Vergessene Zivilisationskrankheiten - Esther Fischer

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Vergessene Zivilisationskrankheiten - Esther Fischer
Sonderdruck aus:
Umwelt und Mensch
Körperliche und seelische Auswirkungen
Universität Bern Kulturhistorische Vorlesungen
Peter Lang
Bern ∙ Frankfurt am Main ∙ Las Vegas
VERGESSENE ZIVILISATIONSKRANKHEITEN
E sther F ischer -H omberger*
Wenn ich hier über das Aufblühen und Vergessenwerden von Zivilisationskrankheiten erzähle, so ist mit “Zivilisation” jene Verfeinerung der Lebensweise gemeint, die
die technische und wirtschaftliche Entwicklung der Neuzeit mit sich gebracht hat.
Diese Entwicklung ist nun zwar älter als die sogenannte Neuzeit. Die Technisierung
des Gewerbes, das Aufblühen des Handels und der Städte, die systematische Pflege
der Wissenschaften, diese grundlegenden Träger der neuzeitlichen Zivilisation, gehen
tief ins Mittelalter zurück. Wichtige Anfänge liegen in der Zeit der Rezeption des von
den Arabern ins Abendland gebrachten Kultur- und Gedankengutes in den ersten
Jahrhunderten unseres Jahrtausends. Aber erst mit der Neuzeit haben die Europäer
die Tatsache, dass diese Entwicklungen von Generation zu Generation tiefgreifende
Veränderungen der Lebensgewohnheiten mit sich brachten, als solche in ihre Kultur
bzw. in ihr Erleben der Welt eingebaut. Die Bezeichnung “Neuzeit” selbst (17. Jhdt.)
samt deren Abhebung vom nun so genannten “Mittelalter”, die bei den Humanisten
des 15. Jahrhunderts zuerst gefunden wird 1, bringt diesen Umschwung im Erleben der
eigenen Geschichte zum Ausdruck.
Die Auffassung , das Abweichen von Altem dominiere das moderne Leben, scheint sich
im 15. und 16. Jahrhundert vor allem auch unter dem Eindruck der Reformation, der
Entdeckungen, des Schiesspulvers, des Humanismus (der die alten Schriften mehr als
historische Quellen denn als Quell der Wahrheit betrachtete) und des Buchdrucks
verbreitet zu haben. Dem Buchdruck kam dabei als einem Massenmedium, das an der
Verbreitung der Idee vom Neuen schon mit Blick auf die dadurch gewissermassen
garantierte Erneuerung seines Absatzmarktes selbst interessiert war, wohl besondere
Bedeutung zu.
Zuerst sprach man halb verschämt zwar noch von “ Wieder”geburt und Er-Neuerung ,
Re-naissance und Re-formation , als ob das ganze nur ein Anknüpfen an Altes wäre.
Man knüpfte damit noch an die Tradition des Mittelalters an, welches Neues lieber als
Wiederkehr alter Erkenntnisse und Gestaltungen betrachtete denn als wirklich Neues.
Mit der Zeit aber wurde die Hochwertung des Neuen zum abendländischen Kultur* Aus:
Umwelt und Mensch. Körperliche und seelische Auswirkungen, hrsg. v. André
Mercier (=Universität Bern, Kulturhistorische Vorlesungen [1976/77]). Lang:
Bern-Frankfurt/M.-Las Vegas 1978, S. 9-38. An einigen Stellen leicht modifiziert.
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UMWELT UND MENSCH
zug. Die Neuigkeiten häuften sich im 15. und 16. Jahrhundert auch so sehr, dass es
allmählich praktischer wurde, sie einfach als Niedagewesenes zu akzeptieren als sie alle
in mühsamer Gelehrtenarbeit in den alten Schriften nachzuweisen. Die Angst, welche
die Begegnung mit Neuem und Ungewohntem mit sich zu bringen pflegt, bewältigte
man durch eine ausgesprochene Freude am Umbruch und am Wagnis, den Stolz des
Pioniers und die Idee, der Weg der neuzeitlichen Zivilisation sei der Weg zur Erlösung
von menschlichem Leid.
Die Zivilisationskrankheiten repräsentierten dabei die Schattenseiten der neuzeitlichen Entwicklungen, den Preis für die neuen Errungenschaften, die Strafe
der beleidigten, übermenschlichen Instanzen für den freventlichen menschlichen
Schritt zur Selbsterlösung. So hat im Mythos Z EUS die Menschen bestraft, nachdem
P ROMETHEUS (der Vorbedacht) im Himmel für sie das Feuer, den Inbegriff der Zivilisation, gestohlen hatte: er liess ihnen durch P ANDORA jene ominöse Büchse voller
Uebel und Krankheiten schicken, die seither die Erde bevölkern 2. Eine gewisse Kritik
am zivilisatorischen Fortschritt als solchem ist im Begriff der Zivilisations‘krankheiten’
impliziert. Schon damit jedoch, dass der Krankheitsbegriff der Medizin, einem der
zentralsten Anwendungsgebiete des neuzeitlichen Fortschritts, entnommen ist, ist
seine kritische Brisanz begrenzt. Und im ganzen kann man wohl sagen, dass die klassische neuzeitliche Zivilisationskrankheit den Glanz des Phänomens Zivilisation nicht
nur nicht trübte, sondern nach der Regel “ Wo viel Schatten ist, ist viel Licht” sogar
erhöhte. Wenn demgegenüber in jüngerer Zeit vielfach die Zivilisation selbst als Uebel
erlebt wird, als Fehlentwicklung , im Rahmen derer die eigentlichen Zivilisationskrankheiten nur noch die Bedeutung von Symptomen haben, so ist das mindestens eine
Gegenbewegung zur klassisch-neuzeitlichen Tradition, vielleicht sogar ein Bruch mit
ihr. Wir werden hierauf zurückkommen.
Zunächst aber möchte ich eine klassisch-neuzeitliche Dynastie von Zivilisationskrankheiten vorstellen, von Krankheiten also, mit denen die zivilisierte Menschheit der
letzten 500 Jahre ihre Fortschritte bezahlte.
Die Stammmutter dieser Leiden ist die Melancholie .
Der Begriff der Melancholie entstammt der antiken Säftelehre, derzufolge der
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Abb. 1 Zur Strafe für seine Tat wurde Prometheus an eine Felswand im Kaukasus geschmiedet und Zeus sandte ihm “einen Adler, der als täglicher
Gast an seiner Leber zehren durfte, die sich, abgeweidet, immer wieder
erneuerte” (Schwab, Anm. 2, S.18). Mani bringt dies damit in Zusammenhang , dass die Leber den Griechen “als Sitz wichtigster Empfindungen galt”
(Anm. 12, I, S. 14-16). Lakonische Schale (ca 550 v. Chr.) aus:Arthur Lane,
Greek pottery, London 1948, Tafel 31 A.
