta el franquismo, y luego también. Calidad en la gestión y oportunidad fueron dos distintivos,
entre varios, que subrayan un talante al que es preciso que nos acerquemos directamente a través de la huella de los mismos personajes. Conviene hacerlo desprovistos de
prejuicios, y más aún, de criterio chovinista. Pero comprender su acción y su importancia, exige recordar – aunque sea brevemente – algunos datos de su personalidad.
La feliz conciencia de unas características que encajan generacionalmente, permiten extraer conclusiones, aún por ajustar desde el valor interpretativo que corresponde
a la época. Una exigencia que se acentúa al toparnos con gentes como José Félix de
Lequerica, Fernando Castiella, Esteban Bilbao, José María de Areilza y Antonio Iturmen-
Tres ministros bilbainos de asuntos exteriores
763
di, entre otros políticos y diplomáticos de este Bilbao que extiende sus brazos hasta el
Abra, y el Océano Atlántico.
Presencia que viene precedida por otras gestiones desplegadas por otros nombres señeros como Diego María de Gardoqui y Arriquibar, Mariano Luis de Urquijo, José
Domingo de Mazarredo y Gortazar, Manuel Mazarredo y Mazarredo, José Félix Allendesalazar Mazarredo, José Ventura Aguirre Solarte, y otros muchos vascos que ocuparon
carteras ministeriales y destinos diplomáticos diversos a lo largo de los siglos XIX y XX.
El signo ilustrado, la huella de la Real Sociedad Bascongada de Amigos del País,
un cierto aperturismo sagaz a la hora de escudriñar lo nuevo desde que se apuntara
con sabia intención minoritaria un cierto europeismo por los patrocinadores de aquel
Real Seminario de Vergara, y por los propios comerciantes bilbaínos era su herencia.
De otra parte, la presencia eminente de la Ratio Studiorum ignaciana, en extraña connivencia con el enciclopedismo adaptado a la demanda cultural de este entorno mercantil, por excelencia, con el pedigree del histórico Consulado de Bilbao, abrieron vías
por las que transitar culturalmente, en el más amplio sentido de la expresión. Acostumbrados a salir hacia fuera, como destino natural, zambullidos en las aguas de una Ría
que representó – y sigue haciéndolo – el nexo de unión con un estilo de negocios, los
partidarios de la iniciativa privada y los intérpretes de la modernización tuvieron en la
Villa intérpretes políticos adecuados. Buscar un Bilbao más grande, al decir de Miguel
de Unamuno, fue una ley a la que se acomodaron con facilidad quienes contribuyeron
a enaltecer la obra iniciada en este Valle del Bajo Nervión, desde finales del 800. Fue la
misma capital de Vizcaya la que cultivó el espectro de la diversidad – paradigmáticamente -, resultado del impacto de lo endógeno y exógeno. Efecto del espíritu insuflado
por quienes se sintieron atraídos ante las expectativas económicas de este enclave portuario, y por quienes supieron entender la oferta de trabajo y riqueza que había generado, como la aventura que iba a rescatarles de un destino marcado inexorablemente
por el infortunio.
Ese Bilbao de los 90, signo del esplendor bullicioso, pero también del desacierto,
del dolor y la tragedia, de la discrepancia ideológica y el apego a la tradición, concita
sorpresas continuas. Fraguó idearios contradictorios, promovió la curiosidad de la cultura, aspiró a universalizarse, pero rescató su idiosincrasia reconstruyendo un acerbo que
era imposible de olvidar para la mayoría, y que sirvió para afianzar las aspiraciones de
un nacionalismo que despegaba imparable. Lo hizo al igual que ya lo estaban logrando
otros grupos políticos de espectro muy distinto: desde el tradicionalismo y el monarquismo, hasta el comunismo y el socialismo. Incluso la acción sindical tuvo en este
entorno fabril un perfil que le presentaba como precoz y decidida.
La ciudad-emblema de la industrialización vasca, dispuso de iconos muy divulgados (el Puente de Vizcaya o las empresas del Nervión como AHV), pero también hizo
gala de un espíritu que, sinérgicamente, estuvo predispuesto para lanzarse a otro tipo
de apuestas. Lo demuestran hasta las generaciones de ingenieros y arquitectos locales,
quienes alejados de cualquier trasnochado proyectismo, aportaron una visión urbanística arriesgada y futurista, desde el alarde conceptual que creyeron Bilbao podía llegar a
exhibir, precisamente, en este siglo XXI.
Ein Blick hinter die diplomatischen Kulissen:
Facetten der Beziehung zwischen der USRegierung und dem African National Congress
(ANC) in Apartheidszeiten
INGA-DOROTHEE ROST
„[...] es gibt kalkulierten Terror seitens des ANC [...]. In Verteidigung ihrer Gesellschaft
und ihrer Bewohner hat die südafrikanische Regierung das Recht und die Verantwortung, die Ordnung angesichts der terroristischen Bedrohung aufrecht zu erhalten. Die
südafrikanische Regierung steht unter keiner Verpflichtung, die Zukunft des Landes mit
irgendeiner Organisation zu verhandeln, die die Errichtung eines kommunistischen
Staates verkündet und die terroristische Taktiken und Gewalt benutzt, um dieses Ziel zu
erreichen.“1
Mit diesen Sätzen fasste US-Präsident Ronald Reagan am 7. Juli 1986 fünf Jahre seiner
Regierungspolitik gegenüber Südafrika zusammen. Zum ersten Mal erwähnte er in einer
öffentlichen Rede den African National Congress (ANC); die heutige südafrikanische
Regierungspartei und jene damals verbotene Befreiungsbewegung, die zu der Zeit nationale und internationale Unterstützung mobilisieren konnte. Während sich Mitte der
achtziger Jahre auf den Straßen der USA die Bürger versammelten, um gegen die Südafrikapolitik Reagans zu protestieren, verteidigte ihr Präsident genau diese, indem er deutlich und kompromisslos seine Meinung über den ANC formulierte, dessen Ziele er als
Bedrohung des südafrikanischen Staates und der westlichen Welt insgesamt einstufte,
weshalb jegliche Gewaltanwendung seitens Pretoria gerechtfertigt sei. Auch wenn Reagan sich erstmalig öffentlich über die mächtigste südafrikanische Befreiungsbewegung
äußerte: Seit Beginn seiner Präsidentschaft hatten er und seine engsten Berater intern
dem ANC unmissverständlich ihre Ablehnung signalisiert und u. a. mögliche Kontakte
mit ANC-Leuten auf allen Führungsetagen verboten.
Die ANC-Führung nahm die seitens der US-Regierung formulierte Kritik nicht
wortlos hin und richtete ihrerseits Vorwürfe an die Adresse der US-Regierung, die als
neo-kolonialistisch oder sogar als faschistisch in den wenigen internen Publikationen
beschrieben wurde. Angesichts unterlassener Unterstützung des ANC bei gleichzeitiger
Zusammenarbeit mit der Apartheidsregierung galt die US-Regierung deshalb zusammen
mit der eigenen Regierung als Feind Nummer Eins für viele Schwarze. In einer Radioansprache z. B. an das Volk Südafrikas kurz nach der Verhängung des von der Regierung
P. W. Botha ausgerufenen Ausnahmezustands im Juli 1985 hatte der amtierende ANC1 REAGAN, R.W.: „Ending Apartheid in South Africa“, President Reagan's address before the members of
the World Affairs Council and Foreign Policy Association, July 7, 1986. In: Department of State Bulletin,
No. 2114 (September 1986) 2. Das Zitat wurde, wie alle folgenden, aus dem Englischen durch die Autorin übersetzt.
782
Inga-Dorothee Rost
Präsident Oliver TAMBO2, der eher für eine gemäßigte Haltung bekannt war, seine Ablehnung einer Zusammenarbeit mit der US-Regierung entsprechend wie folgt formuliert:
„In zynischer Missachtung der Interessen der Mehrheit der Bevölkerung unseres Volkes
hat die Regierung der USA, der wichtigste Verbündete des Apartheidregimes, nicht gezögert und den neuen Repressionsmaßnahmen zugestimmt, die ihre Freunde in Pretoria
gewählt haben. Die Reagan-Regierung hat öffentlich erklärt, sie hoffe, dass die Maßnahmen in ihrer Anwendung erfolgreich sein werden. Botha und Reagan hoffen und
beten, dass die intensivierte Terrorkampagne gegen die Bevölkerung und unsere demokratische Bewegung erfolgreich sein wird unseren Marsch zur Befreiung zu stoppen. Sie
sind fest entschlossen, den Fortbestand rassistischer Gesetze und von Apartheid zu gewähren.“3
Angesichts dieser gegenseitigen, von offizieller Seite über die Jahre hinweg formulierten
Anschuldigungen sowie des Fehlens öffentlich sichtbarer diplomatischer Kontakte seit
den sechziger Jahren verwundert es kaum, dass die breite Masse weltweit das Verhältnis
zwischen den Führungsetagen in Washington und dem ANC-Hauptquartier als klare
politische Gegnerschaft wahrnahm. Unter Berücksichtigung der einschlägigen Publikationen und wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema – meist wird die
Beziehung auf ein bis zwei Seiten abgehandelt – verfestigt sich der Eindruck, dass das
Verhältnis zwischen USA und ANC in Apartheidsjahren durch ideologische Spannungen
und daraus resultierende Nichtbeachtung geprägt war, die keinen Spielraum für eine
direkte Annäherung erlaubte und einen Dialog in Zeiten des Kalten Krieges nicht nur
erschwerte, sondern sogar für irrelevant erklärte.
Aber damit ist das wechselseitige Verhältnis keineswegs charakterisiert, wie ein
genauerer historischer Blick auf die Jahre 1960 bis 1990 zeigt, als dessen markantestes
Beispiel die USA-Reise Nelson Mandelas im Juni 1990 gesehen werden muss. Kurz nach
seiner Freilassung führte ihn seine erste größere Auslandstour in die USA. Das sicherlich
bekannteste ANC-Mitglied, das aufgrund seiner politischen Ziele und des in Reagans
Rede angedeuteten verweigerten Drucks seitens der führenden westlichen Mächte auf
die Apartheidregierung für 27 Jahre in südafrikanischer Gefangenschaft gesessen hatte,
wurde bei seiner Ankunft in New York City wie ein Baseball-Star von bald einer Million
Menschen mit einer großen Parade empfangen. Time Magazin hieß ihn mit den Worten
„A Hero in America“ auf dem Titelblatt willkommen. Die US-Stars aus Show, Wirtschaft
und Politik empfingen ihn und seine Entourage mit Fundraiser-Cocktailabenden.4 Höhepunkt der Reise jedoch war sein Auftritt im US-Kongress, vor dem MANDELA als erster
Afrikaner und insgesamt dritte Privatperson die Ehre zuteil wurde zu sprechen. Folgenden Dank richtete er an die politischen Repräsentanten und die US-Bevölkerung:
2 Oliver R. Tambo hatte die ANC-Präsidentschaft von 1967 bis zu seinem Tod 1993 inne.
3 ANC President Oliver TAMBO: Address to the Nation. Radio Freedom, July 22, 1985. Folder 40: ANC (2),
1985-1986. Box 6. Series III: Non Parliamentary/Opposition/Resistance Groups. South African Apartheid
Collection, Group No. 1500. Yale University Library, Manuscripts & Archives, New Haven (YALE).
4 Ausführlicher zu Mandelas Tour durch die USA MASSIE, R.K.: Loosing the Bonds. The United States and
South Africa in the Apartheid Years. New Haven- London u. a. 1997, 665-671 sowie Folder 335, American Broadcasting Companies (ABC), 1990. Box 24. SERIES VII: American Anti-Apartheid Groups. South
African Apartheid Collection, Group No. 1500. YALE.
Jostberg bei Bielefeld
Aspekte zu einem Franziskanerkloster in Passlage
ROLAND PIEPER
Am Vorabend der Reformation wurde im Teutoburger Wald vor den Toren der Stadt
Bielefeld ein Franziskanerkloster gegründet, von dessen Kirche die Grundmauern nach
Ausgrabungen heute wieder sichtbar sind. Seit der Arbeit von Diodor HENNIGES1, der die
Geschichte des Bielefelder Observantenklosters vorstellte, gilt es als Vor- oder Erstgründung zu diesem. Die Publikation von 1909 dürfte mit den ersten Freilegungen der Mauerzüge in Zusammenhang stehen. Mit der Veröffentlichung von Franz FLASKAMP 19622
rückten die fast vergessenen Mauern erneut in das historische Blickfeld. Ralf NICKEL3
ging 1989 nur sehr summarisch auf die Zusammenhänge um Gründung und Verlegung
des Konvents ein, während Heinrich RÜTHING und Olaf SCHIRMEISTER4 im Beitrag zum
Westfälischen Klosterbuch 1992 die Informationen sammelten und zusammenstellten.
Im folgenden Jahr ging Heinrich RÜTHING5 im Zusammenhang mit Franziskanern in der
Grafschaft Ravensberg und in Herford nochmals auch auf den Jostberg ein. Waren diese
Veröffentlichungen stark historisch geprägt, so gaben die archäologischen Untersuchungen 1993/94 Anregung zur Darstellung des Geländes (KRUSE 19966) und des Befundes
selbst (ZUTZ 19967). Ein weiterer, detaillierter Aufsatz dazu von Daniel BÉRENGER8 liegt
im Manuskript zur Publikation bereits vor. Die bislang jüngste Publikation von Gertrud
ANGERMANN 19989 rollt die ganze Quellen- und Sachlage erneut profund auf und wertet
1 HENNIGES, D.: Geschichte des Franziskanerklosters zu Bielefeld. Sonderdruck aus: Beiträge zur Geschichte der sächsischen Franziskanerprovinz vom Heiligen Kreuz 2 (1909). Bielefeld 1910.
2 FLASKAMP, F: Das Observantenkloster Jostberg bei Bielefeld. In: Franziskanische Studien 44 (1962) 275286.
3 NICKEL, R.: Minoriten und Franziskaner in Westfalen vom 13. bis zum 17. Jahrhundert – Darstellung und
Bibliographie. In: Franziskanische Studien 71 (1989) 235-325, hier 236–253.
4 RÜTHING, H. / SCHIRMEISTER, O.: Bielefeld, Franziskaner. In: Westfälisches Klosterbuch 1. Münster 1992
(Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte, 2) 76-81.
5 RÜTHING, H.: Die Franziskaner in der Grafschaft Ravensberg und in Herford. In: Ravensberger Blätter
1993, H. 1, 1-21.
6 KRUSE, K.-H.: Die Bedeutung des Jostbergpasses. In: Ravensberger Blätter 1996, H. 1, 70–73.
7 ZUTZ, H.-D.: Die Ruine der Klosterkirche am Jostberg, Grabungsbericht. In: Ravensberger Blätter 1996,
H. 1, 555-569.
8 BÉRENGER, D.: Müdehorst und Jostberg. Zwei Klosterruinen in Bielefeld. Der Verfasser dankt Herrn Dr.
BÉRENGER für die Möglichkeit, das Manuskript einsehen zu dürfen. Hinweise bereits: BÉRENGER, D.: Spätgotische Klosterkirche. In: Archäologie in Deutschland 1995, Heft 2, S. 51 sowie in den Neujahrsgrüßen
des Westfälischen Museums für Archäologie 1994, 96 f. und 1995, 84, 86.
9 ANGERMANN, G.: Der Jostberg – ein Wallfahrtsort im Teutoburger Wald bei Bielefeld (etwa 1480 bis
1530). Ein Beitrag zur Frömmigkeitsgeschichte. In: Jahrbuch für westfälische Kirchengeschichte 92
(1998) 19-62.
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Roland Pieper
die einzelnen Positionen, während Karl-Ferdinand BESSELMANN10 in seiner Untersuchung
zu westfälischen Wallfahrtsorten des Mittelalters auf den Jostberg nur am Rand eingeht.
Es fehlt bisher eine Einordnung der Klostergründung in einen größeren Zusammenhang, insbesondere zu den Ordensgründungen von Mendikanten außerhalb von
Städten, wie auch eine vergleichende Analyse der auf dem Jostberg erbauten Kirche
nebst Hinweisen auf ihre Funktion. Der folgende Beitrag widmet sich schlaglichtartig
solchen Einzelfragen.
1 Zur Gruppe der Gründer und Förderer11
Um 1481 begannen auf einem Berg westlich der Stadt Bielefeld Wallfahrten zur Ehren
des hl. Jodokus, der als Eremit vornehmer Abkunft im 7. Jahrhundert lebte. Nach seinem niederdeutschen Namen heißt die vorher Loyckhuser Berg genannte Erhebung bis
heute Jostberg. Das erste Schriftzeugnis von 148312 verschweigt uns, ob ein Wunder,
eine Erscheinung oder das Wirken eines frommen Einsiedlers die Wallfahrt begründete,
berichtet aber ausführlich von Bemühungen, der Wallfahrtsbewegung ein kirchlich anerkanntes Zentrum und einen institutionellen Rahmen zu geben: Bielefelder Bürger
hatten, toleriert und vielleicht auch unterstützt von den Amtleuten der Grafschaft Ravensberg, am Wallfahrtsort eine „domuncula“ errichtet, ein Häuschen, in der für die
Wallfahrer auf einem mitgebrachten Tragaltar die Messe gelesen werden konnte. Nun
wurde beim zuständigen Ortsbischof in Paderborn erfolgreich die Erlaubnis erbeten, das
Häuschen durch eine geweihte Kapelle mit festem Altar und eigenem Geistlichen zu
ersetzen. Der Kapellenbau, für den 1483 ein Ablass verkündet wurde, zog sich in die
Länge; noch 1490 wurde für seine Vollendung gesammelt.13
Sechs Jahre später erscheint in der Schriftüberlieferung erstmals die Person, die in
den folgenden zwölf Jahren als Initiator und unermüdlicher Interessenvertreter der religiösen Institutionen des Jostberges fassbar wird: Der Bielefelder Kaufmann Wessel
Schrage. Über ihn ist nur sehr wenig bekannt; dem Rat der Stadt hat er, soweit nachweisbar, nie angehört.14 Dass aber die Förderung und Ausgestaltung des Wallfahrtsheiligtums auf dem Jostberg ein zentrales Projekt seines Lebens war, wird aus den Quellen
deutlich.15 1496 oder kurz zuvor übergab er Herzog Wilhelm von Jülich-Berg, der als
Graf von Ravensberg sowohl Landesherr wie auch Grundherr des Jostbergs war, eine
10 BESSELMANN, K.-F.: Stätten des Heils. Westfälische Wallfahrtsorte des Mittelalters. Münster 1998 (Schriftenreihe zur religiösen Kultur, 6).
11 Das Kapitel wurde von Dr. Otfried ELLGER (Westfälisches Museum für Archäologie, Amt für Bodendenkmalpflege, Referat Mittelalter) erarbeitet und für diesen Beitrag vom Verfasser nur geringfügig angepasst. Herrn Dr. ELLGER gebührt auch mein Dank für tatkräftige Unterstützung, insbesondere für gemeinsame Besuche des Jostbergs 1994 (mit Dr. Daniel BÉRENGER, Westfälisches Museum für Archäologie,
Amt für Bodendenkmalpflege, Außenstelle Bielefeld) und 2003 sowie für zahlreiche Diskussionen zum
Thema.
12 VOLLMER, B.: Urkundenbuch der Stadt und des Stiftes Bielefeld. Bielefeld-Leipzig 1937 (= BUB) 565 f.,
Nr. 998. Vgl. ANGERMANN, Jostberg 24 f.
13 BUB 619 f., Nr. 1092.
14 Zu Schrage: ANGERMANN, Jostberg 35.
15 BUB Nr. 1189, 1190, 1239, 1242, 1253, 1297, 1301. Vgl auch ANGERMANN, Jostberg 35-37.
Florenz im Quattrocento.
Eine kirchen- und religionsgeschichtliche
Betrachtung1
HERMANN-JOSEF SCHEIDGEN
Einleitung
Der Begriff Quattrocento stammt ursprünglich aus der Kunst- und der Literaturgeschichte und hat sich inzwischen auch in den Geschichtswissenschaften durchgesetzt. Hiermit
ist der Zeitraum von 1400-1499 gemeint und nicht das 14. Jahrhundert. Der Begriff Renaissance geht auf den Maler Giorgio Vasari zurück. Damit meint er die Wiedergeburt
der antiken Künste für den Zeitraum von 1300 bis 1600.2
Im meinen Ausführungen möchte ich den Nachweis erbringen, daß das Christentum im Gegensatz zur These Jakob BURCKHARDTS im 15. Jahrhundert in Florenz die Gesellschaft durchaus noch geprägt hat. BURCKHARDT schreibt in seiner Kulturgeschichte
der Renaissance, die Bettelmönche habe man nur noch als komisch oder als abscheulich empfunden; die florentinische Gesellschaft habe sich mehr mit den ciceronischen
Helden und dem homerischen Schattenreich befaßt als mit christlichen Begriffen.3
Friedrich NIETZSCHE ging sogar noch einen Schritt weiter, indem er die italienische Renaissance als Umwertung der christlichen Werte verstand. Sie sei ein Angriff auf das
Zentrum des Christentums gewesen. An seinem eigenen Sitz habe man es überwunden.
