Fastenpredigt von Pfr. Ebert (Lukaskirche)

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Fastenpredigt von Pfr. Ebert (Lukaskirche)
Nicht plappern wie die Heiden – Wege zum Gebet
Ökumenische Fastenpredigt von Pfarrer Andreas Ebert
am 11.März 2007 in St. Matthias
„Nicht plappern wie die Heiden“ heißt die Überschrift. Über das Gebet geht es heute und deswegen
beginnen wir auch nicht mit Worten, sondern aus der Stille heraus mit dem Schweigen. Und ich
lade Sie ein, in der Stille sich auszurichten auf Gott und um seinen Segen und seinen Geist zu bitten
für das, was ich sage, und für das, was Sie hören.
Pause –
Herr, öffne meinen Mund, dass meine Stimme dein Lob verkünde. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
eine Predigt über das Beten passt gut in die Fastenzeit, den Fasten und Beten, das gehört im neuen
Testament, das gehört in der Bibel ganz eng zusammen. Der öffentliche Auftritt Jesu, seine Zeit, als
er unter die Menschen ging, begann mit einer 40tägigen Zeit des Fastens und Betens in der Wüste.
Es heißt, der Geist, der Heilige Geist, hat ihn in die Wüste geschickt, wozu? Damit er vom Teufel
versucht würde. Der Heilige Geist treibt ihn an den Ort der Versuchung, wo Jesus fastet und betet
und ringt um seinen Auftrag, und er ringt mit den großen Versuchungen des Menschseins:
mit der Versuchung der Macht –
alle Reiche will ich dir geben, wenn du niederfällst,
mit der großen Versuchung, sich verehren zu lassen, eine Show zu vollführen –
Spring doch vom Tempel! Alle werden dich sehen und dich bejubeln!
mit der Versuchung auf der materiellen Ebene –
das Hungerproblem zu lösen, egozentrisch für sich selbst zu sorgen, aus Steinen Brot machen,
etwas zu haben.
Den drei großen Versuchungen, der Habsucht, der Ehrsucht und der Machtsucht, muss er sich
stellen. Und denen kann er sich nur stellen im Gebet.
Wenn wir fasten und beten, dann werden wir durchlässig, durchlässig nicht nur für Gott, das wäre ja
schön. Nein, dann kommt auch das Dunkle zum Vorschein, der Schatten, all das, was wir oft
zudecken im Alltag mit Konsum, mit Arbeit, mit Fernsehen, mit Essen und Trinken und anderen
kleinen und großen Suchtmitteln. Fasten und Beten gehören zusammen. Von der armen Witwe, die
ihren letzten Pfennig buchstäblich für Gott gibt und sich so ganz loslässt, heißt es: diese Witwe
habe beständig gefastet und gebetet.
Jesus weiß aus eigener Erfahrung, dass aus dieser Verbindung, aus dieser Kombination von Fasten,
das heißt von Verzicht auf Unwesentliches, auf Ablenkung, zu Gunsten des Wesentlichen, das aus
dieser Kombination von Fasten und Beten eine große innere Kraft erwächst, nicht nur für das eigene
Leben, sondern auch eine Ausstrahlung für andere; ja, auch die Kraft, dem Dunklen zu widerstehen,
etwas entgegenzusetzen dem Finsteren, dem was Menschen zerstört, was Leben blockiert.
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Seine Jünger kommen einmal zu ihm, Sie haben versucht, einem Jungen zu helfen, der schwer
krank ist, der geistig, geistlich krank ist, besetzt ist, besessen ist von einer dunklen Macht,
aber es ist ihnen nicht gelungen. Sie konnten es nicht, sie hatten keine Vollmacht. Und Jesus
sagt, so etwas ist nur möglich durch Fasten und Beten, durch große Konzentration auf Gott,
auf das Wesentliche, damit wir geläutert werden, damit wir durchlässig werden, damit Gott
durch uns wirken kann, auch über unser eigenes kleines Leben hinaus.
