Jüdische Braugeschichten Jewish Brewery tales

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Jüdische Braugeschichten Jewish Brewery tales
Bier
ist der
Wein
dieses
Landes
Jüdische Braugeschichten
Eine Ausstellung des Jüdischen Museums München
Beer
is the
Wine
of this
Land
Jewish Brewery tales
An Exhibition by the Jewish Museum Munich
Im Jahr 2016 dreht sich alles um Hopfen, Wasser, Hefe und Malz.
Das Bayerische Reinheitsgebot feiert seinen 500. Geburtstag
und das Jüdische Museum München feiert mit: „Bier ist der Wein
dieses Landes. Jüdische Braugeschichten“ schildert erstmals eine
jüdische Kulturgeschichte des Biers. Sie erzählt vom Bierbrauen
im Alten Israel, von einem mittelalterlichen Zunftzeichen und
seiner Beziehung zum Davidstern, von jüdischen Brauherren in
München und seinem Umland. Sie berichtet von dem maßgeblich
von Münchner Juden geprägten Bierkrugveredelungsgewerbe
im 19. Jahrhundert, über deutsch-jüdische Brauer in den USA
und die gegenwärtige Craft-Beer-Szene in Israel.
Ein vom Jerusalemer Herzl Beer Workshop und der Münchner
CREW Republic gebrautes Bier – der erste deutsch-israelische
„Collaboration Brew“ überhaupt – ist während der Dauer der
Ausstellung im Café des Jüdischen Museums München und in
ausgewählten Münchner Lokalen erhältlich.
In 2016 everything is revolving around hops, water, yeast, and malt.
The “Bavarian Beer Purity Law” is celebrating its 500th anniversary
and the Jewish Museum Munich is joining in the celebrations.
“Beer is the Wine of this Land. Jewish Brewery Tales” is the first exhibition
on the Jewish cultural history of beer. It tells of brewers in Ancient Israel,
a medieval guild symbol and its relation to the Star of David,
Jewish brewers in Munich and the surrounding area and the trade in
decorating beer steins in the 19th century—primarily influenced by Jews
in Munich, German-Jewish brewers in the USA, and the craft beer scene
in Israel today.
A beer brewed by Herzl Beer Workshop of Jerusalem and CREW Republic
from Munich—the first German-Israeli “collaboration brew” ever—is available
at the café in the Jewish Museum Munich and selected outlets in the city
for the duration of the exhibition.
Bier
im Alten Israel
Im Nahen Osten wird seit 6000 Jahren Bier gebraut. In Mesopotamien
und Ägypten zählte es zu den Grundnahrungsmitteln. Vor 3000
Jahren lernten die Israeliten von den Ägyptern Bier zu brauen und
zu schätzen, auch wenn Wein das bevorzugte Getränk blieb.
In Mesopotamien nahm Bier sowohl im religiösen Ritus wie auch im Alltag eine
wichtige Rolle ein. Seine Zubereitung war Aufgabe der Frauen, die aus Gerste oder
Emmer geformte Brotfladen mit aromatisierenden Zusätzen in Bottichen vergären
ließen. Über 20 verschiedene Biersorten waren den Mesopotamiern bereits bekannt.
Getrunken wurde das Bier mangels ausreichender Filtermöglichkeiten mit Strohhalmen.
In dem um 1800 v. u. Z. entstandenen Gilgamesch-Epos wird beschrieben, wie der
wilde Mensch durch das Trinken von Bier zu einem zivilisierten Menschen wurde.
Auch in Ägypten war Bier ein wichtiges
Grundnahrungsmittel. Durch Beigaben und
Wandmalereien in Grabstätten sind viele Details
der Bierherstellung und des Bierkonsums bekannt. Im Stadtzentrum von Tel Aviv entdeckten
Archäologen 2015 Reste einer rund 5000 Jahre
alten ägyptischen Brauerei. Sie fanden Scherben
von keramischen Gärbottichen, in denen
Brotfladen zu Bier vergoren wurden.
Die Israeliten lernten Bier während ihrer
Knechtschaft in Ägypten kennen und brachten
es bei ihrem Einzug in das „Gelobte Land“ mit.
Auch wenn Bier den Wein als bevorzugtes
alkoholisches Getränk der Israeliten nie
verdrängen konnte, war es ein weit verbreitetes
Alltagsgetränk. Es wurde aus Gefäßen mit
schnabelförmigen Ausgüssen getrunken,
die bei archäologischen Grabungen in Israel
häufig nachzuweisen sind.
Beer
in the Land of Israel
Beer has been brewed in the Near East for 6000 years.
In Mesopotamia and Egypt it was considered one of the
basic foodstuffs. 3000 years ago the Israelites learned to
brew beer from the Egyptians and to like it, even if wine
remained the preferred drink.
In Mesopotamia beer played an important role in both religious ritual and everyday life. Its production was the task of
women. Loaves of bread made of barley or emmer wheat were
fermented in vessels together with other ingredients for added
flavor. More than 20 different types of beer were known to the
Mesopotamians. Due to the lack of an effective filtering system, beer was drunk through straws. The “Epic of Gilgamesh,”
which was written about 1800 BCE, describes how savages
first became civilized humans through drinking beer.
Beer was an important staple in Egypt too. Many details
about the production of beer and its consumption are known
through funerary objects and tomb wall paintings. In 2015,
the remains of an Egyptian brewery some 5000 years old
were found by archaeologists in the city center of Tel Aviv.
Fragments of ceramic vessels were discovered in which loaves
of bread had been left to ferment.
The Israelites encountered beer while in slavery in Egypt and
took it with them when they entered the “Promised Land.” Even
though beer was never able to replace wine as the preferred
alcoholic drink of the Israelites, it became a widely spread
everyday beverage. It was drunk from vessels with beakshaped spouts which have frequently been found during
archaeological excavations in Israel.
Bier
in Bibel und Talmud
Bier war im Judentum immer wieder Gegenstand von
Betrachtungen und Disputen, die ihren Niederschlag in der
Bibel und im Talmud fanden. Drei Fragen waren dabei zentral:
Hat Bier gesundheitlichen Nutzen? Ist Bier koscher?
Darf Bier für rituelle Handlungen verwendet werden?
Die Rabbiner der talmudischen Epoche verstanden sich auch als Heilkundige und
debattierten darüber, bei welchen Krankheiten Bier als Heilmittel von Nutzen sei.