Danach habe in Rom erst das eigentliche Leben triumphiert.4
Neuere Forschungen falsifizieren jedoch diese Thesen. Zuerst hat der Kulturhistoriker Johann HUIZINGA darauf hingewiesen, daß der christliche Glaube der Träger des
gesellschaftlichen Systems der Renaissance gewesen sei.5 Der Literaturhistoriker Henry
THODE vertritt die Auffassung, daß die antiken Schriftsteller, nicht jedoch die Philosophen, in erster Linie aus reiner Kuriosität herangezogen worden seien.6 Der Kunsthisto1 Bei diesem Beitrag handelt es sich um die schriftliche Fassung meiner am 10. Juni 2002 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn als Privatdozent für das Fach Mittlere und Neuere Kirchengeschichte gehaltenen öffentlichen Antrittsvorlesung. Der Duktus des Vortrags ist bewußt beibehalten worden.
2 ZINTZEN, C.: Vom Menschenbild der Renaissance. Leipzig 2000 (Lectio Teubneriana, 9) 20. Zum Begriff
Renaissance BUCK, A.: Zu Begriff und Problem der Renaissance. Eine Einleitung, in.: DERS.: Zu Begriff
und Problem der Renaissance. Darmstadt 1969 (Wege der Forschung, CCIV) 1-36.
3 BURCKHARDT, J.: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Hrsg. von W. KAEGI. Berlin-Leipzig
1930 (Gesamtausgabe, 5) 308-310.
4 NIETZSCHE, Fr.: Der Antichrist. In: SCHLECHTA, K. (Hrsg.): Friedrich Nietzsche. Werke in drei Bänden.
München o.J., 1161-1235, hier: 1233-1234.
5 HUIZINGA, J.: Das Problem der Renaissance. In: DERS.: Das Problem der Renaissance. Renaissance und
Realismus. Darmstadt 1967, 5-64, hier 38-40.
6 THODE, H.: Franz von Assisi und die Anfänge der Kunst in der Renaissance in Italien. Berlin 31926, 6263, 571
834
Hermann-Josef Scheidgen
riker Peter BURKE erbringt den Nachweis, daß im Gegensatz zu einer weit verbreiteten
Meinung 1420 noch zu 95 Prozent religiöse Motive in der Malerei der Renaissance
nachzuweisen sind.7
Bei der Abhandlung meiner fünf Themenstellungen möchte ich jeweils eine andere Untersuchungsmethode wählen. Es sind der Reihenfolge nach 1. die sozialgeschichtliche, 2. die mentalitätsgeschichtliche, 3. die kirchenhistorische, 4. die der historischen Anthropologie und 5. die religionsgeschichtliche.
1 Der wirtschaftliche Aufschwung Florenz’ und der Aufstieg der Familie Medici
Im Gegensatz zu Max WEBERS These vom Beginn des Kapitalismus mit der Reformation8
setzt der Nationalökonom Werner SOMBART ihn bereits mit der italienischen Renaissance
an. Für ihn ist das Florenz des 13. und insbesondere das des 15. Jahrhunderts die kapitalistische Stadt.9 Als Zeitzeuge der Renaissance kann der berühmte, aus Florenz stammende Architekt Leon Battista ALBERTI (1414-1472) angeführt werden. In seinem dritten
Buch über die Familie legt er dar, daß für ihn Geld die Wurzel aller Dinge ist: „Mit Geld
kann man ein Stadthaus erbauen, und im Dienst dessen, der Geld besitzt, mühen sich
alle Gewerbe und Handwerker ab.“10 Schon Karl MARX empfahl, wer den Ursprung der
kapitalistischen Denkungsart wirklich erfassen wolle, studiere am besten die italienischen Städte des Mittelalters.11
Die wirtschaftliche Blüte der italienischen Stadtstaaten beruhte auf verschiedenen
Faktoren. Die italienischen Handelsrepubliken Venedig, Genua und Pisa versorgten seit
den Kreuzzügen die italienischen Städte mit Luxusgütern und Gewürzen aus dem Orient. Schon früh bildete sich in den italienischen Stadtstaaten und insbesondere in Florenz das Bankwesen aus. Bereits im 12. und 13. Jahrhundert wurde in Italien das kirchliche Zinsverbot aufgehoben. War der Geldverkehr vorher ein Monopol der Juden gewesen, so traten nunmehr italienische Kaufleute an ihre Stelle. Aus pragmatischen
Gründen hatten die Päpste ihnen Kredit- und Wechselgeschäfte gestattet. Auch zahlreiche europäische Fürsten nutzten dieses Kreditwesen, das es in dieser Form zuerst nur in
Italien gab, um ihren ständigen Finanzbedarf, aber auch um ihre Kriege zu finanzieren.
Anfangs fiel es vielen christlichen Kaufleuten noch schwer, das ursprüngliche Zinsverbot zu verletzen. So gehen einige fromme Stiftungen des 13. bis 15. Jahrhunderts auf
das schlechte Gewissen reich gewordener Bankiers zurück. Noch heute stammen viele
im Bankwesen gebräuchliche Begriffe aus dem Italienischen. Das Wort banco selber
geht auf die sogenannten bancierii des 12. Jahrhunderts zurück. Lombardkredit, Giro,
7 BURKE, P.: Die Renaissance in Italien. Sozialgeschichte einer Kultur zwischen Tradition und Erfindung.
Berlin 1988, 34, 152-153.
8 WEBER, M.: Wirtschaftsgeschichte. Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Berlin 51991,
312-316.
9 BERNARD, J.: Handel und Geldwesen im Mittelalter 900-1500. In: CIPOLLA, C.M. (Hrsg.): Europäische
Wirtschaftsgeschichte. Bd. 1. Mittelalter. Stuttgart-New York 1978, 177-217, hier 200.
10 ALBERTI, L.B.: Über das Hauswesen. Drittes Buch: Oeconomicus. Zürich 1962, 320.
11 MARX, K.: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 3. Berlin 1967 (Nach der vierten, von Friedrich Engels 1867 durchgesehenen Auflage. Hamburg 1890) 809.
Hildesheim und Osnabrück –
Zwei geistliche Residenzen in Nordwestdeutschland während der Frühen Neuzeit
HANS-GEORG ASCHOFF
1 Verfassung und Struktur geistlicher Staaten
Die geistlichen Territorien stellten durch die Vereinigung von geistlicher und landesherrlicher Gewalt in der Person des katholischen Fürstbischofs eine Sonderform im
Verfassungsleben des Reiches dar. Sie waren bis zum Ende des Alten Reiches wichtige
Träger der Reichsidee, weil sie aufgrund militärischer Schwäche ihre Existenzsicherung
durch das Reich als Rechtsverband erfuhren. Im Zuge der Reformation wurden nach
dem Regierungsantritt protestantischer Landesherren hauptsächlich die geistlichen Staaten in Nord- und Mitteldeutschland säkularisiert. Erst die Normaljahrsbestimmungen des
Westfälischen Friedens von 1648, die den konfessionellen Besitzstand des Jahres 1624
verankerten, schufen eine eindeutige rechtliche Grundlage für die Fortexistenz der restlichen geistlichen Territorien bis zur Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts.1
Unter den 25 geistlichen Staaten ragten die Kurfürstentümer Mainz, Köln und
Trier wegen ihrer Größe und ihrer Stellung im Verfassungsgefüge des Reiches heraus;
über das größte Territorium verfügte das Hochstift Münster. Den Aufbau des Absolutismus, der sich in den größeren deutschen Staaten nach dem Dreißigjährigen Krieg
durchsetzte, haben die geistlichen Territorien höchstens in Ansätzen erfahren; durchweg
blieb die landständische Verfassung erhalten. Ein wesentlicher Grund hierfür lag in der
Tatsache, daß es in den geistlichen Staaten nicht zur Dynastiebildung kam und diese
Wahlmonarchien blieben. Nach dem Tod des geistlichen Fürsten übte das Domkapitel
sein Recht zur Wahl eines Nachfolgers aus. Es verband die Wahl in kanonisch unerlaubter Weise mit einer Wahlkapitulation, in der der Gewählte die Landesverfassung, die
1 Allgemein zu den geistlichen Staaten in der Frühen Neuzeit: MORAW, P. / PRESS, V.: Fürstentümer, Geistliche. In: Theologische Realenzyklopädie 11 (1983) 711-719; HÜTTL, L.: Geistlicher Fürst und geistliche
Fürstentümer im Barock und Rokoko. Ein Beitrag zur Strukturanalyse von Gesellschaft, Herrschaft, Politik und Kultur des alten Reiches. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 37 (1974) 3-48; GREIPL,
E.J.: Zur weltlichen Herrschaft der Fürstbischöfe in der Zeit vom Westfälischen Frieden bis zur Säkularisation. In: Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte (=RQ) 83
(1988) 252-264; ZIEGLER, W.: Die Hochstifte des Reiches im konfessionellen Zeitalter 1520-1618. In: RQ
87 (1992) 252-281; SCHMID, A.: Die Reformpolitik der fränkischen Bischöfe im Zeitalter der Aufklärung.
In: RQ 95 (2000) 179-203; HAUSBERGER, K.: „Unterm Krummstab ist gut leben“. Zur Situation der fürstbischöflichen Germania Sacra am Vorabend der Säkularisation. In: SCHMID, P. / UNGER, K. (Hrsg.): 1803.
Wende in Europas Mitte. Vom feudalen zum bürgerlichen Zeitalter. Regensburg 2003, 35-52; KREMER, St.:
Herkunft und Werdegang geistlicher Führungsschichten in den Reichsbistümern zwischen Westfälischem
Frieden und Säkularisation. Fürstbischöfe, Weihbischöfe, Generalvikare. Rom u. a. 1992 (RQ, Supplementheft 47).
848
Hans-Georg Aschoff
Rechte und Privilegien des Domkapitels und der anderen Stände garantieren mußte.2
Den Fürstbischöfen fehlte darüber hinaus der energische Wille zu Veränderungen im
Zeichen des Absolutismus; nicht zuletzt die Rücksicht auf Familienangehörige, deren
mögliche Wahl zum Nachfolger man durch Konflikte mit dem Domkapitel nicht beeinträchtigen wollte, veranlaßte sie zu einer zurückhaltenden Politik.
Unter den Landständen der geistlichen Territorien stellte das Domkapitel die
wichtigste Kurie dar.3 Neben der Bischofswahl gehörte zu seinen bedeutendsten Rechten die Führung der Regierungsgeschäfte während der Sedisvakanz; es war an der Landesgesetzgebung beteiligt, vor allem am Abschluß von Bündnissen und Militärverträgen
und übte eine Kontrolle über die Regierungstätigkeit des Fürstbischofs aus. Im Laufe
des 18. Jahrhunderts wurde Mitgliedern des Domkapitels in zunehmendem Maße der
Vorsitz in den landesherrlichen Oberbehörden eingeräumt.
Die Bischofssitze zählten zu den begehrtesten geistlichen Positionen im Reich.
Vor allem nachgeborenen Söhnen regierender Dynastien verschafften sie die notwendige standesgemäße Versorgung und erhoben sie in den Reichsfürstenstand.4 Dadurch
wurden die politischen Einflußmöglichkeiten der regierenden Häuser im Reich erheblich ausgeweitet. Insbesondere die katholischen Habsburger und Wittelsbacher und
nach ihrer Konversion zum Katholizismus die Pfalz-Neuburger und Wettiner meldeten
in diesem Sinne ihr Interesse an der Besetzung von Bischofsstühlen an. Aber auch
reichsgräfliche Häuser, wie die Lamberg, Firmian, Thun und Schönborn, und der stiftsässige katholische Adel versuchten, Familienangehörige mit Bischofssitzen auszustatten. Die Wahlentscheidung der Domkapitel wurde von allgemeinen politischen Überlegungen, wie z. B. die Sicherung der Existenz des Hochstiftes durch einen Prinzen,
durch den Druck seitens interessierter Mächte, aber auch durch finanzielle Zuwendungen beeinflußt. Für den Kaiser, der das Recht zur Überwachung der Bischofswahl besaß
und der dem vom Domkapitel gewählten und vom Papst bestätigten Fürstbischof die
Regalien verlieh, waren diese Wahlen nach dem Dreißigjährigen Krieg eine der letzten
verbliebenen Möglichkeiten, die Verhältnisse im Reich nach seinen Vorstellungen zu
gestalten und sich in den geistlichen Staaten eine loyale Anhängerschaft zu schaffen.
2 Vgl. VIERHAUS, R.: Wahlkapitulationen in den geistlichen Staaten des Reiches im 18. Jahrhundert. In:
DERS. (Hrsg.): Herrschaftsverträge, Wahlkapitulationen, Fundamentalgesetze. Göttingen 1977 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 56) 205-219; MAIER, K.: Bischof und Domkapitel im
Licht der Wahlkapitulationen in der Neuzeit. In: RQ 83 (1988) 236-251.
3 Allgemein: HERSCHE, P.: Die deutschen Domkapitel im 17. und 18. Jahrhundert, 3 Bde. Bern 1984; für
den norddeutschen Raum: OER, R. v.: Landständische Verfassungen in den geistlichen Fürstentümern
Nordwestdeutschlands. In: GERHARD, D. (Hrsg.): Ständische Vertretungen in Europa im 17. und 18. Jahrhundert. Göttingen 1974, 94-119; CHRIST, G.: Selbstverständnis und Rolle der Domkapitel in den Geistlichen Territorien des alten Deutschen Reiches in der Frühneuzeit. In: Zeitschrift für Historische Forschung 16 (1989) 257-328; für Norddeutschland: BOESELAGER, J. Frhr. v.: Die Osnabrücker Domherren
des 18. Jahrhunderts. Osnabrück 1990 (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen, 28); DYLONG,
A.: Das Hildesheimer Domkapitel im 18. Jahrhundert. Hannover 1997 (Quellen und Studien zur Geschichte des Bistums Hildesheim, 4).
4 REINHARDT, R.: Die hochadeligen Dynastien in der Reichskirche des 17. und 18. Jahrhunderts. In: RQ 83
(1988) 213-235.
Geistliche Mitglieder der Familie Schwenger aus
Wiedenbrück im 17. und 18. Jahrhundert
CHRISTIAN LOEFKE
Verfolgt man die Geschichte einzelner Städte oder auch einzelner Berufe, so finden sich
immer wieder Familien-“Dynastien“, die hier in mehreren, aufeinander folgenden Generationen eine bedeutende Rolle gespielt haben. Bestimmte Umstände – z. B. früher Tod
der Eltern, wirtschaftlicher Niedergang etc. – konnten dazu führen, dass eine Familie an
ihrem Ursprungsort „ausstarb“, aber in einem Nebenzweig an anderem Ort weiter blühte, und daraus sogar eine neue „Dynastie“ erwuchs.
Einer dieser Faktoren, der geradezu zu einem Bevölkerungsaustausch führte, war
der Dreißigjährige Krieg. Ganze Landstriche wurden entvölkert und mussten neu besiedelt werden. Auch für Wiedenbrück lässt sich eine Bevölkerungsverschiebung von größerem Ausmaß nachvollziehen. Viele der alteingesessenen Familien starben aus, verarmten oder zogen in andere Städte. Nur wenige der schon im 15. und 16. Jahrhundert
den Rat und das Aegidien-Stift dominierenden Familien sind auch nach 1650 noch dort
vertreten.1 Schon zum Ende des 16. Jahrhunderts aber setzt ein Zuzug von Familien ein,
die bereits in ihren Herkunftsstädten zur ratsfähigen Bevölkerung gehört hatten und die
nun in Wiedenbrück die freiwerdenden Stellen übernahmen, so dass zum Ende des 18.
Jahrhunderts der Stadtrat nur noch aus diesen neuen Familien bestand.2 Diese Entwicklung spiegelt sich sowohl im Krameramt, als der angesehensten Wiedenbrücker Gilde,3
1 Eine Übersicht über die Mitglieder des Wiedenbrücker Stadtrates ist immer noch ein Desiderat. Die
Zusammenstellung bei DRUFFEL, J.P.: Die Namen der Bürgermeister und Richter der Stadt Wiedenbrück
nach Feststellungen und Aufzeichnungen des verstorbenen Oberstabsarztes Druffel. Münster 1917, ist alles andere als vollständig; ergänzend dazu nennt die Mitgliederliste des Wiedenbrücker Kalands allerdings nur die Ratsmitglieder, die auch im Kaland waren, und diese auch nur mit Titel, nicht mit Amtszeiten (FLASKAMP, F. [Hrsg.]: Die Kalands-Bruderschaft zu Wiedenbrück, 2. Teil: Mitglieder- und Totenliste
1343-1854. Münster 1957 [Quellen und Forschungen zu westfälischen Geschichte, 83]). – Vgl. zur Geschichte des Aegidien-Stifts allgemein SCHMIDT-CZAIA, B.: Wiedenbrück – Kollegiatstift St. Aegidius und
Karl der Große. In: HENGST, K. (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch, Teil 2. Münster 1994 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, XLIV; Quellen und Forschungen zur Kirchen- und
Religionsgeschichte, 2) 470-479. Zu den Kanonikern und ihren Familien bis 1650 vgl. SCHMIDT-CZAIA, B.:
Das Kollegiatstift St. Aegidii et Caroli Magni zu Wiedenbrück (1250-1650). Osnabrück 1994 (Osnabrücker
Geschichtsquellen und Forschungen, 33); für den gesamten Zeitraum bis zur Aufhebung 1810 vgl. HARSEWINKEL, F.K.J.: Ordo ac series clericorum Wiedenbrugensium. Kirchengeschichte des FürstbischöflichOsnabrücker Amtes Reckenberg, der Herrschaft Rheda und der Grafschaft Rietberg in Lebensumrissen
ihrer Geistlichen vom 12. bis zum 19. Jahrhundert. Hrsg. und erläutert von F. FLASKAMP. Münster 1933
(Quellen und Forschungen zur Natur und Geschichte des Kreises Wiedenbrück, 4).
2 Lediglich die Familie Heising war schon seit Anfang des 15. Jahrhunderts in Wiedenbrück vertreten,
gelangte aber erst Ende des 16. Jahrhunderts in den Rat.
3 Vgl. zur personellen Entwicklung die prosopographische Studie von LOEFKE, C.: Wiedenbrücker Krameramtsverwandte des 17. Jahrhunderts. In: Beiträge zur westfälischen Familienforschung 54 (1996) 91-181.
Eine Fortsetzung für das 18. Jahrhundert ist in Arbeit.
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Christian Loefke
als auch in der Besetzung der Kanonikerstellen des St. Aegidii-Stifts wider.4 Dagegen
lassen sich für das Jahr 1669 aus einem Augustinerinnen- in ein Annunziatenkloster
umgewandelte Wiedenbrücker Frauenstift5 auf Grund der mangelnden Quellen aus der
Zeit vor der Umwandlung keine Aussagen treffen. Erst recht lässt sich eine derartige
Feststellung nicht für die erst seit 1644 in Wiedenbrück ansässigen Franziskaner machen,6 da zudem die Ordensangehörigen selten in ihren Heimatstädten verblieben.7
Andererseits kann man durchaus seit 1644 von einer Bevorzugung der Franziskaner bei
der Wahl eines Ordens innerhalb der Wiedenbrücker Bevölkerung sprechen.8
Zu der neuen Führungsschicht, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts in Wiedenbrück ansässig wurde, gehörte die ursprünglich aus Rheda stammende,9 über Oelde
nach Warendorf, Wiedenbrück und Rietberg verzweigte, Familie Schwenger. Mit der
Einbürgerung von Johann Schwenger10 1646 in Wiedenbrück11 begann die Geschichte
dieses Zweiges. Nacheinander folgten ihm drei weitere Brüder und eine Schwester von
4 Von den seit 1650 nachgewiesenen 59 Kanonikern (vgl. HARSEWINKEL, Ordo [passim]) stammen 28 aus
Wiedenbrück. Davon ist einer aus bäuerlicher Familie und einer aus einer Handwerkerfamilie, die nicht
im Rat vertreten war, die restlichen 26 Kanoniker stammen aus Ratsfamilien bzw. aus landesherrlichen
Beamtenfamilien. Von diesen 26 Kanonikern stammen wiederum 14 aus Familien, die im 17. Jahrhundert nach Wiedenbrück zugezogen sind. Die Zahl erhöht sich sogar um weitere 4 Kanoniker, nimmt
man die Familie Haver, die kurz vor 1600 nach Wiedenbrück kommt, und die Familie Dethmari hinzu,
die zwar schon im 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts in Rat und Stift vertreten ist, dann für ca. 75 Jahre aus Wiedenbrück verschwindet und erst um 1625 wieder in Wiedenbrück heimisch wird. Von den älteren Familien stellt lediglich die Familie Schröder schon im 15. Jahrhundert Ratsherren; Heising, Ostmann und Wippermann sind seit dem 16. Jahrhundert im Rat vertreten.