Es geht bei diesen Fasenpredigten um die Provokationen der Bergpredigt. Und in der
Bergpredigt spricht Jesus zweimal ausführlicher über das Gebet, und was er über das Gebet
sagt, ist provozierend, provokativ. Denn es widerspricht nicht der gängigen Gebetspraxis
seiner Zeit, er sagt überraschendes, Neues und legt seinen Finger auf den wunden Punkt
unseres Gebetslebens. Da hat sich vielleicht gar nicht so viel geändert seit damals. Ich lese
vor, was Jesus an zwei Stellen in der Bergpredigt (Math. 6 und 7) über das Beten sagt:
„Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und sogar an
den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Ich sage euch,
sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du betest, dann geh in dein Kämmerlein, schließ
die Tür von innen zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der in
das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, dann sollt ihr nicht viel
plappern wie die Heiden, denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
Ihnen sollt ihr nicht gleichen. Euer Vater weiß, was ihr braucht, schon bevor ihr ihn bittet.
Deswegen betet einfach so:
Vater unser im Himmel, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben
unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater
auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater auch
nicht vergeben.“
Etwas später in der Bergpredigt sagt Jesus: „Bittet, so wird euch gegeben. Suchet, so werdet
ihr finden. Klopft an, so wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der
findet, und wer anklopft, dem wird geöffnet.
Wer ist unter euch, der seinem Sohn, wenn er ihn um Brot bittet, einen Stein gibt? Oder wenn
er euch um einen Fisch bittet, ihm eine Schlange reicht? Wenn schon ihr, die ihr doch böse
seid, trotzdem euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im
Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten?“
Und schließlich, nicht in der Bergpredigt, sondern bei Mt 18 noch eine wichtige Stelle. Noch
einmal spricht Jesus zum Gebet: „Ich sage euch: wenn zwei unter euch eins werden auf
Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.
Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“
Was können wir aus diesen wenigen Anleitungen übers Gebet für unser eigenes Gebetsleben
lernen und mitnehmen? Ich denke, es sind sechs Dinge, die ich gefunden habe. Eigentlich
kommt da noch etwas Siebtes dazu:
o Beten ist etwas sehr Persönliches, etwas sehr Intimes; denn es ist die innere
Zwiesprache zwischen Mensch und Gott. Es geht beim Gebet um unser Innerstes, es
geht um unsere Herzensanliegen, es geht um unsere Ratlosigkeit, um unsere Nöte, um
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unsere tiefsten Gefühle, Bedürfnisse und Sehnsüchte, oft um Unaussprechliches, oft
um etwas, was wir selber gar nicht genau in Worte fassen können, und manchmal auch
um Dinge, die wir auf jeden Fall nicht vor Menschen aussprechen können. Diese
intime Zwiesprache braucht einen intimen Rahmen, keine Zuschauer.
Jesus selbst hat sich in der Regel zum Gebet zurückgezogen, er war auch sehr
zurückhaltend, er hat seine Jünger nicht stundenlang belehrt über das Gebet. Sie
kommen sogar einmal und sagen: „Johannes, der Täufer, der sagt seinen Jüngern,
seinen Anhängern, wie man betet. Warum sagst du uns nichts? Sag uns doch, wie man
betet!“ Jesus hat das von sich aus gar nicht getan. Vielleicht deswegen, weil es keinen
Sinn hat, übers Gebet zu sprechen, wenn Menschen nicht an dem Punkt sind, wo sie
eine große Sehnsucht danach haben, von sich aus kommen und beten und sagen: Herr,
lehre uns beten!
Ohne Gebet kann ich nicht leben. Ich brauche diesen Zugang zur Kraftquelle und
Jesus selber hat ihn gebraucht und gesucht, sich regelmäßig ganz allein
zurückgezogen, mutterseelenallein, nachts, auf einen einsamen Berg. Er war ja
obdachlos, er hatte kein Kämmerlein, in das er gehen konnte, aber er liebte die Natur.
Nachts auf dem Berg, da hat er die Sterne gesehen und den Mond und hinter den
Sternen hat er das große DU gesucht, Gott, den er Abba genannt hat, Papa heißt das
eigentlich, sehr intim. Aus dieser Zweisamkeit mit Gott, aus der Stille, aus dem
Alleinsein, aus der Intimität mit Gott hat er die Kraft geschöpft, um dann wieder
unermüdlich da zu sein, sich zu engagieren für seine leidenden Mitmenschen.
