Linienführung

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Linienführung
Leseproben
Kurt Borowski
LINIENFÜHRUNG
Lebensweg
eines
pensionierten
Westberliner Polizisten
Erinnerungen von 1926 bis 1998
aus der Reihe:
»BERLINER LEBENSBILANZEN«,
GEDÄCHTNIS DER STADT BERLIN
DAS
Schulzeit
… Im Frühjahr 1933 wurden wir Jungen plötzlich von den
Mädchen getrennt. Frollein Denk kam auch nicht mehr,
und wir kriegten eine ganz alte Lehrerin, die aussah wie
die Schauspielerin Adele Sandrock. Die Hände mußten
wir nun stets vor uns auf dem Tisch gefaltet halten, nur
zum Melden durften wir sie auseinandernehmen. Eine
neue Zeit hätte begonnen, tönte sie, und unser
Reichskanzler wäre Adolf Hitler. Am Unterrichtsende sollten wir ein Gebet sprechen: »Danket dem Herrn, denn er
ist freundlich und seine Güte währet ewiglich, Amen!« Ich
wagte mich kaum, das zu Hause zu erzählen, so doof kam
mir das alles vor. Am 1. Mai gab es nun auch nicht mehr
diese rote Nelke, wie sie mir Papa sonst immer für einen
Sechser gekauft hat. Ein Lehrer erschien sogar in einer
braunen SA-Uniform zur Schule. Er hob sich damit von
den anderen Lehrern hervor und wirkte immer wie ein
kleiner Angeber.
Papa hatte viel Zeit, da er noch immer ohne Arbeit war.
Morgens versorgte er seine Tauben auf dem Taubenboden
der Laube von Vater und Mutter, dann ging er oft mit mir
in den Wald in die Jungfernheide, und wir sammelten
Blaubeeren oder Pilze. Papa kannte alle Sorten, und gerade die Schönsten, die ich immer fand, sollten giftig sein. Er
baute mir auch einen Drachen aus rotem Papier und ließ
ihn mit mir steigen. Fußball spielte er jetzt nicht mehr,
aber nachmittags nahm er mich mit zum Platz von Rapide
Wedding, aber nicht hinein, sondern Papa sah durch die
Zaunritzen zu. Auch andere Männer besaßen kein
Eintrittsgeld, sie lehnten die Fahrräder an den Zaun,
stellten ein Bein auf den Sattel, eines auf den Lenker und
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guckten über den Zaun. Wenn die letzten zehn Minuten
des Spiels begonnen hatten, schloß die Kasse, und alle
rannten noch schnell auf den Fußballplatz, um richtig
zusehen zu können. Ahnung von den Spielregeln hatte ich
keine, ich freute mich nur jedesmal, wenn der Ball nach
außen geschossen wurde und ich ihn auf den Platz zu den
Spielern zurückschießen konnte. Fußballer wollte ich später mal werden. Mit acht Jahren könne man eintreten,
sagte Papa. Erst mußte ich einmal die Schule wechseln,
unsere wurde aufgelöst und wir alle auf andere Schulen
verteilt.
Ich kam in die 14. Volksschule, eine reine Jungenschule,
in der Plantagenstraße und war der einzige Neue in der
Klasse, aber wurde von den anderen gut aufgenommen. Es
war ein schon modernes Gebäude, und es befand sich auf
jeder Etage eine Toilette. Der Lehrer hieß Herr Stahl, und
es ging nicht mehr so streng zu wie bei Adele Sandrock.
Zur lateinischen lernten wir nun auch die deutsche Schrift
beziehungsweise Sütterlin. Zum Schreiben durften keine
Füllfederhalter benutzt werden. Auf jedem Schultisch gab
es ein Tintenfaß in einem aufklappbaren Behälter.
Ständig mußte man mit dem Federhalter immer neu eintauchen. Die Tinte reichte jeweils gerade mal für ein kürzeres Wort. Wenn man zu tief eintauchte, kleckste es, und
wenn aus Übermut der Behälter ruckartig zugeschlagen
wurde, spritzte die Tinte über den ganzen Tisch und dem
Vordermann an den Rücken.
Ein Schüler war drei Jahre älter als wir. Er war ein
Halbzigeuner und ist vorher immer mit seiner Sippe
umhergezogen. Er konnte kaum schreiben. Nach dem
Krieg, Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre, traf ich
ihn wieder. Er war Bandleader namens Sieber und spielte
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im »Franziskaner« am Bahnhof Friedrichstraße. Beim
Tanzen hat er mir dann immer zugenickt. Er brauchte im
Krieg nicht Soldat zu werden.
Ich vergaß bei einem Diktat einmal, den U-Haken über
das kleine U zu machen. Schade, sonst hätte ich null
Fehler gehabt. Ich setzte den Haken einfach nachträglich
darüber und begab mich mit dem Diktatheft zu Herrn
Stahl nach vorn: »Was ist denn hier falsch, Herr Stahl?«
Er stutzte einen Moment, dann bemerkte er den
Schwindel. »Aus dir wird mal ein ganz großer Betrüger«,
rief er laut. Ich wurde rot und bereute im selben
Augenblick meine Dummheit. Dann griff er den Rohrstock
und versohlte mir den Hintern. Bis zum Schluß der
Stunde mußte ich zudem in der Ecke stehen bleiben. Noch
lange hatte mir Herr Stahl das übelgenommen. Sonst war
er sehr beliebt, hätte ich nur nicht diese Dummheit
begangen.
Zum Glück beorderte man uns einen neuen Klassenlehrer,
Herrn Heiduck. Er trug immer einen grauen
Knickerbockeranzug und war ein echter Kumpeltyp. Wir
mochten ihn alle sehr, denn er hatte geradezu einen
Ausflugsfimmel. Alle paar Wochen fuhr er mit uns ins
Grüne. Sogar ins Rüdersdorfer Kalkbergwerk (Heinitzsee)
gingen wir. Herr Heiduck war äußerst sportbegeistert und
sprach viel über die Olympiade, die gerade auf dem
Reichssportfeld stattfand. Ich selbst hatte mich aber nicht
mehr
für
Sport
interessiert,
nur
für
den
Goldmedaillengewinner Jesse Owens schwärmte ich. Von
Adolf Hitler und von Politik wurde nie gesprochen.
Der Rektor Herr Wolf war ein gestrenger Herr mit
Parteiabzeichen am Revers. Vor ihm nahmen sogar die
anderen Lehrer irgendwie Haltung an. Wir hatten aber
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kaum mit ihm zu tun. Ich habe Wolf auch nie lachen
sehen.