So wird im Talmud Bier gegen Schlangengift, Gelbsucht und Lepra und als
Abführmittel empfohlen. Diskutiert wurden aber auch mögliche schädliche
Wirkungen des Biers, dem Rabbiner nachsagten, es könne Hauterkrankungen
und Entzündungen auslösen.
Auch zur Frage, ob Bier koscher, also rituell
rein sei, finden sich im Talmud Diskussionen.
Grundsätzlich entsprechen die üblichen BierZutaten den rituellen Speisevorschriften.
Da Bier vergoren ist, darf es aber nicht während
des Pessach-Festes, an dem alles Gesäuerte
verboten ist, getrunken werden. Die Hauptsorge
der Rabbiner war jedoch, dass unreine Insekten
und Würmer beim Brauvorgang in das Bier
gelangen könnten.
Im Talmud finden sich daher praktische
Ratschläge, wie dies verhindert werden kann.
Heute gelten die meisten Biersorten generell
als koscher, vor allem, wenn sie nach dem
Reinheitsgebot gebraut sind. Für Biere mit
ungewöhnlichen Zusätzen sind allerdings
Koscher-Zertifikate notwendig. Solche Zusätze
können nämlich rituell unrein sein, wie das
etwa bei dem in England beliebten Austern
Stout der Fall ist.
Schließlich wird im Talmud auch die Frage
debattiert, ob Bier ähnlich wie Wein für rituelle
Handlungen wie den Kiddusch am SchabbatEingang oder die Hawdala am Ende des Ruhetages
verwendet werden darf. Obwohl es hier keine einheitliche Meinung gibt, gestatten die
meisten Rabbiner den Segen über Bier bei Kiddusch und Hawdala. Das gilt insbesondere dann,
wenn statt Wein Bier das ortsübliche alkoholische
Getränk und somit „der Wein dieses Landes ist“.
Beer
in the Bible and Talmud
Time and again beer has been the object of scrutiny
and debate in Judaism, as manifested in the Bible and
the Talmud. Three central questions were addressed:
Does beer have any remedial benefits? Is beer kosher?
Can beer be used for ritual purposes?
Rabbis in the Talmudic era professed a knowledge of medicine and debated on illnesses for which beer could be
used as a remedy. In the Talmud, beer is recommended as
an antidote for snakebites, jaundice, and leprosy, and as
a laxative. Possibly harmful effects of beer were also the
subject of discussion—and rabbis considered beer to cause
skin disease and inflammation.
The Talmud also discusses the question of whether beer is
kosher. In principle, the standard ingredients for beer are in
line with ritual dietary rules. As beer is fermented it may not be
drunk during the Pesach festival when everything leavened
is forbidden. The rabbis’ main concern, however, was that
unclean insects and worms could get into the beer during
the brewing process. As a result, the Talmud includes practical tips how to avoid this. Today, most kinds of beer are
considered kosher, especially if they have been brewed
according to the purity law. Kosher certificates are needed
however for beers with unusual ingredients. Such additives
could be ritually impure as is the case, for instance, with
the popular “oyster stout” in England.
The question as to whether beer, like wine, can be used for
ritual acts, such as kiddush at the beginning of Shabbat or
havdalah at the end of the day of rest, is also addressed in
the Talmud. Although there is no uniform consensus on this
issue, most rabbis permit the blessing to be said over beer on
these occasions. This is especially true where beer is the local
alcohol beverage and is, as such, “the wine of this land.”
Brauerstern
und Davidstern
Auf vielen Bierkrügen, Gasthausschildern und Markenzeichen
von Brauereien findet sich das Hexagramm, der sechszackige
Brauerstern. Er verbreitete sich zur gleichen Zeit wie der
Davidstern in Teilen Europas.
Der Brauerstern als ein Symbol der Brauer wird seit dem Mittelalter vor allem in
Süddeutschland als Zeichen für den Bierausschank verwendet. Der Brauch, mit
einem Brauerstern am Haus, dem „Zoigl“ („Anzeiger“), anzuzeigen, dass dort frisch
gebrautes Bier ausgeschenkt wird, hat sich bis heute in der Oberpfalz erhalten.
Wesentlich bekannter jedoch ist die Verwendung
des Hexagramms als Davidstern. Seine Herkunft
und erstmalige Verwendung wird kontrovers
diskutiert. Erstmals soll ihn die Jüdische Gemeinde
A hexagram—the six-pointed brewer’s star—can be found
in Prag im 14. Jahrhundert auf einer Fahne
on many beer steins and pub signs as well as in brewery
verwendet haben, die ihr von Kaiser Karl IV.
trademarks and became widely used in parts of Europe at
verliehen worden sein soll. Erst im 18. Jahrhundert
the same time as the Star of David.
setzte sich der Davidstern als eines der Symbole
des Judentums durch. Zum zentralen jüdischen
Since the Middle Ages the hexagram has been used by
brewers as a symbol for where beer is sold, especially in
Symbol wurde er aber erst mit der Entstehung
southern Germany. The custom of displaying a brewer’s
des Zionismus im ausgehenden 19. Jahrhundert.
star, the “Zoigl” (sign), on a building to indicate that freshly
Die Nationalsozialisten missbrauchten ihn als
brewed beer is being served, has been upheld in the Upper
„Gelben Stern“, dem Zeichen völliger Rechtlosigkeit. Palatinate region of Bavaria to this day. What is much better
known, however, is the use of the hexagram as the Star of
Seit der Staatsgründung Israels 1948 ist der
Davidstern das Symbol derisraelischen Staatsflagge. David. Its origin and initial purpose is the subject of contro-
Brewer’s Star
and Star of David
Wie das Hexagramm zu einem der Symbole der
Bierbrauer wurde, ist nicht eindeutig geklärt.
Die häufig vorgebrachte Erklärung, die Bierbrauer
hätten das Symbol von den Alchimisten übernommen, ist wenig glaubwürdig. Überzeugender
ist es, das Hexagramm als Schutzsymbol gegen
Feuer, durch das Brauereien besonders gefährdet
waren, zu interpretieren. Tatsächlich findet es sich
auch als Zunftzeichen von Rauchfangkehrern.