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menschliche Organismus sich wesentlich aus den vier Säften Blut, Schleim, gelbe
Galle und schwarze Galle zusammensetzt. Als melancholisch (von griechisch melas =
schwarz und chole = Galle) galt ein Zustand des Ueberwiegens der schwarzen Galle
über die anderen Säfte.
Die Melancholie äusserte sich nicht nur in Traurigkeit, wie man nach modernem Wortverständnis meinen könnte. Traurigkeit war nur eines von zahlreichen Symptomen der
Melancholie – neben aussergewöhnlich heiteren Stimmungen, vor allem aber Unausgeglichenheit und Stimmungslabilität, Zornmütigkeit, Einsamkeit und Menschenscheu, schlechtem Schlaf und körperlichen Symptomen wie dunkel‑grünlicher Hautverfärbung , Magerkeit, Verstopfung , Ausscheidung von nur wenig dunklem und
scharfem Urin, Blähungen, Aufstossen, Magenleiden und Pulsunregelmässigkeiten 3.
Die grüne Haut, die Magerkeit, Verstopfung und Urin­a rmut waren direkte Folgen des
Ueberhandnehmens der schwarzen Galle, die als kalter und – es mag etwas paradox
klingen – trockener Saft von grünschwarzer Farbe galt.
Die Antike kannte aber auch eine Melancholie, die an sich noch nicht krankhaft war
– einen melancholischen Charakter. Ein dem A RISTOTELES zugeschriebener Text
( Problema XXX, I) stellt die Melancholie in diesem Sinne als einen menschlichen
Zustand dar, der an sich im Bereich des Normalen liegt, der aber zu Abweichungen
disponiert, und zwar einerseits zu Krankheit, andrerseits aber zu Genie. Wieso, fragt
der Autor, sind alle grossen Philosophen, Politiker und Dichter, H ERAKLES , A JAX und
B ELLEROPHON , P LATO , E MPEDOKLES und S OKRATES Melancholiker gewesen und
haben oft sogar an regelrechten melancholischen Krankheiten gelitten? Und seine
Antwort besteht zum Teil darin, dass die schwarze Galle ein dem Weine ähnlicher Saft
sei, der die Menschen, wie dieser, aus ihren Gewohnheiten und dem Durchschnitt heraushebe, wodurch sie zwar durch Wahnsinn, Verblödung , Selbstmord, Ausschweifung
gefährdet, aber auch zu aussergewöhnlichen Leistungen, Brillanz und Genie befähigt
würden 4.
Gerade dieser Melancholiebegriff nun erlebte in der Renaissance eine regelrechte Wiedergeburt, eigentlich sogar sein erstes grosses Keimen 5. Das aristotelische Problema ist
nämlich zunächst wenig beachtet worden, Antike und
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Mittelalter betrachteten die schwarze Galle im wesentlichen mehr als einen krankmachenden Saft (der allenfalls für Störungen des Geistes in besonderer Weise verantwortlich war) denn als Nährboden des Genies. Das Mittelalter hielt auch überhaupt nicht
viel von Genies, da es insgesamt das Erschliessen neuer Schaffensbereiche, das Lebenselement des Genies, nicht speziell pflegte. Mit der Renaissance aber verbreitete sich
plötzlich ein grosser Geniekult, und die Idee, die schwarze Galle sei die Voraussetzung
aller genialen Leistungen, griff um sich. Man blieb nun nicht dabei, bei Genies eine
Melancholie zu finden, man nannte sich nun melancholisch, wenn man in bescheidener Weise antönen wollte, dass man geistig speziell regsam sei und mit der Zeit ging.
“ La mia allegrezz’ è la malinconia ” schrieb M ICHELANGELO (1475-1564) 6. Die
Melancholie wurde zum Leiden der Wissenschafter und Künstler, der Front der neuzeitlichen Zivilisation, und zum Zeichen, dass man dazugehörte. A LBRECHT D UERER s
(1471-1528) “ Melancolia I ”, die finstergesichtige geflügelte Person, die sinnend,
einen Zirkel in der Hand, zwischen allerlei Attributen von Wissenschaft und Technik,
Handel und Kunst sitzt, illustriert diesen Melancholiebegriff der Renaissance 7. Im goldenen Spanien und in Shakespeares England war “man” melancholisch; der melancholische Spanier war vor Spaniens Niedergang sprichwörtlich 8 und in England wurde die
Melancholie zur “ Elizabethan Malady ”. Auch am Hofe des L OUIS XIII (1610-1643)
war man, wenn man auf sich gab, melancholisch wie übrigens der König selbst, desgleichen in den Salons des späteren 17. Jahrhunderts 9. 1621 erschien in Oxford – “zu
einer Zeit, in der die ‘Elisabethanische Krankheit’ zum Allgemeinbefinden – zumal
der Intellektuellen – geworden ist” 10 – R OBERT B URTON s (1576-1640) Anatomy of
Melancholy . Dieses Werk war ein literarischer Grosserfolg , 1632 erschien es bereits
in 4., 1676 in 8. Auflage. Und da findet man nun, dass die Melancholie deutliche Züge
einer Zivilisationskrankheit trägt, einer Krankheit, die man sich bei eben der verfeinerten Lebens- und Erlebensweise zuzog , auf welche man als zivilisierter Mensch
besonders stolz war. Man glaubt eine vornehme Menukarte aus dem 17. Jahrhundert
vor sich zu haben, wenn man B URTON s Liste der wichtigen äusseren Ursachen der
Melancholie liest, und den Tagesplan eines Menschen, der nicht unbedingt arbeiten
muss. Gefühlsregungen
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Abb. 2 Albrecht Dürer: Die Melancholie
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spielen da eine grosse Rolle, man findet das Ennui (den unerklärlichen Lebensüberdruss der Höflinge und der gehobenen Stände, der nicht selten zum Selbstmord führt),
den Ehrgeiz, Vergnügungssucht, Leidenschaften, übermässige Geistesarbeit als wichtige, ja notwendige Ursachen der Melancholie. Ein spezieller Exkurs über das Elend
der Gelehrten und die Frage, weshalb die Musen melancholisch seien, beschliesst den
Abschnitt über die Ursachen der Melancholie 11.
Aber die Melancholie konnte sich in dieser Form nicht halten als das Leiden der geistig
Anspruchsvollsten. Einerseits ertrug sichs grundsätzlich nicht, dass man an der Front
des Fortschritts allzulange an derselben Zivilisationskrankheit litt. Andrerseits hatte
die Medizin zunehmende Schwierigkeiten, die Krankheitseinheit Melancholie wissenschaftlich aufrechtzuerhalten. Denn sie fand bei ihren Sektionen – und die Anatomie
galt im 17. Jahrhundert sozusagen als die medizinische Grundlagenwissenschaft par
excellence – weder jenen schwarzgalligen Saft, der da von der Milz produziert werden
sollte, noch den sagenhaften Gallengang , der diesen Saft von der Milz in den Magen
ableiten sollte 12. Sie fand nur gewöhnliche Galle in der Gallenblase, und die entleerte
sich, wie altbekannt, in den Zwölffingerdarm. Damit wurde die Melancholie, die
Schwarzgalligkeit, zur fragwürdigen Krankheitseinheit.