Und deswegen empfiehlt Jesus als erstes: Geh in die Einsamkeit, geh in die Stille. Ich
kenne inzwischen viele Menschen, denen es ein Herzensanliegen geworden ist, sich in
der eigenen Wohnung so einen Ort der Stille zu schaffen, z. B. im Schlafzimmer eine
kleine Gebetsecke. Da steht vielleicht eine Ikone, ein Kruzifix, eine Kerze, ein Stuhl
oder ein Meditationshocker. Und immer mehr Menschen erzählen mir, sie brauchen
einmal am Tag diese Zeit, z. B. vor dem Frühstück, wo sie 20 Minuten sich
zurückziehen in diese Stille, vielleicht ein Schriftwort lesen oder die Tageslesung,
vielleicht für andere Menschen beten, ein Vaterunser sprechen, ein Ave Maria, wenn
sie katholisch sind, oder auch nur schweigend meditieren. Das Wesentliche dabei ist
dieser Raum der Stille, wo ich in meine innere Herzenskammer einkehren kann, wo
ich ganz nach innen gehen kann, nach innen lauschen, um Gott in der Verborgenheit
meines Herzens zu suchen.
o Das zweite, was wir von Jesus lernen: Liebende brauchen nicht viele Worte zu
machen. Beten bedeutet in erster Linie, in Gottes Gegenwart zu sein, in seiner Nähe zu
sein, nicht unbedingt zu reden. Gott muss man nichts erklären, er weiß alles, er weiß,
was wir brauchen; deswegen nicht plappern wie die Heiden. Dahinter steckt ein
falsches Gottesbild, als müssten wir ihn überzeugen von irgendetwas, als müssten wir
ihn bestürmen, als müssten wir um seine Liebe erst buhlen. Nein, er liebt uns, und er
will, dass es uns gut geht.
Es gibt freilich in der spirituellen Entwicklung eines Menschen bestimmte
Wachstumsphasen. Traditionellerweise war es so, dass, wenn man gut katholisch oder
evangelisch aufgewachsen ist, man angefangen hat mit Tischgebet oder gereimten
Gebeten, die Mama am Bett gesprochen hat. Dann hat man Gebete auswendig gelernt,
vielleicht Psalmen. Und irgendwann, vielleicht in der Pupertätszeit, hat man
angefangen, frei zu beten, das so genannte emotionale Gebet. Ich habe angefangen mit
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Gott zu reden wie mit einem Freund, ich habe ihm einfach erzählt, was mich bewegt,
meine Gefühle. Das ist eine ganz wichtige Phase im Gebetsleben, das es persönlich
wird, nicht nur abstrakt und nicht nur mit fremden vorgeformten Worten, ohne dass
die aufhören wichtig zu sein.
Es gibt eine Phase, wo es wichtig ist, dass wir dieses emotionale Gebet üben, und es
gibt immer wieder Situationen im Leben, wo es darum geht, einfach mit Gott zu reden,
wie uns der Schnabel gewachsen ist, das Herz ihm ausschütten, auch mit eigenen
Worten, mit eigenem Stöhnen, mit eigenem Seufzen, nicht, weil Gott das braucht,
sondern weil es uns selbst gut tut, weil es uns entlastet, wenn wir mit Gott reden wie
mit einem Freund und wissen, wenn uns kein Mensch mehr hört, er hört uns.
Und dennoch ist das erste die halbe Seite des Gebets. Auch die menschliche Liebe lebt
erstens vom Reden und Zuhören, und zweitens vom Reden und Schweigen. Das gilt
auch für die Zwiesprache mit Gott. Niemand hat das so schön ausgedrückt wie der
dänische Philosoph Sören Kirgegaard, der seine Gebetserfahrung so beschreibt: „Als
mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger zu
sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer
Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Erst meinte ich, beten sei reden. Ich
lernte aber, dass beten nicht bloß Schweigen ist, sondern hören.“
So ist es. Beten heißt nicht, sich selber reden zu hören, beten heißt still werden und
still sein und warten, bis der Betende Gott hört. Gott redet eine ganz eigene Sprache,
das sind keine Worte in der Regel, die wir als Worte hören, Gott redet durch seine
Anwesenheit, er lässt sich spüren, er lässt sich erfahren als schweigende Präsenz, so
wie zwei Liebende, die sich wirklich lieben, auch miteinander schweigen können und
einfach wissen, der Andere ist da. Dieses Schweigen hat für viele etwas Bedrohliches.
