Neil Postman - Wir amüsieren uns zu Tode

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Neil Postman - Wir amüsieren uns zu Tode
Neil Postman - Wir amüsieren uns zu Tode
Nils Eilhauer, 08.05.2005
„Wir sehen die Natur, die Intelligenz, die menschliche Motivation oder die Ideologie
nicht so, wie sie sind, sondern so, wie unsere Sprache sie uns sehen lassen. Unsere
Sprachen sind unsere Medien. Unsere Medien sind unsere Metaphern. Unsere
Metaphern schaffen den Inhalt unserer Kultur.“ 1
Zur Person Neil Postman
Postman war seit 1959 Professor für Kommunikationswissenschaft und „Medien-Ökologie“, in
welcher Medien als Umwelt betrachtet werden, an der New Yorker Universität. Seine Karriere
begann er jedoch als Volksschullehrer. 1976 gestaltete er für CBS eine Fernsehserie, in der er
Schülern Wissen vermittelte. 1985 eröffnete Postman die Frankfurter Buchmesse mit einer Rede
des Titels "Wir amüsieren uns zu Tode". 1986 erhielt Postman den George-Orwell-Preis für
Klarheit in der Sprache. Postman war ein scharfer Kritiker der "Neuen Medien".
Er vertrat die These, dass das Fernsehen die Urteilsbildung der Bürger gefährde und der Zwang
zur Bebilderung zu einer Entleerung der Inhalte von Politik und Kultur führe. Er prägte dafür
den Begriff des "Infotainment". In diesem Zusammenhang beklagte Postman die Infantilisierung
der Gesellschaft.
Postman starb am 5. Oktober 2003 als starker Raucher im Alter von 72 Jahren an Lungenkrebs. 2
Darlegung und Erläuterung zentraler Inhalte
Neil Postman, der sich in all seinen Ausführungen auf ’seine Nation’, also Nord-Amerika bezog,
war der Meinung, dass man den Charakter und die Sehnsüchte der USA im Prinzip auf Las Vegas
reduzieren könne. Seine Nation habe sich dem Entertainment vollständig verschrieben und
andere Lebensbereiche wie Politik, Religion, Nachrichten, Sport, Erziehungswesen und
Wirtschaft einfach zu Anhängseln des Showbusiness gemacht.
Die Amerikaner hätten sich im Zuge dieser Entwicklung zu einem Volk gewandelt, das im
Begriff sei, sich zu Tode zu amüsieren.
Hollywood-Schauspieler und Astronauten regieren die Nation, aus den Medien rekrutiert und
durch sie legitimiert.
1
Postman, Neil (1985): Amusing Ourselves to Death. Public Discourse in the Age of Show Business. New
York: Viking-Penguin, Inc.. S.25.
2
Wikipedia.org (08.05.2006).
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Die Gesetze des Showbusiness verlangen schöne Menschen, auch in der Politik, die nach
Postmans Meinung längst eine Sparte des Showbusiness ist. Was diese Menschen dann von sich
geben, sei weniger relevant. Sieht jemand seriös aus, wird das was er sagt auch richtig sein.
So verbringen Journalisten mehr Zeit „unter ihrem Fön als über ihren Skripten“.
3
und der
ehemalige Präsident Nixon „ging so weit zu behaupten, er habe eine Wahl verloren, weil ihn die
Make-up-Leute sabotierten.“ 4
Inhalte sind sekundär, dem Auge will geschmeichelt werden. Postman beklagte, dass Botschaften
für das Medium Fernsehen zu stark komprimiert werden müssen, um ihm gerecht werden zu
können. Das Resultat: Trivialisierung auf allen in diesem Medium vertretenen Bereichen unseres
öffentlichen Lebens.
Das Format des Fernsehens, arbeitet gegen wirklichen Inhalt. Wir verwandeln uns von einer
durch Wort und Logik bestimmten, in eine Bildkultur.
Eine zentrale These Postmans lautete, dass wir unser Weltbild aus „zwischengeschalteten
Medien“ 5 formen. Er nahm an, dass eine Kultur dessen Leitmedium das Fernsehen ist und seine
Welt durch dieses formt, denk-evolutionär betrachtet wieder einen Schritt nach hinten macht.
