Das St. Michaelslied von Friedrich Spee und »Der deutsche Michel«

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Das St. Michaelslied von Friedrich Spee und »Der deutsche Michel«
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Johanna Schell
- dem Zeitgeschmack des Barock folgend - in modernem Gewand als
Moll mit den dazugehörigen Leittönen in der Kadenz.
Zurückkommend auf die im Text aufgezeigte Korrespondenz von
Frühling und Auferstehung, Hilariter und Halleluja, Fröhlichkeit und
Freude ist festzustellen, daß eine solche Korrespondenz auch in musikalischer Hinsicht vorliegt. So darf der Tanzcharakter dieser Cantio
der >> weltlich-heiteren << Seite und damit dem Frühling und dem Hilariter zugeordnet werden, während das durch die Molltonalität verschleierte, aber vielleicht doch ehemalige >> reine << Dorisch noch an die
>> geistlich-ernsthafte << Dimension und die Kultbezogenheit von Auferstehung und Halleluja erinnert.
Literaturverzeichnis
(nur der von mir verwendeten Spee-Literatur)
Friedrich Spee: Güldenes Tugend-Buch. Hrsg. von Theo G. M. van Oorschot.
München 1968.
Friedrich Spee: Trutz-Nachtigall. Hrsg. von Theo G. M. van Oorschot. Stuttgart
1985.
Mein Herz will ich dir schenken. Hrsg. von Dietmar Rost und Joseph Machalke.
Paderborn 1985.
Michael Härting: Friedrich Spee. Die anonymen geistlichen Lieder vor 1623. Berlin
1979.
Emmy Rosenfeld: Eine Stimme in der Wüste. Berlin 1958.
Anton Arens: Friedrich Spee im Licht der Wissenschaften. Beiträge und Untersuchungen. Mainz 1984.
Anton Arens: Friedrich Spee. Ein dramatisches Leben. Aach I Trier, ohne Jahreszahl (1991?).
Walter Rupp: Friedrich Spee. Dichter und Kämpfer gegen den Hexenwahn. Mainz
1986.
Theo G. M. van Oorschot: Friedrich Spee von Langenfeld. Zwischen Zorn und
Zärtlichkeit. Göttingen 1992.
Friedrich Spee. Dichter, Seelsorger, Bekämpfer des Hexenwahns. Katalog der
Ausstellung in Düsseldorf 1991. Hrsg. von Gunther Franz. Trier 1991.
Von Spee zu Eichendorff. Zur Wirkungsgeschichte eines rheinischen Barockdichters. Hrsg. von Eckhard Grunewald und Nikolaus Gussone. Berlin 1991.
Waltraud lngeborg Sauer-Geppert: Sprache und Frömmigkeit im Deutschen Kirchenlied. Kassel1984.
Werkbuch zum »Gotteslob «. Hrsg. von Josef Seuffert. 9 Bde. Freiburg i. B.
1975-1979.
Johannes Kulp: Die Lieder unserer Kirche. Berlin 1958.
Karl Keller
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KARL KELLER
Das St. Michaelslied von Friedrich Spee
und »Der deutsche Michel«
Ist das St. Michaelslied ein deutsch-nationales Kampflied?
Das St. Michaelslied von Friedrich Spee >> 0 unüberwindlicher Held,
St. Michael << hat eine kulturgeschichtliche Bedeutung und historische
Dimension erlangt, die der Autor selbst weder beabsichtigt hatte noch
ahnen konnte. Das ursprünglich für den katechetischen Unterricht
konzipierte >> Kirchenlied << wurde zu einem >> patriotischen << Lied. Als
einziges der über hundert Kirchenlieder Friedrich Spees hat es eine
lateinische >> Entsprechung << : >> Ü Heros invincibilis, dux Michael << ;
denn weitere lateinische >> Hymnen<<als Äquivalente zu Friedrich Spees
deutschsprachigen Kirchenliedern sind bis jetzt nicht bekannt geworden, es sei denn, man rechnet dazu noch das von mir an anderer Stelle
zu besprechende Auferstehungslied >> Ist das der Leib, Herr Jesu Christ,
der tot im Grab gelegen ist << und >> En Christimembra vivida << . Bevor
jedoch die Frage erörtert wird, ob auch das lateinische Lied, bzw. der
lateinische Hymnus von Friedrich Spee selbst verfaßt wurde, soll
versucht werden, die >> Quellen << zu eruieren, die wahrscheinlich dem
lateinischen Hymnus zugrunde lagen, zumal Friedrich Spee, soweit uns
bekannt ist, die Quelle für sein deutschsprachiges Lied nicht benannt
hat.
