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(1) Spitzer, G. (2006). „Wunden und Verwundungen”. Sportler als Opfer
des DDR-Dopingsystems. Eine Dokumentation. Köln: Sport und Buch
Strauß, 600 S.
(2) Summary
In einem Forschungsprojekt der „Stiftung Aufarbeitung“ wurden 52 Lebensläufe
dopinggeschädigter Sportlerinnen und Sportler gesichert. Eine Auswahl der Protokolle wurden im Buch vollständig wieder gegeben, die anderen in jeweils längeren Passagen. Neben biographischen und politischen Erfahrungen stehen möglichst messbare Schädigung durch Training und / oder Dopingmittel im Mittelpunkt der Dokumentation.
Ein kommentierender Text ordnet nach Aspekten: Motive für das Sportengagement, Schädigungen durch Doping und Extrembelastungen; Dopingvergabe ohne
Information in der Erinnerung der Aktiven, Erklärungsversuche für die Einnahme
von Tabletten mit besonderer Farbe (das Anabolikum Oral Turinabol war rosa
und türkis). Beobachtungen bei anderen oder aus der Außensicht zu Genderfragen, Trainer-Strategien zur selbständigen Tabletten-Einnahme durch die Aktiven;
Substanzen, die man nicht als Medikamente einordnen konnte, Doping durch
Vergabe der „Anti-Baby-Pille“ aus Sportgründen sowie besondere Schädigung der
Mädchen und Frauen durch Anabolika. Dopingvergabe über den medizinischen
Tropf und Missbrauch von Oral Turinabol als Therapie im medizinisch überholten
„Kaiser-Schema“ oder als „Stoffwechselschema“ sowie das angebliche Vorliegen
von „Morbus Scheuermann“. Blut-Doping und Training unter Schmerzen oder
trotz Verletzungen werden dargestellt. Die auf die Frage: „Was erhalte ich für
Mittel“ vorgebrachte Desinformation wird ebenso thematisiert wie die Reaktion
des Sports auf Verweigerung von Tabletteneinnahme. Auftretende Schäden und
Zuschreibung der Ursachen, die vom Bewegungsapparat zu Organsystemen und
Steuerungsmechanismen des Körpers reichen, bilden ein Schwerpunkt
darunter Krebs und Todesfälle, somatische und psychische Ebene sind betroffen.
Weitere, großenteils vorher nicht erforschte Zusammenhänge sind in weiteren
Aspekten zu sehen Probleme bei der Berufswahl und Einschränkung der Leistungsfähigkeit unter Einfluss der unvorhersehbaren Schadensentwicklung; Ängste nach Karriereende und Leiden der Familien der Dopingopfer. Fehl- und Totgeburten, Zeugungsunfähigkeit und ungewollte Kinderlosigkeit, die Kinder der Geschädigten als Dopingopfer: Krankheitsbilder und Behinderungen werden qualitativ und quantitativ untersucht.
Mit „Verwundungen“ sind die Sportkarrieren und das Leben „nach dem Sport“
charakterisiert. Kinder als Hochleistungssportler und die mentalen Folgen, künstlich verschärfte Konkurrenz und Motive der Trainer für Doping und übergroße
Trainingsumfänge und –Intensitäten als Test der Belastbarkeit des Menschen
werden ebenso wie Sanktionen und Strafen wie das „Straftraining“ angesprochen.
Doping-Verweigerung und darauf beruhender Ausschluss vom Hochleistungssport
sowie Exklusion aus politischen Gründen und die dafür zuständigen Instanzen
SED und Stasi
Die Rolle der Umstellung der Gesellschaftsordnung und Berufschancen sowie der
Erwerbstätigkeit im Ergebnis der Schädigungen
zeigt die Komplexität der
Probleme, denen Geschädigte ausgesetzt waren. Dargestellt werden auch Kör-
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perkonzepte und Essstörungen bis hin zur Bulimie sowie das Sporttreiben der
Dopingopfer als Suchtproblematik diskutiert.
Verlusterfahrungen und Zukunftsängste, Beeinträchtigung der Autonomie und
manipuliertes Selbstbild werden dargestellt, die mit den auffällig häufigen
Selbstmordgedanken und Selbstschädigungspraktiken offensichtlich einhergehen.
