Catherine Tambrun (commisaire), Paris libéré

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Catherine Tambrun (commisaire), Paris libéré
Francia­Recensio 2015/3
19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
Catherine Tambrun (commisaire), Paris libéré, photographié, exposé/freed, photographed, exhibited/befreit fotogragiert, ausgestellt, Paris Musée Carnavalet – Histoire de Paris, 11 juin 2014–8 février 2015 [exposition], Paris (Éditions Paris­Musées) 2014, 434 p., ISBN 978­2­7596­0246­9, EUR 35,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Gerhard Paul, Flensburg
Bereits drei Monate nach der Befreiung von Paris öffnete am 10.11.1944 unter dem Titel »Libération de Paris« die erste Ausstellung über die Tage des Aufstands ihre Tore. Dieses Ausstellungsereignis im Musée Carnavalet nahm 70 Jahre später eine Ausstellung zum Anlass, am selben Ort eine Ausstellung der etwas anderen Art unter dem Titel »Paris libéré, photographié, exposé« zu präsentieren. Bemerkenswert an der Ausstellung, die vom 11.6.2014 bis zum 8.2.2015 zu sehen war, und dem sie begleitenden dreisprachigen Katalog (französisch, englisch und deutsch) ist der reflektierte Umgang mit dem Medium der Fotografie, die gleichermaßen als Medium der historischen Dokumentation wie der Geschichtspolitik und der Erinnerungskonstruktion behandelt wird. Die Ausstellung und der Katalog mit Beiträgen von Catherine Tambrun, Françoise Denoyelle, Jean­
Claude Ameisen, Axel Kahn und Stefan Martens zeigen beispielhaft, wie sich der Umgang mit der Fotografie in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.
Anliegen der Ausstellungsorganisatorinnen und ­organisatoren von 2014/2015 war es, nicht nur die Ereignisse von 1944 Revue passieren zu lassen, sondern in historisierender Perspektive zugleich die Entstehung und Machart der Dokumentation von 1944 zu beleuchten. Dabei gingen sie bei der Vorbereitung der Ausstellung von 2014 von Fragen aus, die die Kuratorin der Ausstellung und Fotografieexpertin Catherine Tambrun so beschreibt: »Die neue Ausstellung versucht, unter Berücksichtigung von Aspekten, die 1944 völlig unkommentiert geblieben waren, die Konstruktion einer historischen Darstellung zu analysieren. Wie entsteht ein Fundus an Bildern, wenn die Anwesenheit eines Fotografen am Ort der Ereignisse rein zufällig ist? In welchem Verhältnis steht das, was zu sehen ist, zu dem, was nicht zu sehen ist? Welche Glaubwürdigkeit kann man den Bildlegenden beimessen, über die wir verfügen? Was sollen wir von Fotos halten, von denen nur Ausschnitte verwendet oder die gefälscht wurden? Von ihrer thematischen Anordnung? Von ihrer Abfolge?« ( S. 36) Die Ausstellung von 2014 verknüpfte zu diesem Zweck auf geradezu wegweisende Art die Ausstellung von 2014 mit der von 1944 und befragte diese auf ihre geschichts­ und erinnerungspolitische Bedeutung.
Unmittelbar nach der Befreiung hatte François Boucher, selbst ehemaliger Widerstandskämpfer, damit begonnen, Bilder aus den Tagen der Befreiung zu sammeln. Unter diesen befanden sich Aufnahmen so bekannter Fotografen wie Henri Cartier­Bresson, Robert Doisneau, Brassaï, Roger Schall sowie Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative­Commons­Lizenz Namensnennung­Keine kommerzielle Nutzung­Keine Bearbeitung (CC­BY­NC­ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by­nc­nd/4.0/
von sechs Life­Fotografen, unter ihnen Robert Capa und David Seymour. Bevorzugt hatte Boucher solche Ausnahmen ausgewählt, die mitten aus dem Geschehen stammten und die Betrachter virtuell in dieses involvierten: unscharfe Fotografien vom Barrikadenbau und den Straßenkämpfen, Aufnahmen aus Verstecken heraus, bei denen der Fotograf den Schützen über die Schulter schaut, usw. Gruppiert waren die Schautafeln nach Themen und Orten wie »Der Einzug der Alliierten«, »Das rechte Seine­Ufer« usw.
Optisch fokussierte die Ausstellung auf General de Gaulle. Sein Porträt empfing die Besucher schon am Eingang. Zugleich stand es auch am Ende der Ausstellung. Er erschien als derjenige, der die Fäden in der Hand hielt und den Akteuren ihre Rollen zuwies. Neben de Gaulle setzte die Ausstellung dem Volk von Paris ein Denkmal. Auf den Fotografien sind daher vornehmlich bewaffnete Kämpfer, z. T. in Uniform und mit der Armbinde der FFI, z. T. auch Zivilisten zu sehen.