Im Liber Usualis Missae (Meßhandbuch) 1 steht beim Fest des hl.
Erzengels Michael am 29. Sept. u.a. folgender Hymnus, der zur Vesper
gesungen wurde, und teilweise, besonders von Ordensangehörigen,
heute noch gesungen wird, worin es u.a. heißt: Te (splendorem et
virtutem patris .. .) laudamus inter angelos (dich, den Glanz und Ruhm
des Vaters, loben wir unter den Engeln) und Tibi mille densa millium
Ducum corona militat. Sed explicat victor crucem Michael salutis
signifer (unter deiner militärischen Führung stehen ungezählte Heerführer. Aber als Sieger weist auf das Kreuz hin Michael, der Künder
1
Liber Usualis Missae et Officii pro Dominicis et Festis cum cantu Gregoriano.
Rom 1936.
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Karl Keller
des Heils) und Draconis hic dirum caput in ima pellice tartara (stoße
du das schreckliche Haupt des Drachens hinab in den tiefsten Abgrund)
und sequamur hunc nos principem (laßt uns diesem als dem Führer
folgen). Im Graduale der Messe wird gesungen: Sancte Michael, Archangele, defende nos in proelio, ut non pereamus in tremendo iudicio
(hl. Michael, Erzengel, verteidige uns im Kampf, so daß wir nicht
zugrunde gehen beim uns erzittern lassenden Gericht). Vermutlich
entstanden auf dieser >> Basis << sowohl der lateinische Hymnus als auch
das deutsche Lied: Die Strophen in Rot sind im Gotteslob
1. 0 heros invincibilis, dux Michael, 0 unüberwindlicher Held, St. Michael,
Adesto nostris praeliis
Komm uns zu Hülff, zieh mit ins Feld,
:Ora pro nobis, pugna pro nobis, :Hülff uns hie kempffen, die Feinde
Dux Michael:
dempffen, Sanct Michael:
2. Tunosterdux militiae
Die Kirch dir anbefohlen ist,
Defensor es ecclesiae.
Du unser Schutz- und Schirmherr bist.
3. Coelestes omnes spiritus
Du bist der himmlisch Capitein,
Dein Kriegsheer alle Engel sein.
Pars tui sunt exercitus.
Groß ist dein Macht, groß ist dein Heer
4. Per terras atque maria
Sunt note tua proelia.
Groß auff dem Land, groß auff dem Meer.
Von deiner Macht zu sagen weiß
5. Per te, o heros bell iger
Prostratus iacet Lucifer.
Der höllisch Drach und sein Gesclm1eiß.
6. 0 magne Heros gloriae
Den Drachen du ergriffen hast
Proteetor sis Germaniae.
Und unter deinen Fuß gefaßt.
7. Ad arma, ad arma angelos
Mit Luzifer hastu gekempfft,
Du hast sein H eer mit Macht gedempfft.
Ad arma voca subditos.
8. Eiectis procul hostibus
0 großer Held! Groß ist dein Krafft,
Fer opem desperantibus.
Ach komm mü deiner Ritterschafft.
9. Afflictae pridem patriae
Beschütz mit deinem Schild und Schwert
Optatam pacem reddite.
Die Kirch, den Hirten und die Herd.
Vor Pest, vor Krieg, vor Hungersnoth,
10. A fame, peste libera,
A servitute vindica.
Errette von dem gähen Tod.
11. 0 Michael, Archangele,
0 großer Fürst, verlaß uns nit,
Hac voce oro supplice.
Das ist einhellig unser Bitt.
Damit der des Lateinischen nicht kundige Leser imstande ist, beide
Fassungen sorgfältig miteinander zu vergleichen, füge ich noch eine
Übertragung des lateinischen Hymnus bei:
1. 0 unbesiegbarer Held, Herzog Michael, steh uns zur Seite in
unseren Kämpfen, bitte für uns, kämpfe für uns, Herzog Michael.