Pseudo-Bildung / Infotainment und Fernsehduelle durch Politiker, sollen dem Zuschauer
Information suggerieren. Er wird aber nur mit kleinen Wissenshäppchen zugeschüttet – ohne
eigentlichen Zusammenhang und ohne Relevanz für sein Leben. Was der Mensch da geboten
bekommt, kann er kaum kritisch hinterfragen, da er den Informationsfluss nicht anhalten kann.
Geschriebenes kann ausgiebig auf Richtigkeit geprüft werden, gesehenes hält nur bis zum
nächsten Bild und entzieht sich damit einer genaueren Prüfung des Inhalts – sofern vorhanden.
Postman ging davon aus, dass sich diese Trivialisierung, die zusammenhanglosen
Belanglosigkeiten auf unsere Einstellungen und unser Weltbild übertragen und behauptet, dass
eine auf dem Fernsehen beruhende Epistemologie die öffentliche Kommunikation verschmutzt.
Als Beispiel führte Postman folgendes an:
„Wird man nach Albert Einstein gefragt, ist die erste Assoziation ein Gesicht, Worte
oder gar Inhalte kommen uns kaum in den Sinn. Im Gespräch miteinander fangen wir
an, uns über solche Bilder, solche Fassaden auszutauschen, anstatt Debatten über
wirkliche Inhalte zu führen.“ 6
3
ebd., S.13.
ebd., S.12.
5
ebd., S.20.
6
ebd., S.80.
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Hier sah Postman den Unterschied zwischen einer Wort- und einer Bildbestimmten Kultur. Wir
kürzen ab, weil es bequem ist und vereinfacht. Und weil wir tagtäglich mit Abkürzungen
bombardiert werden.
Postman unterstellte, dass wir mittlerweile schon gar nicht mehr in der Lage sind komplexere
Inhalte zu erfassen
Er verwies auf die frühen Einwanderer New Englands, deren Sprache sehr stark durch den
Buchdruck geprägt war. Damals waren Bücher was das Fernsehen heute ist, ein Leitmedium.
Selbst einfache Arbeiter haben gelesen und waren dadurch in der Lage sich auf hohem Niveau
ihre Meinung zu bilden, zum Ausdruck zu bringen und komplexe Darstellungen
nachzuvollziehen.
Ein weiteres Beispiel, die sieben Debatten zwischen dem Republikaner
Abraham Lincoln und dem Demokraten Stephen A. Douglas. Diese beiden Duellierten sich vor
einem großen öffentlichen Publikum, mit Reden, die jeweils eineinhalb Stunden dauerten und auf
die der Gegner dann wiederum eineinhalb Stunden antworten konnte. Es gab sogar Debatten, die
aufgrund ihrer Länge unterbrochen werden mussten, damit sich das Publikum stärken konnte,
um dann noch einmal mehrere Stunden den Ausführungen des jeweiligen Redners folgen zu
können. Und sie konnten. Deshalb nannte Postman sie:
„Angehörige der Gattung Homo „typographicus“, den vom Buchdruck geprägten
Menschen -unvoreingenommen, analytisch, der
Logik verpflichtet, logische
Widersprüche verabscheuend.“ 7
Heute wäre ein derartiger Geistes-Marathon Postman zufolge undenkbar. Die kurze
Aufmerksamkeitsspanne des heutigen Menschen ließe einen solchen nicht mehr zu und es würde
ausserdem als absolute Zumutung empfunden, einem Redner länger als eine halbe Stunde
konzentriert zu folgen. Postman nannte die Zeit in der dies noch möglich war, dass „Zeitalter
der Erörterung“ 8 und schrieb der Erörterung folgende Qualitäten zu. Sie sei zugleich Denkweise,
Lernmethode, Ausdrucksmittel und fördere die Fähigkeit zu begrifflichem, deduktivem,
folgerichtigem Denken. Fähigkeiten die uns abhanden gekommen sind.
„Das Zeitalter der Erörterung neigte sich mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert
seinem Ende zu. Es begann das Zeitalter des Showbusiness.“ 9
7
ebd., S.75.
ebd., S.82.
9
ebd., S.82.
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Zu Zeiten des Buchdrucks konnten Informationen den Raum nur so schnell überbrücken, wie
der Mensch sie transportieren konnte, z.B. mit dem Zug.
Im Jahre 1837 machte die Erfindung des Telegraphen, durch Samuel Finley Morse, die ganze
USA zu einer Nachbarschaft, so wie Morse es prophezeit hatte. Postman sagte, Morse habe dabei
etwas vergessen. Und zwar, dass sich die verschiedenen Staaten unter Umständen überhaupt
nichts Wichtiges zu sagen haben. Hieran wollte Postman zeigen, dass ein neues Medium starken
Einfluss darauf hat, wie- und vor allem was Menschen einander Mitteilen.