Einige Schüler kamen nun auch schon in der Uniform des
Deutschen Jungvolks zur Schule. Das geschah auch aus
praktischen Gründen. Es gab ja noch die Prügelstrafe, und
es hieß, daß Uniformierte nicht geschlagen werden dürfen,
da das ehrverletzend sei. Sie bekamen denn auch bloß
immer Hiebe auf die Hand, was mindestens ebenso weh
getan hat. Aber Herr Heiduck schlug uns sowieso kaum.
Nach Hause mußte ich immer durch die Ruheplatzstraße
gehen. Hier befand sich der Bäcker, der immer so schön
billigen Kuchen hatte. »Warschauer« hieß er und war aus
»Zusammengefegtem«. Wir haben immer »Kotzkuchen«
gesagt, und als ich einmal Kotzkuchen verlangte, schmiß
mich die Verkäuferin raus.
Da ich immer noch recht mickrig war, wurde ich 1935 von
der Fürsorge nach Mittelschreiberhau in Schlesien verschickt. Es war das erste Mal, daß ich verreiste. Vier
Wochen durfte ich in einem Heim, das von evangelischen
Schwestern geleitet wurde, bleiben. Nach einer Woche
bekam ich Heimweh und habe manchmal verstohlen unter
der Bettdecke geweint. Trotzdem war es sehr schön, und
mir wird immer die schöne Gegend mit der Schneekoppe
in Erinnerung bleiben.
Opa starb. Ich hatte ihn besonders gerne gehabt, er hatte
mir auch immer viel gekauft und nie mit mir gemeckert
wie der andere Großvater, wenn ich mal auf die Beete
getrampelt bin. Zur Beerdigung durfte ich aber noch nicht
mit. Oma mußte den Zeitungshandel nun alleine betreiben. Papa saß auch mal einige Stunden im Wagen, hatte
aber immer etwas Angst, weil er doch Arbeitslosenstütze
erhielt.
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Endlich fand er Arbeit bei »Bergmann« in Wilhelmsruh.
Der Führer hatte ja auch Arbeit für alle versprochen. Papa
unkte, wir würden bloß aufrüsten für einen neuen Krieg.
An den Wochenenden fuhr ich schon lange mit Mama zum
Nollendorfplatz, und wir schliefen dann die Nacht von
Sonnabend zu Sonntag immer bei Oma. Manchmal durfte
ich auch mit in der Zeitungsbude sitzen. Das war sehr
interessant, und ich habe auch immer das Wechselgeld
richtig herausgegeben. Einmal hat mir sogar der
Boxweltmeister Max Schmeling, der gegenüber in seinem
Stammcafé Hahnen verkehrte, das 12-Uhr-Blatt abgekauft. Ich war sehr stolz und habe »Bitte, Herr
Schmeling!« gesagt. Eine Zeitung hatte besonders häßliche Judenbilder. »Der Stürmer« nannte sie sich. Niemand
verlangte sie, außer einem älteren gutgekleideten Juden.
Es gab auch ausländische Zeitungen: Le Temps, Times
und andere. Manchmal kreuzte ein Polizist mit einer
Beschlagnahmeverfügung auf und nahm sie mit, weil
irgend etwas dringestanden haben soll, was gegen
Deutschland war. Den Polizisten war es manchmal selbst
peinlich, aber sie sagten, sie könnten auch nichts dafür.
Überhaupt stand jetzt auf den Parkbänken und auch am
Eingang zu den Schwimm- und Freibädern: »Für Juden
verboten«. Was ich komisch fand: bei Oma im Haus wohnten doch auch einige jüdische Familien, alles bessere und
wohl sogar reiche Leute, denn sie hatten die großen teuren
Wohnungen und nicht so eine schlechte wie Omas
Kellerwohnung, die selbst im Sommer kalt war und im
Winter mit den Kohleöfen erst recht nicht warm wurde.
Schon wieder mußte ich die Schule wechseln, zur
183. Volksschule in der Müller-/Ecke Triftstraße, einem
ganz alten Bau aus dem vorigen Jahrhundert, wo wir zu
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viert nebeneinander auf einer Bank saßen. Die
Tischplatten waren schon enorm zerkratzt. Und wenn
einer mal vor an die Tafel geholt wurde, mußten alle aufstehen, damit er durchkam. Die Toiletten befanden sich
auf dem Hof. Es war ein »Zwölfzylinder« ohne Türen, so
daß man immer zu sehen war, wenn man draufsaß. …
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…1939 wurde nun auch die Rest-Tschechei von unseren
Soldaten besetzt und in »Protektorat« umbenannt.
Zusammen mit dem früheren Österreich, der Ostmark,
waren wir jetzt Großdeutschland. Opa Liers stieß vor:
»Jetzt fehlen nur noch der Polnische Korridor und die früheren Kolonien!« Da wir jetzt in der 8. Klasse waren, wurden wir von Rektor Virgin übernommen, denn der Rektor
hatte seit alten Zeiten immer die letzte Klasse. Virgin, ein
alter, etwas tattriger Mann, wurde schon seit Jahren
»Musel« genannt. Er hatte das Naziabzeichen am Revers,
und im Gegensatz zu Klauck, der nie über Politik ein Wort
verloren hat, redete er viel über die »Bewegung«. Wir mußten ein Buch, geschrieben von Reichsleiter Philipp
Bouhler, erwerben, eine haarkleine Beschreibung über
Hitlers Weg an die Macht, und man merkte, daß Virgin
uns das nicht nur notgedrungen beibrachte, weil es im
Lehrplan stand, sondern daß er ein Fanatiker war. Ganze
Absätze mußten wir aus dem Buch zitieren, und Musel
war sehr ungehalten, wenn wir es nicht genauso konnten,
wie es im Buche stand.
Die Großeltern mußten in diesem Jahr die Laube in der
Kolonie »Schillerhöhe« aufgeben, da dort Neubauten
errichtet werden sollten. Bedauerlicherweise kriegten wir
jetzt zu Weihnachten keinen Karnickel mehr. Zum
Konfirmandenunterricht mußte ich nun auch noch einmal
pro Woche gehen. Pfarrer Mundt, »olle Schnauze«, erteilte
ihn. Er ging noch eindringlicher als im vormaligen schulischen Religionsunterricht auf die ganzen Wunder Jesu
ein. Mich überzeugte das natürlich nicht, was da alles so
erzählt wurde. Als er einmal fragte, welche Propheten wir
aus dem Alten Testament kennen, fiel niemandem einer
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ein. Ich rief lauthals: »Habakuk«. Den Namen hatte ich
mir gemerkt, weil er so ulkig war und in Karl Mays Buch
»Sklavenkarawane« vorkommt. Mundt freute sich, weil
wenigstens einer in der Bibel Bescheid wußte.