5 Vgl. ZACHARIAS, K.: Wiedenbrück – Augustinerinnen, dann Annunziatinnen. In: HENGST, K. (Hrsg.):
Westfälisches Klosterbuch, Teil 2. Münster 1994 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für
Westfalen, XLIV: Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte, 2) 479-483; FLASKAMP,
F. (Hrsg.): Investitur- und Profeßbuch des Annuntiatenklosters zu Wiedenbrück. Münster 1948 (Quellen
und Forschungen zur Natur und Geschichte des Kreises Wiedenbrück, 74); SCHMITZ, C.: Geschichte des
St. Agnetenklosters in Wiedenbrück. In: SCHLAGER, P. (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Sächsischen
Franziskanerprovinz vom Heiligen Kreuze, Bd. 2. Düsseldorf 1909, 13-68.
6 Vgl. GÖCKING, D.: Wiedenbrück – Franziskaner. In: HENGST, K. (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch, Teil
2. Münster 1994 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, XLIV; Quellen und
Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte, 2) 484-488; 350 Jahre Franziskanerkloster Wiedenbrück. Hrsg. vom Franziskanerkloster Wiedenbrück. Werl 1994; eine Literaturübersicht zum Kloster findet sich in KORDWITTENBORG, H.-U. / NICKEL, R.: Bibliographie zur Geschichte des Sächsischen Franziskanerprovinzen, Bd. 1: Franziskaner in Westfalen. Hrsg. von D. BERG. Werl 1994 (Saxonia Franciscana,
4) 531-542.
7 Zu den Lebenswegen der Franziskaner aus Wiedenbrücker Familien vgl. BECKER, D.: Wiedenbrücker
Franziskaner. In: Vita Seraphica 13 (1932) 332-346.
8 Vgl. BECKER, D.: Ordenspriester aus der Pfarrei Wiedenbrück. Ein Beitrag zur Familienkunde. Wiedenbrück 1951. Von den dort aufgeführten Priestern aus der Zeit vor 1800 waren 1 Augustiner, 1 Dominikaner, 4 Kapuziner, je 9 Benediktiner und Jesuiten sowie 79 Franziskaner.
9 Vgl. zur Abstammung und den älteren Rhedaer Schwengers: SCHULTE, A.: Familiengeschichtliche Forschungen, Bd. 2. Beckum 1977 (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Kreises Warendorf, 8) 83127; aus Rheda stammten auch die niederländischen und die Beckumer Schwengers, wahrscheinlich ebenso die Ibbenbürener Familie dieses Namens (SCHULTE, Forschungen II, 105).
10 Vgl. zu ihm LOEFKE, Krameramtsverwandte, 145, Nr. 247.
11 FLASKAMP, F. (Hrsg.): Die Bürgerlisten der Stadt Wiedenbrück, 1. Teil: Stadtbuch 1480 bis 1541, Bürgerbuch 1549 bis 1730. Rheda 1938 (Quellen und Forschungen zur Natur und Geschichte des Kreises Wiedenbrück, 37) 48: „1646 [u. a. eingebürgert] Johan Swenger von Olde“.
„So wie zur Römerzeit ...“
Wahrnehmung von Kontinuität der eigenen Landesgeschichte
am Beispiel des Verfassungsstreites im Fürstentum Lippe
∗
zu Beginn des 19. Jahrhunderts
ARNE BORSTELMANN
Der Übergang von der Frühen Neuzeit zur Neuzeit im Deutschen Reich wurde von dem
Dualismus zwischen Landesherren und Landständen wesentlich geprägt. Die Landesverfassungen hatten mit dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation
ihre reichsrechtliche Garantie verloren – 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluss
und 1806 auch formell durch die Niederlegung der Kaiserkrone. Dementsprechend
musste eine politische und rechtliche Neuordnung konzipiert und umgesetzt werden.
Diese entwickelte sich in den einzelnen Staaten des Deutschen Bundes jedoch durchaus
unterschiedlich und führte zu Verwirrungen und Irritationen. Die Umstrukturierungen in
den Staaten des Deutschen Bundes können als Übergangsprozess zu einer bürgerlichen
Gesellschaftsordnung bezeichnet werden, als eine politische Evolution, die sich schließlich in einem einheitlich gefassten nationalen Recht formuliert. Die Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress ergab nicht nur zahlreiche territoriale Verschiebungen,
sondern forderte zudem mit dem 13. Artikel der Wiener Bundesakte1 alle Staaten des
Deutschen Bundes auf, ihrem Land eine Verfassung zu geben.
Vor diesem Hintergrund ist auch die Verfassungsgebung im Fürstentum Lippe
durch Fürstin Pauline zu sehen. Sie hatte nach dem Tode Leopolds I., ihres Ehegatten,
die Regierungsgeschäfte für das Fürstentum übernommen. Dies konnte aufgrund eines
Ehevertrages geschehen, der sie bis zur Großjährigkeit der gemeinsamen Söhne als
∗ Einführende Literatur zu diesem Thema: ARNDT, J.: Das Fürstentum Lippe im Zeitalter der Französischen
Revolution 1770 – 1820. Münster-New York 1992; HUXOLL, A.: Der Versuch der Fürstin Pauline zur Lippe, ihrem Lande eine Verfassung zu geben (1816-1820). Detmold 1913; KIEWNING, H.: Ein Versuch der
Fürstin Pauline zur Lippe im Anschluß an ihren Beitritt zum Rheinbund die Wirksamkeit der lippischen
Landstände zu unterbinden. In: Lipp. Mitt. (1904) Bd. 2, 186-191; MAGER, W.: Das Problem der landständischen Verfassungen auf dem Wiener Kongress 1814/15. In: HZ 217 (1974) 296-346; PRIEUR, J. (Hrsg.):
Frauenzimmer, Regentin, Reformerin. Fürstin Pauline zur Lippe 1802-1820. Detmold 2002; WEERTH, M.:
Verfassungstreitigkeiten in Lippe 1817-1820. Dargestellt nach Briefen der Fürstin Pauline. In: Lipp. Mitt. 1
(1903) 63-136; WEIS, E.: Kontinuität und Diskontinuität zwischen den Ständen des 18. Jahrhunderts und
den frühkonstitutionellen Parlamenten von 1818/19. In: Deutschland und Frankreich um 1800. Aufklärung – Revolution – Reform. Hrsg. v. W. DEMEL und B. ROECK. München 1990, 218-242; WUNDER, B.:
Landstände und Rechtsstaat. Zur Entstehung und Verwirklichung des Art. 13 DBA. In: ZHF 5 (1978) 139185.
1 „Art. 13. In allen Bundesstaaten wird eine landständische Verfassung statt finden.“ zitiert nach HUBER,
E.R.: Dokumente zur deutschen Verfassungsgeschichte. Bd. 1, Deutsche Verfassungsdokumente 18031850. Stuttgart u. a. 31978, 88.
„So wie zur Römerzeit ...“
877
Regierungsnachfolgerin einsetzte.2 Die Fürstin als Souverän des Landes ließ zunächst
die altständische Verfassung bestehen, verhinderte jedoch nach 1805 ihre Anwendung,
indem sie keine Landtage mehr einberief. Auch nach dem Beitritt Lippes zum Rheinbund wurde die alte Verfassung noch nicht komplett aufgehoben.
Mit der Vorlage einer neuen Verfassung für das Fürstentum Lippe im Jahre 1819
wird mit der althergebrachten Tradition der adeligen Privilegien gebrochen. Den politisch-sozialen Umstrukturierungen ihrer Zeit versucht Fürstin Pauline Rechnung zu tragen, allerdings in einer eher einseitigen Art und Weise. Sie gedenkt nur solche Rechte
zu veräußern, die bis dahin dem Adel vorbehalten waren. Fürstin Paulines Konzessionen an eine „nationale“ Verfassungsbewegung sind demnach durchaus geeignet, die
eigene Herrschaft zu sichern und zu festigen, frei nach dem Leitspruch: „Divide et impera“. Die Beschneidung der Vorrechte des Adels können ihr dabei nur recht sein, ist sie
sich doch der dankbaren Unterstützung des dritten Standes gewiss. Für den letzteren
plante sie die Einrichtung einer dritten Kurie, die gleichrangig neben der bereits bestehenden ersten Kurie der Ritterschaft und der zweiten Kurie, in der die Vertreter der
sechs Städte des Landes saßen, existieren sollte. Sie war der Ansicht nur auf diese Weise
ihre Position als Souverän stärken zu können, um die Herrschaft für sich und ihre Söhne unter verschmerzbaren Konzessionen zu festigen und zu sichern, ohne einer Volkssouveränität tatsächlich Raum zu gewähren. Dass der Adel gegen diese Vorstellungen
und Entwicklungen opponierte, war die logische Konsequenz. Schon bei den ersten
Plänen zu einer neuen Verfassung forderten die Deputierten der ersten und zweiten
Kurie die Wiederherstellung und Bestätigung der alten Verfassung. So wurde der Frankfurter Bundesversammlung bereits 1817 eine Klageschrift vorgelegt, in der die Fürstin
von einer bundesstaatlichen Institution gezwungen werden sollte, die dem Lande vorenthaltene Verfassung wieder in Kraft zu setzen und zu bestätigen. Nur ein Jahr später
wurde derselben Versammlung eine Stellungnahme der Regierung überreicht, der wiederum eine kritische Gegendarstellung im Jahre 1819 folgte. In allen drei Schriften wird
der Versuch angetreten, die Rechtmäßigkeit des jeweiligen Vorgehens und der jeweiligen Forderungen zu beweisen. Dies geschah vor dem Hintergrund einer geschichtlichen Rezeption und Darstellung von rechtlichen Kontinuitäten und Traditionen. In dieser Untersuchung wird weniger der Schwerpunkt auf die Auseinandersetzungen zwischen dem ansässigen Adel, den Vertretern der Städte und der Regierung sowie der
Rezeption des Verfassungsvorhabens in und um Lippe gelegt3, sondern vielmehr auf die
drei Schriften von SCHLOSSER, CLOSTERMEIER und ANTZE in ihrer Eigenart, die eigene Landesgeschichte wahrzunehmen und für die eigene strategische Vorgehensweise zu nutzen. Dabei wird besonders bei CLOSTERMEIER ein sich von diffusen Überlieferungen lö-
2 „IV. Für den Fall, daß zur Zeit Unseres Ablebens Unsere vielgeliebten Söhne, [...] noch minderjährig sind,
und also beide einer Vormundschaft bedürfen, ernennen Wir bis zur Großjährigkeit des RegierungsNachfolgers, oder bis zu der für denselben bei Seiner Kaiserlichen Majestät bewirkten venia aetatis Ihre
leibliche zärtliche Mutter und Unsere innigst geliebte Frau Gemahlin [...] die Durchlauchtigste Fürstin
Pauline Christine Wilhelmine, gebohrne Fürstin zu Anhalt, [...], hiermit zur Vormünderin und Regentin
[...].“ Staatsarchiv Detmold, Fach 6, Nr. 21, 29.
3 Vgl. hierzu BORSTELMANN, A.: Der Verfassungsstreit im Fürstentum Lippe während der Regentschaft der
Fürstin Pauline. Hannover 2002 (Mschr.).
Die Inspektionsberichte der Landrabbiner als
Quellen für die Geschichte der Juden in
Niedersachsen im 19. Jahrhundert
HANS-DIETER SCHMID
Die Landrabbiner, die seit dem 17. Jahrhundert in einigen Territorien des Reiches eingesetzt wurden, setzten die Tradition der spätmittelalterlichen „Judenmeister“ fort. Hatten
jene allerdings vor allem fiskalische und jurisdiktionelle Aufgaben gehabt, so verschob
sich bei letzteren der Schwerpunkt ihrer Aufgaben und Funktionen auf die Bereiche des
Kultus und der Erziehung.1 Vollends im Laufe des 19. Jahrhunderts glich sich ihre Stellung immer mehr an die der protestantischen Landesbischöfe oder Superintendenten an,
denen sie sich auch im äußeren Erscheinungsbild stark annäherten. In der Regel waren
sie nun im staatlichen Auftrag zuständig für die Aufsicht über die jüdischen Kultusgemeinden und die jüdischen Schulen in einem Territorium oder Teilen eines Territoriums.
1 Landrabbiner in Niedersachsen
Auf dem Gebiet des heutigen Landes Niedersachsen wurde zum ersten Mal zu Beginn
des 17. Jahrhunderts im Fürstbistum Hildesheim die Anstellung eines Rabbiners für ein
ganzes Territorium gestattet.2 Erst über ein halbes Jahrhundert später – im März 1687 –
erlaubte Herzog Ernst August von Braunschweig-Calenberg auf Betreiben des Hofjuden
Leffmann Behrens die Wahl eines Landrabbiners für sein Territorium, die Fürstentümer
Calenberg, Göttingen und Grubenhagen; 1737 wurde die Zuständigkeit des hannoverschen Landrabbiners auf das Fürstentum Lüneburg und die Grafschaften Hoya und
Diepholz ausgedehnt.3 Auch in Ostfriesland gab es schon seit dem Ende des 17. Jahrhunderts einen Landrabbiner, der seinen Sitz in Aurich hatte. Diese Einrichtung wurde
in der preußischen Zeit beibehalten, obwohl es im übrigen Preußen keine Landrabbiner
gab. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts hatte allerdings Emden, zu dieser Zeit die
größte jüdische Gemeinde auf dem Gebiet Niedersachsens, einen eigenen, unabhängigen Rabbiner. Erst der Emdener Ortsrabbiner Abraham Löwenstamm vereinigte ab 1813
1 COHEN, D.J.: Die Entwicklung der Landesrabbinate in den deutschen Territorien bis zur Emanzipation.
In: HAVERKAMP, A. (Hrsg.): Zur Geschichte der Juden im Deutschland des Späten Mittelalters und der
Frühen Neuzeit. Stuttgart 1981, 221-242.
2 MARX, A.: Geschichte der Juden in Niedersachsen. Hannover 1995, 51; AUFGEBAUER, P.: Die Geschichte
der Juden in der Stadt Hildesheim im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Hildesheim 1984, 137-139;
LÖB, A.: Die Rechtsverhältnisse der Juden im ehemaligen Königreiche und der jetzigen Provinz Hannover. Frankfurt a.M. 1908, 18.
3 SCHULZE, P.: Landrabbinat und Landrabbiner in Hannover 1687-1938. In: DERS.: Beiträge zur Geschichte
der Juden in Hannover. Hannover 1998, 47-118.
896
Hans-Dieter Schmid
beide Ämter und wurde auch nach dem Ende der französischen Herrschaft als Landrabbiner von der hannoverschen Regierung bestätigt.4 Sein Amtssitz blieb Emden. Löwenstamm war ursprünglich auch für die benachbarten oldenburgischen Gebiete zuständig,
während für die ehemals zum Fürstbistum Münster gehörenden südlichen Landesteile
Oldenburgs der Landrabbiner in Warendorf zuständig war. Ein eigenes Landrabbinat
wurde im neuen Großherzogtum Oldenburg erst durch die Judenverordnung von 1827
eingeführt.5
Im Herzogtum Braunschweig gab es nur für die in ärmlichen Verhältnissen lebenden Landjuden des westlichen Weserdistrikts seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts
einen Landrabbiner. Dieses Amt übernahm 1795 der Kammeragent Israel Jacobsohn aus
Braunschweig von seinem Schwiegervater und nutzte es entschlossen im Sinne eines
aufgeklärten Reformjudentums. In der Zeit des Königreichs Westphalen wurden unter
seiner Ägide als Präsident des jüdischen Konsistoriums nicht nur entschiedene, auf Akkulturation gerichtete innerjüdische Reformen durchgeführt, sondern auch flächendeckend Rabbinatsbezirke eingeführt. Für Braunschweig wurde 1809 der Halberstädter
Rabbiner Samuel Levi Egers bestellt, der auch nach dem Ende der westphälischen Zeit
de facto im Amt blieb und schließlich 1824 auch de jure zum Landrabbiner des ganzen
Herzogtums Braunschweig ernannt wurde und bis zu seinem Tod im Dezember 1842
blieb.6 – Im Gegensatz zu den genannten Territorien scheint es im Fürstentum Schaumburg-Lippe zu keiner Zeit ein Landrabbinat gegeben zu haben.7
Im Königreich Hannover gab es eine wesentliche Veränderung durch das „Gesetz
über die Rechtsverhältnisse der Juden“ von 1842, das in seinem § 21 die Wahl von
Landrabbinern „für gewisse, näher zu bestimmende Bezirke“ durch die Judenschaft des
jeweiligen Bezirks vorsah.8 Diese näheren Bestimmungen enthielt dann eine Bekanntmachung des Innenministeriums vom 19. Januar 1844. Aus ihr ging hervor, dass die
Landrabbiner den Landdrosteien unterstellt waren, die Rabbinatsbezirke also mit den
Landdrosteien identisch sein sollten.9 Diese Regelung stand im Gegensatz zu den Wünschen der hannoverschen Judenschaft, die einen Oberlandrabbiner für das gesamte
4 LÖB, Rechtsverhältnisse 21 f.; EGGERSGLÜSS, G.: Hofjuden und Landrabbiner in Aurich und die Anfänge
der Auricher Judengemeinde (ca. 1635-1808). In: REYER, H. (Hrsg.): Die Juden in Aurich (ca. 1635-1940).
Aurich 1992, 13-25.
5 MEINERS, W.: Nordwestdeutsche Juden zwischen Umbruch und Beharrung. Judenpolitik und jüdisches
Leben im Oldenburger Land bis 1827. Hannover 2001, 286, 332 f., 362 ff. Die entscheidenden Paragraphen der Verordnung von 1827 sind abgedruckt bei TREPP, L.: Die Oldenburger Judenschaft. Oldenburg
1973, 46 f.
6 EBELING, H.-H.: Die Juden in Braunschweig. Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von den Anfängen der Jüdischen Gemeinde bis zur Emanzipation (1282-1848). Braunschweig 1987, 159 f., 302 ff.;
SCHMID, J.: Landrabbinat und Landesrabbiner im Herzogtum Braunschweig. In: Braunschweiger Jb. f.
Landesgeschichte 81 (2000) 101-116. Zu Israel Jacobson vgl. außerdem: ZIMMERMANN, P.: Israel Jacobson.
In: Brunsvicensia Judaica. Gedenkbuch für die jüdischen Mitbürger der Stadt Braunschweig 1933-1945.
Braunschweig 1966, 23-42; EBELING, H.-H.: Israel Jacobson. In: Lessings „Nathan“ und jüdische Emanzipation im Lande Braunschweig. Wolfenbüttel 1981, 69-87.
7 Vgl. HASSELMEIER, H.-H.: Die Stellung der Juden in Schaumburg-Lippe. Von 1648 bis zur Emanzipation.
Bückeburg 1967.
8 Gesetz-Sammlung für das Königreich Hannover 1842 I, 215.
9 Gesetz-Sammlung 1844 I, 51.
Mark Brandenburg – Ansichtssache1
HUBERTUS FISCHER
I
„Ob du reisen sollst, so fragst du, reisen in der Mark?“ FONTANE beantwortete die Frage
1864 mit einem „ja“, unter fünf Vorbedingungen. Läßt man die letzten beiden fort, sie
betreffen „Komfort“ und „Geld“, so sind es außer „Liebe zu ,Land und Leuten‘ [...] mindestens keine Voreingenommenheit“ vor allem Landschaftssinn und Geschichtskenntnis.