Damit der Telegraph auch ordentlich genutzt werden konnte, wurden vor allem Skandale, die mit
Sex und Verbrechen zu tun hatten durch die Leitungen gejagt.
Die Tagesnachrichten wurden nun zu einer bunten Sammlung von Telegraphenmeldungen, die
zwar für den Leser sehr unterhaltsam war, aber im Prinzip keinerlei Relevanz hatte.
Die Nachricht verlor ihren ehemaligen Sinn als zweckbestimmte Information.
Postman verwies hier auf die Aussagen des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen
Henry David Thoreau, der sofort erkannt hatte, was der Telegraph anrichten würde. Nämlich die
Relevanz irrelevant werden zu lassen. Postman bediente sich an dieser Stelle auch dem Vers:
„Wasser, Wasser, überall, aber kein Tropfen zu trinken.“
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Und sieht ihn als Motto für eine
solche „dekontextualisierte Informationsumwelt“ 11 . Eine unglaubliche Fülle von Informationen,
aber abgesehen von Aktienkursen und dem Wetter sind die wenigsten davon brauchbar. Hier
schlug Postman die Brücke zur Gegenwart und fragte den Leser, wie oft ihn die Nachrichten zu
einer Änderung seines Tages- oder Wochenplanes veranlassen oder ihm bei der Lösung seiner
Probleme helfen. So gut wie nie. Das Verhältnis zwischen Information und Aktion hat sich
drastisch verändert. Er spricht von einer Spirale der Ohnmacht. Die Nachrichten entlocken uns
eine Vielzahl von Meinungen, mit denen wir nur eines tun können – sie wiederum als Stoff für
weitere Nachrichten anbieten, mit denen wir ebenfalls nichts anfangen können. Nach der
Erfindung des Telegraphen bedeutete Intelligenz von vielem gehört zu haben anstatt es zu
verstehen. 1838 kam dann die Photographie, die ins selbe Horn stieß. Das Bild stellte die
Erörterung in den Hintergrund oder tilgte sie ganz und gar. Sehen statt lesen wurde zu ‚überzeugt
sein’. Das Bild fügte sich perfekt in die Flut aus telegraphischen Nachrichten ein, so Postman.
Denn die Bilder schufen den Fremden Orten von denen berichtet wurde konkrete Realität. Und
den ebenfalls unbekannten Menschen Gesichter. Das Bild schuf einen „Scheinkontext“
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für die
Tagesnachrichten und diese wiederum einen Kontext für das Foto – sie legitimierten sich also
gegenseitig in ihrer Daseinsberechtigung. Und schon war die Grundlage geschaffen für das
10
ebd., S.87.
ebd., S.87.
12
ebd., S.96.
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„Pseudo-Ereignis“ 13 . Veranstaltungen die nur dazu da sind um über sie berichten zu können, wie
zum Beispiel Pressekonferenzen, oder der Großteil des Fernsehprogramms im Allgemeinen.
“Insgesamt brachte dieser Komplex elektronischer Technologien eine neue Welt
hervor - eine Guckguck-Welt, in der mal dies, mal das in den Blick gerät und sogleich
wieder verschwindet. In dieser Welt gibt es kaum Zusammenhänge, kaum Bedeutung;
sie fordert uns nicht auf etwas zu tun, ja, sie lässt es gar nicht zu; wie das GuckguckSpiel der Kinder ruht sie abgeschlossen in sich. Und zugleich ist sie, wie das
Guckguck-Spiel, überaus Unterhaltsam.“
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Neil Postman schrieb dem Fernsehen den Status eines ‚Meta-Mediums’ zu, also einem Medium,
das nicht nur unser Wissen über die Welt bestimmt, sondern auch unser Wissen darüber, wie
man Wissen erlangt. So sagt uns zum Beispiel der Fernseher, dass ohne das Internet überhaupt
nichts mehr funktioniert, so wie er uns erzählt, dass wir alle Computer Affinität besitzen müssen,
da wir sonst in der Berufswelt chancenlos sind.
Das Fernsehen prägt und erzieht schon die Kleinsten in unserer Gesellschaft und ist ein
geduldiger Lehrer und Babysitter. Es rekrutiert seine Jünger sozusagen direkt aus der Wiege.