Neben der Herausstellung de Gaulles und des Volkes von Paris ordnete Boucher den Aufstand in die französische Nationalgeschichte ein. Ort des Befreiungskampfes war daher wie in den Tagen der Revolution von 1789 und jenen der Commune von 1871 die Barrikade. In ihren Aufnahmen wurde der Symbolcharakter des Volksaufstands besonders deutlich, denn militärstrategisch waren diese weitgehend bedeutungslos, manchmal hatten sie sogar die Kämpfer der FFI und die vorrückenden Panzer behindert. Immer wieder fallen in den Aufnahmen von 1944 zudem nationale Symbole wie die Trikolore, vor allem aber das alte Lothringerkreuz auf den Helmen und Armbinden der Aufständischen, auf ihren Schützenpanzern als Symbol der freien französischen Kräfte auf.
Mit der Ausstellung wollte Boucher seinen Zeitgenossen nicht nur einen Überblick über die vielfältigen Ereignisse des Aufstands geben, vielmehr schien es ihm darum zu gehen, diesen auch ein bestimmtes Geschichtsbild der Befreiung zu vermitteln. Wie Catherine Tambrun in ihrer reflektierten Einführung »Kann man Geschichte ausstellen?« (S. 29–37) völlig zu Recht notiert, zielte die Ausstellung von Anbeginn an darauf ab, selbst Geschichte zu »schreiben«.
Die Jubiläumsausstellung von 2014/2015 bemühte sich daher, die Ausstellung von 1944 historisierend zu rekonstruieren und zu dekonstruieren. Zu diesem Zweck übernahm sie etwa ein Drittel der Bilder von 1944, kennzeichnete diese und versah sie mit neuen Bildlegenden. Ausführlich geriet die Bildproduktion von 1944 selbst zum Gegenstand, indem etwa fragt wurde, wer die Fotografen waren, die die Bilder gemacht und wie die Widerstandsgruppen von 1944 ihr eigenes Regime der Pressefotografie organisiert hatten. In Text und Bild ging die Jubiläumsausstellung zudem auf den Aufbau und das Design der damaligen Ausstellung ein.
Vor allem aber arbeiteten die Kuratorinnen und Kuratoren von 2014/2015 die patriotischen Narrative der Ausstellung von 1944 heraus und benannten deren Blindstellen und Unterbelichtungen. Stärker als 1944 bezog man daher Bilder der deutschen Besatzung und des Vichy­Regimes, einschließlich zeitgenössischer Propagandafotos, ein. Anders als 1944 thematisierte man auch den Umgang mit den Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative­Commons­Lizenz Namensnennung­Keine kommerzielle Nutzung­Keine Bearbeitung (CC­BY­NC­ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by­nc­nd/4.0/
vermeintlichen Kollaborateuren der Besatzung, den femmes tondues, sowie die standrechtliche Erschießung von Milizionären des Vichy­Regimes. Exkurse wiesen auf die Ausklammerung der Frauen aus den Bildern des Aufstands sowie auf die ausländischen, z. T. farbigen Soldaten hin, die in der Ausstellung von 1944 aufgrund traditioneller Rollenbilder und unterschwelliger Ressentiments nicht vorkamen.
Schließlich ging die aktuelle Ausstellung auf das Thema Bildmanipulation ein. So entlarvte die Ausstellungsorganisation von 2014 das Foto der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde der deutschen Besatzung am 25. August 1944 durch General von Choltitz als einfache Bildmanipulation. Insgesamt gelang es den Ausstellungsorganisatorinnen und ­organisatoren von 2014 auf eindrucksvolle Weise zu zeigen, dass die Befreiung von Paris und mit ihr die Ausstellung von 1944 letztlich nur Aktionen fürs Geschichtsbuch waren. Denn militärstrategisch war das Einrücken der Alliierten und mit ihnen de Gaulles Mitte August 1944 in Paris eher kontraproduktiv, da es den Vormarsch Richtung Deutschland nur verzögerte. Ursprünglich hatte General Eisenhower nämlich geplant, die französische Metropole nördlich und südlich zu umgehen, wodurch Paris unweigerlich von selbst gefallen wäre. Stattdessen überließ man aus politischen Motiven de Gaulle und seiner französischen Division das Gefecht um Paris und den Einmarsch an der Spitze der amerikanischen Truppen. Nur auf diese Weise konnte dieser seinen Machtanspruch legitimieren und eine Traditionslinie begründen, die vom Vichy­Regime und seiner Kollaboration nicht unterbrochen schien. Auf diese Weise bediente die Ausstellung von 1944 den Mythos vom unbeugsamen französischen Volk, das sich nie der deutschen Besatzung ergeben hatte. Wie in einem Palimpsest überschrieb sie mit den Mitteln der Fotografie die »Schande« von 1940. Dies aufgezeigt zu haben, ist ein Verdienst der Ausstellung und ihres ausgezeichneten Katalogs.
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