Man beobachtet daher in der Literatur des späteren 17. und vor allem dann des
18. Jahrhunderts eine allmähliche Ablösung der “Melancholie” durch die sogenannte
“Hypochondrie”. Zwar war die “hypochondrische Melancholie” (von griechisch hypo =
unter und chondros = der Knorpel, to hypochondrion = der weiche Teil des Leibs unter
dem Brustknorpel und den Rippen) von altersher eine Unterabteilung der Melancholie
mit Hauptsitz im Oberbauch gewesen. Jetzt aber begann sich die Hypochondrie als
selbständiges Leiden von der Melancholie loszulösen. Dieses Leiden hatte dann mit
dem veralteten schwarzen Saft wenig oder nichts mehr zu tun; es wurde in modernerer
anatomischer Denkweise von den Organen jener hypochondrischen Gegend abgeleitet. In Fortsetzung der Tradition, welche die Gallenproduktion in die Milz verlegt
hatte, aber ohne die Galle als Ursache der Krankheit länger zu bemühen, sprach man
nun auch von
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Abb. 3 Der Milz-Magen-Gang
3a) im Schema mittelalterlicher Tradition. Der Verdauungstrakt bildet
gewissermassen die Zentralachse der Abbildung , Leber und Milz sind ihm zu
beiden Seiten zugeordnet. Nach einem Holzschnitt aus J. Truttvetter, Summa
in totam physicen, hoc est philosophiam naturalem, Erfurt 1514. Aus: Erich
Hintzsche, Anatomische Forschungen im mittelalterlichen Abendland. Ciba
Zeitschrift Nr. 96 (1944), S. 3434.
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3b) in situ. Diese Abbildung findet sich in Magnus Hundt, Antropologium de
hominis dignitate, natura et proprietatibus, Leipzig 1501. Aus: A. Hahn und P.
Dumaître, Histoire de la médecine et du livre médical à la lumière des collections de la bibliothèque de la Faculté de Médecine de Paris, Paris 1962, S. 102.
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“Milzsucht” und “Spleen” ( the spleen = die Milz). Man sprach auch vermehrt vom
Magen und von der Leber als Sitz dieses Leidens. In ihrem Erscheinungsbild aber
glich die Hypochondrie des 18. Jahrhunderts so sehr der älteren Melancholie, dass
sich der Gedanke aufdrängt, es habe das alte Leiden lediglich einen neuen Namen und
neue körperliche Grundlagen bekommen. Die Hypochonder waren nämlich wie die
alten Melancholiker mager, dunkelhäutig , ins Grünliche schimmernd, auch sie waren
verstopft, lösten oft nur wenig Urin, ihr Herzschlag war unregelmässig , auch sie litten
an bösen Träumen, Verdauungsstörungen, Winden und Blähungen. Wegen dieser
Blähungen nannte man die Hypochondrie auch “windige Melancholey”, “Blähsucht”,
“ Vapours ” oder “ Vapeurs ”. Auch seelisch boten die Hypochonder des 18. Jahrhunderts
ein ähnliches Erscheinungsbild wie die älteren Melancholiker: sie waren unausgeglichen, ihren Launen unterworfen, bald lustig , bald traurig , zornmütig , auch sie hingen
einzelnen Grillen krankhaft nach, auch sie waren menschenscheu und fühlten sich oft
einsam 13.
Gleich wie die Melancholie und sogar noch vermehrt war auch die Hypochondrie ein
Schatten der Zivilisation. Sie war der Preis, den die zivilisierte Gesellschaft entrichtete
für den niedagewesenen Luxus, der ihr im 18. Jahrhundert zur Verfügung stand. “Ich
sehe aber als Hauptquellen der heutiges Tages so allgemein herrschenden Hypochondrie an:”, schreibt U LRICH B ILGUER (1720-1796), ein Experte in dieser Sache, 1767,
“die Pracht; die Schwelgerey,… den Müssiggang ,… die heutiges Tages übertriebene
Begierde, seinen Stand zu verbessern,… der” – hier fällt der Autor in den Nominativ
– “so allgemein herrschende Missbrauch des Zuckers und Backwerks, des Thee- Caffee- Schoccolade und Brandtweingetränkes, wie auch des Rauchtabaks; die zu grosse
Ansträngung der Seelenkräfte,… besonders in solchen Personen, die… sich solchen
Geschäfften gewiedmet, wozu viele Seelenkräfte und Genie erforderlich ist” 14. Speziell auch die Anstrengung des Geistes beim nun auch die Nacht für die Zivilisation
erobernden Lampenlicht machte hypochondrisch. Weil aber gerade die neuesten
Errungenschaften besonders hypochondrisch machten, galt auch die Hypochondrie
als etwas Neues, als eine niedagewesene und nie vorher so verbreitete Geissel der zivilisierten Menschheit – man sprach von 1/6 bis
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2/3 aller Patienten. B ILGUER schrieb im Titel seines Buchs sogar, “dass die Hypochondrie heutigen Tages eine fast allgemeine Krankheit ist”. Die grosse Häufigkeit
der Hypochondriediagnose im 18. Jahrhundert ist sicher dadurch mitbedingt, dass
diese Diagnose bei den Patienten sehr beliebt war. Tatsächlich war sie ja in gewissem
Sinne ein Statussymbol, ein durch eine Schlüsselfigur der neuzeitlichen Zivilisation,
den Arzt verliehenes Attest, dass man an der Front des Fortschritts marschierte.
So war nicht nur jeder Gebildete auf seine Hypochondrie stolz – auch I MMANUEL
K ANT (1724-1804) bekannte sich zur “Gelehrtenkrankheit”: “Ich habe… eine natürliche Anlage zur Hypochondrie, welche in früheren Jahren bis an den Ueberdruss
des Lebens grenzte” – auch die Nationen Europas wetteiferten um den Ruf, unter
der Hypochondrie zu leiden. Und den Sieg trug England, die Wiege der Aufklärung ,
davon. “Es ist die Krankheit der gebildetsten und begütertsten Völker, der Männer und
Weiber, die das Glück am meisten begünstigt hat”, schreibt der Psychiater J EAN -P IERRE
F ALRET (1794-1870) über den Spleen, und deshalb leiden die Engländer am meisten
daran. Deshalb kommt in England der Ueberdruss am Leben und der Selbstmord so
ausserordentlich häufig vor. Deshalb nannte man die Hypochondrie auch “ The English
Malady ”, “ Morbus anglicus ” oder “ Melancholia anglica ” 15.