Brauerstern und Davidstern haben sich im
Hochmittelalter gleichzeitig von Böhmen aus
nach Westen in die Oberpfalz und nach Franken
ausgebreitet. Während sich aber der Davidstern
von hier aus weltweit verbreitete, blieb der
Brauerstern ein weitgehend regionales
süddeutsches Phänomen. In den zahlreichen
Zoigl-Wirtschaften der Oberpfalz erlebt er in
den letzten Jahren eine Renaissance.
versial discussion. It was allegedly first used in the 14th century
by the Jewish community in Prague on a banner supposedly
conferred on it by Emperor Karl IV. Only in the 18th century,
however, did the Star of David gain acceptance as one of the
symbols of Judaism. It first became a central Jewish symbol
with the emergence of Zionism at the end of the 19th century.
The Nazis abused it as the “Yellow Star”—a sign indicating the
complete loss of rights. Since the founding of the State of
Israel in 1948, the Star of David has appeared on the national flag.
How the hexagram became one of the symbols used by beer
brewers has not been clarified definitively. The most frequent
explanation, that brewers adopted the symbol from alchemists,
is not very convincing. It is more probable that the hexagram
was used as a protective symbol against fire—a danger to which
breweries were especially exposed. It is in fact also a sign used
by the guild of chimney sweeps.
The brewer’s star and the Star of David spread simultaneously
from Bohemia westwards to the Upper Palatinate and
Franconia in the High Middle Ages. Whereas the Star of David
became prevalent throughout the whole world, the brewer’s star
largely remained a regional phenomenon in southern Germany.
It has experienced a renaissance in the past few years in a number of “Zoigl” pubs and guesthouses in the Upper Palatinate.
Jüdische
Hopfenhändler
in Bayern
Der Hopfenanbau konzentriert sich auf einige wenige Gebiete wie
die Hallertau nördlich von München, das Umland von Nürnberg oder das
westböhmische Saaz. Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert bis zur Zeit des
Nationalsozialismus waren vorwiegend Juden im Hopfenhandel tätig.
Die Spezialisierung einzelner Bauern auf die Kultivierung von Hopfen ließ im späten 15. Jahrhundert
eine eigene Handelssparte, den Hopfenhandel, entstehen. Zur gleichen Zeit entstanden nach den Vertreibungen der Juden aus den Städten in Franken,
Schwaben und der Oberpfalz zahlreiche jüdische
Landgemeinden. Dieses zeitliche Zusammentreffen
war wesentliche Ursache für die führende Rolle
jüdischer Händler im Hopfenhandel der folgenden
Jahrhunderte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Hopfen nicht mehr nur regional,
Hop growing is concentrated in just a few regions, such as
sondern international gehandelt. Die bedeutendste the Hallertau area north of Munich, around Nuremberg, and
Stellung im Hopfenhandel nahm die Stadt Nürnberg in Žatec (Saaz), West Bohemia. Since the end of the 15th
ein, wo der Hopfenmarkt zum größten Welthandels- century and up until the Nazi era, the hop trade was largely
in Jewish hands.
platz für Hopfen wurde. Um 1890 waren in Nürnberg
über 350 Hopfenhandlungen tätig. Rund 70 Prozent Specialization in the cultivation of hops by individual farmers resulted in the emergence of the hop trade, a business branch
davon waren in jüdischem Besitz.
Jewish
Hops Merchants
in Bavaria
in its own right, in the late 15th century. At the same time, a
Der Erste Weltkrieg und das 1919 in den USA ein- lot of Jewish rural communities were established after Jews
geführte Alkoholverbot führten zum Verlust der
had been expelled from cities in Franconia, Swabia, and the
Bedeutung Nürnbergs als Weltzentrum des Hopfen- Upper Palatinate. These simultaneous occurrences were the
main reason for the leading role played by Jewish merchants in
handels. 1930 waren nur noch 170 Hopfenhandthe hop trade over the next few centuries. In the second half
lungen in Nürnberg tätig, rund 120 davon in
of the 19th century hops were no longer traded on a regional
jüdischem Besitz. Diese Geschäfte wurden –
basis but internationally as well. The city of Nuremberg became
the most important hub in the hop business and its market the
genauso wie die der jüdischen Hopfenhändler in
largest trading center for hops in the world. Around 1890 there
Bamberg, München und anderen bayerischen
were more than 350 hop trading companies in Nuremberg.
Orten – nach der Machtübergabe an die National- Around 70 percent of these were in Jewish ownership.
sozialisten 1933 liquidiert oder „arisiert“.
World War I and the prohibition on alcohol introduced in the USA
in 1919 led to a decline in Nuremberg’s significance as the global
Einige der hochspezialisierten Hopfenhändlercenter of the hop trade. In 1930 there were only 170 hop busiFamilien wie die Familien Fromm und Steiner
nesses trading in Nuremberg, of which some 120 were Jewish.
kehrten trotz ihrer Erfahrung der Ausgrenzung
Hop trading companies were either liquidated or “Aryanized” afund Verfolgung nach 1945 zurück und setzten
ter the seizure of power by the Nazis in 1933, as were those of
Jewish hop merchants in Bamberg, Munich, and other places in
innovative Schritte in der Hopfenveredelung und
dem Hopfenhandel. Fromm, Mayer-Bass entwickelte Bavaria.
in den 1960er-Jahren in Pasing und Wolnzach das
Hopfenpulver als Grundlage der heute im Brauereiwesen überwiegend verwendeten Hopfen-Pellets.
Die Simon H. Steiner, Hopfen GmbH, bis 1992 im
württembergischen Laupheim und heute in Mainburg in der Hallertau in sechster Generation in
Familienbesitz geführt, ist mit ihrer Marke
„Hopsteiner“ einer der Weltmarktführer im
Hopfenhandel.
Several highly specialized hop trading families such as the
Fromms and Steiners returned after 1945, despite having been
ostracized and persecuted, and introduced innovative steps in
hop processing and the hop trade. In the 1960s, the company Fromm, Mayer-Bass in Pasing and Wolnzach developed hops
powder as a basis for hop pellets, which are still predominantly
used in the brewing business today. Simon H. Steiner, Hopfen
GmbH., based in Laupheim in Württemberg up until 1992, now
in Mainburg in the Hallertau and run by the same family in the
sixth generation, is one of the leading companies in the world in
the hop trading business with its “Hopsteiner” brand.