2. Du bist unser Anführer im Kampf, der Verteidiger der Kirche.
3. Alle himmlischen Geister sind ein Teil deines Heeres.
4. Über Land und Meer hin sind deine Kämpfe bekannt.
Das St. Michaelslied von Friedrich Spee
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5. Durch dich, o kampfesmutiger Held, liegt Lucifer vernichtet am
Boden.
6. 0 großer, ruhmreicher Held, sei der Beschützer Germaniens.
7. Zu den Waffen zu den Waffen, zu den Waffen rufe die dir unterstehenden Engel.
8. Vertreibe weithin die Feinde, bringe Hilfe den Mutlosen.
9. Dem schon lange geschädigten Heimatland gib den ersehnten
Frieden zurück.
10. Von Hunger, Pest und Knechtschaft befreie und errette es.
11. 0 Michael, Erzengel, flehentlich bitte ich dich mit diesem Anruf
darum.
Der lateinische Text ist zum erstenmal, und zwar anonym, wie sämtliche Kirchenlieder Friedrich Spees, deren Autorschaft erst seit den
zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts aufgewiesen wurde, im Jesuitengesangbuch Psalteriolum von 1642 gedruckt worden. Er paßt sich der
Melodie besser an als der deutsche Text, ist aber, wie es bei Erk-Böhme2
heißt, »wohl nicht älter als der deutsche«. Anton Arens 3 jedoch
schreibt in seinem Bildband zum Leben Friedrich Spees: >> In Speyer ...
dürfte Spee« (um 1616) »sein erstes Lied geschaffen haben, das der
Nachwelt erhalten geblieben ist. Es war wohl eine Art Vereinsschlager
für « die Gymnasiasten, Mitglieder der Sodalitas Angelica, deren Präses
Spee war »und darum auch zuerst in lateinischer Sprache abgefaßt, auf
deren Kenntnisse die Schüler stolz waren «. Soweit Anton Arens, der
die jeweils erste Strophe der lateinischen und deutschen Fassung abdruckte. Michael Härting4 konnte 1979 nachweisen, daß der deutsche
Text mit Melodie im Bell Vedere oder Würzburger Lustgärtlein von
1621 erschienen war. Die Melodie ist bereits seit 1614 im niederländischen Gesangbuch Het Prieel, S. 255 zu dem französischen Weihnachtslied >> Grace au bon petit Jesus « nachweisbar. Bezüglich der
Gemeinsamkeiten und der Unterschiede zwischen lateinischer und
deutscher Fassung referierte ich 1990 in meiner Speebiographie.5
2
3
4
5
Ludwig Erk/Franz Böhme: Deutscher Liederhott. Hildeshein11963 (Repro der
Ausgabe von 1894), 3. Band, S. 777.
Anton Arens: Friedrich Spee. Ein dramatisches Leben. Trier(1990), S. 33.
Michael Härring: Friedrich Spee. Die anonymen geistlichen Lieder vor 1623.
Berlin 1979 (Philologische Studien und Quellen 63), S. 110.
Kar! Keller: Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635). Leben und Werk des
Seelsorgers und Dichters. Geldern 1990, S. 69-71.
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Karl Keller
Das Speelied ein Kampflied für den »Deutschen Michel«?
Gemäß Erk-Böhme6 hat Zucalmaglio aus dem deutschen Liedtext
Friedrich Spees ein »altdeutsches Kampflied « gemacht, in dem bis auf
den Kehrreim alles neu ist und dessen Anfang lautet: >> Wir stehen hier
zur Schlacht bereit, Sanct Michael << . Daß freilich St. Michael nicht nur
ein >> deutscher Michael << ist, ergibt sich aus folgenden Hinweisen in
den Lexika 7 :
Michael, hebräisch, bedeutet: Wer ist wie Gott? Sein Fest wird in
Deutschland, Frankreich und in westlichen Ländern im September
bzw. Oktober gefeiert. Er ist in der christlichen Überlieferung der
höchste der Engel. Schon im Alten Testament wird er (On 10,13; 12,1)
der >> große Fürst << genannt und der >>Schutzherr Israels << , im Neuen
Testament (Apk. 12,7 ff.) >> der Anführer des Engelheeres im Kampf
mit dem Teufel << . Er wird überhaupt als Beschützer des christlichen
Volkes verehrt und wurde u.a. besonders von den bekehrten Germanen
als Schutzpatron gewählt.