Aber auch die hypochondrischen Organe konnten nicht Sitz dieser Geissel der zivilisierten Menschheit bleiben. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde man pathologisch-anatomisch kritischer und es begann sich herumzusprechen, dass bei Hypochondristen keine Milz-, Magen- und Leberveränderungen nachgewiesen werden konnten.
Der Verdacht wurde laut, die Aerzte nennten alles Hypochondrie, was sie nicht besser
diagnostizieren könnten und die Patienten bildeten sich ihre Leiden nur ein. Das Wort
“Hypochondrie” begann daher die Bedeutung der eingebildeten Krankheit anzunehmen. Zudem kam auch die Hypochondrie allmählich einfach aus der Mode – man
hatte sich an Thee, Kaffee, Kutschenfahren und Nachtbeleuchtung gewöhnt, die Front
der Zivilisation hatte sich weiter vorgeschoben. Man hatte neue Bereiche erschlossen und fürchtete neue Krankheiten. Namentlich begann man mehr und mehr von
Nervenkrankheiten zu sprechen. Das Nervensystem war im Lauf des 18. Jahrhunderts
allmählich zu einem wich-
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Abb. 4 “Der Hypochonder”, Photographie eines Gemäldes von B. Vautier
(Photographische Gesellschaft, Berlin, Nr. 963). Aus der Bildersammlung des Medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich.
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tigen, ja anderen Organsystemen übergeordneten System geworden. Hatte man in alter
galenischer und säftemedizinischer Tradition das Verdauungssystem für besonders
wichtig angesehen, trat dieses nun gegenüber dem Nervensystem zurück. A LBRECHT
VON H ALLER s (1708-1777) neurophysiologische Forschungen sind ein Meilenstein
in dieser Entwicklung. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dann begeisterte man
sich plötzlich für das Rückenmark. Das Rückenmark hatte über lange Zeiten als ein
Kanal gegolten, der ganz passiv zwischen Gehirn und Körper eine Verbindung herstellte. Nun war, mit der Entdeckung des Rückenmarkreflexes, die Idee aufgekommen,
das Rückenmark könnte aus einer Reihe von selbständigen kleinen Denkorganen
bestehen, es könnte eine Art Perlenkette aus kleinen Gehirnen sein. Analog betrachtete man dann die einzelnen Wirbelknochen als kleine Schädel - diese Idee ist durch
J OHANN W OLFGANG G OETHE (1749-1832) als “Schädelwirbeltheorie” bekannt
geworden. Die Idee, Rückgrat und Kopf bildeten eine einzige Kette von kleineren und
grösseren Gehirnen und Schädeln, passte gut in die romantische Suche nach Urelementen und nach auf- und absteigenden Entwicklungsreihen. Den Romantikern gefiel
auch die Idee, dass dem Kopf, dem Sitz des aufgeklärten, scharfen Verstandes ein
anderes Organ als Sitz dunklerer, bewusstseinsfernerer und gefühlsnäherer Geistestätigkeiten gegenüberstehe. Und schon bald zirkulierte das dem Physiologen E DUARD
P FLUEGER (1829-1910) zugeschriebene Schlagwort von der “Rückenmarksseele” –
übrigens einer Vorform des späteren “Unbewussten” 16.
Was lag nun näher, als dass man sich durch die Zivilisation nun nicht mehr an der
Galle oder Milz, sondern am Rückenmark geschädigt fühlte? Und tatsächlich trat in
den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts ein ganz neues Leiden epidemisch auf: die sogenannte Spinalirritation, die Rückenmarksreizung oder auch -erschütterung. Unnötig
zu sagen, dass die Symptome dieses Leidens wiederum ähnlich waren wie die der alten
Hypochondrie und Melancholie, nur dass man vermehrt an Rückenweh litt. Gewisse
Rückwirkungen von der angenommenen Krankheitsursache auf die als typisch
betrachtete Symptomatologie findet man eben eigentlich immer – darum sind ja auch
die regelrechten Melancholiker so grün gewesen 17.
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UMWELT UND MENSCH
Abb. 5 Noch vier Tage nach diesem Unfall auf der Paris-Versailles-Strecke vom
8.5.1842 spürte der Hygieniker L.-R. Villermé eine Verengung auf der Brust,
als ob ihm ein riesiges Gewicht drauf sitze, obwohl er nicht einmal Augenzeuge gewesen war. Zwanzig Kriegsschlachten und Tausende von Toten und
Verwundeten, schrieb er an einen Freund, hätten ihn nicht so arg hergenommen wie die Nachricht von diesem Ereignis. Stahlstich aus der Bildersammlung des Medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich.
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VERGESSENE ZIVILISATIONSKRANKHEITEN
Eine eigentümliche Spezialform von Spinalirritation bildete sich im weiteren Verlauf
des 19. Jahrhunderts heraus: die sogenannte “ Railway Spine ”, der Eisenbahnrücken.
Dieses Leiden zog man sich bei Eisenbahnunfällen zu. Kleine und grosse Eisenbahnunfälle waren im 19. Jahrhundert häufig und, was wichtig ist, ausserordentlich gefürchtet. Der Eisenbahnunfall war der Inbegriff eines entsetzlichen Ereignisses; auch die
kleinste Panne verbreitete Schrecken und Zähneklappern. Die Eisenbahn war eben in
jener Zeit der Inbegriff des zivilisatorischen Fortschrittes, des der Natur abgetrotzten
weltverändernden Komforts, nicht unähnlich dem Feuer des P ROMETHEUS . Feuer
und Funken stoben ja auch oben aus den gerade deswegen hohen Kaminen der frühen
Dampflokomotiven heraus, und bei Unfällen entstanden nicht selten Brände. Das
Erlebnis Eisenbahn wurde daher auch mit Vulkanausbrüchen verglichen, und entsprechend scheint sich neben dem Jubel über das gebändigte Feuer die Angst vor dem Ausden-Schranken-Treten der neuen Kräfte verbreitet zu haben. Man fürchtete Vergiftung
der Luft und der Nahrungsmittel durch die Abgase der Lokomotiven, und das Verkommen von Vieh, Jagdwild und Anwohnern. Namentlich fürchtete man die
Abb. 6 Die Eisenbahn als Schädling.
“Punch” 1865, aus: A. Klima,
Die Technik im Lichte der
Karikatur, Wien 1913, S. 10.
