Südfrankreich - Sud de France Languedoc

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Südfrankreich - Sud de France Languedoc
Reise Le Midi
LANDPARTIE
DURCH
SÜDFRANKREICH
Zwischen Toulouse und Marseille entdeckt unsere Autorin Heike
Weichler, dass zu wahrem Genuss nicht nur kulinarische Sinnesfreuden
gehören. Ein Streifzug VON MANUFAKTUR ZU MANUFAKTUR
FOTOS: Thomas Flügge
BONJOUR TOULOUSE!
Perfekte Einstimmung:
MYWAY-Autorin Heike
Weichler genießt die
Aussicht vom Balkon
TOLLE KULISSE
Urige Häuser
aus Kalkstein
tummeln sich auf
den Hügeln der
Cevennen, wie
hier in St. Martial
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1. GROSSE BAUKUNST
Die Pont Neuf ist die
älteste noch erhaltene
Brücke in Toulouse.
2. NEUE MALEREI An
der Kaimauer stellen
junge Künstler aus.
3. NATURKOSMETIK
Sinnliche Pflege aus
der Traditionspflanze
FRANKREICH
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4. BUNTE WELT Die edle
Handschuhmanufaktur
„Causse Gantier“ spart
nicht an farbigem Leder und
passenden 5. GARNEN.
6. ROQUEFORT-LIEFERANT
Schafsmilch schenkt dem
Blauschimmelkäse seinen
typischen Geschmack
Cevennen
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O
b Henri Matisse hier auch
Folle Blanche genossen
hat, diesen köstlichen
Weißwein der alten Rebsorte der Region? Wir
haben ein Plätzchen in der Brasserie
„Les Beaux Arts“ ergattert, einst Stammlokal des Künstlers in Toulouse. In Vorfreude auf das Dîner genießen wir die
Atmosphäre der „rosa Stunde“. Das goldene Licht der Abendsonne lässt die
Renaissance-Paläste aus rosa Ziegeln
leuchten. Die weiche Luft nach einem
Spätsommertag, gut gelaunte Flaneure,
belebte Restaurants auf platanengesäumten Plätzen. Matisse fühlte sich
bestimmt genauso beschwingt. Alors!
Was probieren? Den berühmten Eintopf
Cassoulet aus Bohnen, Speck, Entenkeule und Würsten vielleicht? Gehaltvoll, aber köstlich! Thomas, mein Liebster, kann’s vertragen. Ich bestelle lieber
gratinierte Jakobsmuscheln. Glückstrunken nach diesem Urlaubsauftakt sinken
wir in die Kissen in einem der romantischen Zimmer des „Hôtel St Sernin“.
Doch Julia, eine Schulfreundin von mir
und als Reiseleiterin bestens vertraut
mit den Besonderheiten Südfrankreichs,
hatte uns geraten, auf unserer Landpartie durch den sogenannten Midi auch
die interessanten Manufakturen der
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Region zu besuchen. So ist am nächsten
Morgen eine spezielle Kosmetikboutique
an der Place Saint-Étienne unser Ziel.
KOSMETIK AUS TOULOUSE
Im 15. und 16. Jahrhundert wurde die
Stadt reich mit der Pastelpflanze. Aus
den Blättern gewann man einen begehrten blauen Farbstoff. Das Gewächs
kann noch mehr, wie ich von Carole
Garcia, 43, erfahre. Die Besitzerin von
„Graine de pastel“ schwärmt: „Das Öl
hat Heilwirkung und jede Menge pflegende Substanzen.“ Daraus Naturkosmetik zu kreieren war die Idee der gelernten Pharmazeutin. Sie fand Bauern,
die Pastel anbauten, und entwickelte
eine erfolgreiche Pflegeserie. Es gibt
sogar eine Färberei, die wieder mit dem
Pastelblau arbeitet und den Laden mit
Badtextilien beliefert. Ich probiere die
Handcreme. Herrlich, die sahnige Textur. Und das Aroma des Shampoos ist
wie eine Meeresbrise. Schnell füllt sich
ALLES IM BLAUEN BEREICH Die Besitzerin vor ihrer Kosmetikmanufaktur
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die Einkaufstüte. Was mache ich bloß,
wenn die Kosmetik Suchtpotenzial entwickelt? „Keine Sorge, man kann online
bestellen“, verabschiedet uns Carole
augenzwinkernd.
HANDSCHUHE AUS MILLAU
Am folgenden Tag führt uns die Route
zunächst nach Albi. Ein Highlight für
Kunstliebhaber ist dort das ToulouseLautrec-Museum: die weltgrößte
Sammlung seiner Bilder des Pariser
Nachtlebens. Bevorzugte Modelle
waren – Liebesdienerinnen. Über
Roquefort, die Heimat des Blauschimmelkäses, geht es weiter nach Osten.