Woher stammt das geflügelte Wort vom »Deutschen Michel«?
Es gibt viele verschiedene poetische Auslegungen für den Ursprung des
Wortes, u.a . nach dem Bild des Erzengels Michael, das die deutschen
Söldnerführer früherer Jahrhunderte auf ihrem Banner geführt haben
sollen. Sobald nun die Feinde dieses Banner wehen sahen, ergriff sie
blasser Schrecken und mit dem Ruf >>Der Deutsche Michel kommt <<
ergriffen sie schleunigst die Flucht. Es ist möglich, daß die Erwählung
des Erzengels Michael zum Schutzherrn Deutschlands auf die germanische Göttergestalt des Wotan zurückzuführen ist. Möglicherweise
wurde Wotan bei der Christianisierung in den Erzengel Michael umgewandelt. Unter dieser Bezeichnung blieb er Deutschlands Schutzherr,
wie auch der lateinische Vers es ausdrückt: 0 magne heros gloriae,
Dux Michael, Proteetor es Germaniae, wie es bei Erk-Böhme heißt.
Der Verfasser dieses Textes bei Erk-Böhme scheint freilich nicht den
Konjunktiv sis beachtet zu _haben; denn Spee schrieb nicht, falls er der
6
7
Erk-Böhme (wie Anm. 2).
Der Neue Herder. Freiburg 1967, Bd. 4, S.449; Lexikon für Theologie und
Kirche. Freiburg 1964, Stichwort >> St. Michael <<.
St. Michael als Drachentöter. Kupferstich aus Jakob Masen >> Dux viae<<,
Trier 1667, Seite 67. Stadtbibliothek Trier, Foto: A. Schäfer.
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Kar! Keller
Autor ist, es (du bist), sondern als Wunsch sis (du mögest sein), so daß
vermutet werden könnte oder kann, daß St. Michael erst von da an
zum »Protector Germaniae << geworden ist. Vielleicht bedeutet protector sis »nur << : Du mögest Deutschland beschützen, weilrdie einfache
Verbform protegas (du mögest beschützen) aus metrischen Gründen
unpassend wäre; denn diese Interpretation würde auf der Tatsache
beruhen, daß St. Michael ja schon seit Jahrhunderten als Schutzgeist
Germaniens verehrt worden ist. DieFahne mit dem Bildnis des Heiligen
war das alte deutsche Reichsbanner, unter dem auch die Ungarn von
Heinrich I. und Otto I. 955 aufdem Sch1achtfeld besiegtworden waren.
Die Behauptung jedoch, Michael sei ein Anführer deutscher Landsknechte gewesen, ein mutiger Haudegen, den man wegen seiner Tapferkeit weit und breit gefürchtet habe, woher der Ausdruck >> Deutscher
Michel << stamme, ist gemäß Erk-Böhme 8 historisch nicht haltbar.
Auch in der Zeitschrift Stimmen aus Maria Laach 9 finden wir einen
Beitrag Der Deutschen » Schlachtlied « zu St. Michael zu diesem >> Thema << . Der Autor dieses Artikels wendet sich gegen die Irrtümer, die
anläßlich des >> deutschen << Michels über den >> himmlischen << Michael
in Umlauf gebracht würden und will zeitig genug, wie er schreibt, >> dem
Schalk die Schelle anhängen << . So zieht er ausführlich gegen folgende
Rezeptionsgeschichte des Speeliedes zu Felde: In den Blättern für
Unterhaltung der Germania vom 25. Sept. 1900 steht in dem Aufsatz
Sankt Michael und der deutsche Michel: >> Die Fahne des Erzengels
Michael führte die Deutschen oft zu Sieg und Ruhm. Ihn riefen sie an
in dem lateinischen Hymnus 0 heros invincibilis, von dem die erste
Strophe lautet:
0 unbesiegbar starker Held, Herzog Michael,
Führ du das deutsche Heer zu Feld!
0 steh uns zur Seite, o hilf uns im Streite,
Herzog Michael, Herzog Michael! <<
An dieser Stelle darf folgende Feststellung meinerseits eingeschaltet
werden: Die heutige fünfstrophige Textfassung im Gotteslob mit dem
8
9
Erk-Böhme (wie Anm. 2), S. 777.