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UMWELT UND MENSCH
Krankheiten, welche die beleidigte Natur den Lieblingen des P ROMETHEUS schicken
würde. Und tatsächlich kam umgehend die erwartete Büchse voller Leiden. Das Scheppern der Wagen und das Pfeifen der Lokomotiven, so las man nun in der medizinischwissenschaftlichen Literatur, schädigten das Gehör bis zur Taubheit, der Anblick vorbeiflitzender Objekte schädigte Augen und Sehbahnen. Das Lesen im Zuge zerrüttete
Augen und Gehirn. Ein typisches spezifisches Eisenbahnfieber trat auf – später hat es
sich als Heufieber entpuppt. Die Tunnels galten als besonders pathogen. Das Rütteln der Wagen wurde als für Kranke zu schwach, für Gesunde zu stark betrachtet. Es
provozierte Frühgeburten, Aborte, Harnverhaltungen, Hämorrhoiden, Blutungen aller
Art und vor allem: Schädigungen des Nervensystems. Und besonders typischerweise
brachte das Eisenbahnfahren Rückenleiden mit sich. Die Berichte über Rückenleiden des Bahnpersonals häufen sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. M AX
M ARIA VON W EBER (1822-1881), der Sohn des Komponisten C ARL M ARIA , hat als die
typischsten Leiden des Eisenbahnpersonals diejenigen beschrieben, “die von den harten Erschütterungen der Fahrt… herrühren. … Die Erschütterungen gehen… durch
die Beine auf das Rückgrat und das Gehirn über, bei dem Zugpersonale… erfolgen sie
directer auf die Wirbelsäule… Es treten… häufig Schmerzen im Rückgrat ein und die
Abnahme der Intelligenz, die durch… die hohe Temperatur in der Nähe des Feuers…
eingeleitet ist, wird durch diese Einflüsse beschleunigt.” Der Bahnarzt J OHANNES
R IGLER (geb. 1839) kannte ein spezifisches Rückenleiden der Bähnler: eine “Irritation
der Nervencentra, welche im gewöhnlichen Laufe der Dinge… zu Tage tritt, unter der
Einwirkung einer äusseren Gewalt aber oder nur des Shock… in sehr gesteigertem
Grade sich bemerklich machen kann.” Es kommt dann zu einem Zustande spinaler Irritation mit “krankhafter Abneigung gegen die gewohnte Thätigkeit”, zu dem “ganz spezifischen” Zustand der “Siderodromophobie”, der Angst, Eisenbahnen zu besteigen 18.
Das ist nun also die Spinalirritation verursacht durch den Inbegriff der Zivilisation des
19. Jahrhunderts. Und damit, dass diese Rückenmarksreizung nach Eisenbahnunfällen
oder auch nur nach Unfallschreck besonders rasch und heftig auftrat, ist die Beziehung
zur Railway Spine hergestellt. Auch in der Entstehung der Railway Spine galt der
Schreck des Eisen-
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Abb. 7 Der vorsichtige Reisende schützt sich gegen Eisenbahnunfälle: Karikatur von
1847. Aus: E. Berghaus, Auf den Schienen der Erde, München 1960, S. 61.
bahnunfalles als sehr wichtig. Die seelische Erschütterung des Eisenbahnunfalles
konnte allein schon genügen, eine Erschütterung des Rückenmarks hervorzurufen,
die sich in schweren akuten und chronischen Entzündungen des Rückenmarks und
seiner Hüllen äusserte; schon der Altvater der Railway Spine , J OHN E RIC E RICHSEN
(1818-1896), ein Londoner Chirurg , hielt das fest 19. Auch Bagatellunfälle konnten
daher tödlich enden. Voraussetzung dieser Auffassung war natürlich, dass das Rückenmark Sitz eines seelenartigen Prinzips war. Die körperlich-seelische Doppelbedeutung
der Worte “Erschütterung”, “Schock” und “Reizung” (später auch “Trauma”) kam ihr
sprachlich entgegen.
Doch die eigentliche Spinalirritation war zur Zeit, da die Railway Spine florierte,
eigentlich bereits wieder vergessen. Auf die deutsche Romantik folgte
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UMWELT UND MENSCH
die deutsche Wissenschaftlichkeit der zweiten Jahrhunderthälfte, das Rückenmark
kam etwas aus der Mode, man identifizierte sich nun mehr mit dem Gehirn. Auch
wissenschaftlich hatte sich die Spinalirritation nicht halten können, unter anderem,
weil man die ihr zugrundevermuteten Veränderungen des Rückenmarks nicht finden konnte. Die Railway Spine der 60er und 70er Jahre ist eine eher späte Blüte der
Spinalirritation.
1880 aber begann eine neue Zivilisationskrankheit ihr epidemisches Wüten zu entfalten. Die Eisenbahn, die Dampfkraft überhaupt (die mittlerweile in viele Bereiche
vorgedrungen war) war eine ihrer Ursachen, aber auch der Telegraph, die Presse, das
Geschäft und die Beteiligung der Frau am Geistesleben. Das neue Leiden hiess Neurasthenie, es bestand in einer pathologisch-anatomisch nicht nachweisbaren, daher auch
weniger kritisierbaren, wahrscheinlich chemisch bedingten allgemeinen Schwäche der
Nerven. Diese Nervenschwäche grassierte im sogenannten “nervösen Zeitalter” 20 in
der ganzen zivilisierten Welt, vor allem aber in den zur technischen und wirtschaftlichen Weltmacht aufsteigenden USA. G EORGE M ILLER B EARD (1839-1883), ein
Amerikaner, der die
Abb. 8a
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Abb. 8b
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Abb. 9 “American Progress” aus Crofutt’s New Overland Tourists’ Guide (1878). Aus: Max Mittler; Eroberung eines
Kontinents. Der grosse Aufbruch in den amerikanischen Westen, Zürich 1968, S. 6/7.
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VERGESSENE ZIVILISATIONSKRANKHEITEN
Neurasthenie 1880 einführte, nannte diese daher auch “ American Nervousness ”. Die
Neurasthenie, schrieb B EARD , sei “theilweise die Compensation für unseren Fortschritt und unsere Verfeinerung”. Sie sei bisher in ihrem wahren Wesen nicht erkannt
worden, unter anderem habe man sie als Verdauungsstörung und Spinalirritation
misinterpretiert. Tatsächlich sieht die Neurasthenie diesen Vorfahren symptomatologisch zum Verwechseln ähnlich und man hat wiederum den Eindruck, es sei hier alter
Wein in neue Schläuche umgefüllt worden. Aber Welt und Leiden wurden eben wieder
neu erlebt und B EARD selbst hat seine Entdeckung der Neurasthenie mit den Einsichten des K OPERNIKUS verglichen 21.