Familie von Hirsch und die
Schlossbrauerei
Planegg
Jakob von Hirsch, der erste bayerische Freiherr jüdischer Herkunft,
errichtete 1836 vor den Toren Münchens die Schlossbrauerei
Planegg. Als modernste Brauerei ihrer Zeit trug sie ein wichtiges
Kapitel zur Geschichte der bayerischen Brauindustrie bei.
Jakob von Hirsch (1765–1849) war als fürstbischöflicher Schutzjude dem Hochstift
Würzburg unterstellt, ehe er nach München zog und hier zum Hofbankier ernannt wurde.
1824 erwarb er die Hofmark Planegg südwestlich von
München. Früh erkannte er den Bedarf an einer Brauerei.
Bis zu ihrer Realisation vergingen jedoch zwölf
Jahre, da die Stadt München und ihre Brauer
Jakob von Hirschs Vorhaben verhindern wollten.
Die ideale Lage Planeggs direkt an der Würm
und die Nähe zum Absatzgebiet München machten
Jakob von Hirsch, the first Bavarian baron of Jewish exihn zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten.
The von Hirsch family and the
Schlossbrauerei Planegg
Die Schlossbrauerei Planegg konnte schließlich
1836 ihren Betrieb aufnehmen. Ihre industriellen
und technischen Standards wiesen sie als
modernste Brauerei ihrer Zeit in Bayern aus.
Sie wurde zum Vorbild für jene Münchner
Brauereien, die in den Folgejahren ihre beengten
Betriebe in der Altstadt aufgaben und neue
Brauanlagen in den Vororten errichteten.
Nach dem Tod seines Vaters übernahm Joseph
von Hirsch (1805–1885) die Schlossbrauerei
und vergrößerte sie. Nach dem Ersten Weltkrieg
geriet das bis dahin florierende Unternehmen
in finanzielle Schwierigkeiten. Auch die
Umwandlung in eine Aktiengesellschaft konnte
ihren Niedergang nicht aufhalten. 1928 kaufte
die Pschorr-Bräu AG die in vierter Generation
in Familienbesitz befindliche Brauerei. 1933
stellte sie den Braubetrieb in Planegg ein.
Das Gut Planegg blieb bis zur „Arisierung“ durch
die Nationalsozialisten im Besitz der Familie
von Hirsch und wurde 1950 an sie restituiert.
traction, established the Schlossbrauerei Planegg in 1836,
just beyond the Munich city boundary. As the most modern brewery of its day, it represents an important chapter
in the history of the brewing industry in Bavaria.
Jakob von Hirsch (1765–1849) was a “protected Jew” attached
to the prince-bishopric temporalities of Würzburg before
he moved to Munich where he was appointed Court Banker.
In 1824 he acquired the Planegg estate to the southwest of
Munich. He soon recognized the need for a brewery. However,
twelve years passed before its realization, as the City of Munich
and its brewers sought to thwart Jakob von Hirsch’s plan.
Planegg’s ideal location right on the River Würm and the market
in the nearby Munich area made him a serious competitor.
The Schlossbrauerei Planegg finally started production in
1836. Its industrial and technical standards made it the most
modern brewery at that time in Bavaria. It served as an
example for other breweries in Munich which, in the years
that followed, abandoned their confined premises in the Old
City and built new brewery plants in the suburbs.
Following his father’s death, Joseph von Hirsch (1805–1885)
took over the Schlossbrauerei and expanded it. After World
War I the company, which had flourished up until that time,
suffered financial difficulties. Even its transformation into
a stock corporation could not prevent its decline. In 1928
Pschorr-Bräu AG bought the family-owned brewery which
by then was in the fourth generation. In 1933 it closed the
brewery in Planegg. The manor of Planegg remained in the
ownership of the von Hirsch family until its “Aryanization” by
the Nazis. It was restituted in 1950.
Münchens jüdische
Bierkrugveredler
Die 1868 in Bayern erlassene Gewerbefreiheit ermöglichte die
Entstehung neuer Gewerbe. Jüdische Zuwanderer nach München
nutzten diese Möglichkeit und waren maßgeblich an der
Entwicklung des Bierkrugveredelungs-Gewerbes beteiligt.
Ursprünglich trugen Steinzeug-Bierkrüge keine Verzierungen. Erst in den 1870er-Jahren
begannen Brauereien, ihre Namen in die Krüge einritzen oder eindrücken und farblich
hervorheben zu lassen. Zur gleichen Zeit entwickelten Westerwälder Steingutmanufakturen, die Hauptlieferanten der rohen Krüge, neue Techniken. Sie brachten feineres
Steinzeug hervor, das sich wegen seiner glatten Oberfläche besonders gut zur Bemalung
eignete. Der Ausbau des Bahnnetzes ermöglichte einen kostengünstigen Transport der
noch unveredelten Krüge nach München.
Um 1880 entstand eine Reihe von Werkstätten,
die drei verschiedene Tätigkeiten unter einem
Dach vereinten. In der Porzellanmalerei wurden
die Krüge bemalt, später auch bedruckt oder mit
Abziehbildern geschmückt. Ihr schloss sich die
Zinngießerei an, in der die Bierkrugdeckel gegossen
wurden. In einem dritten Werkstattbereich wurden
schließlich Krug und Deckel zum fertigen Bierkrug
montiert. Zu den größten und prägendsten
Bierkrugveredelungs-Betrieben zählten die von
jüdischen Zuwanderern gegründeten Firmen
Leopold und Nathan Bauernfreund, Josef M. Mayer,
Martin Pauson, Josef Reinemann und Brüder
Thannhauser. Daneben gab es in München auch
nicht-jüdische Bierkrugveredler. Ihr Produktionsumfang reichte jedoch nicht an jenen der fünf
anderen Firmen heran.
Im Ersten Weltkrieg erlebte das Gewerbe einen
tiefen Einschnitt. Viele Firmen stellten ihre
Produktion ein. Andere schufen sich mit dem
Porzellan-, Glas- und Haushaltswarenhandel
ein neues Standbein, führten aber die Bierkrugveredelung in kleinerem Umfang bis in die
1930er-Jahre fort.
Munich’s Jewish
Beer Stein
Decorators
The decree on the freedom of trade issued in 1868 in
Bavaria enabled new businesses to be established. Jews,
who had moved to Munich, took advantage of this possibility and played a key role in the development of the
beer stein decoration industry.
