1 Konrad Weiß (Abgeordneter Bündis 90/ Die Grünen), Rede im

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1 Konrad Weiß (Abgeordneter Bündis 90/ Die Grünen), Rede im
EEB3 ; S5L1de ; Schwengelbeck
Datum :
Konrad Weiß (Abgeordneter Bündis 90/ Die Grünen), Rede im Deutschen Bundestag am 8.
Oktober 1992
Hintergrund der Rede sind fremdenfeindliche Ausschreitungen in Deutschland im Jahr 1992,
besonders die Vorfälle in Rostock- Lichtenhagen
Rechtsradikalismus und Gewalt in Deutschland
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„Ich schäme mich. Ich schäme mich, Deutscher zu sein. Ich schäme mich in einem Land zu
leben, das eine Mauer der Gewalt, der Gefühllosigkeit, der Selbstsucht um sich baut. Ich
schäme mich, in einem Land zu leben, in dem Menschen Beifall klatschen, wenn Menschen
angegriffen, verletzt, vertrieben werden. Ich schäme mich, Mitbürger von Feiglingen zu sein,
die Kinder und Frauen schlagen und drangsalieren, und die Jagd auf jene Menschen machen,
die bei uns Zuflucht und Hilfe suchen oder anders sind.
Zehn Menschen wurden in diesem Jahr vom Rechtsradikalen getötet. Hunderte wurden
geschlagen, getreten, verletzt. Tag für Tag werden Menschen, die eine andere Hautfarbe
haben oder eine fremde Sprache sprechen, diskriminiert, benachteiligt, geschändet. Mehr als
1300 rechtsradikale Gewaltakte wurden bis Ende September in Deutschland verübt. 400 Mal
wurden Bomben oder Brandflaschen auf Asylbewerberheime oder in die Wohnungen von
Ausländern geworfen. Auch ausländische Diplomaten, Kaufleute und Touristen sind sich ihres
Lebens im Land der Deutschen nicht mehr sicher. An jedem Tag dieses Jahres wurden
Synagogen und jüdische Gräber geschändet, 360 Mal in zwölf Monaten. Und die meisten
Deutschen stehlen sich davon und schweigen. Was ist das nur für ein Land, in dem
Hunderttausende auf die Straße gehen, wenn ihnen der Bau eines Flugplatzes oder eines
Atomkraftwerkes missfällt, die aber von einer kollektiven Lähmung befallen scheinen, wenn
es um das Leben ausländischer Mitbürger geht.
Es gibt keine Entschuldigung für das, was heute in Deutschland geschieht und was wir heute
in Deutschland dulden. Weder der mühsame Prozess der Wiedervereinigung noch unsere
schmerzliche Ernüchterung, weder die Arbeitslosigkeit noch die sozialen Nöte rechtfertigen
die aktive und passive Fremdenfeindlichkeit. Weder die unbewältigte Vergangenheit noch die
Deformierungen aus sechzig Jahren Diktatur dürfen als Entschuldigung dafür dienen, dass
Menschen wie Tiere über Menschen herfallen. Durch nichts kann diese tausendfache Gewalt
gegen schutzlose Menschen gerechtfertigt oder entschuldigt werden. Diese
Fremdenfeindlichkeit so vieler Deutscher ist keine krankhafte Verhaltensstörung, die der
rücksichtsvollen Therapie bedarf, sondern eine Unmenschlichkeit, die unentschuldbar ist.
Haben wir Ostdeutschen aus 40 Jahren Unterdrückung und Eingesperrtsein wirklich nichts
anderes gelernt als Ausgrenzen, Aussperren, Ausstoßen? Und ist die westdeutsche
Demokratie nach 40 Jahren wirklich so schwach und verkommen, dass sie sich nicht zu
wehren weiß? 813 fremdfeindliche Ausschreitungen wurden bis Ende September in
Westdeutschland registriert – fast doppelt so viel wie in Ostdeutschland. Unsere Demokratie
muss sich wehren. Wir dürfen es nicht hinnehmen und dulden, dass der Name Deutschlands
wieder und wieder von radikalen Gewalttätern beschmutzt wird. Jede und jeder in unserem
Land muss unsere Demokratie verteidigen.