Doch die nächste kopernikanische Wende folgte auf dem Fuss und schon auf das
Jahrhundertende hin wurde das wahre Wesen der Nervosität, an welcher die zivilisierte
Menschheit litt, wieder entdeckt: es war die unbewältigte Sexualität. 1898 hat S IG­
MUND F REUD (1856-1939) es in seinem Artikel Die Sexualität in der Aetiologie der
Neurosen formuliert: “Sexuelle Aetiologie also in allen Fällen von Neurosen”. Neurose
war jetzt der Terminus, die Neurasthenie war nur noch eine Unterform des nun so
genannten Leidens. F REUD lag mit seiner Entdeckung der Sexualität nicht schlecht,
denn gerade zwischen 1880 und 1900 ist es in unserem Kulturkreis zu einer wahren
Sexwelle gekommen, was sich unter anderem in einer Flut von medizinischer Literatur
zum Thema äusserte. Wer sein Problem in seiner Sexualität suchte, wies sich damit
von vornherein als jemand aus, der mit den neueren Entwicklungen und Diskussionen
Schritt hielt. Man wies sich damit aber auch als genuin zivilisiert aus. Denn gerade um
die Jahrhundertwende betrachtete man die Sexualität als etwas zwar Rohes, aber doch
Mächtiges, nicht unähnlich dem Feuer, und die Idee, dass man diese Kraft ähnlich
dem Feuer in der Dampfmaschine zivilisatorisch nutzen könne, ja sogar, dass sie an
sich eine zivilisierende Kraft sei, lag in der Luft. So betrachtete man um die Jahrhundertwende das Schönheitsempfinden – welches als hoher zivilisatorischer Wert galt,
zumal Schönheit mit Wahrheit, Kraft und hoher Entwicklungsstufe einiges zu tun
hatte – oft als eine zivilisierte Form von Sexualität 22. Aehnlich galt die Aggressivität
im Rahmen des Evolutionismus vielfach als eine zwar niedrige Triebkraft, der aber
letztlich alle Höherentwicklung der Lebewesen zu verdanken war. So konnte man um
die Jahrhundert-
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Abb. 10 “Das neue Spiel, die innerste Seele blosszulegen”, Punch 1915. Aus:
Helmut Vogt, Medizinische Karikaturen von 1800 bis zur Gegenwart,
3. Aufl., München 1962, S. 150.
wende ruhig seine Dampkrafts-, Telegraphen- und Frauenemanzipationsneurasthenie
gegen ein Freudsches Neurosen-Modell eintauschen.
Ein interessantes Detail ist in unserem Zusammenhang übrigens, dass sich F REUD s
Neurosenbegriff historisch in ziemlich direkter Linie von der Railway Spine ableiten
lässt. Die Railway Spine war nämlich mittlerweile zur traumatischen, unfallbedingten
Neurose geworden, oft sprach man auch von traumatischer Hysterie oder traumatischer Neurasthenie. Und gerade die traumatische Neurose, in deren Entstehung
Schreck und Angst, jedenfalls psychische Faktoren
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VERGESSENE ZIVILISATIONSKRANKHEITEN
eine so grosse Rolle spielten, ist gewissermassen zum Kristallisationskern von F REUD s
Neurosekonzept geworden 23. Sein “sexuelles” und “psychisches” Trauma leitet sich
historisch also vom Eisenbahnunfall ab.
Nun, F REUD s ursprüngliche Sexualität, die ja wie die “Erschütterung” und die “Reizung” ebensosehr seelischer wie körperlicher Natur war, machte bald der mehr
psychologisch verstandenen Libido , dann breiter angelegten psychologischen Neuroseursachen Platz. In der Medizin fassten die psychologischen Neuroselehren nach dem
ersten Weltkrieg richtig Wurzel; wir werden darauf zurückkommen. Und nach dem
zweiten Weltkrieg blühte die Psychosomatik auf, im Rahmen derer man auch die körperlichen Symptome der alten Melancholie, Hypochondrie, Neurasthenie (soweit sie
sich unterdessen nicht auf andere Ursachen hatten zurückführen lassen), namentlich
allerlei Verdauungs- und Kreislaufstörungen wiederum als Zeichen von verfeinertem
Gemüt und Lebensweise ansehen konnte. Von den 50er Jahren an büsste man seine
Einteilung in der Vorhut der Entwicklung überdies speziell mit Stress symptomen und
der Manager krankheit 24, sodass auf den Sitzungstischen leitender Gremien vielfach
nicht nur Papier, spitzes Schreibzeug und Zigaretten, sondern auch Schälchen von
Tranquillizern serviert worden sein sollen.
Aber die Glanzzeit der Zivilisationskrankheit ist doch, so scheint mir, vorbei. Denn
ihr grosses Pathos bezog die Zivilisationskrankheit ja doch von der Ungetrübtheit des
Vertrauens in die technisch-organisatorische neuzeitliche Zivilisation im Ganzen und
in die Medizin im speziellen. Und dieses Vertrauen scheint nun seit den Weltkriegen
nachhaltig und seit einigen Jahren in weiten Kreisen erschüttert zu sein. Die Kritik an
unserer Zivilisation ist in letzter Zeit lauter und ernsthafter geworden, als sie es je vorher in der Neuzeit war. Die Zivilisationskritik Rousseauscher Prägung ( J EAN -J ACQUES
R OUSSEAU , 1712-1778) mutet dagegen mehr als ein enger begrenztes, literarisches
Phänomen an 25. Vielleicht bin ich Opfer einer Mode, wenn ich das nun so sehe. Aber
das muss man auch im Metier des Historikers riskieren, und ich will versuchen, zu
skizzieren, was mir anders geworden zu sein scheint. Angst und Misstrauen gegenüber
unserer Zivilisation hat es seit Beginn der Neuzeit ge-
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UMWELT UND MENSCH
geben – wie die Zivilisationskrankheit, die man ja auch als Ausdruck von Angst,
Misstrauen und Kritik ansehen kann. Aber bis ins letzte Jahrhundert waren es vorwiegend die Schattenseiten und Nebenwirkungen der zivilisatorischen Errungenschaften,
die man fürchtete, die Unfälle und Pannen – die Krankheiten. Der Glaube an die
Erlöserkraft der Zivilisation blieb dabei mehr oder weniger unerschüttert. Sogar den
Krieg pries man als Promotor der Entwicklung der Menschheit zu Höherem – überlebten doch auch im Krieg , und gerade da, die Tüchtigsten im Sinn des Darwinismus.
Im Evolutionismus des 19. Jahrhunderts war die Menschheit aufgehoben wie eine
Aehre im Aermel: jede Bewegung beförderte sie aufwärts. Europa ist noch singend,
die Offiziere bunt gekleidet und weissbehandschuht in den Ersten Weltkrieg gezogen.
Herausgekommen ist es anders. Der Erste Weltkrieg hat für viele, die ihn erlebten, den
Zusammenbruch der Hoffnung auf Erlösung durch Technik, Wissenschaft, Handel
und Industrie, also eigentlich der glühendsten Hoffnungen der Neuzeit, bedeutet 26.