Sonntags vormittags sollten wir dann auch noch an einem
Kindergottesdienst
in
einer
Seitenkapelle
der
Nazarethkirche teilnehmen. Zeitlich schaffte ich das
kaum, weil wir ja zum Wochenende immer bei Oma in der
Nollendorfstraße waren. Zum Gottesdienst kamen noch
Mädchen aus der Parallelgruppe. Manche hatten schon
ganz schöne »Piezen«. Sie sonderten sich von uns Jungen
ab, setzten sich hinten hin und kicherten bloß albern. Vorn
auf dem Pult in der Kapelle lag eine große Bibel aufgeschlagen. Bevor Mundt reinkam, stellte Günther Krause
sich vorne auf und markierte den Prediger. Er las hierzu
aus der Bibel vor. »Ich hatte gar nicht gewußt, was da für
Schweinereien drinstehen, im 3. Buch Mose, Kapitel 20«,
verriet mir Krause später. Krause las laut: »Wenn eine
Frau sich zu einem Vieh tut, so soll man die Frau steinigen und das Vieh erwürgen!« Wir Jungen lachten und riefen zu den Mädchen: »Seht ihr, ihr werdet alle gesteinigt.«
Die begriffen nichts. Bei Mundt hatten wir unter anderem
auch gewisse »drei Artikel« lernen müssen. Krause predigte also weiter: »Jetzt will ich euch noch die drei Artikel
sagen: »Fotze, Arsch und Piepel, sind die drei Artikel;
Titte, Blubber, Ei, sind die anderen drei!« Die Mädchen
wurden rot, taten aber, als ob sie nichts gehört hätten.
Ich hatte dann eine Freundin, Erika Altmann aus der
Nollendorfstraße. Sie hatte einen Bubikopf und manchmal
vom Hof aus durch Omas Küchenfenster reingeguckt . Sie
war etwa anderthalb Jahre jünger als ich und wartete
sonnabends schon immer, daß ich endlich kam. Ihr Vater
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besaß ein Motorrad mit Beiwagen, welches meist vor dem
Haus stand. Wir spielten gerne darauf herum. Ich saß
vorne auf dem Sattel und Erika hinten oder im Beiwagen.
Beim Herumklettern konnte ich ab und zu ihre Schlüpfer
sehen. Als sie bemerkte, wie ich so guckte, wurde sie ganz
verlegen und sah sich von nun an immer vor. SIE hatte
noch keine Piezen. Wir unterhielten uns aber nie über so
etwas. Ich hatte sie lediglich einmal aus Neugier gefragt,
ob sie schon die »Rote Woche« habe, sie wußte aber gar
nicht, was damit gemeint war. Ich wollte nur sehen, wie
sie reagierte, wußte ja selber nicht, was es damit auf sich
hatte. Manchmal liefen wir bis zum Kleistpark. Da
tauschten viele auf den Bänken Zigarettenbilder. In jeder
Zigarettenpackung lag nämlich ein Bild, und in den teueren Sorten ab vier Pfennig das Stück waren Schecks beigefügt, die mit einer Nummer versehen waren. Wenn man
die laufenden Nummern von 1 bis 50 zusammen hatte,
konnte man die Schecks einsenden und erhielt
Bilderserien. Das deutsche Heer im Manöver zum
Beispiel. Ich hatte mal Schecks eingesandt, mir aber eine
Serie mit Bildern von Filmschauspielern schicken lassen.
Das erste Bild oben zeigte den amerikanischen
Schauspieler Robert Taylor, den ich unerhört gutaussehend fand. Apropos Zigaretten – mit Harry habe ich mir
gelegentlich schon welche gekauft. Ganz billige, SchwarzWeiß oder Caid, das Stück zweieinhalb Pfennig. Heimlich
haben wir dann geraucht, aber Harrys Mutter hat es mit
ihrer feinen Nase gewittert. Frau Wolter ist auch sehr für
Hitler gewesen. Neuerdings hatte sie sogar eine
Hakenkreuzfahne gekauft. Wenn allgemeine Beflaggung
angeordnet war, was oft genug vorkam, hängte sie diese
heraus, aber nicht wie die meisten an einem Stock, son57
dern sie zwickte sie mit Reißzwecken an den
Blumenkasten an, damit es den übrigen Hausbewohnern
nicht zu sehr auffiel. Als ich einmal bemerkte: »Na, jetzt
haben sie auch so einen Lappen rausgehängt«, wurde sie
wütend und fauchte: »So etwas möchte ich nie wieder von
dir hören!«
Harrys Bruder wurde zur Wehrmacht eingezogen. Er war
kleiner HJ-Führer. Harry war aber genauso wie ich nicht
in der HJ beziehungsweise im Jungvolk. Uns hatte auch
nie jemand aufgefordert, da einzutreten. Man konnte aber
dann keinem Sportverein beitreten und ebensowenig die
höhere Schule besuchen, was in unseren Kreisen ohnehin
nicht üblich war (in den Kanuclub »Jörsfelde« am Tegeler
See wäre ich aber sehr gerne eingetreten).
In Omas Haus wohnte ein Junge, Wolfgang Zafke mit
Namen, der die Mittelschule besuchte und eine grüne
Schülermütze mit zwei Sternen trug. Der bildete sich
wunder was ein und kam sich als was Besseres vor, bloß
weil ich dagegen in die Volksschule ging. Ich wünschte
ihm nichts Schlechtes, 1946 soll er jedoch an Tbc gestorben sein.
Dem Vernehmen nach wichsten sie in unserer Klasse jetzt
fast alle, was das Zeug hielt. Na ja. Harry jedenfalls, hatte
eine Phimose, ein Vorhautproblem. Pinkeln konnte er
zwar, aber in der Klasse war gleich von Operation die
Rede, wenn er später mal vögeln wolle.
Mit dem Kinderchor traten wir hier und da bei
Veranstaltungen
auf.
Zum
Beispiel
beim
Hausfrauennachmittag in den Marmorsälen am Zoo. Wir
waren stolz, daß die Leute so klatschten, und kamen uns
wer weiß wie vor. Die Auftritte besserten unser
Taschengeld auf. Etwas Geld verdienten wir uns auch,
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wenn wir dem Obsthändler Schröder in der Luxemburger
Straße unter die Arme griffen. Harry kannte Schröder,
weil er im Nebenhaus wohnte. Er muß wohlhabend gewesen sein, denn er hatte vorne sämtliche Zähne aus Gold.