Es reicht ja nicht, einfach aufzuhören zu reden und schon redet Gott. Wenn wir
schweigen, dann wird es erst einmal ganz laut in uns, dann steigen die Gedanken, die
Gefühle, die Bilder auf. Viele haben Angst vor dem Schweigen; deswegen muss
immer das Radio dröhnen oder der Fernseher. Die ganze innere Unruhe kommt unter
Umständen erst einmal nach oben.
Schweigen will gelernt und geübt sein. Deswegen sind heute in den Klöstern und in
den Meditationshäusern die Kurse überlaufen, wo man Schweigen lernen kann und
Schweigen üben kann. 10 Tage nicht reden, aber auch nicht einfach nichts sagen,
sondern zu üben, wie das ist, nach innen zu lauschen, wie gehe ich um mit der Unruhe
in mir, mit den Gedanken, die kommen? Wie kann ich es lernen, wirklich vorzustoßen,
vorzudringen zu jenem innerstem Raum in mir, wo Gott wohnt und wo Gott spricht
auf seine Weise?
o Jesus schenkt seinen Jüngern ein Mustergebet, das Mustergebet schlechthin, das Gebet
überhaupt – das Vater unser. Was ist das Wesentliche und das Besondere an diesem
Gebet? Was unterscheidet es von allen anderen Gebeten? Nicht nur die Tatsache, dass
Jesus es selber gelehrt hat und uns empfohlen hat, so zu beten, sondern es ist ein sehr
ungewöhnliches Gebet, weil es ein Gebet ist, das anders als 90 % aller Gebete, die
normalerweise gesprochen werden, weil es nicht um das ICH kreist, es ist ein absolut
nicht egozentrisches, egoistisches Gebet. Es befreit uns von diesem ewigen Kreisen
um uns, unsere Sorgen, unsere Pläne, unsere Gedanken, unsere Hoffnung, unsere
Nöte, unsere Schmerzen, unsere Freuden, unsere Wünsche. Ein Vater unser blickt über
den Tellerrand der eigenen Bedürfnisse und Nöte. Das beginnt schon einmal damit,
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dass es ein Gemeinschaftsgebet ist, dass es nicht heißt „Vater mein im Himmel“
sondern „Vater unser im Himmel“. Es öffnet vom ersten Augenblick an meinen Blick
für die Menschenfamilie, ich bin nicht allein auf dieser Welt. Und für mich kann ich
nur das erbitten, was ich auch allen anderen Menschen auf der Welt, sogar meinen
Feinden – letzte Woche war ja das Thema die Feindesliebe – wünsche und gönne. Und
dann geht es in diesem Gebet eben nicht um mich und nicht einmal um uns, sondern es
geht zunächst einmal um Gott, es ist eine Ausrichtung auf Gott.
„Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe“! Da haben
wir wieder die drei großen Versuchungen, denen Jesus widerstanden hat:
Die Habsucht – ich will etwas haben, mein kleines Reich, was ich besitze. Nein mein
Reich ist nicht wichtig, dein Reich komme.
Das ist die Erlösung von der Habsucht.
Dein Name werde geheiligt! Es ist nicht wichtig, ob ich geehrt werde, ob mein Name
in der Zeitung steht oder in aller Munde ist. Wichtig ist, dass Gottes Name geheiligt
wird, der Name des Gottes, der meinen Namen kennt und mich mit Namen ruft: Das
ist die Erlösung von der Ehrsucht.
Dein Wille geschehe! Es geht nicht darum, dass ich mich durchsetze in dieser Welt,
sondern dass sich Gott durchsetzt. Denn das ist das, was uns allen und dann auch mir
gut tut. Das ist die Erlösung von der Machtsucht.
Habsucht, Ehrsucht, Machtsucht, die großen Versuchungen Jesu, sind auch die großen
Versuchungen unseres Lebens. Im „Vater unser“ lösen wir uns gleich zweimal davon,
am Anfang und am Schluss, wo wir noch einmal sagen: Dein ist das Reich – nicht
mein -, Dein ist die Kraft – nicht mein -, und Dein ist die Herrlichkeit – nicht mein.