Stoneware steins were originally not decorated. It was only
in the 1870s that breweries started to engrave or stamp their
names on mugs and highlight them in color. At the same
time, the main suppliers of unfinished steins—stoneware
manufacturers from the Westerwald region—evolved new
techniques. They produced a higher quality stoneware which
was particularly suitable for painting thanks to its smooth
finish. The expansion of the railroad network made the transport of undecorated mugs to Munich economically viable.
Around 1880, a number of workshops were founded which
carried out three different processes under one roof. Mugs
were decorated in the paintshop and, later, imprints or transfer images were added. This area was connected to a pewter
foundry where lids for the steins were cast. Mugs and lids
were assembled to create finished beer steins in a third
workshop area. Among the largest and most influential beer
stein decorators were the companies Leopold and Nathan
Bauernfreund, Josef M. Mayer, Martin Pauson, Josef Reinemann, and Thannhauser Bros., all founded by Jewish immigrants. In Munich there were also several non-Jewish beer
stein decorators. However, their range of products did not
come anywhere near that of the five other companies.
During World War I the industry experienced a decisive
turning point. Many companies stopped production. Others
created a new leg to stand on through the trade in porcelain, glass, and household goods, continuing with beer stein
decoration on a smaller scale until into the 1930s.
Löwenbräu
und der
Bierexport
Der Ausbau des Eisenbahnnetzes ab der Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte den Handel in Deutschland: Der Export mittels Güterzügen wurde
zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Löwenbräu nutzte die neuen Verkehrswege sehr früh und wurde zum größten Bierexporteur Münchens.
Der Ausbau der Bahnnetze und die Gründung kapitalstarker Aktiengesellschaften belebten in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den internationalen Exporthandel. 1872 wurde auch Löwenbräu in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.
Unter ihrem Aufsichtsratsvorsitzenden Moritz
Guggenheimer (1825–1902) entwickelte sich die
Löwenbräu AG zur größten exportorientierten
Brauerei Münchens.
Löwenbräu and
Beer
Die Löwenbräu AG bediente den gesamten
europäischen Markt, lieferte ihr Bier aber auch
bis nach Nordamerika und Ägypten. Das 1864
erfundene Verfahren der Pasteurisierung verhinderte ein Nachgären des Biers und machte
es für längere Transporte haltbar. Durch ihren
weißen Schutzanstrich wurden die Bierwagons
zu bekannten Werbeträgern der Brauerei.
Die weiße Farbe diente einer besseren Kühlung
und sorgte ebenfalls für eine längere Haltbarkeit
des Biers. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts
besaß die Löwenbräu AG über 100 brauereieigene
Güterwagons, die das Bier in alle europäischen
Metropolen und zu den großen Überseehäfen
zur Verschiffung in die USA transportierten.
Der internationale Export hing stark von der
weltpolitischen Lage, von Schwankungen im
Zoll und von den Frachtkosten ab. Während des
Ersten Weltkriegs verlor Löwenbräu die im Krieg
mit Deutschland stehenden Länder als Exportziele.
Das 1919 in den USA eingeführte Alkoholverbot
entzog der Brauerei auch diesen für sie wichtigen
Markt. Da die Löwenbräu AG den lokalen Absatzmarkt zu Gunsten des Exports stark vernachlässigt hatte, war sie in den Jahren nach dem
Ersten Weltkrieg mit enormen Absatzeinbrüchen
konfrontiert.
Export
The expansion of the railroad network from the mid19th century onward changed commerce in Germany.
The export of goods on freight trains became an
important economic factor. Löwenbräu made use of
these new transport routes very early on and became
Munich’s largest exporting brewery.
The expansion of the railroad network and the founding of
financially strong stock corporations stimulated the international export trade in the second half of the 19th century.
Löwenbräu itself became a stock corporation in 1872. Under
its supervisory board chairman, Moritz Guggenheimer (1825–
1902), Löwenbräu AG evolved into Munich’s largest exportoriented brewery.
Löwenbräu AG served the whole European market while also
distributing its beer to North America and Egypt. The pasteurizing process, discovered in 1864, prevented beer from
fermenting further and meant it would keep on longer
journeys. The beer freight trains became a well-known
advertising medium for the brewery thanks to their white paint.
This served to improve refrigeration and made it possible for
beer to be kept longer. Toward the end of the 19th century,
Löwenbräu AG brewery had more than 100 freight trains of
its own, transporting beer to all principal European cities and
major international ports for shipping to the USA.
The international export trade was very dependent on the
global political situation, fluctuations in customs duty, and
freight costs. During World War I, Löwenbräu lost the export
market in those countries which were at war with Germany.
The prohibition on alcohol introduced in the USA in 1919 meant
that the brewery had to manage without this important outlet
too. As Löwenbräu AG had greatly neglected the local market
in favor of the export business, it was confronted with an
enormous slump in sales after World War I.
Familie Schülein
und die Münchner
Unionsbrauerei
Ende des 19. Jahrhunderts gründete Josef Schülein die Unionsbrauerei Schülein & Companie. Als Familienunternehmen und
später als Aktiengesellschaft entwickelte sich der Betrieb innerhalb von 25 Jahren zur zweitgrößten Brauerei in München.
Der aus dem mittelfränkischen Thalmässing stammende Josef Schülein (1854–1938)
übernahm 1895 gemeinsam mit seinen beiden Brüdern und seinem Schwager die in
Konkurs gegangene Unionsbrauerei im Münchner Stadtteil Haidhausen.
1903 wurde sie in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.
Ein Jahr später erwarb der florierende Betrieb die
Münchner Kindl Brauerei AG, die sich wegen
Fehlinvestitionen in finanziellen Schwierigkeiten
befand. Durch die Übernahme konnte die
Unionsbrauerei ihre Kapazitäten erweitern und
ihren Bierabsatz erhöhen.
The Schülein Family
and the
Unionsbrauerei
Wegen seiner Wohltätigkeit und seines sozialen
Engagements war Josef Schülein als „König von
Haidhausen“ schon zu Lebzeiten eine Münchner
Legende. Er sorgte für seine Angestellten und
beschenkte jedes Jahr 50 Münchner Firmkinder
mit Geld, Kleidungsstücken und Uhren.