G. M. Dreves: Der Deutschen »Schlachrlied << zu St. Michael. In: Stimmen aus
Maria-Laach 60 (1901 ), S. 297-303.
Das St. Michaelslied von Friedrich Spee
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Hinweis >> T: Friedrich Spee 1621. M. Antwerpen 1614/Köln 1623 <<
hat folgende erste Strophe:
>> Unüberwindlich starker Held, Sankt Michael!
Komm uns zu Hilf, zieh mit zu Feld,
Hilf uns im Streite, zum Sieg uns leite, S. Michael. <<
Der >> himmlisch Capitain<< (Spee) ist in der 3. Strophe durch >> himmlisch Bannerherr << , das >> Kriegsheer << (Spee) durch >>Königsheer<< ersetzt, und darunter steht >> Fr. Spee 1621 << und nicht, wie es heißen
müßte, >> Nach Fr. Spee<< .
In der Germania von 1900, wobei auf Albert Munke Der deutsche
Michefl 0 hingewiesen wird, lesen wir im Anschluß an die Wiedergabe
obiger erster Strophe mit der Zeile >> Führ du das deutsche Heer ins
Feld <<: »Vielleicht gab dieser Kriegsgesang und Schlachtruf auch mit
Veranlassung zu dem Spitznamen ,deutscher Michel', anfangs eine
ehrenvolle Benennung, die aber später mit dem Schwinden der Macht
und Ehre Deutschlands in Verruf kam und ein Scheltname wurde für
einen biederen, gutmütigen, aber unbeholfenen, geistig beschränkten
Menschen << . Auch bei Michels 11 steht dieselbe Strophe mit dem Hinweis: >> Sankt Michael, der Schutzpatron des deutschen Volkes, war als
ritterlicher Drachenbezwinger im besonderen der Patron der Krieger.
Unter seinem Banner flehen sie um Hilfe und weithin erschallt der
Schlachtgesang: 0 unbesiegter Held << (oben: unbesiegbar starker Held)
usw. (wie oben) . >> Es war << , heißt es weiter, >> das deutsche Schlachtlied
vom 9. bis 16. Jh. <<
Der >> Erfinder<< (Texter) des Schlachtgesanges scheint E. Rudloff,
der Verfasser des Artikels >> Der Deutsche Michel << in der Zeitschrift für
deutsche Kulturgeschichte 12 zu sein. Er schreibt u. a.: >> Das Lied 0
heros invincibilis, Dux der alten Cantiones scheint nur eine Umwandlung des altdeutschen Schlachtgesanges in lateinischer Übersetzung mit
Vertauschung des Heldennamens zu sein; statt dux Michael, protector
Germaniae, hat es wohl früher geheißen ,Herzog Odin, Schirmherr des
10 Albert Munke: Der deutsche Michel. In: Abhandlungen zum Jahresbericht des
Gymnasiums in Gütersloh, 1870.
11 Michels: Geschichte des deutschen Volkes. Bd.I, S. 214 f.
12 E. Rudloff: Der Deutsche Michel, In: Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte
und Volkskunde, NF 2 (1873), S. 743-755.
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Karl Keller
Das St. Michaelslied von Friedrich Spee
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deutschen Volkes'. Der Anfang des Michaelsliedes lautet frei übersetzt«: (Text wie oben). »Deutsche Männer, die unter dem Michaelsbanner fochten, konnten wohl ,deutsche Michel' heißen. So hat das
christlich-deutsche Schlachten- und Waillahrtslied, welches von den
Normannen- und Ungarnschlachten der Karolinger her die Kreuzüge
hindurch bis zur Reformation als Bardit vor der Schlacht gesungen
wurde, aller Wahrscheinlichkeit nach den Spottnamen ,der Deutsche
Michel' im Kriegsverkehr mit anderen Völkern veranlaßt«. Dazu die
Stimmen aus Maria Laach: >> Für den Historiker ist die Herzog-Michael-Strophe kein altdeutscher Schlachtgesang, sondern eine Ausgeburt
des 19. Jh.'s << .
E. Rudloff verdankt die Kenntnis des lateinischen Textes den, wie
er es formulierte, >> alten Cantiones<<, womit nur gemeint sein kann das
Psalteriolum Cantionum Catholicarum, d. h. einem in vielen Ausgaben
verbreiteten Gesangbuch der niederrheinischen Jesuiten. Parallel zu
diesem lateinischen Liederbuch lief eine deutsche Ausgabe desselben,
das Geistliche Psälterlein, das ebenso zahlreiche Auflagen erlebte.