Wie imposant sich die Landschaft hier
am Naturpark Les Grands Causses
zeigt! Tafelberge, Schluchten, Kalksteinhöhlen, Wälder und charmante Dörfer.
Plötzlich leuchten Thomas’ Augen. Habe
ich was verpasst? Ah, jetzt sehe ich sie
auch – die berühmte Brücke von Millau
taucht auf. Fast 2500 Meter spannt sie
sich über die Schlucht des Flusses Tarn
und ist mit 343 Metern das höchste
Bauwerk Frankreichs. Technik lässt
mich sonst kalt. Aber bei der Überfahrt
bekomme sogar ich fast Gänsehaut.
In Millau ist Markttag. Die Stände
drängen sich um zwei uralte Platanen
mit mächtigen Kronen. Was für eine
Vielfalt. Wir kosten Baguette mit gehobeltem Sommertrüffel. Ja, sie verstehen
es zu genießen, die Franzosen.
Bekannt ist Millau für die Produktion
von Handschuhen. Die renommierteste
Manufaktur besuchen wir: „Causse Gantier“. Extravagante Modelle und die Geschichte des Hauses werden im Entrée
präsentiert wie in einer Kunstgalerie. Einen Blick in die Produktion werfen dürfen wir auch. Was wird nicht alles verarbeitet: etwa Leder vom Amazonaswildschwein und Stör, verziert mit Federn,
Perlen, Spitze und Nieten. Kein Wunder,
dass auch Karl Lagerfeld Kunde ist. Er
bestellt jedes Jahr bis zu 200 Paar und
schickt seine Entwürfe per Fax. Die exquisitesten Modelle kosten bis zu 3000
Euro. Aber es geht auch günstiger. Ein
schlichtes braunes Paar ergattere ich
für 90 Euro. Für die Nacht quartieren
wir uns im „Hôtel de la Muse“ ein mit
Panoramafenster zum Tarn. Herrlich einschläfernd, das Rauschen des Flusses.
MIT FINGERSPITZENGEFÜHL Nahtkontrolle beim Chanel-Modell
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Reise-Infos
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1. BERÜHMTE SPEZIALITÄTEN
Marktstände offerieren Produkte der
Cevennen. 2. SANFTE BEGLEITER
Puschelige Esel kann man für
Wandertouren mieten. 3. ECHTE
HANDARBEIT Nur bestes Kaschmirgarn wird von Patrick Ducros und
Mitarbeiterin Sophie verarbeitet
4. EIN MUSS Bouillabaisse, Spezialität aus
Marseille. 5. BESTSELLER
Seife in Sardinenform ist
ein beliebtes Mitbringsel.
6. FLANIERMEILE Restaurants, Galerien, edle
Jachten: Am alten Hafen
gibt’s viel zu sehen.
7. LIEBLINGSSTADT Die
Mittelmeer-Metropole hat
Autorin Heike Weichler
nachhaltig bezaubert
ANREISE
Flüge z.#B. mit Germanwings
(www.germanwings.com) und
Air France (www.airfrance.de)
ab 40 € pro Strecke. Mietwagen vor Ort z.#B. über Auto
Europe (www.autoeurope.de),
pro Woche ab ca. 197 €.
MANUFAKTUREN
„Graine de pastel“:
www.grainedepastel.com
„Causse Gantier“:
www.causse-gantie.fr
„L’Artisanale du Cachemire“:
Tel. 0033 / 467 81 35 83,
[email protected]
KASCHMIR AUS DEN CEVENNEN
Philippe hatte uns gewarnt. „Ihr werdet
die Kaschmirmanufaktur nicht alleine
finden!“ Unser Gastgeber auf einem
Bauernhof beim malerischen Bergdorf
Saint-Martial sollte uns mehr zutrauen.
Immerhin waren wir gerade mit seinen
Eseln Chloé und Lucie in der atemberaubenden Karstlandschaft der Cevennen wandern. Die Gepäckträgerinnen
bestimmten das Tempo, wir, mit Glück,
die Richtung. Da würden wir doch wohl
eine Strickerei in einem 182-Seelen-Ort
finden! Philippe sollte recht behalten.
Die Serpentinen kurven wir rauf und
runter, aber „L’Artisanale du Cachemire“
von Patrick Ducros entdecken wir nicht.
Ein Anruf, Patrick, 52, lacht und verspricht, uns am Dorfplatz aufzugabeln.