Auch Josef Schüleins Söhne waren im Braugewerbe
tätig: Julius Schülein (1882–1959) beschäftigte sich
als Chemiker mit der Verwertung von Bierhefe,
die bis dahin als Abfallprodukt galt. Er produzierte
daraus Suppenwürfel und Tierfutter. Hermann
Schülein (1884–1970) promovierte in den
Rechtswissenschaften und leitete anschließend
gemeinsam mit seinem Vater die Unionsbrauerei.
Auch er zeigte großes Interesse an den sozialen
Arbeitsbedingungen seiner Zeit. Der jüngste
Sohn Fritz Schülein (1885–1963) befasste sich
in seiner Doktorarbeit mit den komplizierten
Bierlieferungsverträgen. Ab 1916 unterstützte er
seinen Vater in der Schlossbrauerei Kaltenberg,
die sich ebenfalls in Familienbesitz befand.
in Munich
At the end of the 19th century Josef Schülein founded
the Unionsbrauerei Schülein & Companie. As a familyrun business and later as an incorporated company it
evolved into the city’s second-largest brewery within 25
years.
In 1895, Josef Schülein (1854–1938) from Thalmässing in
Middle Franconia took over the bankrupt Unionsbrauerei,
located in the Haidhausen district of Munich, together with
his two brothers and brother-in-law. In 1903 this was transformed into a stock corporation. One year later the flourishing
business acquired the Münchner Kindl AG brewery which had
run into financial difficulties due to bad investments. Through
this takeover, the Unionsbrauerei was able to expand its
capacity and increase its beer sales.
As a result of his charitable nature and social commitment,
Josef Schülein, the “King of Haidhausen,” became a Munich
legend even during his own lifetime. He looked after his employees and gave money, clothes, and watches to 50 children
every year at their confirmation.
Josef Schülein’s sons were also involved in the brewing
business. As a chemist, Julius Schülein (1882–1959) explored
the reutilization of beer yeast, which had been considered a
waste product up until that time, turning it into stock cubes
and animal feed. Hermann Schülein (1884–1970) gained a
doctorate in law and subsequently ran the Unionsbrauerei
together with his father. He also showed great interest in
the social working conditions of his time. The youngest son,
Fritz Schülein (1885–1963), wrote his doctoral thesis on the
complexity of contracts governing the distribution of beer.
From 1916 onward he helped his father at Schlossbrauerei
Kaltenberg which was also in the family’s ownership.
Unionsbrauerei und
Löwenbräu
1921 fusionierte die Unionsbrauerei Schülein & Companie mit der
Löwenbräu AG. Unter ihrem Generaldirektor Hermann Schülein
wurde sie zur erfolgreichsten Brauerei Bayerns.
Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit wirkten sich dramatisch auf die Absatzzahlen
aller Brauereien aus. Der Löwenbräu AG gingen durch den verlorenen Krieg zahlreiche
ausländische Absatzgebiete verloren. Auch die Unionsbrauerei mit ihren vorwiegend
lokalen Abnehmern hatte mit einer erschwerten finanziellen Situation zu kämpfen.
Deshalb war es naheliegend, dass die beiden Brauereien kooperierten. Löwenbräu
verfügte über die stärkere Finanzkraft, die Unionsbrauerei besaß hingegen ein gut
ausgebautes Kundennetz und zahlreiche Immobilien.
Die 1921 fusionierten Brauereien firmierten
fortan unter dem international bekannteren
Namen Löwenbräu AG. Josef Schülein (1854–1938)
wurde Aufsichtsrat, sein Sohn Hermann Schülein
(1884–1970) wurde Mitglied des Vorstands. Ab 1924
war er Generaldirektor der Löwenbräu AG.
Gemeinsam mit seiner Familie besaß er die
Aktienmehrheit der Brauerei. Nach der Fusion mit
der Bürgerbräu AG und der Eingliederung
einiger kleinerer Münchner Brauereien
entwickelte sich die Löwenbräu AG zur größten
Brauerei Bayerns.
Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 veränderte sich die Lage für die Löwenbräu AG und ihre Mehrheitseigentümer dramatisch. Die jüdischen Mitglieder des
Aufsichtsrats von Löwenbräu mussten zurücktreten. Darunter befand sich auch Josef Schülein,
der sich gänzlich auf Schloss Kaltenberg zurückzog
und dort 1938 starb. Einzig Hermann
Schülein, der als unersetzbar galt, durfte vorerst
dem Vorstand weiter angehören. Ende 1935
entschloss er sich, mit seiner Familie in die USA zu
emigrieren, wo er seine erfolgreiche Laufbahn
im Brauereigewerbe fortsetzte.
Unionsbrauerei and
Löwenbräu
In 1921 Unionsbrauerei Schülein & Companie merged
with Löwenbräu AG. It advanced to become Bavaria’s
most successful brewery under the direction of
Hermann Schülein.
World War I and the post-war period had a dire effect on the
sale figures at all breweries. Löwenbräu AG lost a number
of markets abroad as a result of the outcome of the war.
Unionsbrauerei, which served predominantly local customers, also had to struggle with an aggravated financial situation.
A collaboration between the two breweries, therefore,
stood to reason. Löwenbräu had greater financial resources
whereas Unionsbrauerei had an extensive customer base
and considerable real estate.
The breweries merged in 1921 and traded from then on under the internationally better known name Löwenbräu AG.
Josef Schülein (1854–1938) became a member of the supervisory board; his son, Hermann Schülein (1884–1970), a
member of the executive board. From 1924 he was president
of Löwenbräu AG and together with his family was majority
shareholder of the brewery. After the merger with Bürgerbräu
AG and the take-over of several smaller breweries in Munich,
Löwenbräu AG developed into Bavaria’s biggest brewery.
The situation for Löwenbräu AG and its majority shareholder
changed radically following the seizure of power by the Nazis
in 1933. Jewish members of the supervisory board at Löwenbräu had to resign. These included Josef Schülein, who withdrew completely to Kaltenberg Castle where he died in 1938.
Only Hermann Schülein, who was considered indispensable,
was initially allowed to remain on the board. At the end of
1935 he decided to emigrate to the USA with his family where
he continued his successful career in the brewing business.
Familie Schülein und die
Schlossbrauerei
Kaltenberg
Die Schlossbrauerei Kaltenberg wurde 1917 von der Unionsbrauerei
Schülein & Companie erworben und modernisiert. Nachdem sie zu
einem Teil der Fusionsmasse zwischen Löwenbräu und der Unionsbrauerei geworden war, erwarb sie Josef Schülein für private Zwecke.