Aber er nutzte uns richtig aus. Abends halfen wir, den
Obstwagen von der Luxemburger Straße zur Garage in
der Schulstraße zu schieben. Schröder war ein Geizhals,
nicht mal Anstoßobst überließ er uns.
Ich hatte inzwischen schon so viel gespart, daß ich mir
eine richtige Aktentasche kaufen konnte und nicht mehr
die Schulmappe nehmen mußte. Ich hatte sie zwar schon
lange nicht mehr auf dem Rücken getragen, da Mama
beim Schuster aus den Riemen einen Tragegriff hat annähen lassen, aber es sah doch immer noch kindlich aus. Die
Aktentasche kostete 7,50 Mark, was ein schönes Loch in
meine Kasse gerissen hat.
In der Schule hatte mir jemand das dicke Realienbuch
geklaut. Ich mußte notgedrungen wieder Geld berappen
und für vier Mark ein neues kaufen. Das alte hatte an der
Seite einen großen Tintenfleck. Bei Günter Reichenbach,
der ein Stänkerer war, aber ziemlich stark, weswegen sich
keiner traute, sich mit ihm anzulegen, erblickte ich eines
Tages mein altes Buch und meldete es Virgin. Der verdrosch Reichenbach unheimlich, und er mußte mir mein
Buch zurückgeben. Das neue nahm der Buchhändler Gott
sei Dank wieder zurück. Er gab mir aber bloß einen
Gutschein über vier Mark, und immer, wenn ich ein
Schreibheft kaufte, zog er den Heftpreis ab. Es dauerte
lange, bis die vier Mark verbraucht waren.
Alle munkelten, daß es nun bald Krieg geben würde. Die
Polen sollten die Auslansdeutschen so schikanieren. Im
Radio spielten sie laufend den »Marsch der Deutschen in
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Polen«. Er sollte die allgemeine Stimmung gegen die Polen
aufheizen. Es ist fast so gewesen wie damals mit dem
Sudetenland.
Am 1. September war es soweit. Wir marschierten in
Polen ein. Mama ahnte, jetzt komme es wieder so wie im
Weltkrieg. Bald würde es nichts mehr zu kaufen geben.
Schnell machte sie mit mir noch einen Sprung rüber in
den Seifenladen von Frau Stürz, und wir kauften fünfzehn
Stück Toilettenseife. Das schien ihr im Moment das
Wichtigste zu sein, denn sie hatte immer von der
Lehmseife im Ersten Weltkrieg gesprochen.
Irgendwie lag eine Spannung in der Luft. Nach drei Tagen
erklärten uns England und Frankreich den Krieg. Unsere
Wehrmacht marschierte in Polen so schnell vor, daß unser
Turnlehrer Herr Krüger vermutete, daß wir den Krieg
schon gewonnen haben werden, bevor wir groß genug
wären, um Soldaten werden zu können. Beinah hatte ich
das schade gefunden, denn ich hatte ja soviel von den
Heldentaten unserer Soldaten gehört und stellte es mir
gar nicht gefährlich vor. Er erzählte uns von Flandern, wo
er im Weltkrieg gekämpft hatte.
Statt Turnen machten wir nun Geländespiele und übten
Marschieren. Das Marschieren fand ich fast besser als
immer dieses blöde Geräteturnen am Barren und am
Reck. Krüger ging hinter unserer Marschkolonne her und
gab eine Parole durch: »Parole Prien« nach dem U-BootKommandanten Prien, der in einer englischen Bucht
feindliche Kriegsschiffe versenkt hatte. Bis die Parole
vorn in der ersten Reihe angekommen war, hatte sich der
Text so verändert, weil jeder ihn seinem Vordermann ganz
schnell wie undeutlich zugeflüstert hat, so daß ein »Paul
frißt einen Priem« herauskam. Herr Krüger war verärgert
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und zischte, er würde uns den Marsch schon blasen.
Lebensmittel waren jetzt nicht mehr einfach so zu kaufen.
Es lief nun alles über die Lebenmittelkarten. Mir als Kind
standen noch Extrarationen zu. So gab es für mich täglich
einen Viertelliter Vollmilch. Ansonsten nur Magermilch.
Wenn ich zum Kuhstall in die Lindower Straße trabte,
mußte ich zwei Milchkannen mitnehmen. Die Vollmilch
sah dick, gelblich und sahnig aus. Die Magermilch wässerig und bläulich, sie wurde auch »Blauer Heinrich«
genannt. Im Kuhstall standen zirka zehn Kühe, und der
Liter Milch kostete vierundzwanzig Pfennige.
Beim Einkauf von Wurst schnitten die Verkäuferinnen
jetzt hauchdünne Scheiben und wogen sie ganz knapp ab.
Mama meinte: »Die wiegen am liebsten noch ihre Finger
mit!« Das hatte sie nie vergessen. Als es etwa zehn Jahre
später wieder alles zu kaufen gab und die Verkäuferinnen
fragten: »Darf es etwas mehr sein?«, bestand Mama darauf, nur genau die verlangte Menge zu bekommen.
Die Fenster mußten abends verdunkelt werden, so daß
kein bißchen Licht herausschien. Unser Luftschutzwart
war der Blockwalter Herr Schultz aus dem Vorderhaus. Es
war ein Wichtigtuer, und keiner nahm ihn im Grunde für
voll. Schon bei den Probealarmen, also bei denen noch gar
keine Gefahr bestand, hatte er einen Stahlhelm auf und
eine Gasmaske umhängen. Aber keiner wagte, ihn deshalb
zu verspotten. Blockwart Schultz kontrollierte täglich,
und wenn irgendwo ein Schimmer zu sehen war, rief er auf
dem Hof laut: »Licht aus!« Da keiner wußte, wer gemeint
war, öffnete jeder das Fenster, um zu sehen, ob es ihn
betrifft. Natürlich vergaßen die Leute, vorher das Licht
auszuknipsen, und von überall leuchtete es dann auf den
Hof. Schultz tobte wie ein Verrückter.
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Das ganze Gerümpel in den Hauskellern mußte rausgeräumt werden, weil ein Luftschutzkeller eingerichtet
wurde. Wir wußten gar nicht, wo wir mit unseren
Preßkohlen hinsollten, die wir gerade noch zum
Sommerpreis eingekellert hatten. Die Blumenfrau Frl.
Stegemann genehmigte uns dann, sie bei ihr im
Blumenkeller unter dem Hausflur zu lagern.
Eimerweise mußte ich die Kohlen mit Papa rumtragen.