Darin, dass uns diese ganze Geschichte nicht bizarr erscheint und wir den Blick für die
Seltsamkeit dieser Veranstaltung verloren haben, sieht Postman ein Zeichen von Anpassung.
Um den Blick dafür wieder zu schärfen, zerlegen wir eine Nachrichtensendung.
Weil sie so unterhaltsam ist, fordert uns der Nachrichtensprecher dazu auf, auch am nächsten
Tag wieder dabei zu sein. Und wir sind es. Warum? Weil wir die Nachrichten und das dort
gezeigte Unheil nicht ernst nehmen müssen und sie eigentlich nur unser Verlangen stillen,
irgendetwas zu sehen. Und dafür, dass wir etwas zu sehen bekommen, ist stets gesorgt. Im
Folgenden, verwies Postman auf das Drumherum einer Nachrichtensendung. Die schönen
Sprecherinnen
und
Sprecher,
die
spannende
Anfangs-
und
Schlussmusik,
die
abwechselungsreichen Filmbeiträge; der ganze Rahmen suggeriert einem, dass eigentlich alles in
Ordnung ist. Beim Verlesen einer besonders traurigen Nachricht, sieht derjenige der sie verliest,
betroffen aus, als nähme er Anteil. Mit dem Wörtchen „Und jetzt“ 15 , oder der Phrase ‚Kommen
wir nun’ sind wir dann aber schon bei der nächsten Nachricht und er oder sie, ist auf einmal wie
ausgewechselt und kokettiert mit einem perfekten Colgate-Lächeln.
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ebd., S.97.
ebd., S.99.
15
ebd., S.123.
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Es ist eine Show. Die Nachrichtensendung biete keinen Rahmen für Bildung, aber einen
hervorragenden für Entertainment – so Postman.
Auch lassen sich im Fernsehen keine ernsthaften Debatten führen, denn diese können nur
geführt werden, wenn die daran Teilnehmenden Gelegenheiten bekommen, über das
nachzudenken, was sie als nächstes von sich geben wollen.
Denken aber, sieht auf dem Bildschirm nicht gut aus, denn es gibt dabei nicht viel zu sehen. Es
ist keine darstellende Kunst. Da diese aber Voraussetzung für die Teilnahme an der
Veranstaltung Fernsehen ist, wird dafür gesorgt, dass die Debatte zwar keine Tiefe hat, aber die
Ansprüche befriedigt, die die Zuschauer an ihr Fernsehen stellen. Die Debatten werden also
vorher geschrieben, damit jeder schon im vorneherein weiss, was er sagen muss um eine gute
Show abzuliefern. In Fernsehduellen zwischen Politikern, geht es dann auch nur noch darum,
wer es besser versteht, durch Ironie oder einen guten Witz auf Kosten des Widersachers, die
Show gelingen zu lassen oder den Wähler durch Charme auf seinem Konto verbuchen zu
können.
Laut Postman haben wir also angefangen unsere Angelegenheiten – vor allem die wichtigen
Angelegenheiten – auf eine neue Art und Weise zu regeln. Postman ging davon aus, dass wir im
Zuge dieser Entwicklungen, - der Bombardierung mit Nachrichten ohne Kontext -, unsere
Geschichte einbüßen werden und in einer ewigen Gegenwart enden werden.
„Wir weigern uns nicht, uns zu erinnern; wir halten es, genau genommen, auch nicht
für nutzlos, uns zu erinnern; wir werden unfähig gemacht, uns zu erinnern.“ 16
Neil Postman sah also eine große Bedrohung im Fernsehen, eine sich einschleichende Diktatur
des Entertainments, also eigentlich eine Diktatur der Maschinen, die sich der Mensch selbst
konstruiert - ein Netz das er selbst geknüpft und in dessen Maschen er sich nun scheinbar
unwiderruflich verfangen hat. Eine wirkliche Lösung für das Problem hatte er jedoch nicht parat.
Er empfahl aber Aufklärung über das Medium, damit die Benutzer wissen wo die Gefahren
lauern. Vor allem Schulen, sollen verstärkt über die Wirkungen von Medien, insbesondere die des
Fernsehens und des Computers informieren. In wie weit das reichen wird, bleibt abzuwarten.
Doch bis zur entgültigen Klärung dieser Frage, werden wir gut unterhalten werden.
Soviel steht fest.
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ebd., S.169.
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