Die Schlossbrauerei Kaltenberg westlich von München litt schwer unter dem Ersten
Weltkrieg: Malz war zu dieser Zeit kontingentiert und die Bierproduktion auf ein Minimum
beschränkt. Nachdem Josef Schülein (1854–1938) das Schloss samt Brauerei übernommen
hatte, sorgte er für eine Modernisierung des Betriebs: Er ließ eine neue Mälzerei bauen, die
Kellerräume sanieren und vergrößerte die Brauerei.
Auch das Schlossgut selbst wurde durch Bodenund Viehwirtschaft ertragreich verwaltet.
1921 wurde die Schlossbrauerei zu einem Teil
der Fusionsmasse zwischen Löwenbräu und
Unionsbrauerei. Als Bestandteil der Vertragsbedingungen erwarb Josef Schülein Kaltenberg
Schlossbrauerei Kaltenberg was acquired by Unionsals Alterssitz und betrieb die Brauerei
brauerei Schülein & Companie in 1917 and modernized.
gemeinsam mit seinem Sohn Fritz (1885–1963)
When it became part of the merger package between
bis zu seinem Tod im September 1938.
The Schülein Family and
Schlossbrauerei Zwei Monate später wurde Fritz Schülein in
das KZ Dachau deportiert und im Februar
1939 von den Nationalsozialisten enteignet.
Nach seiner Freilassung konnten er wie auch
die anderen Mitglieder der Familie Schülein in
die USA fliehen. Die Schlossbrauerei Kaltenberg
wurde stillgelegt und nahm erst nach Kriegsende
ihren Betrieb wieder auf. 1948 erhielt die
Familie Schülein Schloss Kaltenberg zurück.
Fritz Schülein, der die Brauerei in den
Nachkriegsjahren leitete, konnte aber nicht
an die Erfolge seines Vaters anknüpfen und
verkaufte Schloss und Brauerei 1954 an das
Haus Wittelsbach. Seit 1976 leitet Prinz Luitpold
von Bayern die König Ludwig Schlossbrauerei
Kaltenberg.
Kaltenberg
Löwenbräu and Unionsbrauerei, Josef Schülein acquired
it as a private venture.
Schlossbrauerei Kaltenberg to the west of Munich suffered
badly from World War I: malt was subject to a quota at that
time and beer production restricted to a minimum. After Josef
Schülein (1854–1938) took over the castle with its brewery,
he oversaw the modernization of the business. He had a new
malting plant built, renovated the cellars, and extended the
brewery. The castle estate itself also operated profitably
through successful land and livestock management. In 1921
the Schlossbrauerei became part of the merger package
between Löwenbräu and Unionsbrauerei. Under the terms
of the contract Josef Schülein acquired Kaltenberg for his
retirement and ran the brewery together with his son, Fritz
(1885–1963), until his death in September 1938.
Two months later Fritz Schülein was deported to Dachau concentration camp and stripped of all his property by the Nazis
in February 1939. After his release, he managed to flee to the
USA along with other members of the Schülein family. Schlossbrauerei Kaltenberg was closed but resumed operation after
the end of the war. Kaltenberg Castle was returned to the
Schülein family in 1948. Fritz Schülein, who ran the brewery
in the post-war period, did not manage to achieve the success
that his father had enjoyed and sold the castle and brewery in
1954 to the House of Wittelsbach. Since 1976 Prince Luitpold
of Bavaria has been CEO of König Ludwig Schlossbrauerei
Kaltenberg.
Die Liebmanns,
Hermann Schülein und
Miss Rheingold
Die aus Württemberg in die USA ausgewanderte Familie Liebmann gründete
1854 in Brooklyn eine Brauerei. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde sie
unter dem emigrierten Generaldirektor der Löwenbräu AG, Hermann Schülein,
zu einer der größten Brauereien der USA.
Samuel Liebmann (1799–1872) kam als junger Mann in
der Brauereigaststätte seines Schwagers in Aufhausen
erstmals mit dem Bierbrauen in Berührung. Zwischen
1837 und 1854 betrieb er auf Schloss Schmiedelfeld bei
Schwäbisch Hall und in Ludwigsburg Brauereien,
entschloss sich aber 1854, mit seiner Familie in die
USA auszuwandern. In Brooklyn gründete er die
„S. Liebmann Brewery“, die sich vor allem unter seinen
drei Söhnen als Geschäftsführer zu einer der größten
Brauereien New Yorks entwickelte.
Das zwischen 1919 und 1933 in den USA geltende
Alkoholverbot führte zur Verkleinerung des Unternehmens, das auf seinen wenigen verbliebenen
Betriebsanlagen bierähnliche, alkoholfreie Getränke
produzierte. 1937 wurde der aus Deutschland geflohene
ehemalige Generaldirektor der Löwenbräu AG, Hermann
Schülein (1884–1970), Direktor der Brauerei. Er überarbeitete die Rezeptur des „Rheingold Pale Lager“ und
kreierte das leichtere, ausgewogenere „Rheingold Extra
Dry Lager“. Dessen Erfolg ließ die Liebmann Brewery
zur größten und umsatzstärksten Brauerei an der
amerikanischen Ostküste werden. Neue Werbemethoden
wie die zwischen 1940 und 1964 veranstaltete Wahl der
„Miss Rheingold“, Werbeanzeigen mit Stars aus Bühne,
Kino und Fernsehen, eigene Fernsehserien wie das
„Rheingold Theatre“ und das Sponsering der „New York
Mets“ trugen wesentlich zum Erfolg der Brauerei bei.
Fehlinvesitionen in den 1950er-Jahren leiteten jedoch
den Niedergang der Brauerei ein. 1964 verkaufte die
Eigentümer-Familie die Brauerei an den Pepsi-Konzern.
Mit der Einstellung des Braubetriebs 1976 verschwand
mit „Rheingold Extra Dry“ eine Marke, die vor allem in
den 1940er- und 1950er-Jahren in New York und an
der gesamten amerikanischen Ostküste nicht nur Kult-
status hatte, sondern auch ein Stück Lebensgefühl
verkörperte.
The Liebmanns,
Hermann Schülein, and
Miss Rheingold
The Liebmann family, which emigrated to the USA
from Württemberg, founded a brewery in Brooklyn in
1854. Under the emigré Hermann Schülein, former
president of Löwenbräu AG, it became one of the largest
breweries in the USA in the mid-20th century.