„Der Reisende in der Mark muß [...] mit einer feineren Art von Natur- und Landschaftssinn ausgerüstet sein. Es gibt gröbliche Augen, die gleich einen Gletscher oder
Meeressturm verlangen, um befriedigt zu sein. [...] wenige Punkte sind so arm, daß sie
nicht auch ihre sieben Schönheiten hätten. Man muß sie nur zu finden verstehn. Wer
das Auge dafür hat, der wag‘ es und reise.“ Wenn sich aber gar nichts Anziehendes dem
Auge darbietet, dann springt Geschichtskenntnis ein, die Landschaft und Lokalität mit
der Kraft der Imagination belebt, so daß der Reisende „Luch und Heide plötzlich wie in
wunderbarer Beleuchtung“ sieht.2 Die spezielle Ästhetik der „Beleuchtung“ ist ein zentrales Element der Landschaftsmalerei; das gilt auch für die sogenannten ,historischen
Landschaften‘, für die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bilder des Müncheners Carl Rottmann3 und des Düsseldorfers Carl Friedrich Lessing standen. Mit diesen
Malern und ihren Schöpfungen wurde FONTANES literarisches Unternehmen nicht zufällig in einer der ersten Rezensionen der Wanderungen noch aus dem Jahre 1861 verglichen.4
Was soll die Reisefrage als Vorwort zur zweiten Auflage des Bandes Die Grafschaft Ruppin? Will der Autor den Reisewilligen tatsächlich zur Selbstbefragung veranlassen, ob er diese Vorbedingungen erfüllt? Kaum. Vielmehr will er aus ihm einen engagierten Leser seiner Wanderungen machen, damit er sie erfüllt. In diese Schule der
Wanderungen sind denn auch Generationen gegangen, und seit 1989 sind Abertausende hinzugekommen. Sie sehen das Land – um ein Wort des Philosophen Hans-Georg
1 Der Beitrag geht auf verschiedene Fassungen eines Vortrags zurück, der 2002/2003 in den Sektionen
und Kreisen Bayern (München), Bocholt, Ruppin (Neuruppin), Schleswiger Land (Flensburg) und Zeuthen der Theodor Fontane Gesellschaft e.V., am Historischen Seminar der Universität Hannover, am
Zentrum für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur der Universität Hannover sowie am Institut für
Germanische Philologie der Adam-Mickiewicz-Universität Posen gehalten wurde. In dieser überarbeiteten Gestalt sei er dem Fontane-Freund und Mediävistik-Kollegen Dieter BERG herzlich zugeeignet.
2 FONTANE, T.: Vorwort zur zweiten Auflage. In: DERS.: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Hrsg.
von W. KEITEL und H. NÜRNBERGER. 1. Bd. 2., im Text und in den Anmerkungen revidierte Aufl. München 1977, 12. – Zur Einführung ERHART, W.: Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg. In: GRAWE, C. / NÜRNBERGER, H. (Hrsg.): Fontane-Handbuch. Tübingen 2000, 818-850.
3 Vgl. HEILMANN, C. / RÖDIGER-DIRUF, E. (Hrsg.): Landschaft als Geschichte. Carl Rottmann 1797-1850.
Hofmaler König Ludwigs I. München 1998.
4 BRACHVOGEL, A.E.: [Rez.] Wanderungen durch die Mark Brandenburg von Theodor Fontane. Berlin 1862.
In: Wochenblatt der Johanniter=Ordens=Balley Brandenburg, Nr. 50, 11. Dezember 1861, 226 [recte 232].
912
Hubertus Fischer
GADAMER aufzunehmen – „mit durch die Kunst erzogenen Augen“5. In diesem Fall ist es
die Kunst des Schriftstellers, Geschichte zu erzählen in Anekdoten und Geschichten
sowie eine Landschaft zu entwerfen als unbewegtes und bewegtes Bild. Um Mark
Brandenburg so und nicht anders zu sehen, ist sie zuerst und vor allem Lektüre gewesen – und ist sie es immer noch. Das verwundert nicht, denn Geschichte wohnt Orten
nicht einfach inne, sie muß lesbar gemacht werden, erst das ermöglicht das Erlebnis
historischer Lokalität. Die Mark ist freilich unter den deutschen Landschaften ein besonderer Fall, da sie, um es zugespitzt zu formulieren, seit FONTANES Wanderungen besetztes Land ist, ein mit seinen Bildern und Geschichten besetztes Land. Sie ist – mit den
Titeln der einzelnen Bände – Die Grafschaft Ruppin, Das Oderland, Havelland und
Spreeland, und ohne diese ebenso sanfte wie dauerhafte Okkupation würde Brandenburg nach wie vor ein Schattenland im allgemeinen Bewußtsein sein.
Wie prägend das Vorbild der Wanderungen geworden ist, mag man daraus ersehen, daß sich ein Spaziergänger „in Preußens Arkadien“ die Methode genau abgeguckt
hat. Das beginnt bei der Erfassung von Geschichte in „Miniaturen“ und endet bei der
Skizzierung der Landschaft. Wolf Jobst SIEDLER hat dafür in seinem Essay Auf der Pfaueninsel ein eindrucksvolles Beispiel gegeben. „Die Geschichte ist voller unscheinbarer
Plätze dieser Art, an denen sich, obgleich selber ohne Geschichte, Geschichte vollzogen
hat. In diesem Sinne halten Häuser, Bäume und Inseln vielerlei Erinnerungen für den
Reisenden bereit, sind Geheimschlüssel zur Öffnung vergangener Welten.“6 Das könnte
ähnlich auch FONTANE gesagt haben; kein Wunder, daß ihn SIEDLER mehr als einmal
namentlich in Anspruch nimmt. Indessen folgt er dem Vorbild doch eher bei der Erzählung von Geschichte als bei der Schilderung der Natur. Das war 1987; fünf Jahre später
erschien der Band noch einmal in einem nur leicht überarbeiteten Nachdruck. Merkwürdig, daß das Jahr 1989 die Ansicht der Landschaft so wenig verändert hat.
Nehmen wir ein anderes Beispiel. Als Rudolf STIEGE Ende der 1970er und Anfang
der 1980er Jahre zuerst in der Berliner Morgenpost, dann in dem Band Streifzüge durch
die Mark Brandenburg über seine „Zwiesprache mit der Mark“ berichtete, tat er das
nach eigenem Bekunden als Schuldner der Wanderungen und schlug schon im Vorwort
vertraute Töne an: „Die märkische Landschaft ist schön. Wer ihre Kostbarkeiten erfassen
will, muß seine Augen den gröberen Reizen entziehen.“ FONTANE hatte bekanntlich von
„gröbliche[n] Augen“ gesprochen. Und weiter liest man: „Die Landschaft Brandenburgs
gibt sich nicht preis, sie verschließt sich. Ihre anmutige Melancholie siedelt in der Stille.
Sie bedarf des ruhigen Schauens, der sanften Einlassung. Denn sie erzählt im Schweigen. Das Land der Stille, der weiten Himmel, der kargen Erde, des verzaubernden Wechselspiels schimmernder Seenplatten und dunkler Schattenrisse der Wälder hat auch seine
Menschen tief geprägt.“7 Die Sätze zeugen, schaut man sie genauer an, wiederum von
„durch die Kunst erzogenen Augen“. Über FONTANES Beschreibungen haben sich die
Bilder Walter LEISTIKOWS gelegt und die Wahrnehmung märkischer Landschaft mitge5 GADAMER, H.-G.: Die Aktualität des Schönen. Kunst als Spiel, Symbol und Fest. Stuttgart 1977, 41.
6 SIEDLER, W.J.: Auf der Pfaueninsel. Spaziergänge in Preußens Arkadien. Photographien von M. HAMM.
Berlin 1992, 9 [Erstdruck 1987].
7 STIEGE, R.: Streifzüge durch die Mark Brandenburg. 40 Ausflugsziele in Berlins schöner Umgebung.
Berlin 1982, 9 f.
Die Stadt in der jüngsten Zeitgeschichte
ADELHEID VON SALDERN
Immer intensiver beschäftigen sich Historiker und Historikerinnen damit, das 20. Jahrhundert als Jahrhundertgeschichte konzeptionell in den Griff zu bekommen. Allerdings
ist für das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts – ab 1973/75 – bislang noch kein Forschungsentwurf entwickelt worden. Jedoch ist eine perspektivische Auslotung dieser
Jahrzehnte unabdingbar, will man die vorhergegangenen Phasen des 20. Jahrhunderts,
zumindest die ersten 25 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, optimal verorten.
Zu den zentralen Analysebereichen einer Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts gehört die Stadt, deren Erforschung Impulse für die allgemeine Zeitgeschichtsschreibung geben kann. Denn in der Stadt zeigen sich gesellschaftliche Entwicklungen
meist am frühesten und am deutlichsten. Doch diese Einsicht schlägt sich nicht in den
Geschichtswerken allgemeiner Art nieder. Wer die zahlreichen Sammelbände zu den
einzelnen Phasen der Zeitgeschichte durchsieht, registriert, dass gewöhnlich Beiträge
zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung fehlen. Das mag zum einen daran
liegen, dass Stadtgeschichte noch vielfach als Spezialgebiet angesehen wird, zum anderen hat die Stadtgeschichtsforschung ihrerseits nicht in dem notwendigen Ausmaß jene
Fragen und Problemstellungen aufgegriffen, die im Fach Geschichte eine Rolle spielen.
Mit den folgenden Ausführungen soll deshalb versucht werden, einerseits die Relevanz
der Stadtforschung für allgemeine Fragestellungen ausschnittartig darzulegen, andererseits selbst einige derjenigen Aspekte und Fragen aufzugreifen, die derzeit in der Historiographie diskutiert werden. Einführend werden zwei unterschiedliche Stadtbilder entworfen und im zweiten Abschnitt wird die Zäsur von 1973/75 thematisiert. Im Kontext
der intensivierten Europapolitik wird im dritten Teil die derzeit vielfach diskutierte Frage gestellt, ob sich in der jüngsten Zeitgeschichte Anzeichen dafür, dass die Europäische Stadt im Verschwinden begriffen sei, vermehrt haben. Während es im ersten Kapitel um Trends zur Entgrenzung des Städtischen oder gar um dessen Auflösung im allgemeinen geht, konzentriert sich im dritten Teil die Frage nach der jüngsten Vergangenheit und der Zukunft der Europäischen Stadt mehr auf die Gefährdungen eines bestimmten Stadttypus. Im vierten Abschnitt wird überlegt, welche Chancen der spatial
turn für die (Stadt-)Geschichtsschreibung bietet, während im fünften sowie sechsten
Abschnitt einige erweiterte bzw. neue Forschungsfelder thematisiert werden.1
1 Die folgenden Ausführungen stellen eine Weiterführung älterer Überlegungen der Verfasserin dar: VON
SALDERN, A.: Die Stadt in der Zeitgeschichte. Überlegungen zur neueren Lokalgeschichtsforschung. In:
Die alte Stadt (1991) Heft 2, 127-153 (verbesserte und erweiterte Fassung eines gleichnamigen Aufsatz.
In: DIES. (Hrsg.): Stadt und Moderne. Hannover in der Weimarer Republik. Hamburg 1989, 307-331).
924
Adelheid von Saldern
1 Unterschiedliche Stadtbilder
Stark voneinander abweichende Vorstellungen prägen das Bild von der Stadt und dem
Städtischen der jüngsten Zeitgeschichte. Sie lassen sich in einem ersten Schritt zu zwei
Konstrukten mit binärem Muster ordnen:
Die Stadt und das Städtische seien nur mehr gedankliche Konstruktionen, sie
spielten realiter keine Rolle mehr. Das Städtische unterliege einer immer größeren Entgrenzung, die Menschen würden sich nicht mehr mit einer bestimmten Stadt identifizieren, der polyglotte Habitus greife um sich, die zunehmenden Pendlerströme ließen die
Stadt zu einer täglichen Mobilitätspassage verkommen, die alten sozialräumlichen Milieus seien längst zu sozialräumlich unabhängigen Lebensstilmilieus mutiert, die gesellschaftsbestimmende Politik finde nicht mehr im Rathaus statt, die allgemeinen Verstädterungstendenzen hätten die Unterschiede zwischen Stadt und Land eingeebnet und die
Suburbanisierung fördere die städtische Diffusion vollends. Sogenannte Zwischenstädte
und edge cities seien Marksteine in einer Entwicklung, die das Ende der Europäischen
Stadt bedeuteten. Die Gebietsreformen der sechziger und frühen siebziger Jahre, die im
Zeichen größtmöglicher Effizienz und Rationalität gestanden hätten, hätten sich schon
damals über ortsgebundene Traditionen und Identifikationsbezüge der Menschen hinweggesetzt und somit dem neuen Zeitgeist Rechnung getragen. Die großen Verkehrsadern zerteilten nicht nur die bis dahin zusammengehörenden Räume, sondern schüfen
negativ konnotierte Orientierungsmarken in den mental maps der Menschen. Die in
Städten angebotene Waren- und Kulturvielfalt verweise auf Globalisierungsphänomene,
die Wirtschafts- und Bankkonzerne blieben Fremdkörper in ihrer jeweiligen Stadt, und
diese müsste ohnmächtig zusehen, wie Konzerne ihren Standort verlagerten. Die Verkehrs- und Umweltproblematik könne mit einzelstädtischen Entscheidungen nicht mehr
gelöst werden. Die stärkste Entgrenzung des Städtischen ginge allerdings von den
Kommunikations- und Informationssystemen, vor allem von den audiovisuellen Medien
sowie vom Internet aus. Sie erleichterten den Menschen eine Entkoppelung ihrer Informationsquellen von der Stadt und ermöglichten, ihre Arbeitsplätze sowie die Befriedigung ihrer Freizeit-, Konsum- und Kulturbedürfnisse von ihrem jeweiligen Lebens-Ort
abzutrennen. Kurzum: all diese Entgrenzungstendenzen ließen die Stadt auch in den
Gesellschaftswissenschaften zu einer eher zweit- und drittrangigen analytischen Kategorie zusammenschrumpfen.
Solchen Szenarien entgrenzter Stadträume stehen Überlegungen entgegen, die in
der Stadt und hinsichtlich des Städtischen gleichwohl Beharrungs- und Gegentrends
ausmachen, die der Stadt und dem Städtischen noch Gewicht verleihen. Zahlreiche
Menschen, so heißt es in diesem Zusammenhang, seien noch immer sozialräumlich
eingebunden, städtische Politik greife vielfach in die Lebensumstände der Bewohner
und Bewohnerinnen ein, stadtbezogene Partizipationsbewegungen zeigten das Engagement von Bürgern und Bürgerinnen gegenüber städtischen Streitfragen, und auf das
innovative städtische Milieu könnten Großunternehmen und Wissenschaftsorganisationen nach wie vor nicht verzichten. Das Abreißen städtischer Wahrzeichen fordere immer wieder Proteste seitens der Einwohner über angebliche oder tatsächliche Identitätsverluste heraus. Viele Menschen eigneten sich eine Stadt oder einen Stadtteil so intensiv
Zur realpolitischen Bedeutung
spekulativer Theologie. Anselm von Canterbury
und der Investiturstreit
GÜNTHER MENSCHING
Der Investiturstreit ist eine jener großen politischen Auseinandersetzungen zwischen
geistlicher und weltlicher Macht, die das Mittelalter auch im Bewußtsein einer breiteren
Öffentlichkeit prägen. Der Kampf um die Besetzung der Bischofsämter, in dessen Verlauf Kaiser Heinrich IV. nach Canossa pilgern mußte und Papst Gregor VII. seinen Herrschaftsanspruch unter anderem durch den berühmten Dictatus Papae (1075) verkündete, ist Bestandteil historischer Bildung. Es scheint sich hier um eine jener immer wiederkehrenden Machtkämpfe zu handeln, der insofern keinen epochenspezifischen Charakter aufweist, als das Streben nach Suprematie auch früher und später zu beobachten ist.
Vollends scheint der Streit ganz in die Sphäre harter Realpolitik zu gehören. Die beiden
Universalmächte Kirche und Kaiserreich hatten zwar in je verschiedener Weise einen
Auftrag zu erfüllen, der sie über die Niederungen des profanen Machtstrebens zu erheben schien, denn sie sollten die augustinische Civitas Dei befördern, aber dies war nur
möglich unter Anwendung sehr profaner Mittel.
Der seit langem übliche Begriff Investiturstreit ist übrigens allzu eng auf nur einen Aspekt dieser Auseinandersetzung bezogen, die weit mehr als nur das Recht zur
Einsetzung von Bischöfen und Äbten mit Ring und Stab in den verschiedenen regna
betraf. Der Konflikt – so die These dieses Beitrages – hatte seine Voraussetzung in der
theologisch-politischen Konzeption des Verhältnisses von geistlicher und weltlicher
Sphäre und hat dieses Verhältnis nachhaltig verändert, so daß einerseits der Keim zur
Idee eines souveränen und laizistischen Staates gelegt werden konnte, andererseits die
Theologie als eigenständige Wissenschaft, die über die Tradierung der Religion weit
hinausgeht, überhaupt sich hat ausbilden und als epochale Stellung des Geistes zur
Welt hat geltend machen können.
Der Antagonismus mit der Kirche wurde keineswegs nur vom deutschen König
und römischen Kaiser ausgetragen, sondern zeitweise nicht minder dramatisch auch
vom englischen und vom französischen König. Die Epoche, in der dieser lang andauernde Streit mit seinen vielen Episoden stattfand, hat sich in ihrer literarischen Hinterlassenschaft als eine Umbruchszeit niedergeschlagen. Eine Zeitenwende schien sich anzuzeigen, wo lange geübter Brauch aufgekündigt wurde und eine grundsätzliche Neubestimmung des Verhältnisses zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt sich aufdrängte.
Die Könige verteidigten zwar Rechte, die sie für lange verbrieft hielten, zugleich aber
wollten sie die Kirchen ihrer Länder ihren weltlichen Interessen dienstbar machen und
sie so, mehr noch als bis dahin, zu einem Bestandteil ihrer eigenen Herrschaftsapparate
herabsetzen.
948
Günther Mensching
Ein Bruch mit bisheriger Praxis war noch viel mehr das Programm der Gregorianischen Reform der Kirche und ihres Verhältnisses zu den weltlichen Reichen, lief es
doch auf eine neue politische Eigenständigkeit der Kirche hinaus, die vorgab, sich aus
den materiellen Interessen der politischen Mächte herauszuziehen. Dies war bei der
herrschenden Praxis kirchlicher und königlicher Personalpolitik nur unter Widersprüchen möglich. Die Bischöfe und Äbte waren nämlich häufig Reichsfürsten und hielten
großen Grundbesitz in Händen, den sie des Zölibats wegen nicht in eine vererbbare
Hausmacht umwandeln konnten. Sie waren vielmehr verpflichtet, ihn zum Nutzen des
sie investierenden Herrn einzusetzen, dem gegenüber sie daher zur Treue verpflichtet
waren.1 Das Bestreben des Papstes, dieses Abhängigkeitsverhältnis unter anderem dadurch zu lösen, daß allein ihm und nicht den weltlichen Herren die Investitur zustand,
war für die Könige ein unmittelbarer und erheblicher Eingriff in ihre Macht. Je mehr die
Loslösung der Bischöfe aus dem weltlichen Vasallenverhältnis Erfolg versprach, desto
mehr mußte paradoxerweise andererseits die weltliche, auf Eigentum gestützte Macht
des Papstes wachsen, obwohl die Kirche durch die Reform doch gerade aus der weltlichen Verstrickung befreit werden sollte. Der in jener Epoche allgemein geübte Ämterkauf für Kleriker sollte verboten werden, außerdem sollten keine Laien mehr zu Bischöfen gemacht werden, die dann dem jeweiligen weltlichen Herrn Treue zu geloben und
ihm Steuern abzuführen hatten. Schließlich sollte der Zölibat strikt gelten, nachdem
alles dies zuvor im gegenteiligen Sinne oder zumindest weit weniger streng geübt worden war.2 Die angestrebte libertas ecclesiae, die durch asketischen Rückzug aus der
Sphäre irdischer Macht hergestellt werden sollte, hat die Kirche als weltliche Kraft erst
nachhaltig ins politische Spiel gebracht. Sicher ist, daß die kirchliche Reformbewegung
von einer neuen theoretischen Orientierung begleitet und unterstützt wurde, die in
ihren bedeutendsten Vertretern die Entstehung der eigentlichen mittelalterlichen Theologie und Philosophie erst ermöglicht hat. Das will besagen, daß die Autonomie des
europäischen Geistes, die gewöhnlich auf die Renaissance zurückgeführt wird, sich
gerade einer Bewegung verdankt, die apologetisch die Unterwerfung der Vernunft unter
die Autorität zur Absicht hatte.
An einem berühmten Beispiel soll im folgenden gezeigt werden, wie die scheinbar ganz weltfremde Gelehrsamkeit eines spekulativen Theologen mit den politischen
Kämpfen dieser Zeit zusammenhängt. These ist hierbei, daß die Selbstbehauptung der
römischen Kirche im 11. und 12. Jahrhundert nach innen wie auch nach außen eine
neue geistige Grundlage provoziert hat. Anselm von Canterbury gilt insofern zu Recht
als der Autor, der die Theologie nachhaltig in den Rang einer Wissenschaft erhoben hat,
die sich am Ideal der Allgemeinheit und Verbindlichkeit ihrer Argumente messen läßt.