Papa nahm immer gleich zwei Eimer, ich nur einen. Das
einseitige Tragen war aber sehr anstrengend.
1948 haben wir uns einen Bergungsschein (damit man
nicht für einen Plünderer gehalten wurde) vom
Bezirksamt besorgt und mit einer Spitzhacke vergeblich
versucht, zu den Kohlen vorzudringen.
Es durfte auch nicht mehr jeder mit seinem Auto herumfahren. Benzin war knapp, weil es die Wehrmacht benötigte. Nur noch wirklich wichtige Fahrten waren erlaubt,
und wer die Erlaubnis bekam, erhielt einen roten Winkel
auf dem Nummernschild. Über die Auto- sowie über die
Fahrradlampen mußten Kapuzen gezogen werden, so daß
nur noch ein schmaler Schein aus dem Schlitz in der Mitte
durchkam. Die Straßenlaternen wurden auch nicht mehr
angeschaltet, und bis man sich an die Dunkelheit gewöhnt
hatte, tapste man herum und rannte sich an.
Wenn für das Winterhilfswerk gesammelt wurde und man
mindestens zwanzig Pfennig spendete, hat man ein
Abzeichen bekommen, welches flimmerte, wenn man es
vorher unter ein Licht gehalten hat. Lange leuchtete so
ein Abzeichen aber nicht.
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Einberufung
… Nach knapp drei Monaten war der Arbeitsdienst beendet, und ich konnte wieder nach Berlin zurück. Zu Borsig
brauchte ich aber erst gar nicht mehr zurück, denn der
Einberufungsbefehl zur Wehrmacht kam bald. Nach Linz
an der Donau in der Ostmark, also dem früheren Österreich, mußte ich fahren. Die Einheit nannte sich Schwere
Flakersatzabteilung 38. Vom Anhalter Bahnhof fuhr ich
los. Papa reichte mir zum Abschied noch sein
Taschenmesser.
Die Einkleidung erfolgte praktisch: jeder kriegte eine
Uniform an den Kopf geworfen, und wir sollten sie untereinander austauschen, bis alle eine passende hatten. Für
meine zu weite Jacke fand ich keinen Tauschpartner, so
daß ich hinten auf dem Rücken lauter Falten hatte, was
mich sehr ärgerte. An den Kammerbullen wandte ich mich
nicht, da das Stammpersonal nur herumschnauzte. Überhaupt triezte man uns ganz schön. Ohne Mantel, nur mit
Jacke und Hose mußten wir exerzieren. Trotz der dünnen
Strickhandschuhe hatte man eiskalte Hände. Wenn nicht
gleich alles klappte, rief der Unteroffizier: »Bis an den
Horizont, marsch, marsch!« Dann wieder antreten, und
wenn einer gesprochen hatte, wurden wir erneut
gescheucht.
Die Unteroffiziere aller Armeen der Welt sind eben
Idioten. Es war sinnlos, der eigene Wille sollte gebrochen
werden.
Nach einer Woche fragte ich den Spieß nach Ausgang. Na,
da habe ich vielleicht ins Fettnäpfchen getreten! Er schrie
mich an, erst müsse ich mal ordentlich laufen lernen.
Kurze Zeit später durften wir dann aber jovialermaßen
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zugweise nach Leonding bei Linz zum Grab von Adolf
Hitlers Eltern pilgern. Als einziger lehnte ich dankend ab
und sagte dem Zugführer, daß der Herr Hauptfeldwebel
gemeint hätte, ich müsse erst mal laufen lernen.
Argwöhnisch sah er mich an, und auch die anderen gukkten merkwürdig. Sie hatten mich wohl richtig eingeschätzt. Der Zugführer versicherte mir dann auch: »Na,
das Laufen werde ich Ihnen schon noch beibringen!« Ich
konnte dann dableiben, wurde aber zukünftig als
Außenseiter angesehen. Ansonsten hatte es weiter keine
Folgen.
Während des Kompanieunterrichts, den ein blutjunger
Leutnant abhielt, schaute ich kurz zum Fenster, an das
die Schneeflocken rieselten. Er brüllte wie ein Irrer. Ich
mußte vorkommen und fünfundzwanzig Kniebeugen
machen. Dabei hatte ich jedesmal laut zu rufen: »Mit mir
hat Hermann Göring einen Fang gemacht!« Aber keiner
lachte.
Nach zwei Wochen wurde ich mit einigen Kameraden nach
Krems Mautern an der Donau in die schöne Wachau
abkommandiert.
Flakscheinwerferersatzabteilung schimpfte sich der
Verein. Wir haben aber nichts mit der Flak zu tun gehabt.
Wegen des Totalen Krieges hatte man die Musikkorps der
Luftwaffe aufgelöst und war der Meinung, daß Musiker
ein gutes Gehör hätten, so daß sie zu Funkern ausgebildet
werden könnten. Die Musiker waren fast alle Unteroffiziere und Feldwebel. Anfang März wurden wir nach Lyon
im südlichen Frankreich zur Luftnachrichtenschule 4
abkommandiert. Nach Südfrankreich wollte ich schon
immer mal hin, am liebsten an die Riviera. Da ich das
Funkzeugnis, welches ich im Wehrertüchtigungslager
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erhalten hatte, im Soldbuch habe eintragen lassen, wurde
ich zweckmäßigerweise dazugesteckt. Ich war der Jüngste
unter den ganzen Chargierten. Als Kaserne diente das
ehemalige Lycée national du Park in Lyon. Der Lehrgang
galt als ULK, also Unteroffizierslehrgang, den ich als junger Rekrut eigentlich noch gar nicht hätte besuchen dürfen, und fast alle anderen waren ja schon Unteroffiziere.
Aber so ist das nun mal mit der Bürokratie.
Von allen konnte ich schon als einziger Morsen, dank des
WE-Lagers, und hatte gleich eine gute Nummer. Abends
und zum Wochenende bekamen wir Ausgang, außer wenn
man zur Wache eingeteilt worden war. Ein bißchen hochnäsig behandelten mich die anderen schon, weil mein
Dienstgrad »Kanonier« war. Sie selbst als ehemalige
Berufsmusiker waren aber auch nicht gerade zackige
Soldaten. …
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MITGEFANGEN – MITGEHANGEN
Aus der Wasserleitung hatte ich vorher noch trinken können. Ich lag auf dem kahlen Fußboden und fand keinen
Schlaf. Die Gedanken gingen mir durch den Kopf, wenigstens hatte ich den Krieg überstanden und bald würde ich
ja wieder in Berlin sein. Als Einzelkind ein kleines
Muttersöhnchen, dachte ich, was die Eltern jetzt so
machen würden. Sicherlich würden sie auch an mich denken. Seit vier Wochen hatte ich nicht mehr schreiben können und seit Holland auch keine Post mehr bekommen.