Samuel Liebmann (1799–1872) first came into contact with
beer brewing as a young man in his brother-in-law’s brewery
tavern in Aufhausen. Between 1837 and 1854 he ran breweries at Schmiedelfeld Castle near Schwäbisch Hall and in Ludwigsburg before deciding to emigrate with his family to the USA
in 1854. He founded the “S. Liebmann Brewery” in Brooklyn
which developed into one of New York’s major breweries,
primarily under the management of his three sons.
The prohibition on alcohol between 1919 and 1933 in the
USA led to a reduction in the size of the company which then
produced beer-like, alcohol-free beverages in the few plants
that remained open. In 1937, the former president of Löwenbräu AG, Hermann Schülein (1884–1970), who had fled
Germany, became the brewery’s director. He altered the recipe
for “Rheingold Pale Lager” to create the lighter, more balanced
“Rheingold Extra Dry Lager.” Its success made Liebmann the
largest brewery with the highest sales on the American East
Coast. New advertising methods such as the “Miss Rheingold” elections held between 1940 and 1964, advertisements
with stars from the stage, cinema, and television, its own
television series such as “Rheingold Theatre,” and sponsoring
the “New York Mets,” were essential to the brewery’s success.
Bad investments in the 1950s however led to the brewery’s
decline. In 1964, the family owners of the brewery sold to
the Pepsi concern. With the closure of the brewery in
1976 “Rheingold Extra Dry” disappeared—a brand that had
achieved not only cult status in New York and on the
American East Coast in the 1940s and 1950s in particular,
but also epitomized a certain way of life.
Craft Beer
in Israel
In Israel haben bis vor wenigen Jahren zwei nationale Biermarken
und einige wenige Exportmarken den Biermarkt beherrscht.
Heute bieten an die 30 Craft-Beer-Brauereien eine große Vielfalt
an Bierstilen an.
1934 wurde in Rischon LeZion die Palestine Brewery gegründet, die Biere im Stil
des deutschen Lager oder Pils herstellte. Seit vielen Jahren beherrschen die zum
Heineken-Konzern gehörenden Marken „Maccabee“ und „Goldstar“ den israelischen
Biermarkt. Seit der Jahrtausendwende behaupten sich auch bayerische Brauereien
wie Paulaner oder Weihenstephan erfolgreich auf dem israelischen Markt.
In den letzten Jahren hat sich in Israel – inspiriert
von der seit zwei Jahrzehnten in den USA blühenden
Craft-Beer-Szene – eine wahre Bierrevolution
ereignet. An die 30 Mikrobrauereien bestehen heute.
Ihre Anfänge sind meist die gleichen: Was anfangs
noch Hobby in der eigenen Küche oder Garage war,
hat sich zu einem professionellen Gewerbe entwickelt.
Von der Wüste Negev bis nach Haifa, von Tel Aviv
bis zum Golan experimentieren junge Brauer nicht
nur mit Hopfen und Malz. Israel kennt kein Reinheitsgebot für Bier, daher können auch andere Zutaten
wie Datteln, Chili-Schoten, Granatäpfel und sogar
Olivenholzstücke und Tabakblätter kreativ mit verbraut werden.
Auf Einladung des Jüdischen Museums München
haben Itai Gutman und Maor Helfman vom
Jerusalemer Herzl Beer Workshop zusammen
mit Timm Schnigula und Mario Hanel von der
Münchner CREW Republic für diese Ausstellung
den ersten deutsch-israelischen „Collaboration
Brew“ gemeinsam gebraut. Das Ergebnis, ein
Steam Beer, können Sie jetzt, am Ende des
Ausstellungsrundgangs angekommen, gerne im
Café Exponat im Foyer des Museums verkosten.
Prost! Le Chaim!
Craft Beer
in Israel
Until a few years ago, two national brands of beer and a
few export labels dominated the beer market in Israel.
Today, some 30 craft breweries offer a wide variety of
different types of beer.
In 1934, the Palestine Brewery was founded in Rishon
LeZion, producing beer along the lines of German lager or
pilsner. For many years the Israeli beer market has been
dominated by the Heineken concern’s brands “Maccabee”
and “Goldstar.” Since the turn of the millennium Bavarian
breweries such as Paulaner and Weihenstephan, however,
have successfully held their own on the market in Israel.
Over the past few years a true beer revolution has taken place
in Israel, inspired by the blossoming craft beer scene in the USA
of the last two decades. Some 30 micro-breweries now exist
today. Their beginnings are generally similar: what started
out as a hobby in the home kitchen or garage has turned
into a professional business. From the Negev Desert to
Haifa, from Tel Aviv to the Golan Heights, young brewers
are not experimenting just with hops and malt. Israel does
not have a beer purity law which means that other ingredients such as dates, chili peppers, pomegranates, and even
olive wood and tobacco leaves can be added to make more
creative brews as well.
At the invitation of the Jewish Museum Munich, Itai Gutman
and Maor Helfman of the Herzl Beer Workshop in Jerusalem,
together with Timm Schnigula and Mario Hanel of CREW
Republic in Munich, have jointly created the first ever GermanIsraeli collaboration brew especially for this exhibition.
The result is a steam beer. After having completed your
tour of the exhibition try it now at Café Exponat in the museum foyer.
Cheers! L’chaim!
Bier
ist der
Wein
dieses
Landes
Jüdische Braugeschichten
Beer
is the
Wine
of this
Land
Jewish Brewery tales
Eine Ausstellung des Jüdischen Museums München
An Exhibition by the Jewish Museum Munich
13. April 2016 bis 8. Januar 2017
April 13, 2016 through January 8, 2017
KURATOR \ CURATOR
Bernhard Purin
In Zusammenarbeit mit \ In Cooperation wit h
Lilian Harlander
architektur \ Design
Architekt Martin Kohlbauer
GRAFIK \ GRAPHICS
Haller & Haller
Multimedia
HORNCOLOR Multimedia GmbH
Lektorat \ Copy Editing
Michaela Feurstein-Prasser, xhibit.at
Übersetzungen \ Tra nslations
Christopher Wynne
Registrarin \ Registrar
Verena Immler
produktion \ Production
Sabine Menges
Lorant Brendea
Hasan Güneri
Thomas Sensburg

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