Und dazwischen die Bitten, das sind Wir-Bitten. Da bitten wir um etwas ganz
Elementares, um das tägliche Brot, aber nicht nur für mich, für uns, für uns Deutsche,
für uns Reiche. „Unser tägliches Brot gib uns heute“, das heißt, alle Menschen sollen
zu essen haben. Das kann auch bedeuten, wenn wir zu viel haben, dass diese Bitte
mich einlädt zu teilen, mehr zu teilen als bisher. Es geht nicht um mein Brot, es geht
um unser Brot. Und es geht um die Vergebung der Schuld.
Vergib uns unsere Schuld. Uns allen, nicht nur mir, sondern auch denen, die an mir
schuldig geworden sind. Wir sind ja nicht nur Sünder, wir sind auch immer Opfer der
Sünde. Wie viele Menschen, fast jeder, ist zunächst einmal Opfer gewesen, bevor er
Täter wurde. Das geht oft bis in die Kindheit zurück, ins Elternhaus, zu Geschwistern,
Lehrern. Wir sind verletzt worden. Das ist der Grund, warum auch wir verletzen. Wir
schlagen sozusagen zurück, meistens am falschen Ort.
Vergib uns unsere Schuld heißt, erlöse uns aus dieser Verstrickung. Vergib auch
denen, die an mir schuldig geworden sind, dass diese Verstrickungen aufhören, lös die
Knoten der Vergangenheit, auch in meiner Geschichte, meiner Familiengeschichte
zum Bespiel. Das bedeutet auch, dass ich loslassen lerne, dass ich bereit bin, mich zu
versöhnen und nicht die Schuld der anderen festhalte, sonst funktioniert das nicht.
Versöhnung, das sind kommunizierende Röhren.
Man kann nicht mit Gott versöhnt sein, aber nicht mit seinen Mitmenschen. Man kann
auch nicht mit sich selbst versöhnt sein, wenn wir immer noch Anklagen in uns tragen,
Bitterkeit, andere beschuldigen. Und in diesem Gebet, dem Vater unser, lassen wir uns
ein auf den Weg der Versöhnung. Das ist ein langer Prozess, das geht nicht von heute
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auf morgen, das geht auch nicht einfach durch einen Beschluss, jetzt vergebe ich allen
Menschen und dann ist alles gut. Es bedeutet: Ich trete vor Gott und sage: „Herr, zeig
mir den nächsten Schritt auf dem Weg der Versöhnung und zeig mir, wo ich noch
nicht versöhnt bin.“ Ein unversöhnliches Herz ist eine große Blockade für das Gebet.
Deswegen
o Gebet und Versöhnung gehören zusammen. Man kann nicht mit unversöhntem
Herzen beten wie der Pharisäer, der sich hinstellt und sagt: „Ich danke dir, Gott, dass
ich nicht bin wie diese Dreckskerle da, diese Sünder, diese Prostituierten, die
Terroristen, die Zöllner, die Linken, die Rrechten, je nachdem wen ich nicht leiden
kann.“ Es funktioniert nicht, dass ich mich von anderen abhebe, dass ich meine, ich
bin schon eine Stufe weiter, ich stehe auf irgendeinem Podest und kann auf
irgendjemand herabschauen. Der Zöllner dagegen steht einfach da und sagt: „Gott, sei
mir Sünder gnädig“. Er weiß, ich brauche Barmherzigkeit.
o Jesus lädt zum beharrlichen Gebet ein. Bittet, so wird euch gegeben werden.
Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan. Gebet ist eine
lebenslange Aufgabe. „Betet ohne Unterlass“ heißt es in einem Paulusbrief. Und das
heißt, lasst euch geduldig ein auf diesen Dialog mit Gott, auf ein Leben des Gebetes.
Jesus ermutigt uns anzuklopfen, Gott etwas zuzutrauen.
Es gibt eine Reihe von Erzählungen im Evangelium, wo Leute geradezu unverschämt
alle guten Konventionen hinter sich lassend beten und von Jesus etwas wollen: Die
syrophönizische Frau, deren Tochter krank ist, die sagt „Mach sie gesund“, und Jesus
weist sie erst schroff ab und sagt: „Ich bin nur für die Juden da“. Und sie packt ihn
genau da und sagt: „Okay, wenn du nur für die Kinder Israels da bist, aber die Hunde
unter dem Tisch, die kriegen doch auch einige Brotsamen ab. Dann bin ich eben ein
Hund, aber ich brauche auch etwas“. Und Jesus ist so beeindruckt, vielleicht sogar
beschämt von dem, was diese Frau sagt, dass er sagt: „Dein Kind soll gesund werden“.
