Auf der Suche nach der Begeisterung

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Auf der Suche nach der Begeisterung
SCHWERPUNKT: LERNEN _AOL VERLAG
Auf der Suche nach der Begeisterung
Als Lehrerin hat Hertha Beuschel-Menze neue Ideen in die Schule gebracht.
Dann erfand sie die Lernbox und wurde eine der erfolgreichsten
Schulbuchverlegerinnen.
Ihr Ziel aber ist geblieben: Kindern den Spaß am Lernen zurückzugeben.
Text: Mathias Irle
Foto: Jutta Rund
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Schule ist langweilig. Das hat Hertha
Beuschel, wie fast jeder, schon als Kind
gelernt. So sehr hatte sie sich auf den
ersten Schultag gefreut, sie stürzte sich
begeistert auf alles Neue. Doch sie lernte
zu schnell. Und neues Futter für ihren
Geist sah der Lehrplan nicht vor. Bald
jedoch stellte sie fest, dass ihr von der
Lernfreude, die fast alle Kinder mit in die
Grundschule bringen, spätestens in der
fünften Klasse kaum noch etwas übrig
geblieben war. Wo war sie hin, die Begeisterung? Hertha Beuschel beschloss, Lehrerin zu werden: eine Lehrerin, die den
Kindern diese Begeisterung erhält.
Heute, gut 40 Jahre später, sitzt sie
beim Brezelessen in ihrem Garten in Lichtenau bei Baden-Baden. Hühner laufen auf
dem Grundstück der 58-Jährigen herum.
Sie besitzt ein großzügiges Haus. Und nur
eine Straßenecke entfernt befindet sich in
einem Fabrikgebäude ihr AOL Verlag.
Mehr als 25 Jahre sind vergangen, seit sie
aus der Initiative „Arbeitsgruppe Oberkircher Lehrmittel“ das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Mann, ebenfalls Lehrer,
gegründet hat. 50 Mitarbeiter hat der Verlag heute und einen Jahresumsatz von rund
sechs Millionen Euro.
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Ihr größter Coup und bis heute die
Haupteinnahmequelle des Verlages: die
Lernbox, eine rechteckige Schachtel mit
fünf unterschiedlich großen Fächern, die
auf den Ideen des Gehirnforschers Frederic
Vester beruht. Vester hatte den Weg des
Wissens vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis beobachtet und beschrieben – die
Lernbox vollzieht diesen Weg über die
unterschiedlichen Fächer nach. So wandert
beispielsweise eine Vokabelkarte schrittweise vom täglich zu wiederholenden ersten (Kurzzeitgedächtnis) über die verschiedenen Stufen ins letzte Fach, das bereits
gespeichertes Wissen enthält. Eine schlichte
Idee, die hilft und mittlerweile von nahezu jedem sechsten Schüler in Deutschland
genutzt wird. Rund 3,5 Millionen Lernboxen hat der Verlag in den vergangenen
Jahren verkauft. Und doch ist der AOLVerkaufshit für Beuschel-Menze nur einer
von vielen Bausteinen, die sie zusammengetragen hat für eine Schule, in der Lernen
Spaß macht.
Dieses Ziel hat sie getrieben, von Anfang an. Gleich nach dem Staatsexamen,
begann sie, es umzusetzen. Wenn grundsätzlich jeder Schüler etwas lernen will,
so ihre erste Überlegung, dann muss der
Lehrstoff so aufbereitet sein, dass er diese
Neigung unterstützt. Sie fing daher an, aufwändige Arbeitsblätter für ihren Unterricht
zu entwerfen, beispielsweise die „Materialien zum Sexualkunde-Unterricht“. Oder
sie lieh sich beim Sportlehrer Seile und
erklärte den springenden Schülern die
Grundzüge der Mathematik. Die seltsamen
Unterrichtsmethoden sprachen sich schnell
herum, ebenso wie das gute Abschneiden
ihrer Schüler. Bald liehen sich immer mehr
Kollegen ihre Arbeitsblätter aus. Und sie
gründete die Arbeitsgruppe Oberkircher
Lehrmittel, über den sie ihr Unterrichtsmaterial als Kopiervorlagen verkaufte.
Wo führt das hin, wenn Schüler
lernen, was sie wollen?
Doch schon nach wenigen Jahren stießen
ihre pädagogischen Bemühungen an Grenzen. Immer wieder erlebte sie, dass Schüler trotz ihres aufwändigen Lernmaterials
den Unterricht verweigerten, störten oder
sich langweilten. Die Schlussfolgerung
Beuschel-Menzes: Ihre Unterrichtmethoden passten sich noch nicht genügend an
die jeweiligen Interessen, das Lerntempo,
die Tageslaune und die Fähigkeiten der
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SCHWERPUNKT: LERNEN
Hertha Beuschel-Menze, Lehrerin mit Ideen
einzelnen Schüler an. Erst wenn es ihr
gelänge, die Lerninhalte wie einen Maßanzug an die Bedürfnisse der Schüler anzupassen, käme sie ihrem Ziel vom begeisterten Lernen näher. Am besten wäre es,
die Schüler könnten selbst bestimmen, was
sie lernen wollten.
In ihrer neuen Arbeitsstelle – nach
Haupt- und Realschule hatte sie sich für
eine Grundschule entschieden – startete
sie daher ein Experiment. Sie löste sich
vom Konzept des Frontalunterrichts und
verwischte die Grenzen zwischen den Fächern. Stattdessen führte sie Wochenpläne
ein, in denen sie festlegte, was die Schüler
in der kommenden Woche lernen sollten.