Diese Entwicklung ist deshalb einerseits folgerichtig und erfolgt nicht ohne eine einschlägige theoretische Vorgeschichte, die im Streit des frühen 11. Jahrhunderts um die
Rolle der Dialektik in der Theologie zum Ausdruck kommt. Andererseits entspricht sie
1 Vgl. hierzu: GOEZ, W.: Kirchenreform und Investiturstreit. Stuttgart 2000, 67-92.
2 Vgl. die diesbezüglichen Schreiben Gregors VII. in MIRBT, C.: Quellen zur Geschichte des Papsttums und
des römischen Katholizismus. Tübingen 31911, 117-121.
Überblick über die dominikanische Inquisition
im Erzbistum Köln und in Westfalen
KLAUS-BERNWARD SPRINGER
1 Einleitung
Wegen Machtmißbrauch und Terror zählt die Inquisition zu einem der „dunkelsten“
Kapitel der Kirchengeschichte.1 Allerdings erfuhr die Inquisition in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten eine unterschiedliche Ausprägung. Es gab daher nicht
„die“ Inquisition des Mittelalters. Sie war in Deutschland auch keine zentralisierte und
straff organisierte Institution wie die spanische Inquisition oder die römische Inquisition
der Frühen Neuzeit.2 Ein so vielschichtiges und emotionsgeladenes Thema wie die
kirchliche Ketzerverfolgung verlangt detaillierte Studien. Trotz einer umfangreichen
Inquisitionsbibliographie3 wurde die vornehmlich durch Mendikanten ausgeübte päpstliche Inquisition in Deutschland nur in Einzelaspekten und nicht im chronologischen
Längsschnitt erforscht. Wegen der westfälischen Herkunft und Prägung des Jubilars soll
nach einem knappen Überblick über die Behandlung von Glaubensabweichungen in
der Erzdiözese Köln vor der Einführung der päpstlichen Inquisition in Deutschland (2)
die durch Dominikaner ausgeübte päpstliche Inquisition im Bereich des Erzbistums
Köln und Westfalens vorgestellt werden (3). Abschließend werden einige Ergebnisse
thematisiert (4).
1 Vgl. SPRINGER, K.-B.: Ketzerverbrennungen durch die dominikanische Inquisition – das schwärzeste
Kapitel in der thüringischen Geschichte des Mittelalters? In: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte 58 (2004) [im Druck]. – Grundlegende Informationen zu Inquisition und Hexenverfolgung können in diesem Rahmen nicht geboten werden; knapper Überblick zur Inquisition bei FRANK, I.W.: Kirchengeschichte des Mittelalters. Düsseldorf 41997 (Leitfaden Theologie, 14) 160-165; SPRINGER, K.-B.:
Päpstliche Ketzerverfolgung. Ein zusammenfassender Überblick für Teutonia und Saxonia. In: Wort und
Antwort 44/1 (2003) 7-12.
2 Vgl. BENZIGER, W.: Dezentralisierung und Zentralisierung. Mittelalterliche Ketzerinquisition und neuzeitliche Römische Inquisition. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken
81 (2001) 67-106, hier 77 Anm. 34, 101-106 sowie SEGL, P.: „Quoniam abundavit iniquitas“. Zur Beauftragung der Dominikaner mit dem „negotium inquisitionis“ durch Papst Gregor IX. In: Rottenburger
Jahrbuch für Kirchengeschichte 17 (1998) 53-65, hier 55.
3 Vgl. VEKENE, E. van der: Bibliographie der Inquisition: ein Versuch. Hildesheim 1963; VEKENE, E. van
der: Bibliotheca bibliographica historiae Sanctae Inquisitionis: bibliographisches Verzeichnis des gedruckten Schrifttums zur Geschichte und Literatur der Inquisition I-III. Vaduz 1982-1992.
964
Klaus-Bernward Springer
2 Ketzerverfolgung im Erzbistum Köln vor der Einführung
der päpstlichen Inquisition
Ein Grund für die allmähliche Einrichtung der päpstlichen Inquisition war, daß die Bekämpfung von Magie und Ketzerei durch Bischöfe und Pfarrer als unzureichend angesehen wurde; allerdings bestand nach der Errichtung der päpstlichen Inquisition weiterhin die bischöfliche Zuständigkeit für Glaubensfragen und Orthodoxie; kirchenrechtlich
war die Zusammenarbeit von päpstlichen und bischöflichen Beauftragten zur Häresiebekämpfung vorgeschrieben.4 Nicht zuletzt setzte sich das dem römischen Recht entstammende Inquisitionsverfahren gegenüber dem germanischen Akkusationsprozeß
durch. Die Praxis der Gottesurteile wie die Lynchjustiz durch die Bevölkerung sollte
durch das Rechtsverfahren des Inquisitionsprozesses abgelöst werden. Lynchjustiz war
vermutlich z. B. in Köln im Jahr 1074 geübt worden. Damals wurde bei einer städtischen Empörung eine Frau wegen magischer Künste, die bei mehreren Menschen
Wahnsinn erzeugt haben soll, von der Stadtmauer gestürzt.5
Als Häretiker ließ der Kölner Erzbischof im Jahr 1112 Tanchelm († 1115) in Köln
verhaften. Nach einer Synode reinigten sich einige seiner Anhänger vom Vorwurf der
Häresie durch das Gottesurteil der Wasserprobe, andere flohen; drei Flüchtlinge wurden
in Bonn ergriffen und verbrannt, während Tanchelm entkam.6 In den Jahren 1143 und
1163 wurden in Köln Anhänger manichäischer Irrtümer bzw. Katharer hingerichtet. Der
Prämonstratenser-Propst Everwin von Steinfeld († 1151/1153) beschrieb für Bernhard
von Clairvaux (um 1090-1153) eine in Köln entdeckte Ketzerei mit eigenem Bischof und
fester Organisation; der Bischof, sein Assistent sowie einige weitere Personen wurden
vom Volke verbrannt, als sie auf ihrem Standpunkt beharrten.7 Verurteilungsgrund war
4 Vgl. FRANK, Kirchengeschichte 160 ff.; SPRINGER, K.-B.: Dominican Inquisition in the Archdiocese of
Mainz (1348-1520). In: Predicatores, Inquisitores I: The Dominicans and the Medieval Inquisition. Acts of
the 1st International Seminar on the Dominicans and the Inquisition. I frati Domenicani e l’inquisizione
medievale. Atti del 1o seminario sul domenicani e l’inquisizione. 23.-25.2.2002. Ed. Istituto Storico Domenicano. Rom 2003 (Dissertationes historicae, 29) 267-349, hier 271-272. Überblick über die Geschichte
des Erzbistums Köln im Spätmittelalter bei JANSSEN, W.: Das Erzbistum Köln im späten Mittelalter 11951515, I-II. Köln 1995-2003 (Geschichte des Erzbistums Köln, 2/1-2) sowie bei GATZ, E.: Erzbistum Köln.
In: E. GATZ unter Mitwirkung von C. BRODKORB und H. FLACHENECKER (Hrsg.): Die Bistümer des Heiligen
Römischen Reiches von ihren Anfängen bis zur Säkularisation. Freiburg i.Br. 2003, 273-290, hier 279-281;
für Westfalen siehe SCHRÖER, A.: Die Kirche in Westfalen vor der Reformation. Verfassung und geistliche
Kultur, Mißstände und Reformen II. Münster 21967.
5 Vgl. LEA, H.C.: Geschichte der Inquisition im Mittelalter I-III. Nachdruck Frankfurt a.M. 1997, hier III,
471 f.; SCHORMANN, G.: Hexenprozesse in Deutschland. Göttingen 21986, 28; DECKER, R.: Die Päpste und
die Hexen. Aus den geheimen Akten der Inquisition. Darmstadt 2003, 12.
6 Vgl. LEA, Geschichte I, 71; GRUNDMANN, H.: Ketzergeschichte des Mittelalters. Göttingen 1963 (Die Kirche in ihrer Geschichte, 2. Lfg. G, 1. Tl.) 17 f. Zur Person vgl. BEULERTZ, S.: Tanchelm. In: Lexikon des
Mittelalters 8 (1997) 455.
7 Quelle: Bernhard von Clairvaux: Epistulae. In: Bernhard von Clairvaux: Opera I. Hrsg. von J. MABILLON.
Neuausgabe von J.-P. MIGNE. Paris 1859 (Patrologiae Cursus completus. Series Latina, 182) 1-722, hier
676-680, bes. 677 Nr. 2. [unvollständ.]; vgl. MOSHEIM, J.L.: De Beghardis et Beguinabus Commentarius …
Locupletavit G.H. MARTINI. Leipzig 1790, 114-116, 483 f. (irrtümliches Datum 1146), 522 (= MOSHEIM,
Commentarius); LEA, Geschichte I, 79, 124 f.; GRUNDMANN, H.: Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Untersuchungen über die geschichtlichen Zusammenhänge zwischen der Ketzerei, den Bettelorden und
Ein später franziskanischer Beitrag zum Streit
zwischen Bonifaz VIII. und Philipp IV.
HELMUT G. WALTHER
Es bleibt ein auffälliges, wenn auch bislang wenig beachtetes Phänomen, daß in der
zweiten Phase der Auseinandersetzung zwischen dem Hof des französischen Königs
Philipp IV. und dem so machtbewußten Papst Bonifaz VIII. ab November 1301 die franziskanischen Stimmen im Konzert der Stellungnahmen und Polemiken fehlen. Dabei
waren es doch die zahlreiche Äußerungen von Legisten, Kanonisten, weltgeistlichen
und mendikantischen Theologen, und bei letzteren eben vor allem solche aus den Orden der Dominikaner und der Augustinereremiten, die dazu beitrugen, daß der Konflikt
über seinen konkreten Anlaß hinaus eine grundsätzliche politiktheoretische Dimension
bekam.1 Nicht mehr die Rechtmäßigkeit der Verhaftung Bischof Bernhard Saissets von
Pamiers auf königlichen Befehl und des Prozesses gegen ihn in Senlis, sondern die
Grenzen der Amtsgewalt des Papstes gegenüber der weltlichen Gewalt des Königs
standen plötzlich im Mittelpunkt des Konflikts. Diese Ausdehnung ins Grundsätzliche
unter Mobilisierung der älteren Traditionen der Zweigewaltenlehre entsprach dabei
sowohl den Interessen Papst Bonifaz’ wie der Ratgeber des Königs.2
Aus den Reihen der Franziskaner lassen sich jedoch kaum öffentliche Äußerungen von Ordensangehörigen für diese Konfliktjahre feststellen; am deutlichsten werden
die Auseinandersetzungen noch in der 1303/04 gehaltenen Lectura zum 4. Buch der
Sentenzen (insbes. distinctio 15) des Johannes Duns Scotus reflektiert. Der Pariser Minoritenkonvent mit seinen 173 Brüdern wurde damals durch den politischen Konflikt
tief gespalten. Dies zeigte sich deutlich im Juni 1303, als auch unter großem politischen
Druck schließlich nur 87 der Mitglieder den vorformulierten königlichen Vorschlag zur
Konzilsappellation unterzeichneten und die 86 mehrheitlich nicht aus Frankreich stam1 Über die politiktheoretischen und „publizistischen“ Aspekte dieses vielbehandelten Konflikts, auch
seinen Charakter als „Anstoß für politische Reflexion“ und „eine Wende in der politischen Theorie“ zuletzt MIETHKE, J.: De potestate papae. Die päpstliche Amtskompetenz im Widerstreit der politischen
Theorie von Thomas von Aquin bis Wilhelm von Ockham. Tübingen 2000 (Spätmittelalter und Reformation, N.R. 16) 57-82.
2 Zu diesem Aspekt WALTHER, H.G.: Imperiales Königtum, Konziliarismus und Volkssouveränität. Studien
zu den Grenzen des mittelalterlichen Souveränitätsgedankens. München 1976, 135-159. Zu den Phasen
des Konflikts in ihrer jeweiligen politiktheoretischen Dimension MIETHKE, De potestate 83-126. Eine
Neubewertung der Rolle des Dominkaners Jean Quidort im Konflikt, der als Parteigänger des Königs im
Frühjahr 1302 die Ausweitung ins Grundsätzliche vorgenommen habe, legte jüngst K. UBL vor: Erst auf
die „Inititialzündung“ dieses Autors in seinem Traktat (71) habe die kuriale Seite mit eigenen Streitschriften (Aegidius Romanus und Jakob von Viterbo) und dann mit „Unam sanctam“ reagiert (UBL, K.: Johannes Quidorts Weg zur Sozialphilosophie. In: Francia 30/1 [2003] 43-72). Zum Problem der Regierung
durch den König selbst oder in dessen Namen BAUTIER, H.: Diplomatique et histoire politique: ce que la
critique diplomatique nous apprend sur la personnalité de Philippe le Bel. In: Revue Historique 259
(1978) 3-27, bzw. FAVIER, J.: Les légistes et le gouvernement de Philippe le Bel. In: Journal des Savants
1969, 92-108; DERS.: Philippe le Bel. Paris 1978, 343-367.
1000
Helmut G. Walther
menden Magister und Studenten des Ordensstudiums ihren Widerstand mit der Vertreibung aus dem Reich Philipps IV. bezahlen mußten.3
Dieser Zurückhaltung der Minoriten mit Äußerungen auch in der Öffentlichkeitssphäre der Pariser Schulen scheint umso bemerkenswerter, als sich franziskanische
Gelehrte noch in die Pariser Lehrauseinandersetzungen der Jahrzehnte zuvor, insbesondere in den sog. Korrektorienstreit, deutlich vernehmbar eingemischt hatten.4 Kardinal
Benedikt Gaetanis Eingreifen von 1290, als er mit seiner Kompetenz als päpstlicher
Legat den von Bischöfen und weltgeistlichen Magistern nach der Entscheidung von
Martin IV. in Ad fructus uberes (1281) neu entfachten Mendikantenstreit und die mögliche Ausweitung der Diskussion durch Suspendierung des universitären Wortführers
Heinrich von Gent brutal abwürgte, scheint zumindest für die Minoriten die Notwendigkeit, aber wohl auch den Anreiz für eine Weiterführung des Diskurses infrage gestellt zu haben.5 Die Nachfolger des Matthaeus von Acquasparta als magistri regentes
auf dem theologischen Lehrstuhl der Minoriten in Paris traten nun kaum mehr mit politisch brisanten Themen bei Disputationen in der Universitätsöffentlichkeit hervor; andererseits bemühten sich damals um 1300 die Franziskaner um eine deutliche theologische
Profilbildung mit der Betonung des menschlichen Willens bei der Gotteserkenntnis und
3 Allgemein zur politischen Theoriebildung bei den Franziskanern: EVANGELISTI, P.: Per uno studio della
testualità politica francescana tra XIII e XV secolo. Autori e tipologia delle fonti. In: Studi Medievali, 3a
ser. 37 (1996) 549-623; Etica e Politica: Le Teorie dei Frati mendicanti nel Due e Trecento (Atti del XXVI
Convegno internazionale, Assisi, 15-17 ottobre 1998), Spoleto 1999. Zur Lage im Pariser Franziskanerkonvent und zur Rolle von Johannes Duns Scotus im Streit: COURTENAY, W.: The Parisian Franciscan
Community in 1303. In: Franciscan Studies 53 (1993) 155-173; DERS.: Between (wie u. Anm. 10) u. LAMBERTINI, R.: La Povertà pensata. Evoluzione storica della definizione dell’identità minoritica da Bonaventura ad Ockham. Modena 2000 (Collana di storia medievale, 1) 141 ff., bes. 152 ff.
Der Text des Duns Scotus ist am besten zugänglich in WOLTER, A.B. (ed.): Duns Scotus’ Political and Economic Philosophy. Latin edition and English translation. Santa Barbara, CA 1989 [die leicht abweichende Pariser Reportationsfassung in IOANNIS DUNS SCOTI Opera Omnia. Lugduni 1639 (Nachdr. Hildesheim 1969), vol. XI/2, 722-730].
4 Ältere Forschungslage: F. UEBERWEGs Grundriss der Geschichte der Philosophie. Bd. 2: Die patristische
und scholastische Philosophie. Hrsg. von B. GEYER. Basel 111961, §§39-43 (478 ff.); LEFF, G.: Paris and
Oxford Universities in the Thirteenth and Fourteenth Centuries. An Institutional and Intellectual History.
New York-London 1968, 239 ff. (oberflächlich); zuletzt: JORDAN, M.D.: The Controversy of the Correctoria and the Limits of Metaphysics. In: Speculum 57 (1982) 292-314; AERTSEN, J.A. / EMERY, JR., K. / SPEER,
A. (Hrsg.): Nach der Verurteilung von 1277. Philosophie und Theologie an der Universität von Paris im
letzten Viertel des 13. Jahrhunderts. Studien und Texte. Berlin-New York 2001 (Miscellanea Mediaevalia,
28); LEPPIN, V.: Die Folgen der Pariser Lehrverurteilung von 1277 für das Selbstverständnis der Theologie. In: Geistesleben im 13. Jahrhundert. Berlin-New York 2000 (Miscellanea Mediaevalia, 27) 283-294.
5 Dazu GLORIEUX, P.: Prélats français contre religieux mendiants. Autour de la bulle „Ad fructus uberes“
(1281-1290). In: Revue d’Histoire de l’Église de France 11 (1925) 309-331, 471-495, hier bes. 487 ff. [Phase des Mendikantenstreits seit 1286]; FINKE, H.: Aus den Tagen Bonifaz‘ VIII. Funde und Forschungen.
Münster 1902, 9-24 u. V-VII (=Textedition) [z. Legatentätigkeit Benedikts]; CONGAR, Y.-M.: Aspects ecclésiologiques de la querelle entre mendiants et séculiers dans la seconde moitié du XIIIe siècle et le début
du XIVe. In: Archives d’Histoire Doctrinale et Littéraire du Moyen Âge 28 (1961) 35-155 [zum ekklesiologischen Hintergrund].
Zur Wahrnehmung des Todes
in spätmittelalterlichen Stadtchroniken∗
WINFRIED EBERHARD
Im Gegensatz zu älteren Vorstellungen von einem allgemeinen Niedergang im späteren
Mittelalter1 betont die neuere Forschung zur sogenannte Krise des Spätmittelalters, daß
es sich dabei nicht um einen allgemeinen Verfall und Zerfall handelte, sondern um
einen Trend- und Strukturwandel, bei dem Traditionelles und Innovatives sich zueinander gegenläufig verhielten – von den ökonomischen Wandlungen, gesellschaftlichen
Umschichtungen und politischen Neukonstellationen bis zu den Auseinandersetzungen
im geistigen Leben (Philosophie, Kirchenbegriff, Bildungsvorstellungen) – und zwar in
komplexer Weise, nicht in einer dualistischen Konfliktstruktur. Entscheidend ist jedoch,
daß diese objektiven Strukturwandlungen begleitet wurden von einem verbreiteten
Krisenbewußtsein, gelegentlich auch von einem differenzierten Krisengefühl. Im Vordergrund der Beurteilung des Spätmittelalters als Krisenzeit steht jedenfalls in der Historiographie der letzten zwanzig Jahre zunehmend die Krisenmentalität.2
Die objektiven, unüberschaubaren Strukturwandlungen wurden begleitet von einem Bewußtsein der Verunsicherung3, von gegenläufigen Orientierungen, in denen sich
der Strukturwandel äußerte, ja von Orientierungsdefiziten und Ratlosigkeit, da klare
Lösungsalternativen für die gestellten Probleme sich selten finden ließen. Das Krisenbewußtsein ist sogar als derjenige Faktor zu beurteilen, der die unterschiedlichen Krisenerscheinungen wertend zusammenfaßt und damit die Einzelerscheinungen verallgemeinert und die Krise gleichsam erst zu einer solchen macht. Zwar äußert sich dieses
Bewußtsein vielfach in einem verbreiteten Pessimismus, in Urteilen über einen allgemeinen Niedergang und die Verschlimmerung der Zeiten sowie in Kategorien der Endzeit und nahen Apokalypse. Aber diesem Trend widersprechen andererseits gegenläufig
∗ Der Beitrag ist ein Teilergebnis aus einem von der DFG geförderten Projekt.
1 HUIZINGA, J.: Herbst des Mittelalters. Stuttgart 91965; HEIMPEL, H.: Deutschland im späteren Mittelalter.
Konstanz 1957 (SD aus BRANDT-MEYER-JUST, Handbuch der deutschen Geschichte I, 5) 3-7.