Belastungen einer Partnerschaft durch Dopingfolge einer sexuellen Störung
ebenso wie die tiefen seelischen Verletzungen durch den Vertrauensbruch der
Trainer und ihre vermuteten Motive sowie die Belastung durch ehemalige Dopingtäter im heutigen Sport schließen den Teil ab.
Ein statistischer Überblick fasst die Biographien und das Auftreten von DopingSchäden in der Stichprobe zusammen (ab S. 367). Trends zu Doping-Schäden
bei ehemaligen Hochleistungssportlern und ihren Kindern zeigen, dass gerade die
„leichten“ Fälle stärker geschädigt waren als vermutet, und dass sich Schäden
nicht zurück entwickelt haben. In der kurzen Laufzeit des Befragungsprozesses
war in der Nachfrage, ob sich der Gesundheitszustand inzwischen verändert hätte, eine negative Tendenz abzulesen: Die Daten im Prozess der Autorisierung
ergaben einen Todesfall durch Krebs, eine neue Krebserkrankung, einen neuen
Schlaganfall-Befund bei nur 60 Befragten und über zwei Jahre hinweg.
Bei Geschwistern, die keinen Hochleistungssport betrieben haben, sind die Erkrankungen mehrheitlich nicht auffindbar (nein: 42, ja: 8), dürften also ursächlich auf den Hochleistungssport unter Dopingbedingungen zurückgehen. Die
Schäden bei den Kindern der Leistungssportler sind zahlreicher als bei den Kindern der Geschwister
Dopingmittel erhielten 46 Gesprächspartner vom Trainer (88 % aller Befragten),
vom Club-Arzt: 34 Gesprächspartner (65%). Das Alter der Dopingopfer bei der
ersten Vergabe lag in der Altersgruppe 14 bis 15 Jahre. Kein Mitglied der Stichprobe hatte vor der ersten Tablettenvergabe die Volljährigkeit erreicht. Begründung für die Vergabe dieser Medikamente war: „Vitamine und Mineralien“ (41
Gesprächspartner oder 79 % der gesamten Stichprobe). „Hilfe bei Training und
Regeneration“ (37 Gesprächspartner bzw. 71 %). „Medikamente zur Therapie
von Erkrankungen“ (8 Befragte).
Anabolika erhöhen das Gewicht. Die Opfer hatten keine Kenntnisse über die Vergabe der verschiedenen Dopingmittel. Sie fühlten sich wegen Gewichtserhöhung
schuldig und griffen in wenigen Fällen zu selbstzerstörerischen Praktiken des
„Gewichtmachens“.
Erkrankungen waren sehr häufig. Skeletterkrankungen hatten 48 Gesprächspartner (oder 92 % der Befragten). Psychische Probleme 32 (62 %) sowie Essstörungen 12 (23 %) oder Bulimie 6 (25 % der Frauen waren davon betroffen). An
Krebs litten 13 (25 %) und an gynäkologischen Erkrankungen 12 Frauen (also
waren 50 % der Frauen geschädigt). Virilisierungserscheinungen hatten 10 oder
42 % der Frauen. Von Fehlgeburten waren 5 oder 21 % der Frauen betroffen,
wobei es insgesamt zu 12 Fehlgeburten kam. Totgeburten erlitten 3 Frauen.
Andrologische (Männer-) Erkrankungen gab es 8-mal: 29 % der Männer waren
geschädigt. Schäden am Herzen: 12 (23 %), Leber: 9 (17 %). Stoffwechselstörungen: 8 (15 %).
In der Stichprobe von 52 Dopinggeschädigten befinden sich 20 Personen (38 %),
die sich in Gefahr befinden, sich zu schädigen, bis hin zum Selbstmord. Selbstschädigung erfolgte bereits einmal: 15 Gesprächspartner.
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Geschlechtliche Identität: Das Selbstbild der Sportlerinnen mit männlich wirkender äußeren Erscheinung wurde in erheblichem Ausmaß beeinträchtigt. Dieser
Verlust an positiver weiblicher Identität reicht bis in die Gegenwart und hält an,
da sich die Merkmale nicht zurückbilden – angefangen bei der tiefen Stimme
über Haarwuchs und breite Schultern bei schmalen Hüften. Genauere Daten sind
eher im Rahmen von Betreuung zu erfahren, da die befragten Frauen diese Thematik naturgemäß nur in vertrauensvoller Kommunikation unter Ausschluss von
Öffentlichkeit offen und ohne Scheu behandeln.