Welche Mathe-Aufgabe, welche Schreibübungen, welchen Lesestoff. Wann oder
in welcher Reihenfolge sie das tun wollten,
blieb den Schülern überlassen. Gleichzeitig
organisierte sie das Klassenzimmer neu. Sie
richtete verschiedene Stationen ein: einen
Experimentiertisch, an dem die Kinder beispielsweise lernen konnten, wie man einen
Feuerlöscher aus Backpulver baut. Und
einen Spieltisch, etwa um eigenständig
Diktate zu üben. Dazu Bücherregale.
Sie, die Lehrerin, war von nun an nur
noch Ansprechpartnerin oder kümmerte
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sich gezielt um einzelne Schüler. Die konnten nun selbst entscheiden, in welchem
Tempo sie was lernen wollten: Schnell
den Pflichtstoff erledigen und den Rest
der Woche Zusatzaufgaben lösen? Oder
bis Mittwoch ihre Zeit nur mit Mathe
verbringen? Mit dieser Methode erreichte
die Pädagogin, dass die langsamsten Schüler alles Notwendige schafften – und die
schnelleren immer neue Anregungen bekommen konnten.
„Ich finde es richtig, Kinder in erster
Linie an sich selbst zu messen“, sagt Hertha Beuschel-Menze noch heute. Auf ihrem Gartentisch stapeln sich jede Menge
Materialien, die sie für die damals von ihr
erprobte Art des Lernens, der Freiarbeit,
entwickelt hat. Inzwischen vertreibt sie
diese Materialien im Freiarbeit-Verlag, einer
Tochter des AOL Verlags.
Noten, egal, ob gute oder schlechte,
hat sie immer in einen Text gepackt, der
gleichzeitig eine Begründung für die Zensur bot. Und sie hat immer wieder unterschiedliche Arbeiten mit Schülern geschrieben. Ein leistungsstarker Schüler bekam
beispielsweise ein Diktat mit 80 Wörtern,
ein schwächerer Schüler schrieb in der
gleichen Zeit eines mit nur 30 Wörtern.
So hatten beide Kinder im Rahmen ihrer
Fähigkeiten Erfolgserlebnisse. Für die
Zeugnisnoten allerdings musste auch Beuschel-Menze normale, für alle Schüler gleiche Arbeiten, schreiben lassen und dabei
auch Fünfen und Sechsen vergeben.
Vielen Eltern und Kollegen waren ihre
Lehrmethoden allerdings suspekt. Brauchen Schüler nicht eine Autorität, die
ihnen Anweisungen gibt und sie kontrolliert? Was soll das bringen, wenn jeder
macht, was er will? Und was nützt ein
Diktat, wenn die Schüler vorher genau
diese Sätze geübt haben?
Die Unterstützung ihres damaligen
Direktors und des Seminarschulrats halfen,
auf diversen Elternabenden auch die
Zweifler von ihrem Konzept zu überzeugen. Außerdem herrschte in der Regel viel
mehr Freude, Konzentration und Leidenschaft in ihrem Klassenzimmer – Begleit-
erscheinungen, die kaum zu verhindern
sind, wenn man Menschen lernen lässt,
was sie interessiert. Und die Schüler schauten genauso wenig auf die Vorlagen für
die Diktate, wie Erwachsene beim Lösen
von Kreuzworträtseln auf die vorgedruckten Antworten sehen.
„Um für die Zukunft vorbereitet zu
sein, müssen Menschen lernen, sich selbstständig Informationen zu beschaffen und
sich selbst zu helfen“, sagt BeuschelMenze. „Und sie müssen Selbstwertgefühl
entwickeln – das aber gelingt nur, wenn
man sie in ihren Fähigkeiten unterstützt.“
Mittlerweile sind ihre Erkenntnisse in
die Lehrpläne vieler Schulen eingeflossen.
Außerdem wollen diverse Kultusminister
in den Schulen mehr Freiarbeit und ein
flexibles Schuleintrittsalter einführen.
Der Erfolg des AOL Verlags beruht
allerdings auf einer Abkehr von ihrem
angestrebten Ideal: der reinen Lehre des
Freiarbeitsunterrichts, dem Unterricht ohne
Vorgaben. Ursprünglich hatte BeuschelMenze ihre Lernbox bewusst ohne Inhalte
konzipiert. Doch weil immer mehr Lehrer
klagten, ihre Schüler würden eigenständig
keine Karteikarte beschreiben, fing Beuschel-Menze an, vorgefertigtes Wissen zu
produzieren. Rund 400 verschiedene Versionen mit Lernkarten gibt es heute in
ihrem Verlag – von englischen Vokabeln
über Geschichtswissen bis zu Grundkenntnissen in Biologie. Ganz im Sinne
vieler Pädagogen, die froh sind, dass sie
jemand von der mühseligen Eigenarbeit
befreit.
Und noch eine Schlappe hat sie einstecken müssen: Hertha und Frohmut
Beuschel-Menze mussten als Lehrer kündigen – der Staat wollte sie nicht länger
für den Zweitberuf als Verleger freistellen.
Inzwischen haben sie 75,2 Prozent ihres
Unternehmens an den Ernst Klett Verlag
verkauft und arbeiten dort nur noch als
Lektoratsleiter. Warum? „Wir hatten immer
mehr mit Verwaltung zu tun, statt neue
Ideen zu entwickeln.“
Und die sind Mangelware an der
Schule.
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