Die beiden Weltkriege haben uns erstmals die Errungenschaften der Zivilisation
selbst fürchten gelehrt. Die Granaten, Gase und Bomben haben ja tadellos funktioniert, das waren keine Unfälle und Nebenwirkungen. Aber noch tröstete man sich mit
dem Gedanken, die Kriege seien im ganzen lediglich Entgleisungen der Entwicklung
gewesen – welche damit weiterhin als Entwicklung zum Besseren betrachtet werden
konnte. Man hörte nun auf, den Krieg als Vater des Fortschritts zu preisen, dafür pries
man doppelt die friedliche Nutzung der zivilisatorischen Errungenschaften, wozu die
Nachkriegsentwicklungen reichlich Handhabe boten. Aber in den letzten Jahren hat
das Erlebnis der Weltkriege auf den Frieden überzugreifen begonnen. Auch gewisse
friedliche Nutzungen begannen als zerstörerisch empfunden zu werden, gewisse durch
Handel und Wissenschaft angezettelte Entwicklungen begannen auch in ihrer friedlichen Ausformung als Entgleisungen zu imponieren. Diese Wendung wurde teils durch
die Art, teils aber allein schon durch die Quantität der anfallenden Errungenschaften,
die allmählich an sich schon als bedrohlich empfunden wurde, angestossen. Vergleiche
unseres Friedens mit dem Kriege wurden laut, man begann zu sagen, gewisse Städte
seien seit den Kriegen mehr zerstört worden als durch alle Bomben, und unser Privatverkehr sei “ein neuartiger Krieg”, “ein Krieg aller gegen alle…
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VERGESSENE ZIVILISATIONSKRANKHEITEN
sozusagen geführt von Freiwilligen” 27. Im Rahmen des Terrorismus wurde auf die
als aggressiv empfundenen Friedensentwicklungen mit offenen Kriegshandlungen
reagiert. Im Rahmen des Umweltschutzes fürchtet man nicht, dass blühende Städte
durch Kriege dem Erdboden, sondern dass der Erdboden durch friedliche Entwicklungen den Städten gleichgemacht werde. Mit alledem ist heute ein gewisser Anschluss an
die beiden ersten Weltkriege hergestellt und ein gewisser Bruch mit den traditionellen
Werten der Neuzeit vollzogen. “Zivilisation” bedeutet nicht mehr genau dasselbe wie
bisher 28.
Innerhalb der Medizin ist etwas ähnliches passiert, und so bedeutet auch “Krankheit”
nicht mehr genau dasselbe wie bisher. Auch hier begann es mit den Weltkriegen. Vor
1914 verstand man unter “Krankheit” im Ganzen ein körperlich bedingtes und körpermedizinisch behandelbares Leiden. Die pathologische Anatomie galt als Grundlage
der Pathologie, soweit, dass man sie bis heute oft nur “Pathologie” nennt, was doch
eigentlich viel allgemeiner “Krankheitslehre” bedeutet. Nach 1918 schossen Entwürfe
psychologischen, soziologischen und anthropologischen Krankheitsverständnisses
förmlich aus dem Boden. Das Vertrauen in das rein körpermedizinische Krankheitsverständnis war erschüttert. Die Aerzte des Dritten Reiches, die es im Namen der Zivilisation gegen die Kranken eingesetzt hatten, haben es besonders kräftig mit erschüttern
helfen. Der Anbruch des therapeutischen Zeitalters – die meisten wirksamen Medikamente, über die wir verfügen, sind Kriegs- und Nachkriegskinder – liess dann ebenfalls
über diesen Kriegsschock hinwegkommen. Aber auch hier findet in letzter Zeit ein
Anschluss an die Kriegserlebnisse statt. Auch der friedliche Einsatz der modernen
Medizin wird von vielen zunehmend als aggressiv empfunden. Dies klingt in vielen
Diskussionen um die Arzt-Patienten-Beziehung und die Euthanasie und in einer
Flut von Literatur über die Nebenwirkungen der Therapie an. Auch die “Explosion”
genannte Steigerung der Kosten der Medizin werden seit einiger Zeit, besonders von
den gesunden Versicherungszahlern (Kranke reden anders, aber nicht so laut), mehr
und mehr als organisierter Anschlag auf die Zivilisten empfunden und beantwortet.
Man misstraut dem Körpermediziner, der Körpermedizin und dem körpermedizinischen Krankheitsbegriff.
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UMWELT UND MENSCH
Abb. 11 Im Ersten Weltkrieg fand das Bewusstsein, Krankheit habe auch ihre
nicht‑naturwissenschaftlichen Aspekte, plötzlich grosse Verbreitung.
Aus: Jean Louis Forain, De la Marne au Rhin; dessin des années de
guerre 1914-1919, Paris 1920.
So hat die Zivilisation von ihrem Glanz und die Medizin von ihrem Pathos verloren und
es ist weder mehr für den Leidenden attraktiv, eine Zivilisationskrankheit zu haben, noch
für den Arzt, eine solche am falschen Objekt, zu welchem der Patient geworden ist, zu
behandeln. Die Manager, die sich als Ursache und Folge ihrer hervorragenden Stellung
ihren Herzinfarkt selbst anrauchten, haben gegenüber den heute als zahllos betrachteten
unfreiwilligen Opfern von Rauchgeräten, Auspuffen und Kaminen an Interesse verloren.
Mag sein, dass die klassische Neuzeit und damit die Hochblüte der Zivilisations-
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VERGESSENE ZIVILISATIONSKRANKHEITEN
Abb. 12 “Sie sind eben etwas überängstlich! Besorgen Sie sich ein Beruhigungsmittel
in der Apotheke.” Aus: Intermed, Zeitschrift der Studierenden medizin­i scher
Richtung der Schweiz, Dezember 1973, S. 12.
krankheiten mit den Weltkriegen zu Ende gegangen ist. Mag sein, dass die “Zivilisationskrankheiten” künftighin insgesamt etwas in Vergessenheit geraten werden.
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UMWELT UND MENSCH
Anmerkungen
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J OHAN H UIZINGA , Zur Geschichte des Begriffs Mittelalter (1921). In: Geschichte und
Kultur , gesammelte Aufsätze (Stuttgart 1954, S. 213-227)
Vgl. G USTAV S CHWAB , Die schönsten Sagen des klassischen Alter tums (2. Basler Ausgabe, Basel 1949, Bd. 1, S. 16-17)
Vgl. die klassische Beschreibung der Melancholie bei A RETAEUS VON K APPADOZIEN
(um 50 n. Chr.) in: The extant works of Aretaeus . Mit griechischem Text hrsg. u.