Bald mußte ich dringend pinkeln. Ich klopfte erst zaghaft,
dann stärker an die Tür. Schließlich rief ich auch noch.
Der einzige Erfolg bestand darin, daß der olle Oberst, den
man, wie ich nun merkte, nebenan eingesperrt hatte, fordernd rief: »Ich bitte mir Ruhe aus!« – »Immer noch unverschämt diese verfluchten Hunde«, dachte ich und blaffte:
»Halt die Schnauze, du Arschloch!« Das muß man sich mal
vorstellen, so ein Oberst war vorher ein ganz hohes Tier,
und jetzt konnte ich ihm so etwas hinschmettern.
Herrlich, daß wir den Krieg verloren haben und uns dieses
Pack nichts mehr zu sagen hatte! Dann öffnete ich das
Fenster und bemerkte unten einen Wachtposten. Ich
machte mich bemerkbar und versuchte ihm klarzumachen, daß ich ganz dringend auf die Toilette müßte. Er
verstand nicht, oder wollte nicht verstehen, und quäkte in
seinem amerikanischen Slang etwas zu mir hoch. Mein
Druck wurde immer stärker und stärker, und ich schnauzte ihn an: »Mensch, ick muß pissen, du Idiot!« Da hörte ich
das Klicken eines Gewehrverschlusses, zog den Kopf ein
und schloß das Fenster. Ich pinkelte dann in zwei der kleinen geleerten Konservendosen und dachte mit Schrecken,
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was ich wohl machen sollte, wenn ich wieder Durchfall
bekäme, es fing vor Angst bereits im Bauch zu grummeln
an. Ich hielt aber bis zum Morgen durch. Dann hat man
mich nach unten geholt.
Ich glaube, ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht, und ohne Kopfunterlage konnte ich auch nicht
richtig liegen. Ich hatte zwar mein Jackett zusammengerollt und als Kopfkissen benutzt, aber mir wurde kalt, und
ich habe es wieder angezogen.
Der Oberst würdigte mich keines Blickes. Wir wurden
getrennt weggebracht. Auf einen kleinen Dodge mit
Ladefläche mußte ich klettern und wurde von zwei
Wachposten bewacht. Es ging über eine Pontonbrücke.
Links und rechts hingen Sperrballons an Seilen, wohl um
deutsche Tieffliegerangriffe zu verhindern. Man lud mich
vor einem Acker ab. Mit Stacheldrahtrollen hatte man
zirka zweitausend deutsche Gefangene, fast alle in
Uniformen, eingesperrt. Es gab je zwei Büchsen mit weißen Bohnen. Das Schlimmste war die Versorgung mit
Trinkwasser. Waschzuber mit brackigem Chlorwasser
waren aufgestellt. Wir wurden unter lautem Geschrei
zuzüglich Geprügel mit Holzknüppeln daran vorbeigetrieben und konnten im Laufen mit einer leeren
Konservendose einen Schluck schöpfen. Blitzschnell trank
ich aus, wollte an der nächsten Tonne noch mal nachfassen, da spürte ich schon einen Schlag im Kreuz. Ich war
über die Maßen enttäuscht. Von den Amerikanern hatte
ich das nicht erwartet. Erst die mir heilige Uhr geraubt
und jetzt noch Prügelstrafe. Ich wußte natürlich, daß wir
Deutsche die Gefangenen, besonders die Russen und
Polen, sehr schlecht behandelt hatten. Man kannte ja aus
der Wochenschau die furchtbaren Bilder mit den
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Hundertausenden gefangener Russen. Auf der anderen
Seite hatte ich in Berlin gesehen, daß die Offiziere der
Franzosen sogar ihre Degen behalten durften. Auch wäre
es uns niemals eingefallen, einem Gefangenen die Uhr zu
rauben. Von Amerika hatte ich, schon durch das Lesen der
Wildwestschmöker, Huckleberry Finn und so, immer sehr
viel gehalten.
Am 20. April, Hitlers Geburtstag, fuhren Panzer auf. Sie
richteten ihre Kanonenrohre auf uns und hätten sich, da
sie sich gegenüberstanden, theoretisch selbst beschossen.
Es sollte sicher nur der Einschüchterung dienen, tat es
aber nicht. Man dachte wohl, daß wir einen Aufstand
machen würden. Wir hatten andere Sorgen, wo es was zu
trinken gab und wo man seine Notdurft erledigen konnte.
Einige Tage später verlud man uns auf große Sattelschlepper. Die Fahrer waren Neger. Sie flachsten und
machten Späße, gaben uns sogar Kekse, wenn auch nicht
jeder was abkriegte. Es waren gutmütige Kerle, wenn sie
bloß nicht so schnell gefahren wären. In den Kurven dachten wir, daß wir über Bord fallen würden. Wir landeten in
dem riesigen Gefangenenlager Rheinberg auf den feuchten Rheinwiesen. Schätzungweise hunderttausend
Gefangene waren hier. Durch Ziehen von Zwischenzäunen
wurden einzelne Cages (Käfige) eingerichtet, also zur
Unterbringung der Kriegsgefangenen gemäß ihren
Rangordnungen. Die Unterteilung gestaltete sich demnach wie folgt. Generalstabsoffiziere mit roten Streifen –
sie bekamen natürlich Zelte und Feldbetten und hatten
auch noch ihr ganzes Gepäck bei sich – dann die normalen
Offiziere, weiter ungefähr zweitausend weibliche gefangene Luftwaffen- beziehungsweise Stabshelferinnen der
Wehrmacht, sowie die Unteroffiziere und Mannschaften.
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Die beiden letztgenannten Gruppen mußten auf dem nassen Boden liegen. Jeder grub sich ein Erdloch und unterhöhlte es seitlich, um sich, so gut es ging, zu schützen. Die
Nächte waren sehr kalt, und zu allem Unglück setzte noch
ein tagelanger Dauerregen ein. Die meisten hatten wenigstens noch ihre Mäntel oder sogar Zeltbahnen in ihrem
Besitz, welche sie zusammengeknüpft zu viert nutzen
konnten. Ich armes Schwein hatte nur die Jacke und die
dünne Hose an. Zu essen gab es fast nichts, wenige Kekse.