Oder der Hauptmann von Kapharnaum, der seine Würde als Offizier vergisst und zu
Jesus kommt und sagt: „Bitte, bitte, hilf meinem Burschen, an dem ich so hänge, er ist
krank“. Oder die blutflüssige Frau, die sich heimlich anschleicht von unten und Jesus
nur berühren will, weil sie krank ist und hofft, dass diese Berührung, seine Energie, sie
heilt. Und Jesus merkt es und macht sie gesund. Und jedes Mal sagt Jesus: Dein
Glaube ist groß.
Menschen, die etwas erwarten, die etwas wollen von Gott, von Christus, das nennt
Jesus Glauben, Vertrauen. Deswegen dürfen wir freimütig um seine Gaben bitten. –
Und schließlich
o Das war der Text, der nicht mehr in der Bergpredigt steht, wo Jesus sagt, die
Gemeinschaft ist etwas ganz Wichtiges beim Gebet. Wir stehen nicht allein vor Gott.
Die Fürbitte ist wichtig und auch, dass wir bereit sind, einen Mitmenschen für uns
beten zu lassen, um Fürbitte zu bitten, keine falsche Scham zu haben. Wann haben Sie
einen anderen Menschen darum gebeten, „bete mal für mich, ich stehe vor einer
schweren Prüfung, oder ich habe Angst vor diesem Besuch beim Arzt, oder mit meiner
Ehe sieht es nicht gut aus“. Da entsteht eine besondere Form der Gemeinschaft, wenn
wir füreinander beten und wenn wir uns auch so verwundbar machen, dass wir andere
um Fürbitte und Segen bitten. Glaube ist etwas Persönliches, aber er ist nicht privat.
Dieses Fürbitten und um Fürbitten bitten ist etwas anderes als sich an Straßenecken zu
stellen und seinen Glauben zur Schau zu stellen, das ist immer noch etwas Intimes und
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nicht etwas Exhibitionistisches.
Ein letzter Gedanke. Der stammt nun gar nicht von Jesus selbst, auch nicht aus der
Bergpredigt, sondern von Paulus. Im Römerbrief im 8. Kapitel sagt Paulus etwas sehr
Geheimnisvolles. Da spricht er davon, dass Gottes Geist selbst in uns betet, wenn wir nicht
mehr wissen, was wir beten sollen. Es ist ja wirklich so, der Heilige Geist selbst weiß, was
unser tiefstes Bedürfnis ist und er betet in uns, für uns, mit uns. Das halte ich für eine große
Entlastung. Wir müssen keine Perfektionisten des Gebets sein, wir müssen nicht gut beten, es
reicht, dass wir da sind, dass wir vielleicht manchmal mit leeren Händen und stammelnd oder
sogar wortlos vor Gott stehen und dass wir uns von ihm beschenken lassen. Und dass wir
lernen zu danken und Gott zu loben. Das ist das Gebet, wo wir auch nicht um uns kreisen,
sondern wo wir den Blick ausrichten auf ihn, auf die Quelle des Lebens.
Deswegen möchte ich mit Ihnen jetzt ein Lied singen von Paul Gerhardt, der morgen 400sten
Geburtstag hat; er ist der größte evangelische Liederdichter. Viele Lieder von ihm stehen auch
im „Gotteslob“. Wir wollen das Lob- und Danklied Nr. 267 im „Gotteslob“ Paul Gerhardt zu
Ehren und vor allem Gott zu Ehren singen:
Nun danket all und bringet Ehr, ihr Menschen in der Welt, dem,
dessen Lob der Engel Heer im Himmel stets vermeldt.
Ermuntert euch und singt mit Schall Gott, unserem höchsten Gut,
der seine Wunder überall und große Dinge tut.
Er gebe uns ein fröhlich Herz, erfrische Geist und Sinn
und werf all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz in Meerestiefen hin.
Er lasse seinen Frieden ruhn auf unserm Volk und Land:
er gebe Glück zu unserm Tun und Heil zu allem Stand.
Solange dieses Leben währt, sei er stets unser Heil,
und wenn wir scheiden von der Erd, verbleib er unser Teil.
Er drücke, wenn das Herze bricht, uns unsere Augen zu
und zeig uns drauf sein Angesicht dort in der ewgen Ruh.