Darin hätte E. Rudloff den deutschen Text >> Ü unüberwindlicher
Held << finden können. Er nannte seine Fassung der ersten Strophe >> Das
christlich-deutsche Schlachten- und Wallfahrtslied << , worin nur letzteres richtig ist. Dafür will ich wenigstens in Kürze zwei Belege anführen:
Im Ordentlichen Geistlichen Wegweiser der Dürener Prozession nach
Kevelaer 13 von 1806 und 1851 sind beide Liedfassungen mit jeweils
11 Strophen vorhanden und entsprechen den jeweiligen >> Urfassungen << . Der Autor des Büchleins, Pfarrer Johann Fenger aus Einsfeld (bei
Düren), ordnete die Texte nicht nebeneinander ein, sondern untereinander, zuerst den lateinischen, dann den deutschen Text. Eine Melodie
ist nicht beigefügt, ein Liedverfasser ist nicht genannt. Im Marianischen
Raphael14 von 1813 finden wir ebenfalls die 11 Strophen lateinisch
und deutsch in derselben Anordnung und mit dem gleichen Wortlaut
wie im Dürener Büchlein. Beiden Büchlein dürften also dieselben
Quellen zugrunde gelegen haben, falls nicht der eine Herausgeber die
Texte des anderen übernahm. Im Dürener Wallfahrtsbüchlein von
13 Ausgabe von 1806 im Niederrheinjschen Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte in Kevelaer, von 1841 in der Kölner Diözesanbibliothek und von
1851 im Stadtarchiv in Geldern.
14 Für die Wallfahrt von Alsdorf und Eschweiler nach Kevelaer, 3. Auflage, 1813
in Aachen gedruckt, S. 219 f.
Zwei Drachen-Embleme. Aus:Joacrum Camerarius, Symbola et emblemata. Nürnberg 1590- 1604. Teil II, Centuria IV, S. 76- 78 .
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Kar! Keller
1851 steht noch ein weiteres St. Michaelslied eines anonymen Autors:
»Dritter Gesang von St. Michael«, das mit teilweise wörtlicher Übernahme des Speeschen Textes in Strophe 1 bis 3 eine 14strophige
Nachdichtung des Speeliedes ist, die freilich an dichterischer Qualität
das originale Speelied nicht erreichen kann.
Das Speelied ein Kampflied des politischen Katholizismus?
Konrad Arneln 15 schrieb 1988 über die Veränderung des Anfangs zu
»Unüberwindlich starker Held << : »Eine Verbesserung, die m. W . Watther Henzel vorgenommen und in seiner Sammlung Das Aufrecht
Fähnlein 1923 erstmals veröffentlicht hat. Dieses Liederbuch für Studenten und Volk, heißt es dazu in Anmerkung 8, wurde im Auftrag des
Bundes der deutschen böhmerländischen Freischaren in Prag verfaßt
und herausgegeben; es verdankt sein Entstehen dem Kampf der Suderendeutsehen um ihr Deutschtum «.
Bei der Publikation seines Vortrags, den er 1985 in Trient beim
Friedrich Spee gewidmeten Germanistenkongreß hielt, erweiterte
Arneln diese 8. Anmerkung um folgende Bemerkung: »Die bei der
Diskussion geäußerte Annahme ,Die Verwendung des St. Michaelliedes dokumentiert ein Kampflied des politischen Katholizismus' trifft
nicht zu. Auch kann von einer ,Verwendung im Kulturkampf und
schließlich sogar einen Mißbrauch von Spee in der Zeit des Nationalsozialismus' keine Rede sein - dies allein schon darum nicht, weil
damals Spee noch nicht als Dichter des Liedes allgemein bekannt war. «
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Das St. Michaelslied von Friedrich Spee
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Das Speelied und »Der deutsche Michel« in jüngster Zeit
Auch in der unmittelbaren Gegenwart wurden Friedrich Spees St.