Viele mußten sich eine Büchse mit »Meat and vegetable
Stew«, ein undefinierbares Zeugs, teilen. Eine Handvoll
rohe weiße Bohnen gab es. Ich steckte sie rings in den
Sandwall meines Loches. Nach einigen Wochen keimten
sie, und es sah aus wie ein kleiner Garten. Merkwürdig,
sein kleines Loch sah man schon fast als Zuhause an.
Wegen des zeitweiligen Dauerregens war es aber nicht
möglich, sich ständig im Erdloch aufzuhalten, da alles
matschig war und die Erdmassen nachrutschten. Wir
haben dann die ganze Nacht bei völliger Dunkelheit
gestanden, uns zu etwa zwanzig Mann untergehakt und
einen Kreis gebildet, damit niemand vor Schwäche umfallen konnte. Leise haben wir dann gesungen oder
gesummt, wobei wohl jeder noch an seine Lieben zu Hause
dachte. Es war das erste und einzige Mal im Leben, daß
ich fast aufgegeben hatte.
Am 9. Mai fuhr ein Lautsprecherwagen auf, und
der Sprecher verkündete auf deutsch, daß Deutschland
bedingungslos kapituliert hat. Die Reaktion der
Gefangenen war nicht übermäßig. Mir lief vor Freude und
Ergriffenheit eine Träne über die Wange. Hingegen resümierte ein Feldwebel: »Es war eine große Zeit.«
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Es gab viele Tanzlokale in Berlin, die meisten im Ostsektor. Ich ging in die »Rheinterassen«, in den »Franziskaner«
und in die »Ikra« unter dem Friedrichstadtpalast. Auch
mal in die »Badewanne« in der Nürnberger Straße. Die
Mädchen waren in der Überzahl, da der Krieg so viele
Männer gefordert hatte, viele waren ja auch noch in
Gefangenschaft. Mein erstes »Opfer« war eine zierliche,
noch jungfräuliche Achtzehnjährige aus Neu-Lichtenberg.
Es geschah im Tegeler Forst. Es war Frühjahr, und die
Bäume und Sträucher hatten noch keine Blätter. Wir
mußten in eine Kieferschonung gehen. Anneliese hatte ein
enges schwarzes Kostüm an, und der Rock ließ sich nicht
so einfach hochschieben. Es war eine Plackerei.
Anschließend sind wir in das Tanzlokal »Feengrotte« am
Havelufer tanzen gegangen. Ich weiß noch, als Anneliese
von der Toilette zurückkam, wie sie da sagte: »Jetzt ist die
ganze Wäsche eingesaut, aber ich bin froh, daß ich es hinter mir habe.«
Andere folgten. Aus allen möglichen Bezirken kamen sie,
aber nie hatte ich eine Freundin vom Wedding. In den
wenigen Fällen, in denen ich die Eltern kennenlernte,
hatte ich den Eindruck, daß mich die Mütter mochten,
hingegen haben sich die Väter reserviert bis unwirsch verhalten. Sie werden sich vorgestellt haben, was dieser Kerl
mit ihrem wohlbehüteten Töchterlein so alles angestellt
haben wird. Im Nachhinein muß ich sagen: recht hatten
sie, denn wenn ich eine Tochter hätte, würde ich auch
nicht wollen, daß sie so einen Windhund, wie ich es
damals war, anbringen würde. In einem Fall ging eine
Freundschaft aber gewissermaßen durch Politik zu Ende.
So hatte ich ein Mädchen im US-Sektor, dessen Vater ehemaliger Angehöriger der Nazipartei war. Hauptberuflich
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ist dieser auch bei einer Parteidienststelle beschäftigt
gewesen. Jetzt hing er immer noch seinen alten Ansichten
nach. Das konnte mit mir natürlich nicht gutgehen.
So leidlich ging es bald mit dem Tanzen. Ich habe nur nie
offen tanzen können, also kein Rock’n Roll oder ähnliches.
Bei Damenwahl spielten die Kapellen immer Tango. Ich
ahnte es schon, wenn die Saxophonspieler zur Geige griffen. Dann verkrümelte ich mich rechtzeitig auf die
Toilette, da immer die unattraktivsten Mädchen, die sonst
keine Tänzer abbekamen, die Damenwahl nutzten. Wenn
ich mit so einem nicht sonderlich hübschen Mädchen
getanzt hatte, bekam ich immer das Gefühl, daß die
Zuschauer heimlich grinsten. Dem wollte ich entgehen.
Überdies sollte man sich dann ja auch noch als Kavalier
revanchieren. Fest wollte ich mich sowieso noch nicht binden. Die ganz große Liebe war auch nie dabei. Ich hätte
mit keiner mein zukünftiges Leben verbringen mögen.
Mit der Währungsreform, erst in den Westsektoren und
dann auch im Ostsektor, kam die Blockade mit den
Stromsperren. Die meisten Leute in den Westsektoren
wurden in der Folge arbeitslos. Die Russen ließen nichts
mehr auf dem Landwege durch. Wegen fehlender Kohle
konnten die Kraftwerke nur noch stundenweise Strom liefem, und die meisten Betriebe schlossen in den
Westsektoren. Selbst die Straßenbahnen fuhren nur bis 19
Uhr. Dagegen fuhr die S-Bahn ständig weiter, da sie dem
Osten unterstand und Strom aus dem Ostsektor erhielt.
Ehe die Luftbrücke von den Westmächten organisiert war,
wurden die Lebensmittel knapp. Auch als die Luftbrücke
in Gang kam, gab es nur Kartoffelpulver, Eipulver, und die
Kohlen waren keine Preßkohlen, sondern nur Gruß. In
besonders schlechter Erinnerung ist mir hierbei das
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Kartoffelpulver »Pom« geblieben. Man konnte nur einen
klebrigen Brei damit fertigen. Wenn heute viel von den
sogenannten Care-Paketen die Rede ist, so kann ich nur
sagen, daß wir niemals so ein Ding bekommen haben, und
ich kenne auch niemanden, der eins erhalten hat.
Wahrscheinlich wurden sie an Günstlinge verschoben. Es
wurde aber den Westberlinern angeboten, sich mit ihren
Lebensmittelkarten im Ostsektor eintragen zu lassen. Das
haben nur höchstens zehn Prozent getan, hauptsächlich
Kommunisten. Wenn es alle gemacht hätten, wären sie
dem Osten ausgeliefert gewesen, und man hätte sie
erpressen können. So war es verpönt. Die Rationen im
Ostsektor waren aber auch nicht doll. Sechzig Westmark
hatte jeder bekommen. Zahlungsmittel auch im Westen
war die Ostmark, zumindest für die Miete und die
Lebensmittel, die es auf Karten gab.