Überzufällig viele Früh- oder Totgeburten sind zu verzeichnen: perinatale Sterblichkeit 6 von 42 dopinggeschädigte Eltern hatten zusammen 15 Fehlgeburten.
So sind 32-mal mehr Fehlgeburten nachgewiesen, als es in der Normalbevölkerung Ostdeutschland zu erwarten gewesen wäre. In der Stichprobe 3 Kinder tot
geboren, was eine fast 10-fach erhöhte Quote an Totgeburten darstellt.
Die überlebenden Kinder von Geschädigten stellen eine weitere Opfergruppe dar:
Mehr als jedes vierte Kind leidet an Allergien – 26 % der Kinder von Dopingopfern. Jedes vierte Kind litt an Hauterkrankungen unter Einschluss von Neurodermitis. Etwas weniger als jedes vierte Kind litt an Lungenkrankheiten (23 %). Jedes zehnte Kind hat Verkrüppelungen der Glieder zu ertragen (10 %). Fast derselbe Anteil, rund 9 %, litt an Stoffwechselkrankheiten. Mehr als jedes siebzehnte Kind litt an geistigen Behinderungen (6 %). Jedes siebte Kind von Dopinggeschädigten hat Störungen der Psyche (13 %).
Von den 69 Kindern sind 37 (54 %) durch mindestens 2 Erkrankungen beeinflusst. 17 Kinder mehrfach geschädigt, beispielsweise Allergien, Neurodermitis
und Stoffwechselerkrankungen oder geistige und körperliche Behinderungen. Die
Kinder der weiblichen Dopingopfer sind erheblich häufiger und außerdem mehrfach erkrankt oder geschädigt als Kinder der männlichen gedopten Sportler.
Doping schädigt demnach auch noch die zweite Generation. Die vorgelegten Zahlen legen nahe, dass die Schädigung der Kinder von (ohne Wissen) Gedopten
durch die Dopingmittel, vorrangig die massenhaft vergebenen Anabolika, dafür
verantwortlich sind. Dieser Befund spricht für ein Dopingverbot aus Gründen des
Gesundheitsschutzes.
Es wird zahlreiche Literatur erschlossen.
(3) Thematik
Doping und körperliche, seelische, psychische sowie soziale Schäden / Dopingfolgen für Kinder / Dopingfolgen für Frauen und Mädchen / Dopingfolgen für Männer
/ Dopingfolgen der ungedopten zweiten Generation / DDR / Zwangsdoping / Kinder und Jugendliche / Selbstschädigung / Bulimie / Gender / politische Funktionalisierung als Dopingursache.
(4) Textsorte
Allgemeinverständlicher Text / statistische Auswertung / Verschriftung von Interviews.
(5) Bemerkungen zur Zielgruppe
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Besonders geeignet für Sport / Studium / Schule / Erwachsenenbildung.
(6) maximal 10 freie Schlagworte
Körperliche, seelische, psychische sowie soziale Dopingschäden, Kinderdopding,
zweite Generation, DDR, Zwangsdoping, Jugendliche, Selbstschädigung, Bulimie,
Gender.
(7) Kommentar / Verwendung des Textes
Das Buch kann als Einstieg in die Diskussion dienen, wie gefährlich Langzeitpraktiken im Doping sind.
Darüber hinaus kann die Frage bearbeitet werden, welche Elemente Dopingverweigerung behindert haben bzw. wie Dopingpraktiken gegenüber den Aktiven
verheimlicht wurden, da die Stichprobe unter dem Aspekt ausgewählt wurde,
dass keine Kenntnis von Dopingpraktiken bestand..
Anregend für die Diskussion kann sein, dass es nur in einem Aspekt Selbstmedikation (und nur in wenigen Fällen) gab: Appetitzügler gegen Hunger oder zur
Gewichtsreduzierung:– Ausdruck von Dopingmentalität oder?
(8) Name, Ort und Datum der Fertigstellung des Textes
Spitzer, Berlin 11. 9. 2009. PDF: 10Database-Spitzer-Wunden-GSp-2010.pdf;
DRUCK: 21-Mai-2010
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