Über einen Feldweg rumpeln wir zu
seinem Betrieb. Nanu? Das Gebäude
erinnert an ein Lagerhaus. Wer Patricks
kostbare Strickwaren aus bis zu zwölffädigem Kaschmirgarn kennt, erwartet
Glamouröses. Nicht Patricks Fall. Der
Textilingenieur wurde schon von Hermès und Chanel umworben. „Gern hätten sie mich ihre Pullover stricken lassen. Die wären dann für 2000 Euro in
den Boutiquen gelandet.“ Ihm hätte
man bloß ein Hungerhonorar gezahlt.
Da lässt Patrick die Kaschmirfans lieber
zu sich kommen – und bietet Maßge-
stricktes schon ab 300 Euro an. Bei den
Musterteilen im Atelier fällt mir ein taillierter V-Pulli sofort ins Auge. In den Regalen lagern Garnspulen in allen denkbaren Farben. Will ich dramatisches
Weinrot? Lieber heiteres Himmelblau?
Lächelnd legt mir Patrick ein smaragdgrünes Modell um die Schultern. Ja! Genau richtig für mich. Man merkt, dass er
seit 25 Jahren Kunden berät. Während
Patrick Maß nimmt und wir Details wie
die Größe des Ausschnitts besprechen,
verrät er, dass Madonna, Tom Cruise und
Catherine Deneuve Stücke von ihm tragen. Die Nachfrage ist groß, und er beschäftigt nur vier Strickerinnen. Ob Star
oder nicht – jeder Kunde muss sich zwei,
drei Monate gedulden. Aber das mache
ich gern bei diesem Stück fürs Leben.
SEIFE AUS MARSEILLE
Auf der letzten Etappe unserer Landpartie reihen sich die Sehenswürdigkeiten
nur so aneinander. Nîmes und Arles mit
DUFTENDES ANDENKEN Manufaktur-Seife am Hafen von Marseille
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FOTOS: Thomas Flügge, Fotolia, Getty Images, Shutterstock
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ihren römischen Amphitheatern, die
reizvolle Altstadt von Aix-en-Provence
und das dortige Atelier von Paul Cezanne. Es scheint, als habe der Maler es
nur für einen Moment verlassen. Und
dann, aus dem Hügelland kommend,
öffnet sich uns ein großartiges Panorama: azurblaues Wasser bis zum Horizont, davor das Häusermeer von Marseille. Welche Klischees hatte ich über
die Mittelmeer-Metropole im Kopf. Lärmiger Schmelztiegel und Verbrecherjagden in französischen Krimis. Nichts
davon stimmt so. Seit die zweitgrößte
City Frankreichs Kulturhauptstadt war,
zeigt sich Marseille im Zentrum herausgeputzt und gezähmt.
Am alten Hafen flanieren wir die
Promenade entlang, genießen die traditionelle Fischsuppe Bouillabaisse im
„Miramar“, einem der namhaftesten
Restaurants vor Ort. Die hohe Qualität
dort hat ihren Preis, dafür ist die Bouillabaisse aber auch großartig. Auf dem
Fischmarkt am
Quai des Belges
bewundern wir den
zappelnd frischen Tagesfang der Fischer. Dann spazieren wir hügelaufwärts ins Viertel Cours Julien zu einer
Marseillaiser Institution, der Seifensiederei „Savonnerie de la Licorne“. Besitzer
Serge Bruna, 51, empfängt uns zur Führung. Im bezaubernd altmodischen Produktionsbereich duftet es herrlich nach
den Kräutern der Provence. Aus 72 Prozent Olivenöl, Pflanzenzutaten und Soda
werden die berühmten Seifenwürfel
gesiedet, geschnitten und gestempelt.
Vieles in Handarbeit, 150 Tonnen jährlich. „Die Seife ist so rein und mild, dass
man damit sogar Babyhaare waschen
kann“, erklärt Serge stolz. Ich schnuppere an den Stücken: Aromen von
Orangenblüten, Lavendel und Rosmarin
steigen mir in die Nase. Zu Hause werde ich mich mit dieser Sinnenfreude zurück nach Südfrankreich träumen.
„La Savonnerie Marseillaise
de la Licorne“: www.savonde-marseille-licorne.com
WOHNEN
„Hôtel St Sernin“ in Toulouse
(www.hotelstsernin.com)
mit Blick auf die Basilika,
DZ ab 80 €.
„Hôtel de la Muse“ bei Millau
(www.hotel-delamuse.fr),
wildromantische Lage direkt
am Tarn, DZ ab 120 €.
B&B bei Philippe Leonard in
St. Martial (www.chambreshotes-cevennes.fr), hübscher
Bauernhof, DZ ab 55 €.
„New Hotel of Marseille“
(www.new-hotel.com), beim
alten Hafen, DZ ab 134 €.

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