2 SEIBT, F. / EBERHARD, W. (Hrsg.): Europa 1400. Die Krise des Spätmittelalters. Stuttgart 1984; GRAUS, F.:
Pest-Geissler-Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit. Göttingen 21988 (Veröff. d. Max-PlanckInst. für Geschichte, 86) 536-539; TANZ, S.: Jeanne dArc. Spätmittelalterliche Mentalität im Spiegel eines
Weltbildes. Weimar 1991 (Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte, 33); TANZ, S. / WERNER, E.:
Spätmittelalterliche Laienmentalitäten im Spiegel von Visionen, Offenbarungen und Prophezeiungen.
Frankfurt am Main u. a. 1993 (Beiträge zur Mentalitätsgeschichte, 1); DINZELBACHER, P.: Angst im Mittelalter. Paderborn u. a. 1996; DELUMEAU, J.: Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts. Reinbek b. Hamburg 1985; MEUTHEN, E.: Gab es ein spätes Mittelalter?
In: KUNISCH, J. (Hrsg.): Spätzeit. Studien zu den Problemen eines historischen Epochenbegriffs. Berlin
1990 (Historische Forschungen, 2) 91-135, hier 128-130; SCHREINER, K. (Hrsg.): Laienfrömmigkeit im späten Mittelalter. München 1992 (Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien, 20).
3 BERGDOLT, K.: Der Schwarze Tod in Europa. Die Große Pest und das Ende des Mittelalters. München
1994, 153.
1012
Winfried Eberhard
ein humanistischer Optimismus und die Betonung des Lebens in der Renaissance ebenso wie die spirituelle Verinnerlichung der Devotio moderna.4
Solche Widersprüche der Orientierung zeigen auch die Einstellungen zum Tod.
Der Tod als Massenerscheinung ebenso wie die sich verändernde und gegensätzliche
Einstellung zu ihm und Reaktionen auf ihn werden seit langem als hervorstechender
Indikator für die spätmittelalterliche Krise betrachtet. Lange Zeit sind die Epidemien,
insbesondere die Mitte des 14. Jahrhunderts plötzlich auftretende Pest, sogar als Krisenursache interpretiert worden.5
Von der Mentalitätsforschung sind jedoch inzwischen die Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Tod und Sterben überhaupt, nicht nur gegenüber dem Massensterben, verstärkt in den Blick genommen worden – seit der diskussionsanregenden
Veröffentlichung von Philippe ARIÈS nämlich über die Geschichte des Todes, deren
Vorstellungen und Einstellungen sich, von Zeitgenossen kaum bemerkt, nur in einer
„longue durée“ verändern.6 Nach Ansicht von ARIÈS wurde der „gezähmte Tod“ (der
durch Herkommen und Ritual geregelte, vorgeahnte und sozial eingebettete Tod) des
früheren Mittelalters seit dem 12. Jahrhundert von einem anderen Verhalten zum Sterben allmählich abgelöst. Er nennt es den „eigenen Tod“ (der persönliche und individuell verantwortete Tod). Vom 12.-16. Jahrhundert sei gegenüber dem Glauben an das für
alle Menschen gleiche Schicksal die Besonderheit des Individuums auch beim Sterben
allmählich stärker in den Vordergrund gerückt worden. A. BORST hat dieses Schema
zurecht kritisiert und dabei Werner GOEZ zitiert: Erst im Hochmittelalter habe sich ganz
im Gegenteil nämlich die soziale Solidarität angesichts des Sterbens voll entfaltet; ein für
allemal zerschlagen worden sei diese soziale Solidarität dann erst in der Krisenzeit des
Spätmittelalters – wegen der Erfahrung des massenhaften Sterbens in langen Kriegen,
Hungerkatastrophen und wiederkehrenden Pestwellen.7
4 Üblicherweise wird dazu auf Jacob Burckhardts „Renaissance in Italien“ verwiesen und Huizingas
„Herbst des Mittelalters“ gegenübergestellt, so etwa bei COHN, S.K.: The Place of the dead in Flanders
and Tuscany: towards a comparitive history of the Black Death. In: GORDON, B. / MARSHALL, P. (Hrsg.):
The Place of the Dead. Death and Remembrance in Late Medieval and Early Modern Europe. Cambridge
2000, 17-43, hier: 17. – Zum Gegensatz zwischen optimistischem Fortschrittsbewußtsein und pessimistischer Einsicht in menschliches Elend und Vergänglichkeit bei den Humanisten EBERHARD, W.: Grundzüge von Humanismus und Renaissance: Ihre historischen Voraussetzungen im östlichen Mitteleuropa. Eine Einführung. In: DERS. / STRNAD, A.A. (Hrsg.): Humanismus und Renaissance in Ostmitteleuropa vor
der Reformation. Köln-Weimar-Wien 1996, 1-28, hier: 9 f. – Zur Devotio moderna und spirituellen Verinnerlichung GERWING, M.: Malogranatum oder der dreifache Weg zur Vollkommenheit. Ein Beitrag zur
Spiritualität des Spätmittelalters. München 1986. – Daß die Krise nicht im Niedergang oder Verfall, sondern im Bewußtsein und der Realität von Widersprüchen bestand, betont GRAUS, Pest 7 ebenso wie
SEIBT in: SEIBT / EBERHARD, Europa 1400, 12-23.
5 BULST, N.: Der Schwarze Tod. Demographische, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte der Pestkatastrophe vom 1347 bis 1352. Bilanz der neueren Forschung. In: Saeculum 30 (1979) 45-67; ABEL, W.: Agrarkrisen und Agrarkonjunktur. Eine Geschichte der Land- und Ernährungswissenschaft Mitteleuropas seit
dem hohen Mittelalter. Göttingen 1935, 31978; LÜTGE, F.: Das 14./15. Jahrhundert in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. In: DERS., Studien zur Sozial- und Wirtschaftgeschichte. Berlin 1963, 281-335; BERGDOLT, Der Schwarze Tod 151-162; HERLIHY, D.: Der Schwarze Tod und die Verwandlung Europas. Berlin
1998; COHN, The Place of the dead.
6 ARIÈS, Ph.: L’homme devant la mort. Paris 1978, deutsch: Geschichte des Todes. München 1982, 51991.
7 BORST, A.: Zwei mittelalterliche Sterbefälle. In: Merkur 1980, 1081-1098.
„Ob tyrannidem et indebitam oppressionem“.
Die Absetzung des Ministers
der sächsischen Franziskanerprovinz
Burchard von Mansfeld (1383)
PETRA WEIGEL
I
Das Nekrolog des Görlitzer Franziskanerklosters gehört zu den wenigen erhaltenen
Totenbüchern der mittelalterlichen sächsischen Franziskanerprovinz.1 Sein bisher noch
kaum gehobenes prosopographisches Material gibt nicht nur einen einzigartigen Einblick in die personellen, geistigen und wirtschaftlichen Verflechtungen der Görlitzer
Franziskaner mit ihrem städtischen und weiteren regionalen Umfeld,2 sondern überliefert mit Einträgen zu sechs Provinzialministern der mittelalterlichen Saxonia auch überaus wertvolle ordenshistoriographische Nachrichten, die in dieser Dichte nur noch vom
Nekrolog des Hamburger Konvents übertroffen werden.3 Die Reihe der Einträge beginnt
1 Das ehemals der Milichschen und späteren Stadtbibliothek Görlitz zugehörende Exemplar liegt heute in
WROCŁAW Biblioteka Uniwersytecka, Cod. Mil. Membr. 2° 13. Das Nekrolog ist über eine fehlerbehaftete
Altedition zugänglich: KÖHLER, G. (Hrsg.): Kalendarium necrologicum Fratrum Minorum Conventus in
Goerlicz. In: Scriptores rerum Lusaticarum. Sammlung ober- und niederlausitzischer Geschichtsschreiber,
Neue Folge 1. Görlitz 1839, 265-307, 317-350. Siehe dazu die ergänzenden Korrekturen von WERNICKE,
E.: Nachträge und Verbesserungen zum Kalendarium necrologicum fratrum minorum conventus in
Goerlicz. In: Neues Lausitzisches Magazin 50 (1873) 121-128. – Zur Handschrift: KÖHLER, XXII; STRUVE,
E.E.: Verzeichnis der Handschriften und geschichtlichen Urkunden der Milichschen (Stadt- oder Gymnasial-)Bibliothek in Görlitz, 2 Teile. In: Neues Lausitzisches Magazin 44 (1868) Anhang, 1-48; 45 (1869)
49-154, hier 97; WERNICKE, Nachträge 121 f.; KRÄMER, S.: Handschriftenerbe des deutschen Mittelalters, 3
Teile. München 1989-1990 (Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz, Ergänzungsband I/1-3) hier I/1, 298.
2 Vgl. hierfür die wegweisende kommentierende Edition von FRANK, I.W.: Das Totenbuch des Mainzer
Dominikanerklosters. Kommentar und Edition. Berlin 1993 (Quellen und Forschungen zur Geschichte
des Dominikanerordens, Neue Folge 3). Für die sächsische Franziskanerprovinz liegt lediglich mit dem
Nekrolog des Coburger Konvents (siehe Anm. 3) eine moderne Edition vor.
3 Einschließlich des Görlitzer Kalendarium necrologicum (siehe Anm. 1) sind von fünf Klöstern der ehemals mehr als 80 Konvente umfassenden Saxonia vollständige Nekrologien erhalten. Zu Bremen siehe
SCHLAGER, P.: Geschichte des Franziskanerklosters in Bremen. In: Beiträge zur Geschichte der sächsischen Franziskanerprovinz 4/5 (1911/1912) 1-42, hier Beilage 1, 14-28, kein Eintrag zu einem Provinzial.
Zu Coburg vgl. die moderne Edition von ANDRIAN-WERBURG, K. Frhr. von (Bearb.): Das Totenbuch des
Franziskanerklosters in Coburg ca. 1257-1525 (1600). Neustadt a. d. Aisch 1990 (Veröffentlichungen der
Gesellschaft für fränkische Geschichte, 4: Matrikeln fränkischer Schulen und Stände, 10), kein Eintrag zu
einem Provinzial. Für Hamburg vgl. SCHLAGER, P.: Das Nekrologium des Hamburger Franziskanerklosters. In: Beiträge zur Geschichte der sächsischen Franziskanerprovinz vom Heiligen Kreuze 3 (1910) 157, genannt werden die Provinziale Bartolomäus (1262-1272, zu Februar 7), Johann von Appenburg
(1325-1328, zu August 12), Konrad von Sachsen, gen. Holtnicker (1247-1262, 1272-†30. Mai 1279), Tho-
„Ob tyrannidem et indebitam oppressionem“
1027
mit Ulrich von Hagen, Provinzial von 1360 bis 1371 († 21. Dezember), wird fortgesetzt
mit seinem Nachfolger Burchard von Mansfeld, um mit Matthias Döring (1427-1461,
† 24. Juli 1469) und Nikolaus Lakmann (1461 - † 16. November 1479) zu den bedeutendsten Ministern des 15. Jahrhunderts überzugehen und endet mit den Anniversarnotizen zu Johannes Heymstede (1498 - † 30. Juli 1504) und Hermann Nidewolt (1515 † 18. August 1518).4 Burchard von Mansfeld ragt aus dieser Reihe insofern heraus, als er
aus einer hochrangigen Adelsfamilie des mitteldeutschen-sächsischen Raumes stammte5
und der einzige Provinzial der Saxonia war, der seines Amtes enthoben wurde.6
Degradationsverfahren sind auch für den Franziskanerorden nicht ungewöhnlich.7 Daß man mit ihnen rechnete, zeigen die ordensrechtlichen Regelungen des Enthebungsprozedere.8 Doch blieben sie – zu erinnern sei hier nur an die Absetzung des
4
5
6
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8
mas von Kyritz (1307-1316, zu November 2), Johannes von Minden (1396-1406, †20. Juni 1413), Nikolaus
Lakmann, Johannes Heymstede, Hermann Nidewolt. Das Totenbuch von Mühlhausen ist bisher nicht
ediert, die Handschrift MÜHLHAUSEN Stadtarchiv, 60/48 ist aber durch ältere Arbeiten erschlossen: SCHEITHAUER, R.: Die Toten des liber mortuorum von Mühlhausen. In: Mühlhäuser Geschichtsblätter 24
(1923/1924) 33-65; NOLL, Th.: Das Totenbuch der Mühlhäuser Franziskaner. In: Franziskanische Studien
17 (1930) 12-25, Einträge zu Burchard von Halle (1282-1295, 1299-1307, zu Oktober 16), Thomas von
Kyritz (zu November 1) Heinrich von Beichlingen (1316-1322, zu Oktober 1). Lediglich als Fragment ist
erhalten das Totenbuch des Konvents Lüneburg, vgl. LEMMENS, L.: Aus dem Todtenbuche der Lüneburger Franziskaner. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen 1897, 96-111; FISCHER, I.:
Handschriften der Ratsbücherei Lüneburg, 2. Bd.: Die theologischen Handschriften. 1. Folioreihe. Wiesbaden 1972, 218 (Theol. frag. 1) – genannt werden die Provinziale Konrad von Sachsen und Johannes
von Minden. Das Erfurter Nekrologium ist nur noch in kurzen, im 17. Jahrhundert angelegten Auszügen
bekannt, siehe EUBEL, K.: Geschichte der kölnischen Minoriten-Ordensprovinz. Köln 1906 (Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein, 1) Anhang, 298-301, Einträge zu Matthias Döring,
Johannes Heymstede und Ludwig von Segen (1490-1498, † 13. Februar 1508). – Zu allen Provinzialen
siehe die Biogramme von LEMMENS, L.: Die Provinzialminister der alten sächsischen Provinz. In: Beiträge
zur Geschichte der sächsischen Franziskanerprovinz vom Heiligen Kreuze 2 (1909) 1-12.
Zu den genannten Ministern siehe neben LEMMENS, Provinzialminister zu Döring: WEIGEL, P.: Matthias
Döring. Provinzialminister von 1427 bis 1461. In: BERG, D. (Hrsg.): Management und Minoritas. Lebensbilder sächsischer Franziskanerprovinziale vom 13. bis zum 20. Jahrhundert. Kevelaer 2003 (Saxonia
Franciscana, Beiheft 1) 21-61, zu Lakmann: MEIER, L.: Die Barfüßerschule zu Erfurt. Münster 1958 (Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters, 38/2); KLEINEIDAM, E.: Universitas
Studii Erffordensis. Überblick über die Geschichte der Universität Erfurt, Teil 1: Spätmittelalter 13921460. Leipzig ²1985 (Erfurter Theologische Studien, 14); MICHLER, Ch.: Lakmann, Nikolaus. In: RUH, K.
u. a. (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Berlin-New York ²1985, Bd. 5,
487-489, zu Heymstede: BREDENBALS, J.: Johannes Heymstede. Provinzialminister 1498 bis 1504. In: BERG,
D. (Hrsg.): Management und Minoritas. Lebensbilder sächsischer Franziskanerprovinziale vom 13. bis
zum 20. Jahrhundert. Kevelaer 2003 (Saxonia Franciscana, Beiheft 1) 63-87.
Die soziale Herkunft der Minister der sächsischen Provinz ist weitgehend unerforscht. Der Vorgänger
Burchards von Mansfeld, der bereits genannte Ulrich von Hagen, stammte vermutlich aus einer niederadligen Familie.
Dunkel ist das Schicksal Jakobs von Belgern, siehe LEMMENS, Provinzialminister 7.
Zur Sache übergreifend siehe SCHREINER, K.: Wahl, Amtsantritt und Amtsenthebung von Bischöfen.
Rituelle Handlungsmuster, rechtlich normierte Verfahren, traditionsgestützte Gewohnheiten. In: STOLLBERG-RILINGER, B. (Hrsg.): Vormoderne politische Verfahren. Berlin 2001 (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 25) 73-117, hier insbesondere 110-115 mit Anm. 97 (Lit.).
Die bullierte Regel des Ordens sah bereits die Möglichkeit der Absetzung des Generalministers vor,
wenn er der „universitas ministrorum provincialium et custodum“ zum Dienst und dem gemeinsamen
Wohl der Brüder ungeeignet erschien – „non esse sufficientem ad servitium et communem utilitatem
Der Präsident, die Fliegerin und ein Gauleiter.
Prominente Nazis als Entwicklungshelfer
und politische Berater im post-kolonialen Afrika∗
CLAUS UND KATJA FÜLLBERG-STOLBERG
Hinter dem kryptischen Titel dieses Essays verbirgt sich eine bizarre Geschichte und
Personenkonstellation. Der Präsident ist Kwame Nkrumah, erster Präsident des unabhängigen Ghana, der die bekannte Testfliegerin Hanna Reitsch engagierte, um mit deutscher Entwicklungshilfe in Ghana eine Segelflugschule aufzubauen. Zwischen Reitsch
und Nkrumah entwickelte sich eine enge persönliche Beziehung, die bisweilen selbst
die deutsche Botschaft zum Abschöpfen wichtiger Informationen benutzte. Diese pikante Verbindung war bereits in den sechziger Jahren Anlaß für einige Zeitschriftenbeiträge
und fand ihren vollen Niederschlag in einem von Hanna Reitschs zahlreichen Büchern:
„Ich flog in Afrika für Nkrumahs Ghana.”1
Weniger bekannt sein dürfte, daß auch ein hochrangiger Nazi-Funktionär, der
ehemalige stellvertretende Reichsjugendführer und spätere Gauleiter von Süd-HannoverBraunschweig Hartmann Lauterbacher, auf Vermittlung von Reitsch seinen Weg nach
Accra fand und zum persönlichen Berater von Nkrumah aufstieg. Seine ehemalige Position als Führer der Hitlerjugend prädestinierte ihn offensichtlich dazu, die Jugendorganisation im ersten unabhängigen Land Afrikas aufzubauen. Über den Einsatz dieses Mannes, der sich seiner politischen Verantwortung vor deutschen Gerichten durch Flucht
ins Ausland entzogen hatte, schweigen sowohl die hoch dekorierte Fliegerin Hitlers in
ihrem Buch als auch die diplomatischen Berichte des Botschaftspersonals an das Auswärtige Amt. Nur wenigen Absätzen von Lauterbachers dreister und verlogenen Autobiographie ist diese Episode seiner zahlreichen Beratertätigkeiten nach 1948 in Afrika
und im Nahen Osten zu entnehmen.2 Auch der politischen und insbesondere der biographischen Literatur zu Ghana und seinem ersten Präsidenten sind allenfalls indirekt
Nachweise über die Rolle Lauterbachers „am Hofe” von Nkrumah zu entnehmen. Im
Unterschied zu Hanna Reitsch und dem Präsidenten selbst, wußte Lauterbacher bereits
Wochen vor der Entmachtung Nkrumahs im Februar 1966 von dem bevorstehenden
Umsturz, was ihn veranlaßte, rechtzeitig außer Landes zu gehen.
Viele Details dieser Dreiecksgeschichte liegen noch im Dunkeln, bekannt ist jedoch die Vorgeschichte der drei Protagonisten und die groben Linien und Hintergründe
ihrer Zusammenarbeit in den sechziger Jahren. Erforscht werden muß vor allem noch
∗ Verwendete Quellen: Gedruckte Quellen: IMT. Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem
Internationalen Militärgerichtshof (IMT). Bd. 14. Nürnberg 1946, 615. Ungedruckte Quellen: Politisches
Archiv des Auswärtigen Amtes (=AA). B34 Beziehungen Ghana-BRD, 1962-1963.
1 REITSCH, H.: Ich flog in Afrika für Nkrumahs Ghana. München-Berlin 21979.
2 LAUTERBACHER, H.: Erlebt und mitgestaltet. Kronzeuge einer Epoche 1923-1945. Zu neuen Ufern nach
Kriegsende. Preußisch Oldendorf 1984, 360 ff.
1060
Claus und Katja Füllberg-Stolberg
das Wissen und die informelle Kooperation der offiziellen deutschen Vertretung in Accra, die genauen Tätigkeitsbereiche Lauterbachers, sein Verhältnis zu Nkrumah, die Vermittlungsnetze und „Rattenlinien” ehemaliger Nazis und ihrer Helfer in Amt und Würden – vermutlich besonders der Organisation Gehlen, auf deren Agentenlisten der überlebende Kern des SS-RSHA und anderer NS-Elite Organisationen zu finden waren.