Das beginnt mit scheinbaren Kleinigkeiten, die aber so viel Mut, Wachheit und Zivilcourage
erfordern: Denn es braucht Mut, dem Kollegen oder Taxifahrer, der von „Kanaken“ spricht
oder fremdenfeindliche Witze erzählt, über den Mund zu fahren. Und es braucht genauso
Mut, denen entgegenzutreten, die Polizisten als „Bullen“ beschimpfen oder sie bei ihrer
Arbeit zum Schutz von Mitbürgerinnen und Mitbürgern behindern. Es braucht Courage, nicht
wegzusehen oder sich davonzuschleichen, wenn Menschen beleidigen und misshandeln oder
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wenn Steine und Brandflaschen geworfen werden. Es braucht Courage, dem Nachbarn, der
zum Sturm auf Ausländer Beifall klatscht, in aller Eindeutigkeit zu sagen, was man von ihm
hält. Oder den Feiglingen, die sich vermummen, die Maske vom Gesicht zu reißen. (...)
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Am vergangenen Wochenende marschierten in Dresden 500 Neonazis auf und hatten dabei
den Arm zum Hitlergruß erhoben; Fernsehaufnahmen belegen dies. Dennoch schritt die
Polizei nicht ein. Ein Polizeisprecher sagte, dass es keine Hinweise auf strafrechtlich relevante
Handlungen gegeben habe. Gilt der §86a des Strafgesetzbuches in Dresden denn nicht? Ich
fordere den sächsischen Innenminister auf, jene Beamte, die gegen die Verwendung der
verfassungsfeindlichen Symbole nicht pflichtgemäß eingeschritten sind, zur Verantwortung
zu ziehen. Wir müssen unsere Demokratie radikal verteidigen, radikal, aber mit friedlichen
Mitteln, mit den Mitteln des gewaltfreien Widerstands, mit den Mitteln des Rechts. (...)
Wer Rechtsradikalen aus Gewinnsucht oder Feigheit Unterschlupf bietet, soll wissen, dass er
sich selbst isoliert. Unsere Demokratie muss sich wehren. Dazu gehört auch, dass der
Rechtsstaat das Recht verteidigt, unparteiisch und konsequent. Polizeibeamte, die der
Ermordung eines ausländischen Mitbürgers aus sicherer Entfernung tatenlos zusehen, wie es
in Eberswalde geschah, sind pflichtvergessene Schufte, die bestraft werden müssen.
Staatsanwälte, die Terroristen wenige Stunden nach einem versuchten Mord oder Anschlag
wieder auf freien Fuß setzen, sind nicht minder gemeingefährlich als jene Kriminelle. Und der
Richter, der fünf Mörder zu wenigen Jahren Jugendstrafe verurteilte, nur weil nicht
erkennbar war, wessen Stiefeltritt das Opfer tatsächlich getötet hat, hat sich selbst zum
Mittäter gemacht.
Ich bin kein Jurist, aber ich meine, wenn Terroristen in der Absicht losziehen, Menschen
„aufzuklatschen“, wie es in ihrer schrecklichen Gewaltsprache heißt, oder Bomben zu legen,
dann ist der Tod von Menschen gemeinschaftlich gewollt und gemeinschaftlich verübt. Das
allein muss das Strafmaß bestimmen. Wir brauchen in Deutschland keine neuen Gesetze,
sondern die konsequente Anwendung der gegebenen. Oder ist in diesem Land das Leben
eines deutschen Politikers oder Industriellen mehr wert als das eines angolanischen
Gastarbeiters oder eines rumänischen Asylbewerbers? Warum werden linksradikale
Terroristen lebenslang in Hochsicherheitsgefängnissen verwahrt, rechtsradikale Terroristen
aber nach verübten Anschlägen wieder auf freien Fuß gesetzt?
Eine der Ursachen des Unheils, das wieder über Deutschland gekommen ist, ist die Bejahung
der Gewalt. Die Barbarei der Rechtsradikalen wird aus den vielen kleinen Gewalttätigkeiten
gespeist, an die wir uns gewöhnt haben und die wir fast widerstandslos hinnehmen. Wir
haben es nur ungenügend gelernt, Konflikte gewaltfrei zu bewältigen, im Kleinen genauso
wie im Großen. (...)
Diejenigen, die heute „Neger aufklatschen“, werden morgen uns und unsere Familien foltern
und töten. Sie werden, wenn wir sie gewähren lassen, nicht danach fragen, ob wir
Sozialdemokraten oder Kommunisten, ob wir christliche oder liberale Demokraten, ob wir
Grüne oder Bürgerrechtler sind. Wir werden uns gemeinsam in ihren Vernichtungslagern
wiederfinden, so wie es auch 1933 geschah, wenn wir sie weiter gewähren lassen, wie bisher.
Mancher von uns steht doch schon heute auf ihren Todeslisten.“
Aufgabe:
Analysiere und interpretiere die vorliegende Rede nach den im Unterricht besprochenen
Kriterien. Achte besonders darauf, den Textinhalt strukturiert (also unterteilt in Abschnitte)
und distanziert (Verwendung der indirekten Rede/ Konjunktiv I) wiederzugeben.
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