Michaelslied und »Der deutsche Michel« miteinander in Beziehung
gebracht; denn die Zeitschrift der Pallotiner Zeichen vom 9. Sept. 1992
widmete den Engeln, insbesondere Michael, eine Sondernummer mit
dem Eingangstext: »An vielen Kirchenportalen steht der Engel des
15 Konrad Ameln: Die Melodien zu Friedrich Spees Liedern. In: Ita la Micheie
Battafarano (Hrsg.}: Friedrich von Spee, Dichter, Theologe und Bekämpfer
der Hexenprozesse. Gardolo di Trenro 1988 S. 207-221, hier S. 212.
Das Speelied im Psalteriolum Harmonicum von 1642. Nachdruck der FriedrichSpee-Gesellschafr Trier.
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Kar! Keller
Gerichts, auf vielen Altären kämpft er mit dem Drachen. Michael, der
Fürst der Engel, fast vergessen, doch neu entdeckt, schützt immer noch
seine Kirche und seine Nation: Die deutschen Michel«. Es werden also
Kirche und Nation >> Die deutschen Michel<<genannt. So schreibt Pater
Alexander Hollenbach auf der 2. Seite der in Limburg erscheinenden
Zeitschrift: >>Sein Name wurde in Deutschland so beliebt, daß man
nicht genau weiß, ob der ,deutsche Michel' wegen des Engelpatronats
oder wegen der vielen Namensträger entstand.<< Und S. 299 schreibt
er kurz: >>Immer noch steht Friedrich von Spees Lied ,Unüberwindlich
starker Held, St. Michael' im Gotteslob (Nr. 606). Während des
dreißigjährigen Krieges geschrieben, vermittelt es eine uns heutigen
Christen eher fremde Kampfstimmung. << Die Beziehung St. Michael
und >>Der deutsche Michel << sieht Hollenbach u. a. auch darin, daß
Kaiser Kar! der Große Michael 813 für sein Reich zum Patron erkor
und der 29. September zum >>Nationalfeiertag<< erklärt wurde.
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ANJA UND HANS JÜRGEN SKORNA
Heinrich Lindenborns Gesangbuch
Tochter Sion im Kontext von
Friedrich Spees Kirchenliedern
1. Literaturgeschichtlicher Überblick
Leben und Werk Heinrich Lindenborns hat man in literaturgeschichtlichen Betrachtungen bislang nur vereinzelt berücksichtigt, namentlich
in einer grundlegenden Studie von Kar! Beckmann mit dem Titel:
Heinrich Lindenborn, der Kölnische Diogenes. 1
Im Gotteslob enthaltene Strophen sind kein Kampflied, Einschlägige literaturgeschichtliche Gesamtdarstellungen hingegen
erwähnen ihn nicht einmal, mit Ausnahme der Literaturgeschichte der
sondern die Bitte, die Christen in der Kirche zu beschützen.
deutschen Stämme und Landschaften von Josef Nadler, der ihn als
>> begnadeten Mann der Feder<< bezeichnete, dies allerdings nicht im
Hinblick auf das Kirchenlied, sondern in der Bewertung der gesell·
schaftskritischen Intentionen in Lindenborns satirischen Texten2 •
Wenn wir uns im folgenden mit diesem >> Kölnischen Diogenes <<
befassen, so geht es dabei nicht allein um ihn selbst bzw. um eine späte
Aufarbeitung literaturgeschichtlicher Versäumnisse, vielmehr suchen
wir mit der Analyse seiner spezifischen Gestaltungsweise des Kirchenliedes zugleich Aufschlüsse über die Lieddichtung Friedrich Spees zu
gewinnen, deren Vorläuferschaft ohne Zweifel gegeben ist, auch wenn
Lindenborn selbst sich nicht ausdrücklich zu ihr bekennen mochte.
Schon ein erster grober Überblick ergibt eine Reihe von Vergleichsmomenten und Verbindungslinien:
1. Historisch gesehen liegt zwischen der dichterischen Tätigkeit Spees
(1591-1635) und derjenigen Lindenborns (1706-1 750) eine Spanne von rund hundert Jahren, und das bedeutet geistesgeschichtlich
und literaturgeschichtlich die Entwicklung vom Barockzeitalter
1
2
Noch ein Drachen-Emblem aus Camerarius.
Karl Beckmann: Heinrich Lindenborn, der Kölnische Diogenes. Sein Leben
und seine Werke. Bonn 1908.
]osef Nadler: Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften,
Bd. IIl. Regensburg 1924, S. 300.