Ein besonderes Interesse richtet sich aber auf Kwame Nkrumah als Ikone der antikolonialen Unabhängigkeitsbewegung und des Pan-Afrikanismus, als führender Politiker der Blockfreien, der sich nach bisheriger Lesart vor allem mit Prominenten und
Persönlichkeiten aus dem linkssozialistischen Lager umgab. Sollte das leuchtende Rot
seiner Umgebung, das bisher von Padmore, C.L.R. James, Du Bois u. a. repräsentiert
wurde, braune Flecken bekommen? Muß die zunehmend autoritäre und repressive Phase seiner Herrschaft, vor allem die radikalen Aktivitäten von organisierten Young Pioneers in den sechziger Jahren auch vor dem Hintergrund seiner prominenteren Berater
mit fanatischer NS-Vergangenheit gesehen werden? Und welchen Anteil hatte daran das
diplomatische Corps des Auswärtigen Amtes, das offensichtlich auch auf seinen afrikanischen Positionen mit Personal besetzt war, das die Karriere bereits unter Ribbentrop
begonnen hatte? Es gibt Hinweise, daß auch diplomatische Vertretungen anderer Länder
in Ghana von dieser Beratertätigkeit der beiden prominenten Nazis wußten. Dies gilt
insbesondere für die amerikanische Botschaft, die ebenfalls Hanna Reitsch als Quelle
für Informationen und als Medium gezielter Einflußnahme auf den Präsidenten benutzte.
Kwame Nkrumah
Am 7. März 1957 wurde die Goldküste als erste britische Kolonie in Afrika in die Unabhängigkeit „entlassen”. Das Land gehörte zu der Welt größten Kakaoproduzenten und
zeigte in Zeiten hoher Exportpreise alle Anzeichen für eine rosige Zukunft. Während
der mehrtägigen Feierlichkeiten zur Gründung des neuen Staates Ghana schien der
Kalte Krieg vorübergehend vergessen zu sein. In der Hauptstadt Accra hielten sich nicht
nur hochrangig besetzte Delegationen aus Washington und Moskau, Politiker aus Westund Ostdeutschland, aus Italien, Großbritannien, Frankreich, Indien, der Karibik auf,
sondern ebenso Vertreter von Wirtschaftkonzernen wie dem Ölmulti Shell, dem Aluminiumkonzern American Kaiser Corporation, der britischen Konstruktionsfirma McAlpine
oder den deutschen Bayer-Werken, die alle großzügige Aufbauhilfe versprachen.
Aber das Bild des harmonischen Zusammenseins täuschte. Ghana, der neue, erfolgversprechende Empfänger verschiedenster Formen von Entwicklungshilfe, war auch
ein neuer Schauplatz des Kalten Krieges. Das westafrikanische Land wurde zu einem
Tummelplatz der verschiedenen Geheimdienste, und die Gewährung von Aufbauhilfe
war nicht selten mit der Einflußnahme auf die politische Ausrichtung verbunden.
Nicht übersehen werden sollte aber auch, daß die Unabhängigkeit der ehemaligen Goldküste ein Signal zum Aufbruch für viele andere Kolonien und abhängige Länder war, nicht nur in Afrika, sondern beispielsweise auch in der Karibik, die Ghana als
ihr Vorbild im Kampf für Eigenständigkeit betrachteten.
Antike Kriegspraxis:
Grenzbereiche von Kriegsrealität, Kriegsrecht
und ethischer Reflexion1
PETER TASLER
Prof. Dr. Dieter Berg sexagenario
I Der Problemhorizont
Mit der Kriegsführung der Antike verbindet sich die verbreitete Vorstellung, daß ihr
normative Elemente gefehlt hätten. So ist im historischen Überblicksteil einer Monographie über das moderne Kriegsgefangenenrecht zu lesen: „Die Völker des Altertums
waren [...] von der Vorstellung beherrscht, daß der gegenüberstehende Feind völlig
rechtlos sei. Der Sieger konnte über das Leben des Besiegten, über seine Freiheit und
sein Gut verfügen. Keiner Gewalttätigkeit, Grausamkeit und Zerstörung stand ein einschränkender Rechtssatz gegenüber. Der Willkür des Siegers waren keine Schranken
gesetzt. Die Tötung der Feinde war [...] sogar meist die Regel. Diese Willkür kannte
1 Die folgenden Ausführungen verstehen sich als Problemskizze auf einem Feld, auf dem – zumal für die
deutsche Forschung – noch viel zu tun ist. Immerhin gibt es hier einige Ansätze, so etwa bei J. RÜPKE,
der in verschiedenen Arbeiten Probleme der römischen Kriegskultur behandelt hat, unlängst in einem
Aufsatz, in dem auch seine einschlägigen früheren Arbeiten nachgewiesen sind: RÜPKE, J.: Kriegsgefangene in der römischen Antike. Eine Problemskizze. In: OVERMANS, R. (Hrsg.): In der Hand des Feindes.
Kriegsgefangenschaft von der Antike bis zum zweiten Weltkrieg. Köln-Weimar-Wien 1999, 83-89. Zu
verweisen ist auch auf die wichtigen Monographien von VOLKMANN, H.: Die Massenversklavungen der
Einwohner eroberter Städte in der hellenistisch- römischen Zeit. Durchges. u. erw. v. G. HORSMANN.
Stuttgart 21990 (Forschungen zur antiken Sklaverei, 22), und von WELWEI, K.-W.: Sub corona vendere.
Quellenkritische Studien zu Kriegsgefangenschaft und Sklaverei in Rom bis zum Ende des Hannibalkrieges. Stuttgart 1990 (Forschungen zur antiken Sklaverei, 34). Von besonderem Rang ist daneben die Monographie von NÖRR, D.: Aspekte des römischen Völkerrechts. Die Bronzetafel von Alcántara. München
1989 (Bayerische Akademie der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse, Abhandlungen, NF, 101), die in für
die deutsche Forschung nicht mehr alltäglicher Weise juristischen Sachverstand mit historischer Urteilsfähigkeit verbindet. In der anglo- und frankophonen Forschung haben die in diesem Beitrag interessierenden Probleme stets mehr Aufmerksamkeit gefunden. Aus jüngerer Zeit seien hervorgehoben: DUCREY, P.: Kriegsgefangene im antiken Griechenland. Forschungsdiskussion 1968-1998. In: OVERMANS, R.
(Hrsg.): In der Hand des Feindes, 63-81, ferner ZIOLKOWSKI, A.: Urbs direpta, or how the Romans sacked
cities. In: RICH, J. / SHIPLEY, G. (Hrsg.): War and Society in the Roman World. London 1993, 69-91, und
GILLIVER, C.: The Roman Army and Morality in War. In: LLOYD, A. B. (Hrsg.): Battle in Antiquity. London
1996, 219-238. In die Richtung der Fragestellung der beiden letztgenannten Arbeiten müßten weitere
Forschungsbemühungen gehen. Das monumentale Werk von PHILLIPSON, C.: The International Law and
Custom of Ancient Greece and Rome. 2 Bde. London 1911, ist veraltet und stellt eine Hilfe lediglich als
Materialsammlung dar, das jüngst erschienene Buch von BEDERMAN, D. J.: International Law in Antiquity.
Cambridge 22002, leistet selbst diesen Dienst nur eingeschränkt. Die verwendeten Abkürzungen sind die
im Fach der Alten Geschichte üblichen (vgl. Lexikon der Alten Welt bzw. Der Neue Pauly).
1088
Peter Tasler
keinen Unterschied zwischen Kämpfern und Nichtkämpfern, zwischen waffentragenden
Gegnern und am Kampf mit der Waffe unbeteiligten, der friedlichen Arbeit nachgehenden Bewohnern des feindlichen Landes.“2
Die in diesen Sätzen entwickelte Ansicht trifft wohl einige Tatsachen der antiken
Kriegsrealität, ist im ganzen jedoch reichlich undifferenziert. Gewiß kannte die Antike
nicht vereinbarte und schriftlich fixierte „Gesetze und Gebräuche des Landkriegs“ als
verpflichtende Rechtsnormen in der Art etwa des IV. Haager Abkommens von 1907.
Ebenso waren ihr Begriff und Sache eines „humanitären Völkerrechts in bewaffneten
Konflikten“3 fremd. Zudem vermitteln unsere Quellen in ihren Informationen über die
antike Kriegspraxis häufig genug den Eindruck, daß diese schlechthin schrankenlos
war. Weniger häufig dagegen ist in ihnen die Rede von der Wirkung moralischer oder
gar rechtlicher Bindungen im Handeln militärischer Führer und ihrer Soldaten gegenüber denjenigen des Kriegsgegners und gegen seine sonstige Bevölkerung. Und wenn
wir von Handlungen des Verzichts auf die Ausübung exzessiver Gewaltwillkür erfahren,
ist damit noch nicht zwingend entschieden, ob solches Verhalten dem Einfluß von ethischen bzw. – wie auch immer gearteten – rechtlichen Erwägungen zuzuschreiben oder
nicht vielmehr Bestandteil nüchternen politisch-strategischen Kalküls gewesen sei.4
Gleichwohl ist nicht zu übersehen, daß die in den Quellen begegnende Terminologie, welche mit der Beschreibung und Beurteilung militärischen Geschehens einhergeht, der rechtlichen Sphäre verpflichtet ist, jedenfalls auf eine normative Substanz verweist. Wer sich in Kritik oder Rechtfertigung einer militärischen Handlung etwa auf das
ius belli beruft,5 bezieht sich damit zugleich auf die Existenz einer gemeinschaftlichen
Normenordnung, d. h. er anerkennt prinzipiell „Normativität“ auch hinsichtlich von
Kriegshandlungen.6 Dies ist die andere Seite des Befundes, den uns unsere Quellen –
zumal die historiographischen – bieten. In der Verwendung entsprechender Terminologie, in Werturteilen der Autoren, in von Rednern vorgetragenen Rechtfertigungen und
Begründungen scheinen normative Erwartungen auf, die wohl in der politischmilitärischen Realität häufiger enttäuscht als erfüllt worden sein mögen, die aber dennoch auf die prinzipielle Existenz eines gewissen normativen Rahmens auch im Bereich
der Kriegsführung verweisen. Es ist demgegenüber von sekundärer Bedeutung, welchem Normenbereich dieser Rahmen zuzuordnen ist. Die Möglichkeiten reichen hier
vom Recht bis zu den verschiedenen Nuancierungen ethischer Bindung.7 Diese Überle2 HINZ, J.: Das Kriegsgefangenenrecht. Unter besonderer Berücksichtigung seiner Entwicklung durch das
Genfer Abkommen vom 12. August 1949. Berlin-Frankfurt a. M. 1955, 1 f.
3 Vgl. GREENWOOD, Chr.: Kapitel 1. Geschichtliche Entwicklung und Rechtsgrundlagen. I. Begriff des
humanitären Völkerrechts. In: FLECK, D. (Hrsg.): Handbuch des humanitären Völkerrechts in bewaffneten Konflikten. München 1994, 1-33, hier 8: „Das humanitäre Völkerrecht umfaßt alle jene Bestimmungen des Völkerrechts, die die Behandlung des einzelnen Menschen – Zivil- oder Militärperson, verwundet oder im Einsatz – in internationalen bewaffneten Konflikten regeln sollen.“ Der Begriff ist „auch auf
die Regeln über die Methoden und Mittel der Kriegführung und für die Herrschaft über besetztes Territorium anwendbar [...]“.
4 Dazu vgl. GILLIVER, The Roman Army 220 f.
5 Zur entsprechenden griechischen Terminologie vgl. etwa: CLAVADETSCHER-THÜRLEMANN, S.: Πóλεµος
δíκαιος und bellum iustum. Versuch einer Ideengeschichte. Zürich 1985 (Diss.) 14 f.
6 Dazu NÖRR, Aspekte 115 f.
7 Grundsätzliche Überlegungen zu diesem Sachverhalt bei NÖRR, Aspekte 12 f.
Gewaltanwendung und Konfliktlösung
Studien zu politischen und familiären Auseinandersetzungen
in den iberischen Königshäusern im Hohen und Späten Mittelalter
RAPHAELA AVERKORN
Mató luego los mayores
Que solién andar robando,
e fuéronse los menores
por aquesto castigando.1
(Poema de Alfonso Onceno)
1 Vorbemerkung
Gewaltanwendung in allen sozialen Schichten im Mittelalter ist in den letzten Jahren zu
einem stärker beachteten Forschungsgegenstand geworden.2 In dieser Studie wird nicht
die theoretische bzw. philosophische Auseinandersetzung mit Gewalt im Mittelpunkt
stehen, ebenfalls soll keine juristische Analyse auf der Basis der „Fueros“ und anderer
Gesetzestexte, die in den einzelnen Königreichen der Iberischen Halbinsel in Kraft waren und bei Prozessen Anwendung fanden, durchgeführt werden, da die untersuchten
1 Poema de Alfonso Onceno. Ed. J. VICTORIO. Madrid 1991, 97 f.
2 Vgl. generell zum Gewaltbegriff RÖTTGERS, K.: Art.: Gewalt. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie.
Bd. 3. Darmstadt 1974, 562-570; FABER, K.-G. / MEYER, Ch. / ILTING, K.-H.: Art.: Macht, Gewalt. In: BRUNNER, O. / CONZE, W. / KOSELLECK, R. (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Stuttgart 1982, III, 817-935; FENSKE, H.: Art.: Gewaltenteilung. In:
Ebd. Stuttgart 1975, II, 924-926. Vgl. generell an neuerer, übergreifender Literatur mit Bezug zur Gewalt
im Hohen und Späten Mittelalter: MENSCHING, G. (Hrsg.): Gewalt und ihre Legitimation im Mittelalter:
Symposium des Philosophischen Seminars der Universität Hannover vom 26. bis 28. Februar 2002.
Würzburg 2003; FRYDE, N. (Hrsg.): Bischofsmord im Mittelalter. Göttingen 2003; COLLARD, F.: Le crime de
poison au Moyen Age. Paris 2003; Violence in early modern Europe: 1500-1800. Ed. by J.R. RUFF. Cambridge 2001; KAUEPER, R.W.: Chivalry and violence in medieval Europe. Oxford 2001; Violence in medieval society. Ed. R.W. KAEUPER. Woodbridge 2000; KEEN, M.: Medieval warfare. Oxford 1999; DEMANDT, A.: Das Attentat in der Geschichte. Köln u. a. 1996; Guerre et violence. Ed. Ph. CONTAMINE et O.
GUYOTJEANNIN. Paris 1996; La justice au Moyen Age. Sénéfiance. Aix-en-Provence 1986; FORD, F.L.: Political Murder: from tyrannicide to terrorism. Cambridge Mass. 1985; KEEN, M.: Chivalry. New Haven 1984;
FLORI, J.: L’idéologie du glaive. Genf 1983; DERS.: L’essor de la chevalerie. Genf 1980; BARRON, W.R.J.:
The penalties for treason in medieval life and literature. In: Journal of Medieval History 7 (1981) 187202; CHESNAIS, J.C.: Histoire de la violence. Paris 1981; CONTAMINE, P.: La guerre au moyen age. Paris
1980; SCHMITT, J.C.: Le suicide au Moyen Age. In: Annales E.S.C. 31 (1976) 3-28; RUSSELL, F.H.: The just
war in the Middle Ages. Cambridge 1975; Violence and civil disorder in Italian cities: 1200-1500. Ed. by
L. MARTINES. Berkeley 1972.
Gewaltanwendung und Konfliktlösung
1123
Beispiele von Gewaltanwendung zum Zwecke der Konfliktlösung nicht zu einer Gerichtsverhandlung und einem Urteil führten.3
Vielfach handelte es sich um Fälle von spontaner bzw. mehr oder minder geplanter Gewalt innerhalb von sozialen Gruppen oder auch zwischen ihnen, beispielsweise
durch die Mächtigen gegen die Untertanen. Diese Praxis der Gewaltanwendung zur
unmittelbaren Durchsetzung von Interessen wird manchmal durch einen Hinweis auf
geltende Rechtspraktiken legitimiert. In dieser Untersuchung soll das Verhältnis zwischen ausgewählten Mitgliedern der königlichen Familien Portugals, Kastiliens und Aragóns im 13. und 14. Jahrhundert näher beleuchtet werden, um zu überprüfen, ob Gewaltanwendung generell als ein probates Mittel zur Konfliktlösung angesehen wurde
oder nur in Ausnahmefällen nachzuweisen ist. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll,
in den Quellen nach Anzeichen zu suchen, die einen tieferen Blick auf das persönliche
und politische Verhältnis zwischen den Antagonisten erlauben, wobei eine Trennung
zwischen diesen Ebenen in vielen Fällen nicht möglich ist.4
Ein wichtiger Aspekt, der in den analysierten Fällen nicht vergessen werden darf,
betrifft das Verhältnis zwischen König und Vasallen, zu denen gleichfalls die engsten
Familienmitglieder, auch die Geschwister, zu zählen sind. Der stetige Kampf des Hochadels gegen den Monarchen – im 13. und 14. Jahrhundert in regelmäßiger Abfolge in
Portugal, Kastilien und Aragón konstatierbar – trug maßgeblich zur Ausprägung von
Verhaltensweisen und Umgangsformen zwischen den Mitgliedern königlicher Familien
bei und schloss die Anwendung von Gewalt sowohl gegen männliche als auch weibliche Angehörige ein. Ebenfalls soll in diesem Zusammenhang die Frage beantwortet
werden, ob weibliche Mitglieder der königlichen Familien lediglich in der Opferrolle
nachzuweisen sind oder ob sie auch als Täterinnen agierten.
Ein weiterer Gesichtspunkt, der besonders in Kastilien große Bedeutung besaß,
war das Verhalten vieler Mitglieder der königlichen Familien, die sich legitimiert sahen,
Gewalt auszuüben. Gemeinsam mit ihren jeweiligen Vasallen bildeten sie sogenannte
„bandos“, mit denen sie andere Adelsgruppen bekämpften und ganz besonders gegen
die bäuerlichen Schichten vorgingen, was ihnen schon in den zeitgenössischen Quellen
3 Vgl. zu der theoretischen Auseinandersetzung besonders die klassische Untersuchung von COVILLE, A.:
Jean Petit et la question du tyrannicide au commencement du XVe siècle. Paris 1932 sowie CUTTLER,
S.H.: The law of treason and treason trials in the late medieval France. Cambridge 1982. Vgl. besonders
zum erlaubten Widerstand gegen tyrannische Herrscher MIETHKE, J.: Herrscherliche Gewalt und gewaltsamer Widerstand in der politischen Theorie Wilhelms von Ockham. In: MENSCHING, Gewalt 267-285;
MIETHKE, J.: Der Tyrannenmord im späteren Mittelalter. Theorien über das Widerstandsrecht gegen ungerechte Herrschaft in der Scholastik. In: BEESTERMÖLLER, G. / JUSTENHOVEN, H.-G. (Hrsg.): Friedensethik
im Spätmittelalter, Theologie im Ringen um die gottgebene Ordnung. Stuttgart 1999 (Beiträge zur Friedensethik, 30) 24-48 sowie auch KRYNEN, J.: Idéal du prince et pouvoir royal en France à la fin du
Moyen Age (1380-1440). Etude de la littérature politique du temps. Paris 1981; BERGES, W.: Die Fürstenspiegel des hohen und späten Mittelalters. Leipzig 1938. ND Stuttgart 1952 und besonders zur Situation
im 15. Jahrhundert GUENÉE, B.: Un meurtre, une société. L’assassinat du duc d’Orléans. 23 novembre
1407. Paris 1992.
4 Vgl. zu diesen Begriffen beispielsweise MELVILLE, G. / MOOS, P. V. (Hrsg.): Das Öffentliche und das
Private in der Vormoderne. Köln-Weimar-Wien 1998 (Norm und Struktur, 10); BRANDT, R.: EnklavenExklaven. Zur literarischen Darstellung von Öffentlichkeit und Nichtöffentlichkeit im Mittelalter. München 1993.
On Justice and Republics:
Describing Tyranny and Buen Vevir
in Early Sixteenth-Century Siena
ANN KATHERINE ISAACS
Antonio GRAMSCI thought that Italy’s problems in the first decades of the twentieth century traced back to the time when her medieval merchants began to invest in land.
Then the “backward spirit”, the “spirito retrivo”, entered Italy. Her various city-states
were directed by their own bourgeoisies, unable to become a single national class,
creators of a unified modern state. Federico CHABOD pointed to the anachronism of
considering sixteenth-century Italy a nation manquée, and held that she had given birth
to the first true Renaissance states.1 Those assessments – and their possible historical
basis – have contributed to the very different contexts in which researchers on late medieval and early modern Italy have thought fit to approach their object. In general, Italian historians have studied the polities created by cities, whether republics or signorie,
as states or as political systems. The nineteenth-century conviction that the peninsula’s
city republics constituted a distinct and glorious chapter in world history has dwindled
further as historians have come to emphasize how much Italian cities and states have in
common with their counterparts in other areas of Europe. Today, nonetheless, there is
new interest in the urban societies of medieval and Renaissance Italy. The communal or
republican milieu even appears to some to present a basis for new forms of political life
for the twenty-first century;2 for others its historical presence or absence provides at
least an explanation for the contrasts between north and south in the present day Italy.3
As debate continues on the moral qualities produced or required by communes, we
wish here to contribute to a better knowledge of the kind of experience, experimentation and formulation of collective and personal strategies that accompanied political life
in an early sixteenth-century republic.