Schon Monate vor der Währungsreform kreisten
Gerüchte, daß es bald neues Geld geben würde. Ich hatte
kalkuliert, daß sich das sicherlich nur auf das Papiergeld
beziehen würde. Seit langem hatte ich sämtliches
Hartgeld, das ich beim Wechseln herausbekam, zurückgelegt. Ständig habe ich am Fahrkartenschalter der S-Bahn
Fahrkarten zu zwanzig Pfennigen gekauft, nur um
Hartgeld herauszubekommen, wobei die Kartenverkäufer
murrten, weil Kleingeld knapp war. Meine Rechnung ging
auf, und ich startete gleich mit einer größeren Summe des
neuen Geldes. Es galt aber auch noch, rechtzeitig das
sogenannte Alliierten-Geld loszuwerden. Es waren
Scheine, die die Amerikaner schon 1944 in den USA vorsorglich hatten drucken lassen. Bei Schwarzmarktgeschäften, wenn sie Zigaretten verkauften, nahmen US-Soldaten nur dieses Geld. Es war wie in der
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Ukraine, wo die deutschen Besatzer ja auch eigenes Geld,
den sogenannten Karbowanez, ausgegeben hatten.
In der Schulstraße und in der Prinz-Eugen-Straße in
Wedding gab es schon seit langem einen Schwarzmarkt.
Ich hatte mir dort sogar schon mal für fünfunddreißig
Mark ein Brot gekauft und es während einer Kinovorstellung restlos aufgegessen. Nun bummelte ich mit dem
neuen Geld umher. Ein Mann bot zwei Ostmark für eine
Westmark. Ich tauschte das ganze Geld um. Dann bekam
ich Bedenken und bot den umstehenden Hausfrauen einen
Kurs von eineinhalb an. Sie rissen sich drum. So hatte ich
ganz auf die Schnelle neunzig Mark und suchte meinen
ersten Tauschpartner. Er gab wieder zwei zu eins. So ging
es mehrere Male hin und her. Zum Schluß hatte ich einige
hundert Mark, ein kleines Vermögen. Bald wurden auch
offizielle Wechselstuben eingerichtet. Hier betrug der
Kurs eins zu vier oder gar eins zu sechs. Es war aber nicht
ein Kurs, der sich nach Angebot und Nachfrage richtete,
sondern ein künstlicher Kurs, um den Osten zu schaden.
Die Wechselstuben tauschten nur einen Betrag bis zu fünf
Westmark um, und man mußte dazu noch lange anstehen.
Schieber, die mit wer weiß was handelten, benötigten größere Beträge Westmark. Sie boten einen etwas niedrigeren Kurs als die Wechselstuben. Ich tauschte bei ihnen
und gab dann in Kleinbeträgen noch etwas weniger. Bald
hatte ich Stammkundinnen, die nur bei mir tauschten. So
habe ich dann unplanmäßig ein ganzes Jahr als illegaler
Geldwechsler in der Schulstraße und gelegentlich auch
am Bahnhof Zoo »gearbeitet«. Niemandem habe ich dabei
geschadet, eigentlich nur genützt. Das Wechseln sah ich
auch nicht als so verwerflich an wie das Verschieben von
Lebensmitteln.
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Einmal sprach mich ein Mann in der Schulstraße an:
»Kennst du mich denn nicht mehr?« – »Nein!« – »Na ich
bin Heiduck, dein alter Lehrer!« Tatsache, er war es und
er erzählte mir, daß er schon immer Sozialdemokrat war.
Also, daß der mich wiedererkannt hat! Ein anderes Mal
wurde ich von Polizei in Zivil festgenommen und zur
Inspektion in der Pankstraße gebracht. Während ich so
mit dem Polizisten ging, hörte ich hinter mir ein leises
Hüsteln. Es war mein Vater. Wir hatten meist zu zweit
gearbeitet. Einer hatte Kunden gesucht, der andere das
Geld gehabt. Er kam uns nun dicht nach, und ich konnte
ihm unauffällig das ganze dicke Geldbündel geben. Wie
mich die Polizisten in der Pankstraße durchsuchten und
nichts fanden, guckten sie ganz schön dumm und mußten
mich wieder laufen lassen. Als dann die Westmark zum
alleinigen Zahlungsmittel in West-Berlin erklärt wurde,
war es mit der Tauscherei vorbei.
Arbeit gab es zu dieser Zeit immer noch nicht. Vom
Arbeitsamt erhielt ich sechzehn Mark die Woche. Vorher
hatte ich manchmal hundert am Tag verdient. Es bestand
bald die Möglichkeit, Notstandsarbeit im Straßenbau zu
verrichten. sechsunddreißig Mark die Woche bekam man
dafür und durfte diese Tätigkeit nur sechs Monate lang
ausüben. Als Notstandsarbeiter war man nur mit
Hilfsarbeiten beschäftigt. Ich wurde auch bei einer
Steinsetzfirma eingestellt. Ich hatte aber schon des öfteren den Steinsetzern zugesehen und traute mir ihre Arbeit
zu. So kniete ich mich eines Tages neben einem gelernten
Steinsetzer hin und fing auch an zu pflastern. Der Polier
brubbelte erst etwas, sagte dann aber nichts mehr, da mir
das Pflastern gut gelang. Ich veräppelte die gelernten
Setzer, daß sie drei Jahre Lehrzeit dafür gebraucht hät207
ten. Ein anderes Mal arbeitete ich dann noch an einer
Teersprühmaschine.
Eines Tages traf ich einen alten Klassenkameraden in
Polizeiuniform. Er sagte, daß er zweihundert Mark
monatlich erhalten würde, und ich solle mich doch auch
einfach melden. Ich überlegte lange, dann ging ich mehr
oder weniger zur anderen Seite über, zu denen, die mich
gejagt hatten, obwohl sie ohne Käufe auf dem
Schwarzmarkt auch nicht hätten überleben können.
Im Zuge der Bewerbung mußte ich eine Sportprüfung
ablegen, ein Diktat sowie Rechenaufgaben bestehen und
mich ärztlich untersuchen lassen.
Die Einsatzkommandos wurden erst im Laufe desselben
Jahres aufgestellt, und es herrschte Mangel an geeigneten
Leuten. Damit sei aber nicht gesagt, daß man jedermann
genommen hätte. Zum Glück war meine Wechselei nicht
bekannt.
Am 12. Dezember 1950 konnte ich beim Einsatzkommando Tiergarten in Moabit anfangen. Die Leute aus
dem Haus haben ganz schön geguckt, als ich in Uniform
auftauchte.
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