übers. v. F. A DAMS (London 1856, S. 298-300. Chron. Krankheiten , Buch 1, Kap. 5)
A RISTOTELES , Problems , Vol. 2, mit engl. Uebers. v. W. S. H ETT (Loeb Classical Library,
London 1937, S. 154-169. Problem XXX, I)
W ILHELM L ANGE -E ICHBAUM , Genie, Irrsinn und Ruhm . Neu bearb. v. W. K URTH (5.
Aufl., Basel 1961, S. 29-30)
Die Dichtungen des Michelangelo Buonarotti , hrsg. v. C. F REY , 1897, Nr. 81, zit. n.
R AYMOND K LIBANSKY , E RWIN P ANOFSKY und F RITZ S AXL , Saturn and Melancholy .
Studies in the history of natural philosophy, religion and art(London 1964, S. 232)
Vgl. K LIBANSKY , P ANOFSKY , S AXL (Anm. 6), S. 284-399 (Teil 4: Dürer )
K LIBANSKY , P ANOFSKY , S AXL (Anm. 6), S. 233-234
W OLF L EPENIES , Melancholie und Gesellschaft (Frankfurt a.M. 1969, S. 55-68)
L EPENIES (Anm. 9), S. 34
R OBERT B URTON , The anatomy of melancholy (Oxford 1621. Nachdruck, The English
experience, Nr. 301. Amsterdam-New York 1971)
N IKOLAUS M ANI , Die historischen Grundlagen der Leberforschung (2 Teile, Basel
Stuttgart 1959 und 1967, II, S. 80)
Vgl. E STHER F ISCHER -H OMBERGER , Hypochondrie. Melancholie bis Neurose, Krank heiten und Zustandsbilder (Bern-Stuttgart-Wien 1970, S. 15-16, 50-51)
J OHANN U LRICH B ILGUER , Nachrichten an das Publicum in Absicht der Hypochondrie . Oder Sammlung verschiedener, und nicht sowohl für die Aerzte als vielmehr für
das ganze Publicum gehörige die Hypochondrie, ihre Ursachen und Folgen betreffende medicinische Schriftstellen, und daraus gezogener Beweis, dass die Hypochondrie heutiges Tages eine fast allgemeine Krankheit ist, und dass sie eine Ursache der
Entvölkerung abgeben kann (Kopenhagen 1767, S. 8-9)
Vgl. F LORINE K ALKUEHLER , Die Natur des Spleens bei den englischen Schriftstellern
in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunder ts (Diss., Leipzig 1920; auch F ISCHER -H OMBERGER , Anm. 13 , S. 35-44)
E STHER F ISCHER -H OMBERGER , Railway Spine und traumatische Neurose – Seele
und Rückenmark (Gesnerus, Aarau, 27, 1970, S. 100-105)
VERGESSENE ZIVILISATIONSKRANKHEITEN
17 Vgl. E STHER F ISCHER -H OMBERGER , Hypochondriasis of the eighteenth century –
neurosis of the present century (Bull. Hist. Med. 46, 1972, S. 391-401)
18 E STHER F ISCHER -H OMBERGER , Die Büchse der Pandora: Der mythische Hintergrund der Eisenbahnkrankheiten des 19. Jahrhunder ts (Sudhoffs Archiv 56, 1972,
S. 297-317)
19 J OHN E RIC E RICHSEN , On railway and other injuries of the nervous system (London
1866, S. 9, 47-48). Vgl. auch E STHER F ISCHER -H OMBERGER , Die traumatische Neurose. Vom somatischen zum sozialen Leiden (Bern-Stuttgart-Wien 1975, S. 43-46)
20 A NDREAS S TEINER , “Das nervöse Zeitalter.” Der Begriff der Nervosität bei Laien und
Aerzten in Deutschland und Oesterreich um 1900 (Diss. Zürich. Zürcher medizingeschichtliche Abhandlungen, N. R., hrsg. v. E. H. A CKERKNECHT , Nr. 21. Zürich 1964)
21 Vgl. F ISCHER -H OMBERGER (Anm. 13), S. 85-89. G EORGE M ILLER B EARD , Die Nerven-
schwäche (Neurasthenia), ihre Symptome, Natur, Folgezustände und Behandlung
(Uebers. u. bearb. v. M. N EISSER , 2. deutsche Aufl., Leipzig 1883)
22 H ENRI F. E LLENBERGER , The discovery of the unconscious (New York 1970,
S. 291-303)
23 F ISCHER -H OMBERGER (Anm. 19), S. 77-79. Vgl. auch dies., Charcot und die Aetiologie
der Neurosen (Gesnerus 28, 1971, S. 43-45)
24
Vgl. H ANS S ELYE , The story of the Adaptation Syndrome (told in the form of informal,
illustrated lectures) (Montreal 1952). – D ER G ROSSE H ERDER (1955) über Managerkrankheit : “Die Unternehmerkrankheit, … volkstümliche Bezeichnung für die in
den letzten Jahren beobachtete Erscheinung, dass Angina pectoris und Schlaganfall
(Hypertonie) bei Männern bestimmter Berufsgruppen (Direktoren, Unternehmer,
Aerzte, Journalisten u.a.) zahlenmässig zunehmen.”
25
Vgl. G ERHARD R UDOLF , Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und die Medizin
(Sudhoffs Archiv 53, 1969, S. 30-67)
26 A LFRED W. G UBSER , Constantin von Monakow und der erste Weltkrieg (Noch unpubliziert) [ist nach Auskunft von A. W. Gubser unpubliziert geblieben – fh 2007].
27 H ANS -U LRICH B UFF , Das Massaker auf der Strasse (Hexagon ‘Roche’ 2, 1974, Nr. 3,
S. 1)
28 Es ist in diesem Sinne interessant, zu sehen, was sich etwa in Bibliotheken unter dem
Schlagwort “Zivilisation” für Buchtitel finden. In der Zentralbibliothek Zürich gibt es
da unter anderem: K . F. H. M ARX : Ueber die Abnahme der Krankheiten durch die
Zunahme der Civilisation (Göttingen 1844); R. W. C HURCH , The gifts of civilisation (N. ed. London 1880); E. D ECKERT : Die civilisatorische Mission der Europäer
unter den wilden Völkern (Berlin 1881); E. D UCOMMUN : Rôle de la guerre et de la
paix dans le progrès de la civilisation (Bern 1899); E. C ARPENTER : Civilisation, its
cause and cure (London 1910); R. G. C OLLINGWOOD : The new Leviathan or man,
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UMWELT UND MENSCH
society, civilization and barbarism (Oxford 1944); F. L AEMMLI : Homo faber:
Triumph, Schuld, Verhängnis? (Basel 1968); La Civilisation au carrefour
(Paris 1969); O. S CHATZ : Die erschreckende Zivilisation (Wien-Zürich 1970);
K . L ORENZ : Die acht Todsünden der zivilisier ten Menschheit (München 1973)
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