In January and February 1526, a number of Sienese citizens were called upon to
give testimony in an inquiry held by the Comendador Miguel de Herrera, representative
1 GRAMSCI, A.: Il Risorgimento. Torino 1949; CHABOD, F.: Esiste uno stato del Rinascimento? In: Scritti sul
Rinascimento. Torino 1967, 591-623.
2 BENEDICTIS, A. de: Repubblica per contratto. Bologna: Una città europea nello stato della Chiesa. Bologna 1995; the reference is to the debate following MACINTYRE, A.: After Virtue. London 1981; particularly
to SKINNER, Q.: The Republican ideal of Political Liberty. In: Machiavelli and Republicanism. G. BOCK /
Q. SKINNER / M. VIROLI (eds.). Cambridge 1990, 293-309; VIROLI, M.: Dalla Politica alla ragion di Stato. La
scienza del governo tra XIII e XVII secolo. Roma 1994, 185-193. Most recently, see SCHIERA, P.: Presentazione to J.-C.L. Simonde de Sismondi. La Storia delle Repubbliche italiane. Torino 1996.
3 Robert D. PUTNAM's book, Making democracy work. Princeton 1993, however questionable some of its
conclusions, has posed the problem of the meaning of the communal republican tradition for present
day Italian cities. The general problem is approached by the recent group of volumes edited by M. VAN
GELDEREN and Q. SKINNER in the context of a European Science Foundation project on Republicanism.
1188
Ann Katherine Isaacs
of the young Habsburg emperor, Charles V.4 The investigation was a response to the
accusations made by Sienese exiles that they had been unjustly driven from the city and
deprived of their property. Its purpose became to determine whether and in what ways
the actions of Pandolfo Petrucci, lord of Siena, and his successors, had constituted a
tyranny, and what measures were appropriate to ensure peace and justice under the
current regime. The witnesses were asked to sign sworn statements following a fixed
series of questions, in order to describe the situation under each member of the Petrucci signoria, from Pandolfo himself to his sons and relatives, including Fabio, who
recently had been forced to flee from the city.5
In this essay we propose to explore the part of the testimony which regards the
first phase of the Petrucci lordship, that under Pandolfo himself, in order to illustrate
some aspects of the Sienese political system. The inquiry records will give us insight not
only into the actual mechanics of the Petrucci regime, but also into ways of describing,
remembering and using political events. We will be able to identify diverse strategies
elaborated by the witnesses themselves in their efforts to use the inquiry to their own
advantage, or to that of the political or social group of which they were part. We will
observe the differing frames of reference used. This will help us to understand how
political mechanisms were thought to function, and hence how collective or personal
ends could be furthered.
It is not by chance that Florence and Venice are the Italian communal – and,
subsequently, territorial – states most often studied: the image of power and republican
splendor which Venice preserved almost until the end of the eighteenth century, and
the unequalled contributions of Florentine political thinkers have fascinated succeeding
generations. Genoa, quite as great in her way, but difficult to fit into the idea of power
based on control of broad territories, rich cities and great armies which has often
seemed a primary indication of successful state formation, is virtually absent in international historiography, except in studies which use her state as an example of archaism.6
Siena, too, with her seemingly endless and incomprehensible internal conflicts, is best
4 The records of the investigation are in Archivo General de Simancas, Estado 1454, 47. The archival
references below, unless otherwise specified, are to this register.
5 On Pandolfo and his signoria, see PECCI, G.A.: Memorie storico-critiche della città di Siena. Siena 175560, reprinted anastatically Siena 1988; MONDOLFO, U.: Pandolfo Petrucci Signore di Siena. Siena 1899;
ISAACS, A.K.: Le campagne senesi fra Quattro e Cinquecento: regime fondiario e governo signorile. In:
Contadini e proprietari nella Toscana moderna. Atti del Convegno in onore di Giorgio Giorgetti. Firenze
1979, I, 377-403 and, most recently, HICKS, D.: The Sienese oligarchy and the rise of Pandolfo Petrucci
(1487-97). In: La Toscana al tempo di Lorenzo il Magnifico, III, 1051-1072, with references to early
works.
6 F. BRAUDEL in his “Méditerranée” reminded historians that in the Sixteenth and Seventeenth centuries
Genoa was the richest city in the world, and referred to that period as the “siècle des génois”: La
Méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II. Paris 21966; surprisingly enough,
Genoa is best known as an example of political archaism as in the works of HEERS, J.: Gênes au XVe
siècle. Activité économique et problèmes sociaux. Paris 1961; Le clan familial au Moyen Age. Paris 1974;
see, for a contrasting view, SAVELLI, R.: La repubblica oligarchica. Legislazione, istituzioni e ceti a Genova nel Cinquecento. Milano 1981; PACINI, A.: I presupposti politici del “secolo dei genovesi”. La riforma
del 1528. Genoa 1992 (= Atti della società ligure di storia patria, n.s. XXX [CIV], no. 1); and BITOSSI, C.: Il
governo dei magnifici patriziato e politica a Genova fra Cinque e Seicento. Genoa 1990.
Jugend im Nationalsozialismus
WILHELM SOMMER
„Jugend im Nationalsozialismus“, ein in den 70er/80er Jahren in zahlreichen Veröffentlichungen bearbeitetes Feld der NS-Forschung, ist als Thema in den jüngsten Überblicksdarstellungen praktisch untergegangen.1
– Die „Kleine Deutsche Geschichte“ von Hagen SCHULZE (1996), die mit Karl dem Großen beginnt, enthält lediglich zwei Abbildungen zum Thema mit erläuternden Texten, wobei eine auch noch fälschlicherweise 1940 (es war 1939) als das Jahr angibt,
mit dem der Eintritt in die Hitlerjugend Pflicht geworden sei.
– Heinrich-August WINKLERs zweibändiges Werk „Der lange Weg nach Westen“ (2000),
mit dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches einsetzend, verliert kein Wort,
nicht einmal einen Literaturhinweis zum Thema.
– Dies gilt ebenso für die historische Bilanz von Eberhard JÄCKEL „Das deutsche Jahrhundert“ (1996), die mit der „Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs“ ihren Anfang
macht und wie WINKLER bis in die unmittelbare Gegenwart heranführt.
– Selbst die nur auf das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 beschränkte
Darstellung von Ludolf HERBST (1996) lässt uns hier im Stich.2
Die genannten Historiker zählen keineswegs zu den Hinterbänklern ihrer Zunft, ihre
Publikationen haben durchweg beste Noten erhalten.
– Überraschend nichtssagend ist auch die bewusst gewählte subjektive Perspektive des
Nobelpreisträgers Günter GRASS in seinem Werk „Mein Jahrhundert“ (2001). Dem
geschichtsversessenen Autor fällt zwar zu den zwölf Jahren NS-Herrschaft alles Mögliche und Unmögliche ein, zum Thema „Jugend“ jedoch nichts. Es sei denn, man
hält ihm den Erzählpartikel über seine künstlerisch wiederbelebte Mutter zugute, die
jenem Knaben im Jahr 1927 in Danzig das Leben schenkte, der schon als Dreikäsehoch das Blaue vom Himmel runterlog und als ausgewachsener Dichter die nun über Hundertjährige im Jahre 1999 sich an den „Jungen beim Jungvolk in schicker Uniform“3 erinnern lässt.
1 Eine rühmliche Ausnahme macht H.-U. WEHLER in dem jüngst erschienenen 4. Band seiner Gesellschaftsgeschichte, allerdings mit einer kaum verzeihlichen Verwechslung des HJ-Gesetzes vom Dezember 1936 mit der zweiten Durchführungsverordnung vom März 1939: WEHLER, H.-U.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4. München 2003, 761. Die richtige Datierung in: SOMMER, W.: Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus. Stuttgart 1984, 7 ff.
2 SCHULZE, H.: Kleine deutsche Geschichte. München 1996, 206, 209; WINKLER, H.-A.: Der lange Weg nach
Westen. Deutsche Geschichte vom Dritten Reich bis zur Wiedervereinigung, Bd. 2. München 2000; JÄCKEL, E.: Das deutsche Jahrhundert. Eine historische Bilanz. Stuttgart 1996; HERBST, L.: Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Frankfurt/M. 1996.
3 GRASS, G.: Mein Jahrhundert. München 2001, 377.
Jugend im Nationalsozialismus
1209
Gäbe es nicht als erfreuliche Ausnahmen die „Kleine Deutsche Geschichte“ aus dem
Reclam-Verlag (1995: Beitrag von Jürgen REULECKE), vor allem aber die wegen ihrer
Leserfreundlichkeit und jeglichen Aufwand an Gelehrsamkeit meidende Darstellung des
Berliner Historikers Wolfgang BENZ „Geschichte des Dritten Reiches“ (2000), man
könnte zu der Annahme verleitet werden, Jugend im, aber auch gegen den Nationalsozialismus habe überhaupt nicht existiert.4
Diese weitgehende Ausblendung des Themas in den jüngsten Überblicksdarstellungen
findet allerdings in zwei Bereichen des öffentlichen Diskurses keine Entsprechung:
– Da ist einmal das Fernsehen, insbesondere das ZDF, das in den letzten Jahren in
mehrteiligen Sendefolgen Teilthemen der Geschichte des Nationalsozialismus wie
Hitlers Helfer, Hitlers Krieger, Hitlers Frauen und auch Hitlers Kinder mediengerecht
in Szene setzte. Wären nicht die gelegentlich vollmundigen Vorankündigungen des
verantwortlichen Redakteurs Guido KNOPP, der quotenbewusst bisher angeblich unbekannte Bilder und Dokumente verspricht, nicht selten aus voyeuristischer Perspektive, dann könnte man wohl zufrieden sein. Gelegentliche Zweifel an der Seriosität dieser Sendungen möchte man allerdings anmelden.
– „Was nicht in den Akten ist“, mit dieser Überschrift machte jüngst Friedrich Karl
FROMME in der FAZ (17.04.2001, S. 56) auf zwei Erinnerungsbücher der, wie er
schrieb, „allmählich absterbenden Jahrgänge der zwischen 1925 und 1935 Geborenen“ aufmerksam. Man muss die Auffassung des FAZ-Rezensenten nicht teilen, dass
mit dieser „Geschichtsschreibung von unten“ der wissenschaftlichen Aktenhistorie
der 40-Jährigen eine wichtige Ergänzung zuwachse, um zustimmend das Andauern
von Veröffentlichungen subjektiver autobiographischer Zeugnisse gerade jener Generation zur Kenntnis zu nehmen, die die zwölf Diktaturjahre als Kinder oder Jugendliche miterlebt haben. Dies gilt besonders für die Erinnerungen der vom Holocaust zeitlebens beschädigten Kinder und Jugendlichern (z. B. Saul FRIEDLÄNDER, Solly GANOR, Thomas GEVE, Roman FRISTER, Imre KERTÉSZ, Ruth KLÜGER, Anita LASKERWALFISCH), die erst nach langen Jahren des Schweigens bzw. Verdrängens den Mut
fanden, ihre traumatischen Erfahrungen zu Papier zu bringen.
I
Die Blickrichtung auf die „Jugend im Nationalsozialismus“ kann zum besseren Verständnis des Dritten Reiches beitragen, weil das NS-Regime, aber auch schon die nationalsozialistische Bewegung vor 1933 sich dezidiert als Sprachrohr, Freund, als Anwalt
der Jugend verstanden hat. „Macht Platz, ihr Alten“, so lautete eine Parole. Seinem
Selbstverständnis nach war das NS-Regime ein Staat, in dem die Erwachsenen die Jugend zu ihrer eigenen Sache machten. Der NS-Staat gab den Jugendlichen das Gefühl,
sie seien in besonderer Weise und anders als in der sog. Systemzeit von Weimar wichtig. „Nie zuvor“, so der bereits erwähnte Guido KNOPP in seinem Begleitbuch zur Fern4 REULECKE, J.: Die Zeit der Weltkriege (1914-1945). In: DIRLMEIER, U. et al. (Hrsg.): Kleine deutsche Geschichte. Stuttgart 1995, 358 ff.; BENZ, W.: Geschichte des Dritten Reiches. München 2000, 71-75.
Fira Borisovna Svirnovskaja:
Überleben in deutschen Konzentrationslagern
Übersetzt und herausgegeben von HANS-HEINRICH NOLTE1
Geboren wurde ich am 21. Mai 1921 in Minsk in einer jüdischen Arbeiterfamilie. Mein
Vater – Boris Khajmovich Shulman, geboren 1899 – arbeitete als Setzer in jiddischer
Sprache, meine Mutter – Masha Alterovna, geboren 1902 – war Schneiderin. Zu Anfang
des Vaterländischen Krieges2 bestand unsere Familie aus sechs Menschen: Vater, Mutter,
drei Schwestern und mein kleiner Bruder Josef, der fünf Jahre alt war. Der Vater hatte
1932 das Minsker Institut für Volkswirtschaft besucht3 und es 1936 erfolgreich abgeschlossen. Nach der Beendigung des Instituts wurde er zur Arbeit ins Ministerium der
Finanzen der Belorussischen SSR abgeordnet, wo er etwa ein Jahr lang arbeitete. Danach arbeitete er bis zum 17. September 1939 in der Hauptverwaltung Literatur der
Belorussischen SSR. Die Mutter arbeitete als Schneiderin in der Konfektionsfabrik „Oktober“. Am 17. September 1939, als sowjetische Truppen die westlichen Gebiete Belorußlands besetzten, sandte man Vater nach Białystok4, wo er anfangs als Leiter der Finanzabteilung des Gebietes für die Westgebiete arbeitete (er beschäftigte sich mit der
Nationalisierung der Fabriken, Werkstätten und anderen Fragen). Danach arbeitete er
(wahrscheinlich ab April 1940, an das genaue Datum erinnere ich mich nicht) als Redakteur der jüdischen Zeitung für die Westgebiete; die Mutter arbeitete wie in Minsk in
einer Konfektionsfabrik. Ich schreibe das, damit verständlich wird, warum unsere Familie sich am Anfang des Krieges in Bialystok befand.
1939 hatte ich die Mittelschule Nr. 32 von Minsk mit Auszeichnung abgeschlossen5 und war auf das Leningrader Polytechnische Institut gegangen, wo ich bis September 1940 studierte. Meine Schwester Mina, die am 18. März 1923 geboren war, beendete
die Schule in Minsk 1940 und begann das Studium am Medizinischen Institut. Die jüngere Schwester Zhena (Zelda) wurde im Juni 1924 geboren und zog von Anfang an mit
den Eltern nach Białystok um, sie hatte zu Beginn des Kriegs die neunte Klasse abgeschlossen. Im Zusammenhang damit, daß für den Beginn des Schuljahrgangs 1940 das
Gesetz über Schulgeld für die Institute der UdSSR erlassen worden war, dieses jedoch
für die Westgebiete nicht galt, gingen meine Schwester und ich nach Białystok zum
1 Transskription nach Gosstandard.
2 Offizielle sowjetische Bezeichnung des Zweiten Weltkriegs nach dem 22. Juni 1941.
3 Im Rahmen der Kampagne zur Erhöhung der tertiären Ausbildung in der UdSSR haben viele ältere
Menschen studiert. Vgl. zu einzelnen Sachfragen die Beiträge in HELLMANN, M. / ZERNACK, K. / SCHRAMM,
G. (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Rußlands, Band 1 ff., Lieferung 1 ff., Stuttgart 1976 ff., hier Band 3,
sowie TORKE, H.-J. (Hrsg.): Historisches Lexikon der Sowjetunion. München 1993.
4 Białystok kam mit der Teilung Polens 1939 an die UdSSR, nach der deutschen Eroberung 1941 wurde es
ein Teil von Ostpreußen und bei der neuen Grenzziehung 1944/45 kam es wieder an Polen zurück.
Frau Svirnovskaja benutzt stets die weißrussische Namensform Belostok.
5 Die Mittelschule führte in der UdSSR unmittelbar vor dem Krieg bis zur 10. Klasse, die Absolventen
waren also 16 oder 17 Jahre alt.
1224
Hans-Heinrich Nolte
Studium. Dort wurde am 1. September 1940 ein Pädagogisches Institut eröffnet, in dem
sehr gute Professoren arbeiteten, die aus Polen und Deutschland geflohen waren. Ich
begann noch einmal mit dem 1. Kurs Physik-Mathematik (und verlor so ein Jahr Studium6), und meine Schwester Mina belegte den Kurs Fremdsprachen (Deutsch). Zu Beginn des Kriegs hatten wir den 1. Kurs dieses Instituts abgeschlossen. Der Rektor des
Instituts war Kravchenko (Vornamen und Vatersnamen habe ich vergessen, er lehrte
Geschichte7) . Er war während des ganzen Kriegs Mitglied im Untergrund-ZK der Partei
Belorußlands; nach dem Krieg arbeitete er einige Jahre im ZK als Leiter der Abteilung
Agitation und Propaganda und später, nachdem er in Moskau das Institut der Roten
Professur beendet hatte (ich meine, es wurde so genannt8) arbeitete er als Leiter des
Instituts für Geschichte der Belorussischen Akademie der Wissenschaften. Vor einigen
Jahren ist er gestorben. Genosse Kravchenko und Genosse Zazenko, der in unserem
Institut Dekan der Fakultät für Literatur war, gaben mir nach dem Krieg eine Bestätigung darüber, daß ich den 1.Kurs Physik-Mathematik abgeschlossen hatte, da meine
Dokumente vernichtet waren. Deswegen konnte ich damals weiterstudieren.
Im Zusammenhang damit, daß Białystok damals als Hauptzentrum auf dem Territorium der Westgebiete Belorußlands angesehen wurde, wo sich die leitenden Behörden befanden, waren wir auf der Höhe aller Ereignisse, welche jenseits der Westgrenze
in Polen und Deutschland passierten. Von den vielen Flüchtlingen aus diesen Ländern
kannten wir Hitlers Beziehung zu den Juden und seine Anordnung über die vollständige Vernichtung der Juden auf den eroberten Gebieten.9
Trotzdem traf uns die Bombardierung von Białystok in der Nacht vom 21. auf
den 22. Juni unerwartet. Wir waren durch die Agitation hypnotisiert, die mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags mit Deutschland verbunden war, und hofften auf den
Schutz der Roten Armee. In jener ersten Kriegsnacht entschieden wir uns nicht zu
schneller Flucht, wie sehr viele, sondern gingen ins Institut, um uns am Kampf gegen
den Feind zu beteiligen. Dort herrschte aber Durcheinander. Alle leitenden Behörden
(das Stadtkomitee, das Militärkomitee und alle anderen Organisationen) flohen sofort
und überließen alle und alles dem Schicksal; und daraufhin erklärte der Rektor unseres
Instituts, Genosse Kravchenko, die Evakuierung des Instituts. Wir verließen die Stadt in
einer Kolonne ungefähr um 12 Uhr am 22. Juni. Das war schon spät, da alle Wege
schon von deutscher Luftwaffe beschossen wurden. Nicht weit von Białystok gerieten
wir in ein Gefecht zwischen sowjetischen und deutschen Panzern, und einige unserer
Studenten wurden getötet. Man entschloß sich zur Aufteilung in kleinere Gruppen. Mei6 In dem stärker als in Deutschland schulartigen Studium besucht man in der Regel einen Jahrgang, mit
dem zusammen man bis zum Abschlußexamen fortschreitet.
7 Ivan Sergeevich Kravchenko, 1902-1979, Absolvent des Instituts der Roten Professur, 1938-1941 Dekan
des Minsker, danach des Białystoker Pädagogischen Instituts; seit Juni 1941 Sekretär des Oblast’kommittes der KP in Białystok. Seit 1948 am Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften des Belorussischen SSR, 1953-1964 dessen Direktor.
8 Das Institut der Roten Professur wurde 1937/38 aufgelöst, Frau Svirnovskaja irrt sich aber nur in der
Zeitangabe.
9 Diese zutreffende Interpretation von Hitlers Absichten ist durch die Quellenlage insofern nicht gedeckt,
als ein solcher Befehl oder eine solche Anordnung nicht vorliegt und die endgültige Entscheidung zum
Genozid an den Juden nicht vor Sommer 1941 gefallen ist.